Jesus im Haus des Oberzöllners Zachäus. Elementare Unterrichtsvorbereitung zu Lk19,1-10


Bachelorarbeit, 2017

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I Deckblatt

II Inhaltsverzeichnis

III Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Elementarisierungsmodell - ein Religionsdidaktischer Ansatz
2.1 Elementare Strukturen - „Der Sache Kern“
2.2 Elementare Erfahrungen - „Vom Sitz im Leben“
2.3 Elementare Zugänge - „Mit den Augen der Kinder und Jugendlichen“
2.4 Elementare Lehr- und Lernformen - „Aktives Lernen und Erfahren“
2.5 Elementare Wahrheiten: Worauf es letztlich ankommt

3. Elementarisierung am Beispiel Lk19,1-10
3.1 Elementare Strukturen
3.2 Elementare Erfahrungen
3.2.1 Erfahrung einer Außenseiterrolle
3.2.2 Betrügen und Stehlen
3.2.3 Beim Namen kennen - Gesehen und wahrgenommen werden
3.2.4 Das äußere Ansehen - Aussehen
3.2.5 Eingeladen werden - Sich einladen
3.2.6 „Heute ist dir Heil geschehen“
3.3 Elementare Wahrheiten
3.4 Elementare Zugänge

4. Elementare Lehr- und Lernformen
4.1 Berücksichtigung des Lehrplans
4.2 Methodische Arbeit mit dem Lego Kurzfilm „Zachäus, der Zöllner“
4.3 Methodische Arbeit mit dem Lied „Zachäus, runter vom Baum!“

5. Schlussbetrachtung

V. Anhang

„Da hängt einer mit seiner Sehnsucht im Maulbeerbaum zwischen Himmel und Erde, zwischen seinem Beruf, der ihn reich macht und der Menge, die er arm macht. Da h ängt einer im Baum mit seiner Sehnsucht und g ähnender Leere im Herzen: Er will den Messias sehen. Zach äus im Maulbeerbaum.

Eine Ankunftsgeschichte, eine des Begehrens. Advent mitten im Jahr. Eine Geschichte voller Misst öne und Brüche, des Unfriedens und himmlischen Friedens. Ich bin mit dir zufrieden, gibt Jesus dem Zachäus zu verstehen – wir aber nicht mit dir, ruft die Menge – die Spannung in der wir leben.“1 Kristin Jahn (16.06.2013)

III Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Kurzfilm: Zachäus, der Zöllner

Abbildung 2 - Arbeitsblatt Gruppe 1

Abbildung 3 - Arbeitsblatt Gruppe 2

Abbildung 4 - Arbeitsblatt Gruppe 3

Abbildung 5 - Liedblatt "Runter vom Baum" Teil 1

Abbildung 6 - Liedblatt "Runter vom Baum" Teil 2

1. Einleitung

Elementarisierung als religionsdidaktischer Ansatz will sich nach Schweitzer „als der Vorgang verstehen, in dem Schwieriges, Komplexes, Unverständliches usw. in eine vereinfachte und damit verständliche Form überführt wird.“2 Die didaktische Bedeutung der Elementarisierung ergibt sich im religionspädagogischen und didaktischen Kontext, der fragt, „was pädagogisch einfach oder zugänglich, grundlegende oder notwendige Voraussetzung für weiteres Lernen, anfänglich oder auch schon für Kinder einsichtig ist oder zumindest werden kann“.3 Begriffe wie Gewissheit, Einfachheit, Überzeugungskraft zeigen weiter an, „dass es das Elementare nicht an sich (...) geben kann“4, weisen sie doch immer „auf das Verhältnis zwischen einem Inhalt oder Thema und bestimmten Personen, für die etwas einfach, überzeugend oder verständlich ist oder denen etwas Gewissheit schenkt“5, hin. Elementarisierung will so als didaktischer Ansatz erreichen, dass Religionsunterricht auf Erfahrungen zurückgreift, inhaltlich verstanden wird und so auch die Teilnehmenden wirklich erreicht. Schweitzers Definition von Elementarisierung „bezeichnet ein religionsdidaktisches Modell für die Vorbereitung und Gestaltung von (Religions-)Unterricht, welches eine Konzentration auf pädagogisch elementare – also von den Inhalten ebenso wie von den Kindern und Jugendlichen (oder Erwachsenen) grundlegend bedeutsame und für sie zugängliche Lernvollzüge unterstützen soll.“6 Deshalb ist der wichtigste Anstoß für den Elementarisierungsansatz, dass er aus der Frage erwächst, „wie Religionsunterricht so gestaltet werden kann, dass er eine ‚fruchtbare‘, authentische und lebensbezogene Begegnung zwischen den Inhalten und Themen einerseits und den Kindern und Jugendlichen andererseits ermöglichen kann.“7 Darüber hinaus gehören für die Qualität von Unterricht „die Person der Unterrichtenden, die äußeren Bedingungen, das Schulklima, die in den Unterricht bereits mitgebrachte (religiöse) Situation (...)“8 dazu. Diese Überlegungen der Elementarisierung fordern letztlich einen „Perspektivwechsel“, den zurzeit die Synode in unserem Bistum Trier mit dem Satz „Vom Einzelnen her denken“ als Grundvoraussetzung für künftiges pastorales Denken und Handeln elementarisierend sucht. So sieht die Elementarisierung als didaktischer Ansatz im Religionsunterricht diesen Perspektivwechsel im Blick auf Kinder und Jugendliche darin, dass diesem Raum gegeben werden soll, „ihre Wahrnehmungen, Deutungen und Fragen zum Ausdruck zu bringen und auch das Unterrichtsgeschehen selbst dadurch mitzubestimmen (...).“9 Dies bedingt eine Unterrichtsvorbereitung, die sich auf dem Hintergrund von Entwicklungspsychologie und sozialisationstheoretischer Erkenntnisse, auf die Wertzugänge und Deutungsweisen von Kindern und Jugendlichen einstellt. All dies zielt auf eine Profilierung von Religionsunterricht, um ihm ein besonderes, eigenes Gesicht zu geben, welches „die konstitutive Verbindung theologischer und pädagogischer Aspekte“10 will und dabei Person und Sache in einen Zusammenhang bringt. Schweizer spricht hier von einer „Doppelbewegung zwischen Schülern und Inhalten“11. Wesentlich in dieser Doppelbewegung ist, dass „Kinder und Jugendliche selbst als Subjekte der Elementarisierung zu sehen, anzuerkennen und zu achten sind“12. Diese „Forderung nach einer Anerkennung von Kindern und Jugendlichen als Subjekte der Elementarisierung verbindet sich besonders gut mit dem Anliegen einer Kindertheologie“13, bei der es „um das genuin pädagogische Anliegen, Kindern und Jugendlichen nicht nur eigene Fragen, sondern auch eigene Antworten im Bereich von Glaube und Religion zuzutrauen und sie bei der Suche nach solchen Antworten ausdrücklich zu ermutigen“14, geht. Dies bedeutet zugleich eine Herausforderung an den Unterrichtenden sein eigenes Verhältnis „zu den im Unterricht angesprochenen Wahrheitsfragen und –ansprüchen“15 zu klären. Wie dies gelingen kann, ist Inhalt der nachfolgenden Arbeit, welche die Erzählung „Jesus im Haus des Zöllners Zachäus“ im Blick auf das religionspädagogische Modell der Elementarisierung bearbeitet und Lehrformen in den Blick nimmt, ohne allerdings einen konkreten Bezug auf eine Ausgangslage einer betreffenden Klasse zu nehmen, wohl aber sich entwicklungspsychologisch an einer dritten Klasse orientiert.

In einem ersten Schritt im Punkt 2 wird dabei das Elementarisierungsmodell allgemein in den Dimensionen seiner 5 Fragestellungen nach den elementaren Strukturen, den elementaren Erfahrungen, den elementaren Zugängen, elementaren Lernformen und elementaren Wahrheiten erläutert. Punkt 3 der Arbeit überträgt diese Elementarisierungsschritte auf die Perikope Lk19,1-10 „Jesus im Haus des Oberzöllners Zachäus“, während Punkt 4 der Arbeit dazu elementare Lernformen auswählt und diese erläutert.

2. Elementarisierungsmodell – ein Religionsdidaktischer Ansatz

Bevor im späteren Verlauf der Arbeit sich eine exemplarische Unterrichtsvorbereitung im Blick auf die Perikope Lk19,1-10 auf eine Auswahl zweier Lernformen beschränkt, welche diesen elementarisierenden Ansatz umsetzen, befasst sich Kapitel zwei allgemein mit der kurzen Beschreibung des Elementarisierungsmodells als religionspädagogischen Ansatz. Im Folgenden werden die einzelnen Facetten des Elementarisierungsmodells genauer betrachtet und dargestellt.

2.1 Elementare Strukturen – „Der Sache Kern“

Die „konstitutiven und charakteristischen“ Grundelemente eines Sachverhaltes in Bezug auf Text und Thema17 sind als elementare Strukturen zu begreifen.16 Bei der Unterrichtsvorbereitung geht es in diesem Schritt darum, aus dem möglichen Lehrbaren das hervorzuheben, was für das Unterrichtsthema relevant bzw. bedeutsam ist. Das bedeutet bei der Auswahl von Lukas 19,1-10 Gott als einen Gott, der sich für jeden Menschen interessiert, vorzustellen, zugleich das jedem Menschen eine Heilserfahrung durch eine Begegnung mit Gott möglich ist und eine Gottesbegegnung einen lebensbejahenden Neuanfang schenken kann. Natürlich soll das nicht so Wesentliche durch diesen didaktischen Filter nicht ganz verloren gehen18, damit das ausgesuchte, inhaltlich Wichtige weiterhin korrekt und schlüssig bleibt.19 So ist bei Lukas 19,1-10 der Hintergrund zur Person des Zachäus in seiner Existenz als Oberzöllner, der mit den Besatzern kollaboriert, zu erläutern, wobei aber schlussendlich das Wesentliche immer im Vordergrund bleiben muss, dass jeder Mensch „Kind Abrahams“ ist, unabhängig davon was sein Leben ausmacht. Die Auswahl der elementaren Strukturen muss zudem die Entwicklung und die Lebenslage der zu unterrichtenden Kinder in den Blick nehmen, welche schon bei Kindern in der dritten Klasse nicht selten nach einer „heilenden“ Begegnung schreien. Selbstverständlich sollen die Inhalte so ausgewählt sein, dass sie einen exemplarischen Charakter haben.

Damit dies alles gelingen kann, ist eine fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema unumgänglich. Dabei ist nicht nur die Theologie gefragt, sondern auch die Erkenntnisse anderer Wissenschaften. So spielen zum Beispiel bei dem Thema „Identität“ psychologische und soziologische Erkenntnisse eine relevante Rolle.20

2.2 Elementare Erfahrungen - „Vom Sitz im Leben“

Die alltäglichen Erfahrungen der Lebenswirklichkeiten der zu unterrichtenden Schülerinnen und Schüler will diese Dimension der Elementarisierung aufgreifen21 22 und in den Unterricht miteinbeziehen, also all das, was „[i]hren Alltag und die in ihm gültigen Lebensmaxime“23 ausmacht. Es gilt so auf der einen Seite all das herauszufiltern, was die Schülerinnen und Schüler mit dem Unterrichtsthema verbinden24, sowie schließlich durch den Unterricht zu ermöglichen, dass neue und andere Erfahrungsmöglichkeiten einladend im Raum stehen.25

Im Bereich des Religionsunterrichtes spielt dabei eine wichtige Rolle, dass nur noch wenige Schülerinnen und Schüler eine religiöse Sozialisierung mitbringen. Damit sind zugleich für die meisten anderen Schülerinnen und Schüler christliche Handlungsmaßstäbe fremd und spielen eine untergeordnete Rolle. Konnte man früher auf „Traditionen“ zurückgreifen, zählen heute fast ausschließlich die selbstgemachten Erfahrungen.26 Ziebertz, Kalbheim und Riegel bieten bezüglich der Religiösität bei Kindern und Jugendlichen den Ansatz, die heutige Gesellschaft in fünf Typen zu unterteilen: den kirchlich-christlichen, den christlich autonomen, den konventionell-religiösen, den autonom-religiösen und den nicht religiösen Typus.27 Wenn man die fünf Typen religiöser Orientierung genauer in den Blick nimmt, fällt auf, dass religiöse Autonomie und Selbstbestimmung bei Kindern und Jugendlichen in der modernen Gesellschaft von grundlegender Bedeutung ist. Es gilt im Religionsunterricht heute, die jeweiligen Schülerinnen und Schüler mit ihren einhergehenden Orientierungen und Typen anzunehmen und zu akzeptieren. Gerade das Einbeziehen von elementaren Erfahrungen ermöglicht den Dialog und die Kommunikation über Religion. So können sie beispielsweise selbst „nicht-religiöse“ Fragen einbringen, welche zum Nachdenken der eigenen Position anregen.28 Um die Milieuzugehörigkeit von Grundschulkindern in den Blick zu nehmen und die Dimension ihrer Erfahrungen zu begreifen, empfehle ich, auf die Expertise im Rahmen des Projekts: „Familienbildung während der Grundschulzeit - Sorgsame Elternschaft ‚fünf bis elf‘“ von Prof. Dr. Helmut Breuer und Mark Kleemann-Göhring zurückzugreifen, deren ausführliche Bearbeitung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, in der aber z.B. im Abschnitt 3 gerade im Blick auf die „Bildungsfernen“ vermerkt ist: kein vorbehaltloses Akzeptieren oder Gutheißen, kein Bemitleiden, kein von Oben herab und damit keine Bloßstellung des Defizits des Anderen, gute Gründe für Haltungen anzuerkennen und Barrieren wahrzunehmen, Kompetenzen zu erkennen, die so nicht erkannt werden, Begegnung zu finden auf Augenhöhe. Nur so ist es möglich auf lebensweltliche Motiv- und Problemlagen einzugehen, damit neue elementare Erfahrungen überhaupt möglich werden. Im Konkreten bedeutet dies, der Unterrichtende muss immer bemüht sein, die „Geschichte“ der ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu kennen, damit er sie in ihrem So-Sein begreifen kann.29

2.3 Elementare Zugänge – „Mit den Augen der Kinder und Jugendlichen“

Mit dem Blick auf „die Art und Weise,30 wie Kinder und Jugendliche die Welt konstruieren“31 bedenkt der elementare Zugang die Entwicklungsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf das Unterrichtsthema als weiteren Schritt der Unterrichtsvorbereitung.32 Eine wesentliche Rolle spielen neben den kognitiven und sozialen Fähigkeiten auch der Stand der religiösen Entwicklung und das moralische Urteilsvermögen.33 Sowohl das siebenstufige Modell der religiösen Entwicklung von James Fowler34, als auch die fünf Entwicklungsstufen religiösen Urteils von Fritz Oser und Paul Gmünder35 sind hier als eine Einordnungs- und Verstehenshilfe zu begreifen. Daneben steht zur Bewertung des moralischen Urteilsvermögens die Einteilung in drei Ebenen mit je zwei Unterstufen von Lawrence Kohlberg zur Verfügung. Die erste Ebene, die „vorkonventionelle“ wird durch die eigene Person und die persönlichen Bedürfnisse gekennzeichnet. Auf der zweiten, der „konventionellen Ebene“ spielen das soziale Umfeld und konkrete Regeln die entscheidende Rolle. Als dritte Ebene wird die „autonome Ebene“ benannt, die allgemeine Prinzipien sichtet, welche die ganze Menschheit in den Blick nehmen.36 In der Betrachtung der elementaren Zugänge geht es im Wesentlichen darum, sowohl eine Überforderung als auch eine Unterforderung der Schülerinnen und Schüler zu vermeiden. Damit werden die Grenzen ihrer Zugangsweisen respektiert, gleichzeitig werden so auch Anreize zu weiteren Entwicklungsschritten geboten.37 Einerseits helfen die Stufenmodelle so herauszufinden, was jetzt und heute angemessen ist, aber auch andererseits, was bald möglich ist. Bei ihrer Verwendung darf es allerdings nicht zu einer oberflächlichen Einordnung kommen, um Menschen nicht in „deterministische Schemata“38 zu pressen.

2.4 Elementare Lehr- und Lernformen – „Aktives Lernen und Erfahren“

In einem weiteren Schritt geht es darum, die angemessenen Methoden und Medien für den Unterricht herauszuarbeiten. Dabei sind die Methoden sowohl abhängig vom Unterrichtsthema als auch von den Schülerinnen und Schülern zu wählen.39 40

Wenn es zum Beispiel um einen biblischen Text als Hauptthema einer Stunde geht, sind offene Methoden wie beispielsweise Formen des kreativen Schreibens oder das Sich-Identifizieren mit biblischen Personen durch Rollenspiele zu wählen, um die Bedeutung der biblischen Botschaft für jeden persönlich nachfühlbar und erfahrbar zu machen.41 Zur Sicherung von Inhalten (zum Beispiel der 10 Gebote oder das Vaterunser) eignen sich eher Unterrichtswege wie das Lernen mit Legematerialien, Zusammenfassen oder das theologische Gespräch. Hierbei kann fachübergreifend die Sprachbildung gefördert werden. Zudem ist bei der Auswahl der Methoden darauf zu achten, dass Methoden wie z.B. das Nachspielen einer Perikope bei jüngeren Schülerinnen und Schüler meist mit Begeisterung aufgenommen werden, während bei älteren Schülerinnen und Schüler eher „die Sorge um Blamage und religiöses Outing dominiert“42. Immer interessant für Kinder und Jugendliche ist das persönliche Sprechen über den eigenen Glauben der Lehrerin oder des Lehrers.43

In knapper Form lassen sich elementare Lernformen also beschreiben als die Suche nach Lehr- und Lernweisen, die der Besonderheit des Themas gerecht werden. Dabei sollen sowohl unterschiedliche Aspekte des Lernens (auf kognitiver, affektiver und handlungsorientierter Ebene) berücksichtigt, als auch kreative Möglichkeiten der Gestaltung gesucht werden.44

2.5 Elementare Wahrheiten: Worauf es letztlich ankommt

„Elementarisierung steht für einen in dem Sinne konfessionellen oder konfessorischen Religionsunterricht, dass in diesem Unterricht der Frage nach Wahrheit und nach Bedeutung früherer Erfahrungen für das heutige Leben und Glauben konstitutiv Raum gegeben wird.“45 Es geht in diesem Unterricht nicht darum, festgelegte Wahrheiten zu vermitteln, sondern aus glaubensbezogenen Inhalten eigene glaubensbezogene Wahrheiten im Blick auf Mensch und Wirklichkeit aus der Perspektive des Glaubens für sich zu entdecken. In diesem Sinne wird es immer vordergründig eine subjektive Wahrheit sein, die dennoch lebensgewinnend und als „objektive Wahrheit“ erlebt werden kann. Wenn ich zum Beispiel den anderen Menschen als „Kind Gottes“ begreife, oder wie es Jesus in der Zachäuserzählung diesem in der Formulierung „auch ein Kind Abrahams“ zuschreibt, kann der Gegenüber durch meine ihm geschenkte Wertschätzung seinen eigenen Wert als Mensch begreifen. So findet die Auseinandersetzung mit der Zachäus-Geschichte erst dann eine lebensrelevante Wahrheitsdimension, wenn mein Umgang mit dem anderen Menschen immer offen und vorurteilsfrei gestaltet und erfahrbar ist. Dabei ist der Unterrichtende auch der, der sich in seinem Verhalten von den Schülerinnen und Schülern hinterfragen lassen muss, inwieweit er selbst an seine Wahrheiten glaubt und danach auch lebt. Bei den elementaren Wahrheiten geht es letztlich um „Identifikation der existenziellen Bezüge oder Gewissheiten, die bei einem Thema oder einer biblischen Geschichte etwa als Glaubensfragen angesprochen oder enthalten sind.“46

3. Elementarisierung am Beispiel Lk19,1-10

Nach dem vorherigen Kapitel, welches das Elementarisierungsmodell und seine einhergehenden fünf Dimensionen allgemein beschrieben hat, versucht dieses Kapitel nun diese exemplarisch auf die Perikope „Jesus im Haus des Oberzöllners Zachäus“ anzuwenden. In einem ersten Schritt der elementaren Unterrichtsvorbereitung werden die elementaren Strukturen der Bibelstelle Lk19,1-10 in den Blick genommen und eine zentrale Aussage herausgefiltert. Darüber hinaus werden elementare Erfahrungen der Lernenden gesucht, bevor in einem weiteren Schritt die elementaren Wahrheiten und Zugänge bearbeitet werden.

3.1 Elementare Strukturen

Die überaus bekannte Geschichte mit ihrer Situierung in Jericho ist dem „Abschnitt, den man ‚Evangelium der Ausgestoßenen‘ (Lk15-19) genannt hat“47, zuzuordnen. Lukas stellt die Geschichte an das Ende des Reiseberichtes Jesu von Galiläa nach Jerusalem. Während sich die unmittelbar vorausgehende Erzählung der Blindenheilung (Lk18,31-43) vor der Stadt Jericho abspielt, kommt es beim Durchzug durch die Stadt zur Begegnung mit Zachäus. In ihrem Inhalt, in dem „wichtige theologische Grundgedanken des Lukas in großer Dichte und Eindringlichkeit zu Tage treten,“48 scheint sie „in ihrer narrativen und bildreichen Lebendigkeit (besonders) für eine Vermittlung der Kerninhalte christlicher Verkündigung“49 geeignet: Das Gehen, der Reichtum, das Bedürfnis zu sehen, die Umkehrung der Werte, die Begegnung mit Jesus, das Heute des Heils, die Identität und Mission Jesu. Die Erzählung gehört zum lukanischen Sondergut und findet sich also bei keinem anderen Evangelisten. In den letzten Jahren hat sie unterschiedliche Deutungen erfahren. „Die eine traditionelle Interpretation betont, das dem Zachäus geschenkte Heil und die vom Oberzöllner entsprechend gezogenen Konsequenzen; der anderen von F.Godet begründeten Auslegung geht es um den bislang geringschätzenden moralischen Wert des Helden, der das Recht auf die Heilszusage des Meisters (V 9a) und auf die Anrede <Sohn Abrahams> hat (V 9b).“50 Die Zachäusbegegnung ist das letzte Ereignis Jesu auf seiner Etappe nach Jerusalem. Es folgt die Parabel von den anvertrauten Talenten (Lk19,11-27), welche einen Ausblick auf das Thema der Königsherrschaft Jesu gibt, die in Verbindung mit seinem Einzug nach Jerusalem steht.51

Beim Lesen der unterschiedlichen Übersetzungen war es eine ganz persönliche Entscheidung, die Übersetzung von Michael Wolter zu übernehmen. Für mich war sie in ihrer Formulierung dem Geschehen am nächsten. Lk19, 1-1052

[...]


1 Jahn, Kristin: Von der Sehnsucht Gottes und des Sünders. In: Göttinger Predigt-Meditationen 67/3 (2013), S. 307.

2 Schweitzer, Friedrich: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz: Einführende Dartstellung. In: Friedrich, Schweitzer: Elementarisierung im Religionsunterricht. Erfahrungen, Perspektiven, Beispiele. Neunkirchen-Vluyn 42013, S. 9-30.

3 Ebd., S. 9.

4 Ebd., S. 9.

5 Ebd., S. 10.

6 Ebd., S. 10.

7 Ebd., S. 11.

8 Ebd., S. 11.

9 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 12.

10 Schweitzer, Friedrich: Elementarisierung in der religionsdidaktischen Diskussion: Entwicklungstendenzen – weiterführende Perspektiven – offene Fragen. In: Friedrich Schweitzer: Elementarisierung im Religionsunterricht. Erfahrungen, Perspektiven, Beispiele. Neunkirchen-Vluyn 42013, S. 210.

11 Ebd., S. 211.

12 Ebd., S. 212.

13 Ebd., S. 213.

14 Ebd.

15 Ebd., S. 215.

16 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 15.

17 Vgl. Nipkow, Karl-Ernst: Elementarisierung als Kern der Unterrichtsvorbereitung. In: Katechetische Blätter 111 (1986), S. 601.

18 Vgl. Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 15f.

19 Vgl. Riegel, Ulrich: Religionsunterricht planen. Ein didaktisch-methodischer Leitfaden für die Planung einer Unterrichtsstunde. Stuttgart 22014, S. 40.

20 Vgl. Riegel: Religionsunterricht planen, S. 43.

21 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 19.

22 Vgl. Bahr, Mathias: Didaktische Analyse und Elementarisierung. Planung des Unplanbaren. In: Georg Hilger, Stephan Leimgruber und Hans-Georg Ziebertz (Hrsg.): Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf. München 62010, S. 503.

23 Riegel: Religionsunterricht planen, S. 78.

24 Vgl. ebd., S. 80.

25 Vgl. Bahr: Elementarisierung, S. 503.

26 Vgl. Riegel: Religionsunterricht planen, S. 78f.

27 Vgl. Ziebertz, Hans-Georg; Kalbheim, Boris u. Riegel, Ulrich: Religiöse Signaturen heute. Ein religionspädagogischer Beitrag zur empirischen Jugendforschung. Gütersloh 32003, S. 391.

28 Vgl. ebd., S. 411.

29 Vgl. Bremer, Helmut u. Kleemann-Göhring, Mark: Familienbildung, Grundschule und Milieu. Eine Expertise im Rahmen des Projekts: Familienbildung während der Grundschulzeit. Sorgsame Elternschaft „fünf bis elf“. Wuppertal 2012, S. 19.

30 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 21.

31 Vgl. Bahr: Elementarisierung, S. 504.

32 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 27.

33 Vgl. Riegel: Religionsunterricht planen, S. 56f.

34 James W. Fowler stellt in seinem Werk „Stufen des Glaubens. die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn“ sieben Stufen dar, welche sich genauer auf die religiöse Entwicklung von Kindern beziehen.

35 Fritz Oser und Paul Gmünder untersuchen in ihrem Werk „Der Mensch. Stufen seiner religiösen Entwicklung“ die religiösen Denkstrukturen von der Kindheit bis zum Alter. Hierbei stellen sie die fünf Stufen des religiösen Urteils vor.

36 Vgl. ebd., S. 65ff.

37 Vgl. Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 25.

38 Riegel: Religionsunterricht planen, S. 72.

39 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 24.

40 Vgl. Bahr: Elementarisierung, S. 504f.

41 Bahr: Elementarisierung, S. 505.

42 Ebd.

43 Vgl. Nipkow, Karl-Ernst: Pädagogik und Religionspädagogik zum neuen Jahrhundert. Gütersloh 2005, S. 345.

44 Vgl. Schweitzer, Friedrich: Elementarisierung und Bibeldidaktik. In: Mirjam Zimmermann und Ruben Zimmermann (Hrsg.): Handbuch Bibeldidaktik. Stuttgart/Tübingen 2013, S. 413.

45 Schweitzer: Elementarisierung – ein religionsdidaktischer Ansatz, S. 26.

46 Schweitzer, Friedrich: Kindertheologie und Elementarisierung. Wie religiöses Lernen mit Kindern gelingen kann. Gütersloh 2011, S. 48.

47 Bouvon, François: Das Evangelium nach Lukas. 3 Teilband Lk15,1-19,27 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament 3/3), Düsseldorf/Zürich 2001, S. 266.

48 Schwindt, Rainer: Die Gegenwart als messianische Zeit. Die Geschichte vom Zöllner Zachäus in Lk19,1-10. In: Trierer Theologische Zeitschrift 116 (2007), S. 39.

49 Bouvon: Evangelium nach Lukas, S. 39.

50 Ebd., S. 266.

51 Ebd.

52 Übersetzung von: Wolter, Michael: Das Lukasevangelium (Handbuch zum Neuen Testament; 5), Tübingen 2008, S. 610.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Jesus im Haus des Oberzöllners Zachäus. Elementare Unterrichtsvorbereitung zu Lk19,1-10
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für katholische Theologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
44
Katalognummer
V539241
ISBN (eBook)
9783346193209
ISBN (Buch)
9783346193216
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elementarisierungsmodell, Elementare Unterrichtsvorbereitung, Zachäus, Jesus, Lukasevangelium
Arbeit zitieren
Maurice Lorschiedter (Autor), 2017, Jesus im Haus des Oberzöllners Zachäus. Elementare Unterrichtsvorbereitung zu Lk19,1-10, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539241

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