Bürgerschaftliches Engagement, freiwilliger Einsatz für gemeinnützige Zwecke oder ehrenamtliche Tätigkeit sind elementare Bestandteile einer Demokratie. Sie schaffen eine Atmosphäre der Solidarität, der Zugehörigkeit und des Vertrauens und gelten als „soziales Kapital“ eines Gemeinwesens.
In der gesellschaftspolitischen Diskussion hat bürgerschaftliches Engagement in jüngster Zeit zunehmend an Relevanz gewonnen. Dies lag vor allem auch daran, dass im Zuge der Kritik an bestehenden Formen der Sozialstaatlichkeit die Stärkung von Partizipation, Mitgestaltung und Koproduktion durch Bürgerinnen und Bürger in den sozialen Diensten und Einrichtungen einen wichtigen Stellenwert als Reformfaktor einnehmen. Dabei gilt es den Anteil der Zivilgesellschaft an der Wohlfahrtsproduktion, neben Staat, Markt und Familie, neu zu justieren.
Im Bereich des deutschen Gesundheitswesens trifft diese Intention jedoch auf eine sehr spezifische Konstellation an Akteuren und Machtverhältnissen, die eine Neujustierung als schwieriges Unterfangen gestalten. Ziel dieser Arbeit ist es einerseits, den spezifischen Kontext darzustellen, der den Rahmen für die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements im deutschen Gesundheitswesen vorgibt, um in der Folge den zivilgesellschaftlichen Status Quo in diesem Sektor zu beleuchten.
Dazu soll zunächst auf die historischen Kontextbedingungen eingegangen werden, die, wie sich zeigen wird, für das Verständnis des Gesundheitssystems von elementarer Bedeutung sind. Die Entwicklungsstränge, die sich hierbei feststellen lassen, sollen in einem zweiten Schritt aus zivilgesellschaftlicher Perspektive bewertet werden. Im dritten Teil der Arbeit soll dann explizit auf die existierenden Formen bürgerschaftlichen Engagements im deutschen Gesundheitswesen eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1. Historische Kontextbedingungen
2.1.1. Einführung des Krankenversicherungsgesetzes
2.1.2. Etablierung der Verbände
2.1.3. Entwicklung des Gesundheitssystems in der neu gegründeten BRD
2.2.1. Korporatisierung des Politikfeldes
2.2.2. Ökonomisierung des Politikfeldes
2.3. Zivilgesellschaftliche Problematik
3. Bürgerschaftliches Engagement im deutschen Gesundheitswesen
3.1. Selbsthilfe im deutschen Gesundheitswesen
3.1.1. Struktur der Selbsthilfeorganisationen
3.1.2. Organisierung der Selbsthilfe auf Bundes- und Landesebene
3.2. Entwicklung der Selbsthilfe
3.2.1. Soziale Bewegung
3.2.2. Ökonomisierung der Selbsthilfe
3.2.3. Selbsthilfe ab den 90ern
3.2.4. Gesundheitspolitik nach 1998
3.3. Der aktivierende Staat
4. Fazit
Zielsetzung und Themenbereiche
Die Arbeit untersucht den aktuellen Status und die Entwicklungsmöglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements im deutschen Gesundheitssystem vor dem Hintergrund historisch gewachsener Machtstrukturen der Ärzte- und Kassenverbände sowie einer zunehmenden Ökonomisierung der Gesundheitspolitik.
- Historische Entstehung und Korporatisierung des deutschen Gesundheitssystems
- Die Rolle der Zivilgesellschaft im Spannungsfeld von professioneller Medizin und Patienteninteressen
- Entwicklung und Bedeutung der gesundheitlichen Selbsthilfe
- Einfluss der Gesundheitspolitik nach 1998 auf das bürgerschaftliche Engagement
- Das Konzept des "aktivierenden Staates" in der aktuellen sozialpolitischen Diskussion
Auszug aus dem Buch
2.1. Historische Kontextbedingungen
„Kein anderer Sozialversicherungszweig ist noch immer derart sichtbar durch seine Entstehungsgeschichte geprägt und hat seine als Derivate einer historisch-spezifischen Situation zu verstehenden originären Grundstrukturen und Steuerungsprinzipien über Krisen, Kriege und politische Regimewechsel hinweg konservieren können wie die Krankenversicherung.“1 Die Autoren Lamping/Tamm bringen mit diesem Zitat auf den Punkt, dass die historischen Kontextbedingungen beim deutschen Gesundheitswesens eine Schlüsselrolle zum Verständnis des Status Quo einnehmen. Für das Thema dieser Arbeit scheint es daher unerlässlich dieser Tatsache eingangs Rechnung zu tragen.
Es lassen sich dabei zwei charakteristische Entwicklungsstränge feststellen, die für die Rolle der Zivilgesellschaft im Gesundheitssystem von entscheidender Bedeutung sind: zum einen eine zunehmende Korporatisierung des Politikfeldes - die Versorgungsveranwortung im Gesundheitswesen wird zunehmend von der staatlichen Ebene auf gesellschaftliche Verbände übertragen - und zum anderen eine Ökonomisierung des Diskurses - die Debatte in der Gesundheitspolitik wird zunehmend von finanziellen Aspekten bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung definiert bürgerschaftliches Engagement als essenziellen Bestandteil der Demokratie und skizziert das Ziel der Arbeit, die zivilgesellschaftliche Situation im deutschen Gesundheitssystem vor dem Hintergrund bestehender Machtverhältnisse zu analysieren.
2.1. Historische Kontextbedingungen: Dieses Kapitel erläutert die historisch gewachsenen Strukturen des Gesundheitssystems, die durch eine starke Korporatisierung sowie eine zunehmende Ökonomisierung der politischen Debatte geprägt sind.
2.1.1. Einführung des Krankenversicherungsgesetzes: Es wird dargelegt, dass die Einführung der Krankenversicherung 1883 primär eine machtpolitische Strategie zur Staatskonsolidierung und Repression der Arbeiterbewegung war.
2.1.2. Etablierung der Verbände: Das Kapitel beschreibt den historischen Prozess der Herausbildung der Krankenkassen und die damit einhergehende Festigung der Führungsposition von Ärzte- und Kassenverbänden.
2.1.3. Entwicklung des Gesundheitssystems in der neu gegründeten BRD: Es wird die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert, die durch einen Leistungsausbau, aber auch durch den Widerstand der Verbände gegen Reformversuche gekennzeichnet war.
2.2.1. Korporatisierung des Politikfeldes: Hier wird analysiert, wie das Prinzip der Selbstverwaltung dazu diente, Konflikte durch die Einbindung etablierter Akteure innerhalb des Systems zu lösen, was eine Strukturkontinuität begünstigte.
2.2.2. Ökonomisierung des Politikfeldes: Das Kapitel befasst sich mit der zunehmenden Dominanz finanzieller Aspekte in der Gesundheitspolitik, insbesondere als Reaktion auf externe Krisen wie die Ölkrise der 70er Jahre.
2.3. Zivilgesellschaftliche Problematik: Die Analyse zeigt die institutionelle Vorherrschaft der Verbände auf, welche eine adäquate Repräsentation von Patienteninteressen innerhalb des Systems erschwert.
3. Bürgerschaftliches Engagement im deutschen Gesundheitswesen: Dieses Kapitel untersucht die Rolle ehrenamtlicher Tätigkeiten und den Einfluss der gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen auf das zivilgesellschaftliche Engagement.
3.1. Selbsthilfe im deutschen Gesundheitswesen: Hier wird der Fokus auf die Selbsthilfebewegung als zentralen Bereich bürgerschaftlichen Engagements im Gesundheitssektor gelegt.
3.1.1. Struktur der Selbsthilfeorganisationen: Es wird erläutert, dass Selbsthilfe primär auf lokaler Ebene stattfindet und eine empirische Erfassung aufgrund der Vielfalt der Gruppen schwierig ist.
3.1.2. Organisierung der Selbsthilfe auf Bundes- und Landesebene: Das Kapitel beschreibt die Bedeutung von Kontaktstellen und Dachverbänden (wie NAKOS und DAG SHG) bei der Vermittlung und Interessenvertretung.
3.2. Entwicklung der Selbsthilfe: Hier werden die zeitlichen Phasen der Selbsthilfeentwicklung von den Anfängen in der sozialen Bewegung bis hin zur modernen Gesundheitspolitik analysiert.
3.2.1. Soziale Bewegung: Die Entstehung der Selbsthilfe wird als Reaktion auf die als "Apparate-Medizin" empfundene Unpersönlichkeit des Gesundheitswesens in den 70er und 80er Jahren dargestellt.
3.2.2. Ökonomisierung der Selbsthilfe: Das Kapitel thematisiert die Gefahr der Instrumentalisierung von Selbsthilfegruppen durch das System, um Versorgungslücken kostengünstig zu schließen.
3.2.3. Selbsthilfe ab den 90ern: Es wird die reziproke Beeinflussung von staatlichem Handeln und bürgerschaftlichem Engagement in den 90er Jahren diskutiert.
3.2.4. Gesundheitspolitik nach 1998: Das Kapitel befasst sich mit der neuen Wertschätzung der Selbsthilfe unter der rot-grünen Regierung und der gesetzlichen Verankerung der Förderung.
3.3. Der aktivierende Staat: Abschließend wird das Konzept des "aktivierenden Staates" kurz skizziert, das auf die stärkere Einbindung zivilgesellschaftlicher Potenziale abzielt.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz einer zunehmenden Neuorientierung und gesetzlichen Anerkennung der Selbsthilfe, die strukturelle Dominanz der Verbände und die Finanzproblematik des Systems weiterhin große Hürden darstellen.
Schlüsselwörter
Bürgerschaftliches Engagement, Gesundheitswesen, Selbsthilfe, Korporatisierung, Ökonomisierung, Patientenorientierung, Selbstverwaltung, Sozialstaat, Gesundheitspolitik, Zivilgesellschaft, Verbändemacht, Leistungsanbieter, aktivierender Staat, Partizipation, Interessenvertretung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem bürgerschaftlichen Engagement im deutschen Gesundheitswesen, seiner historischen Genese, den bestehenden institutionellen Barrieren sowie seiner heutigen Rolle im Gesundheitssystem.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Rolle der Ärzte- und Kassenverbände, die historische Entwicklung der Gesundheitspolitik, die Bedeutung der Selbsthilfebewegung sowie die aktuelle Diskussion um den "aktivierenden Staat".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den spezifischen Kontext darzustellen, der die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements vorgibt, und den zivilgesellschaftlichen Status Quo innerhalb des deutschen Gesundheitssystems zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Analyse historischer Entwicklungsstränge sowie die Auswertung von Fachliteratur und Berichten zu gesundheitspolitischen Reformprozessen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Rahmenbedingungen (Korporatisierung und Ökonomisierung), die zivilgesellschaftliche Problematik sowie detailliert die Strukturen und die Entwicklung der gesundheitlichen Selbsthilfe analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe, Gesundheitssystem, Korporatisierung und Patientenorientierung charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Verbände auf das bürgerschaftliche Engagement?
Der Autor bewertet die starke Stellung der Ärzte- und Kassenverbände als problematisch, da sie zivilgesellschaftliche Interessen überlagern und eine Systemumstrukturierung zugunsten der Patienten erschweren.
Welche Rolle spielt die "Gesundheitsbewegung" für die heutige Selbsthilfe?
Die Gesundheitsbewegung der 70er und 80er Jahre wird als Ursprung der heutigen organisierten Selbsthilfe gesehen, die als Reaktion auf die Unpersönlichkeit der professionellen Medizin entstand.
Wie steht es um die Integration der Selbsthilfe in das professionelle Gesundheitssystem?
Die Integration ist ambivalent: Einerseits gibt es eine gesetzliche Förderung und höhere Akzeptanz, andererseits besteht die Gefahr der Instrumentalisierung für ökonomische Zwecke und ein Widerstand aus dem professionellen Versorgungssystem.
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- Anonym (Autor), 2004, Bürgerschaftliches Engagement im Gesundheitswesen der BRD, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53925