Im Rahmen meiner Abschlussarbeit für den Studiengang Diplom Sozialwissenschaften setze ich mich mit dem Thema "Entwicklungschancen und Risiken von Kindern in der Auflösungsphase der Ehe- bzw. Partnerbeziehung aus sozialwissenschaftlicher Sicht" auseinander.
Dazu dienen mir elementare Forschungsergebnisse, insbesondere von Nave-Herz, Fthenakis und Figdor, als Grundlage für die vorliegende Arbeit. Ferner werden eigene empirische Erkenntnisse, die ich während einer zweijährigen Arbeit in der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für Kinder, Jugendliche und Eltern als Co-Beraterin mit verschiedenen Klientengruppen sammeln konnte, in die Untersuchung einfließen.
Schwerpunkte meiner Beratungsarbeit waren u.a. Erziehungsprobleme, AD(H)S betroffene Kinder, Haus- und Schulbesuche – aber vor allem Ehe- bzw. Paarberatungen von Eltern mit verhaltensauffälligen Kindern meist vor dem Hintergrund einer Trennung oder Scheidung. Aus diesem Grund orientierte sich mein Interesse bei der Themenauswahl stets an dieser Gruppe von Familien, deren Kinder aufgrund von Problemen in der horizontalen Familienebene als "Symptomträger" bzw. "Problemkinder" der Beratungsstelle vorgestellt wurden.
Dabei haben die Eltern nur selten vermutet, selbst eine wesentliche Ursache der kindlichen Verhaltensauffälligkeit zu sein. Da die meisten Erstgespräche erst nach einer vollzogenen Trennung stattfanden, entstand bei mir das Interesse, die Situation der Kinder im gesamten Trennungs- und Scheidungsprozess genauer zu analysieren. Daher wird in der vorliegenden Arbeit ausschließlich die Kindperspektive in den Vordergrund gerückt, ohne damit die Situation der Erwachsenen verharmlosen zu wollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problembeschreibung: Die elterliche Trennung bzw. Scheidung – Bruch oder Fortbestand des Familiensystems?
1.2 Aufbau und Ziel der Untersuchung
2. Die Trennungs- und Scheidungsentwicklung in Deutschland
2.1 Partnergemeinschaften und ihre Auflösung im Wandel der Zeit
2.2 Exkurs: Das Scheidungsrecht im Wandel
2.2.1 Vom Schuldprinzip zum Zerrüttungsprinzip
2.2.2 Die elterliche Sorge
2.3 Daten und Fakten zur Trennungs- bzw. Scheidungsentwicklung
2.4 Ursachen für den Scheidungsanstieg bzw. für das Trennungsrisiko nichtehelicher Lebensgemeinschaften
2.4.1 Der Prozess der Modernisierung
2.4.2 Das veränderte Rollenverständnis der Frau
2.4.3 Soziodemographische Einflüsse
2.4.4 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.4.5 Die Scheidungsspirale
2.5 Theoretische Erklärungsansätze zur Instabilität von Partnerschaft bzw. Ehe
2.5.1 Der rollentheoretische Erklärungsansatz
2.5.2 Der austausch- und entscheidungstheoretische Erklärungsansatz
2.5.3 Der mikroökonomische Erklärungsansatz
2.5.4 Die Theorie der Frame Selection
2.5.5 Die intergenerationale Scheidungstransmission
3. Die elterliche Trennung bzw. Scheidung als kritisches Lebensereignis
3.1 Die Situation der Kinder im Trennungs- bzw. Scheidungsprozess
3.1.1 Die Vortrennungsphase
3.1.2 Die Trennungsphase
3.1.3 Die Scheidungsphase
3.1.4 Die Nachtrennungs- bzw. Nachscheidungsphase
3.2 Die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die Kinder
3.2.1 Kindliche Reaktionsmuster auf die elterliche Trennung bzw. Scheidung
3.2.1.1 Reaktionen der Kinder als Folgevariable des familialen Settings
3.2.1.2 Geschlechtsspezifische Reaktionen der Kinder
3.2.1.3 Altersspezifische Reaktionen der Kinder
3.2.1.3.1 Kinder im Kleinkindalter
3.2.1.3.2 Kinder im Vorschulalter
3.2.1.3.3 Kinder im Schulalter
3.2.1.3.4 Heranwachsende
3.2.1.4 Weitere Einflussfaktoren auf die kindlichen Reaktionen
3.2.2 Die Langzeitfolgen: Das Trennungs- bzw. Scheidungskind als Erwachsener
3.2.2.1 Psychische Erkrankungen
3.2.2.2 Die Delinquenz
3.2.2.3 Die Gestaltung von Partnerschaften
3.2.2.4 Intergenerative Transmission trennungs- bzw. scheidungsspezifischer Reaktionen
3.3 Die kindliche Neudefinition der Familiensituation nach der elterlichen Trennung bzw. Scheidung
3.3.1 Die kindliche Übergangssituation in die binukleare Familie
3.3.2 Die Ein-Eltern-Familie als neuer Familienstatus aus der Perspektive des Kindes
3.3.3 Die Stieffamilie: Eine weitere Herausforderung für das Kind
3.4 Die elterliche Trennung bzw. Scheidung – Trauma oder Chance?
3.5 Exkurs: Triple P – Ein Präventivprogramm zur Steigerung der Elternkompetenzen
4. Kinder in der Trennungs- bzw. Scheidungsberatung
4.1 Schwerpunkte der Trennungs- und Scheidungsberatung mit Kindern
4.1.1 Beratung vor der Trennung
4.1.2 Beratung während der Trennung
4.1.3 Beratung während der Scheidung
4.1.4 Beratung nach der Trennung bzw. Scheidung
4.2 Familienmediation
4.3 Die Grenzen der Beratung und Mediation
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklungschancen und Risiken, denen Kinder während der elterlichen Trennungs- oder Scheidungsphase ausgesetzt sind. Dabei steht die Perspektive des Kindes im Mittelpunkt, wobei die Forschungsfrage darauf abzielt, ob und unter welchen Bedingungen die elterliche Trennung nicht nur als Trauma, sondern potenziell auch als Chance für die kindliche psychische und soziale Entwicklung begriffen werden kann.
- Analyse der Trennungs- und Scheidungsentwicklung in Deutschland unter Berücksichtigung des sozialen Wandels.
- Untersuchung der kindlichen Reaktionsmuster und Langzeitfolgen auf elterliche Trennungen.
- Diskussion über die Reorganisation von Familienstrukturen wie Ein-Eltern-Familien und Stieffamilien.
- Evaluation von Beratungsangeboten und Präventivprogrammen (z.B. Triple P) sowie Familienmediation als Unterstützungssysteme für betroffene Kinder und Eltern.
Auszug aus dem Buch
1.1 Problembeschreibung: Die elterliche Trennung bzw. Scheidung – Bruch oder Fortbestand des Familiensystems?
Die Beratungspraxis hat deutlich gezeigt: Je jünger ein Kind ist, umso weniger kann es die elterliche Trennung nachvollziehen und umso mehr leidet es. Um zu verstehen, warum ein Kind derart von Konflikten betroffen sein kann, die sich im Grunde ausschließlich auf der Erwachsenenebene abspielen, bedarf die Familie einer genaueren Betrachtung.
Nach NAVE-HERZ definiert sich Familie wie folgt: Sie ist eine Lebensform, die aus zwei Generationen besteht und von einer Reproduktions- und Sozialisationsfunktion geprägt ist. Ferner beinhaltet die Familie ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, das sich aus ihrer spezifischen Rollenstruktur ergibt: Nur die Familie besitzt Rollenbezeichnungen wie Mutter, Vater, Sohn, Schwester usw. mit genau definierten Verhaltenserwartungen, Pflichten und Aufgaben. Aus den Rollendefinitionen ergibt sich ein konstantes und relativ stabiles Beziehungsnetz (Struktur), das eine Familie zu einem System macht.
Ein Familienmitglied steht folglich mit jedem anderen Systemangehörigen in Zusammenhang, beeinflusst die Interaktion der jeweiligen Subsysteme und erfüllt eine bestimmte Funktion. Löst sich die Partnerschaft der Eltern durch Trennung oder Scheidung auf, verändert sich damit nicht nur die Erwachsenenebene, sondern die gesamte Familienstruktur: Das Mutter- und Vater-Kind-Subsystem erfährt Veränderungen in den Interaktions- und Kommunikationsstrukturen, was mit einer veränderten Sozialisation des Kindes verbunden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Scheidungsrate in Deutschland ein und verdeutlicht das Forschungsinteresse an der Kindperspektive im Trennungs- und Scheidungsprozess.
2. Die Trennungs- und Scheidungsentwicklung in Deutschland: Dieses Kapitel beschreibt den historischen Wandel von Ehe und Partnerschaft sowie soziologische Erklärungsansätze für die zunehmende Instabilität von Ehen.
3. Die elterliche Trennung bzw. Scheidung als kritisches Lebensereignis: Hier werden die phasenweise Situation von Kindern bei Trennung sowie die kurz- und langfristigen Auswirkungen und Bewältigungsstrategien detailliert beleuchtet.
4. Kinder in der Trennungs- bzw. Scheidungsberatung: Der letzte Teil fokussiert auf die psychosoziale Unterstützung und Beratung für betroffene Kinder und Eltern sowie auf die Bedeutung von Familienmediation.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Bedeutung von kindorientiertem Elternverhalten für die Bewältigung des Trennungsprozesses.
Schlüsselwörter
Scheidungsfolgen, Kindeswohl, Trennungskind, Familiensystem, elterliche Sorge, Familienmediation, Scheidungsberatung, Sozialisation, Rollenverständnis, psychische Entwicklung, Triple P, Stieffamilie, Intergenerationale Transmission, Resilienz, Patchworkfamilie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen der Trennung oder Scheidung von Eltern auf die psychische und soziale Entwicklung von Kindern sowie die Möglichkeiten der professionellen Unterstützung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die statistische Scheidungsentwicklung, theoretische Erklärungsmodelle zur Instabilität von Partnerschaften, die kindliche Perspektive auf das Trennungsereignis sowie Ansätze der psychosozialen Beratungsarbeit ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Eltern und Fachkräfte für die Bedürfnisse von Kindern während einer Trennung zu sensibilisieren und aufzuzeigen, dass eine Trennung bei entsprechender Bewältigung nicht zwangsläufig in eine soziale Störung münden muss.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine sozialwissenschaftliche Literaturanalyse kombiniert mit eigenen empirischen Erkenntnissen aus ihrer zweijährigen Tätigkeit in der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse gesellschaftlicher Scheidungsursachen, die detaillierte Darstellung der kindlichen Reaktionen in verschiedenen Trennungsphasen sowie die Vorstellung beratender Hilfsangebote.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem das Kindeswohl, Scheidungsfolgen, die verschiedenen Phasen des Scheidungsprozesses, die binukleare Familie sowie der Intergenerationale Transmissionseffekt.
Warum ist das Alter des Kindes bei der Trennung so entscheidend?
Das Alter bestimmt den kognitiven Entwicklungsstand und die Bewältigungsstrategien des Kindes; während Kleinkinder eher auf instabile Versorgung reagieren, können Heranwachsende bereits komplexe Loyalitätskonflikte oder schuldhaftes Empfinden entwickeln.
Was versteht man unter dem in der Arbeit erwähnten PAS-Syndrom?
PAS (Parental Alienation Syndrome) beschreibt die elterliche Entfremdung, bei der ein Kind durch massiven Einfluss eines betreuenden Elternteils dazu gebracht wird, den anderen Elternteil grundlos abzulehnen oder zu verunglimpfen.
- Arbeit zitieren
- Charisma Capuno (Autor:in), 2008, Entwicklungschancen und Risiken von Kindern in der Auflösungsphase der Ehe- bzw. Partnerbeziehung aus sozialwissenschaftlicher Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539119