Utopische Elemente in den Werken "Der Goldne Topf" und "Nußknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann


Seminararbeit, 2018

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ich bin das, was ich scheine
1.2 Aufbau der Arbeit, Fragestellung

2 Utopie – ein vielseitiger Begriff
2.1 Utopien vorchristlicher Zeit
2.2 Ursprünge der ‚klassischen‘ Utopien
2.3 Definitionen, Merkmale und unterschiedliche Arten von Utopie
2.4 Utopien, Phantastik und Science Fiction

3 Literaturgeschichtliches Umfeld, Traditionen und Systematik
3.1 Literaturgeschichtliches Umfeld
3.2 Literarische Einflüsse
3.3 Systematische Aspekte und Bezüge zur Utopie

4 Utopie bei E.T.A. Hoffmann
4.1 Utopische Elemente in Der goldne Topf
4.2 Utopische Elemente in Nußknacker und Mausekönig

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

1.1 Ich bin das, was ich scheine…

„Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!“ (Hoffmann 1975: 63). Mit diesem kurzen Zitat aus dem Werk Die Elixiere des Teufels von 1815 möchte ich diese Seminararbeit über den Universalkünstler E.T.A. Hoffmann einleiten. Schriftsteller, Jurist, Komponist, Theater- und Musikdirektor einer Privatkapelle, Zeichner und Karikaturist. Dies alles sind Substantive, mit denen die berufliche Laufbahn des 1776 geborenen Ostpreußen Ernst Theodor Wilhelm beschrieben werden kann. Wenngleich die Person dem Laien bestenfalls als Autor bekannt sein mag, so galt Hoffmann neben seiner schriftstellerischen und juristischen Tätigkeit als begnadeter Musiker, worin auch die Ursache für die Änderung seiner Initialen liegt. Aus Bewunderung über den Musiker Wolfgang Amadeus Mozart änderte Hoffmann 1805 seinen dritten Vornamen von Wilhelm auf Amadeus, was letztendlich zu seinem Akronym ähnlichen Vornamen E.T.A. führte (Kaiser 2010: 99; Kremer 2012: 1-5).

Wenngleich eine tiefere Auseinandersetzung mit Hoffmanns musikalischem Schaffen sicherlich lohnenswert wäre, so liegt der Fokus dieser Seminararbeit auf seiner Tätigkeit als Autor während der literatur- und kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik. Den Forschungsschwerpunkt bildet dabei der Bezug zur Utopie.

1.2 Aufbau der Arbeit, Fragestellung

Die folgende Seminararbeit beschäftigt sich mit ausgewählten literarischen Werken E.T.A. Hoffmanns und deren utopischer Kohärenz. Dafür wird anfangs auf unterschiedliche Definitionen des Terminus Utopie sowie diverser Sonderformen eingegangen und darüber hinaus versucht, mögliche Abgrenzungen zur Phantastik und Science Fiction vorzunehmen. Im weiteren Verlauf soll das literaturgeschichtliche Umfeld von E.T.A. Hoffmann erläutert und – unter Bezugnahme von Hoffmanns Biographie – Aufschluss über sein Hintergrundwissen bezüglich utopischer Literatur gegeben werden. Berücksichtigung erfahren dabei seine gesellschaftliche Stellung in der romantischen Literaturepoche und diverse – mit Utopie in Verbindung stehende – systematische Aspekte wie Phantastik, Traum und Rausch sowie Metamorphosen wie sie auch bei Kremer (2012) beschrieben werden. Als Primärliteratur bzw. zu analysierende Textkorpora fungieren E.T.A. Hoffmanns Werke Der goldne Topf und Nußknacker und Mausekönig.

Im Verlauf dieser Seminararbeit sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

- Welche utopischen Elemente finden sich in der ausgewählten Primärliteratur und kann darüber hinaus letztendlich von utopischer Literatur gesprochen werden?
- Auf welche Weise erzeugt E.T.A. Hoffmann Utopie(n) in seinen Werken und welche Gemeinsamkeiten lassen sich dabei finden?

2 Utopie – ein vielseitiger Begriff

Im folgenden Kapitel wird auf die Ursprünge aber auch unterschiedlichen Auslegungen von Utopie eingegangen und Bezüge zu verwandten Formen hergestellt werden. Anhand der Merkmale unterschiedlicher utopischer Werke sollen letztendlich mehrere Aspekte gesammelt werden, nach denen Hoffmanns Werke analysiert werden können.

2.1 Utopien vorchristlicher Zeit

Die Ursprünge der Utopie reichen je nach Betrachtungsweise der Literaturwissenschaftler bis ins vierte Jahrhundert vor Christus zurück. Die ersten Zeugnisse von Utopie – wenn auch nicht namentlich angeführt – liegen wohl in Platons Werk Politeia, das zwischen 390 und 370 verfasst worden sein soll. Dabei handelt es sich um eine Diskussion zwischen Platon selbst, seinem Lehrer Sokrates und anderen fünf Personen, die über Gerechtigkeit und Glück eines Staates philosophieren und Überlegungen für einen idealen und gerechten Staat anstellen. „Laß uns also in Gedanken eine Stadt von Anfang an gründen“ heißt es in diesem präutopischen Werk, das den idealen Staat – regiert von einem Philosophen – dahingehend beschreibt, dass sämtliche Güter (selbst die Frauen) nicht Privatbesitz, sondern öffentlich wie unter Freunden zu teilen sind. Als wichtigsten Grundsatz dieses idealen Staates führt Platon die Dreiständeordnung an: Diese besteht aus den regierenden Philosophen (Lehrstand), deren Wächter (Wehrstand) und der Güter produzierenden Bevölkerung (Nährstand). Die philosophische Überlegung dahinter ist jene, dass jedes Lebewesen nur eine Sache perfekt ausführen kann und dies deshalb alleine geschehen soll. Die drei Stände fungieren als Teile einer zusammengehörenden Seele, deren Glück nur durch das Gleichgewicht dieser drei Teile erreicht werden kann. Die Seele steht dabei metaphorisch für den Staat (Gnüg 1999: 20ff; Schölderle 2017a: 54f).

Die Politeia gilt als Urform des utopischen Staatsromans, die trotz der bestehenden Hierarchie (das Privileg der öffentlich zu teilenden Güter war nur den obersten Ständen vorbehalten) und der eher prostitutionshaften Haltung gegenüber Frauen zum sozialistischen Vorbild in der Renaissance wurde. Platon bezeichnete die Grundsätze der Politeia lediglich als realitätsfernes Gedankenexperiment, da er selbst der Meinung war, dass dieser ideale Staat niemals erreicht werden kann. Dies zeigt sich auch in der Formulierung, wo er sich des Konjunktivs irrealis bedient und der Utopie somit einen bedeutungstragenden Modus zuweist. Für die Schöpfer der ‚klassischen‘ Utopien stellte Platons Werk eine der wichtigsten Eckpfeiler dar (Gnüg 1999: 20; Müller 1989: 1).

Anderen Forschungen zufolge liegt der Ursprung der Utopie nicht in Platons Politeia, sondern geht noch viel weiter zurück, nämlich auf die antiken Mythen bzw. die paradiesische Ära. Der römische Dichter Publius Ovidius Naso vollendete im Jahre 8 nach Christus sein Werk Metamorphoseon libri, eingedeutscht unter dem Namen Metamorphosen. Darin schreibt er vom sogenannten ‚Goldenen Zeitalter‘:

Als erstes entstand das goldene Zeitalter, ohne Gesetz und willig pflegte man von selbst das Recht und die Treue. Man war frei von Strafe und Angst und keine drohenden Worte standen ins Erz gemeißelt; und keine bittende Menge fürchtete das Gesicht ihres Richters, sie waren gesichert ohne den Rächer.

(Ovid, Metamorphosen Vers 89-94, eigene Übersetzung, S.S.)

Dieser Auszug aus den Metamorphosen des Ovid beschreibt sehr gut, worin die Merkmale dieses Goldenen Zeitalters liegen: Ein friedliches Nebeneinander ohne Furcht und Bestrafung, das auf kein Gesetz beruht und dennoch funktioniert. Dieser utopische, also „nur in der Vorstellung“ bzw. Fantasie existierende Zustand (Duden-Online 2018b), konnte nur in einer weit zurückliegenden, vorgeschichtlichen Zeit erreicht werden (Gnüg 1999: 8; Heinisch 2017: 234).

Zeugnisse dieses Goldenen Zeitalters finden sich bereits 700 vor Christus beim griechischen Dichter Hesiod. Das Goldene Zeitalter beruht nach Schölderle (2017a: 51) auf der „Erschließung fiktiver Räume und Zeiten“, also auf Traumvorstellungen besserer Zeiten sowie Welten und ist somit eng mit den antiken Mythen verknüpft. Zu diesen Mythen zählen darüber hinaus der biblische Garten Eden sowie die sagenumwobene versunkene Inselwelt Atlantis. Letzterer Mythos wird bei Hoffmanns Werk Der goldne Topf noch größere Beachtung erfahren.

2.2 Ursprünge der ‚klassischen‘ Utopien

Als Begründer der klassisch-literarischen Utopie wird der englische Staatsmann Thomas Morus angepriesen, in dessen Werk De optimo reibublicae statu, deque nova insula Utopia“ aus dem Jahr 1516 die ersten namentlichen Zeugnisse vom Begriff Utopie zu finden sind (Müller 1989: 1). Auch Morus schrieb in seinem Text – ähnlich wie Platon in der Politeia – vom Zustand eines optimalen Staates. Während Platon seinen idealen Staat allerdings lediglich als Gedankenexperiment bzw. immer seiende Idee deklarierte, erschuf Thomas Morus mit der neuen Insel Utopia einen fiktiven Raum, in dem dieser vollkommene und optimale Staat sowie dessen glückliche Menschengesellschaft tatsächlich existieren können. Zeitlich ist dieses utopische Leben vor dem paradiesischen Sündenfall angesiedelt, was wiederum die Nähe zum biblischen Mythos verdeutlicht (Gnüg 1999: 8; Schölderle 2017b: 17f).

Morus baut sein utopisches Werk folgendermaßen auf. Er selbst tritt als Erzähler auf leitet die Geschichte durch einen Brief an den befreundeten Humanisten Peter Ägidius ein, in dem er von einem Zusammentreffen mit dem Portugiesen Raphael Hythlodeus berichtet. An dieser Stelle verknüpft er seine Geschichte mit wahren Gegebenheiten, da die fiktive Person Raphael Hythlodeus mit dem italienischen Seefahrer und Entdecker Amerigo Vespucci in der Welt umhersegelte und letztendlich – auf unerklärliche Weise – auf die Insel Utopia stieß (Gnüg 1999: 29f; Morus 2017).

Utopia, dieser Nicht-Ort bzw. dieses Nirgendwoland, hat seine eigene Hauptstadt namens Amaurotum (Traumstadt), in der die meisten der Achorium populus (Volk des Nicht-Ortes) bzw. die Macarenses (Glücklichen) leben. Bereits all diese erfundenen Namen weisen auf eine Irrealität Utopias hin, was durch den Namen Hythlodaeus (griechisch für „Unsinn verbreiten“) nochmals betont wird (Müller 1989: 2; Schölderle 2017b: 18). Charakteristisch für das Leben in Utopia ist die strikte Arbeitspflicht, was Ähnlichkeiten zu der Politeia aufweist. Durch diese Arbeitspflicht und die Entsagung von Prachtgütern arbeiten die Inselbewohner lediglich sechs Stunden am Tag. Das auf Subsistenzwirtschaft ausgelegte System und die inexistente Geldwirtschaft ermöglichen das Bestehen eines autarken Inselstaates von der Größe Englands, deren Fortbestehen durch die „geographische, politische und wirtschaftliche Isolation“ gesichert wird, da „unkalkulierbare Kräfte von dem gesellschaftlichen Gefüge fernzuhalten [sind]“ (Müller 1989: 2). Anzumerken ist bereits an dieser Stelle, dass in den meisten utopischen Werken als auch in der Utopieforschung die Bewohner der jeweiligen Insel als Utopier (vgl. Morus: Utopia), Bensalemer (vgl. Bacon: Nova Atlantis) oder Felsenburger (vgl. Schnabel: Insel Felsenburg) bezeichnet werden, wohingegen alle Außenstehenden und Unwissenden schlicht unter der Bezeichnung Europäer zusammengefasst werden.

Zurück zu Thomas Morus Roman: Wenngleich für die tägliche Arbeit in Utopia diverse Rechte und Pflichten bestehen, bedarf es für die Insel keiner weiteren gesetzlichen Bestimmungen; durch die kommunale Teilung privater Güter und die „Abschaffung des Geldes“ durch „Erkenntnis des eigenen Vorteils“ – dem „Vorbild unseres Erlösers Jesus Christus“ – wird letztendlich die „Bürde der Armut und des Kummers“ von den Menschen genommen (Morus, Utopia, zitiert nach Müller 1989: 2).

Bei der Analyse eines utopischen Werkes sollte neben dem Inhalt auch die Frage nach der Intention des Autors bzw. der Funktion der Utopie gestellt werden. Wie bereits bei Platon offensichtlich wurde, handelt es sich bei einem utopischen Werk zumeist um negative Kritik am aktuellen System oder der aktuellen Lage, was durch Leid, Not oder Ungerechtigkeit gekennzeichnet sein kann. Nicht umsonst sprechen die Autoren bei Utopien vom idealen oder gerechten Staat, in dem es zu keinen Missständen kommt, da alle glücklich und in friedlicher Harmonie leben. Eine solche Kritik am System liefert die folgende Textpassage, in der Morus Erzähler-Ich das englische Strafrecht kritisiert.

Du brauchst dich darüber nicht zu wundern, denn diese Bestrafung der Diebe übersteigt das gerechte Maß und liegt auch nicht im Interesse des Staates. Sie ist zu scharf, um Diebstähle zu ahnden, und andererseits nicht ausreichend, um sie ganz zu unterbinden. Denn ein einfacher Diebstahl ist kein so gewaltiges Verbrechen, daß es den Kopf kosten müßte, und keine Strafe ist schwer genug, um die Leute von Diebereien abzuhalten […] (Morus 2017: 24)

Obwohl Morus als englischer Staatsmann in seinem Werk vor allem die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, teilweise sogar die desolaten Verhältnisse Englands kritisierte, wird das Werk oftmals als Satire aufgefasst, was anhand zweifelhafter Wortmeldungen von Morus Erzähler-Ich erkennbar ist (Gnüg 1999: 31f):

„Mir dagegen“, erwiderte ich, „scheint dort, wo alles Gemeingut ist, ein erträgliches Leben unmöglich. Denn wie soll die Menge der Güter ausreichen, wenn sich jeder vor der Arbeit drückt, da ihn keinerlei Zwang zu eigenem Erwerb drängt und ihn das Vertrauen auf fremden Fleiß faul macht? Aber selbst wenn die Not ihn antreibt und ihm dann kein Gesetz erlaubt, sich das, was er erworben hat, als Eigentum zu sichern, wird man dann nicht zwangsläufig beständig mit Mord und Aufruhr rechnen müssen? Wenn zudem noch das Ansehen der Behörden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, dann kann ich mir nicht einmal ausdenken, was bei solchen Menschen, zwischen denen es keinerlei Unterschied gibt, an deren Stelle treten könnte“ (Morus 2017: 45)

Dass Thomas Morus nicht alle Elemente seines Werkes tatsächlich wertschätzt (was damit auch ein Zeichen von Satire ist) zeigt sich vor allem bei der Religion. Während die Bewohner Utopias als Heiden beschrieben werden, galt Morus als überzeugter Katholik. Schölderle (2017a: 45) beschreibt Morus Utopia als „eine Satire auf geheuchelte Friedensbekenntnisse“ und nennt es darüber hinaus einen „bissig-ironische[n] Kommentar zu einer tragenden Säule zeitgenössischer Machtpolitik“; er bezeichnet die Neigung zum Satirischen als Merkmal utopischer Literatur.

Aufgrund der ständig boomenden Utopieforschung und den zahlreichen, neu erscheinenden Studien, was denn wirklich als utopische Literatur bezeichnet werden kann, finden sich in einschlägigen Sekundärliteraturen auch unterschiedliche Beispiele. Während sich Schölderle (2017a) hauptsächlich mit Thomas Morus Werk beschäftigt und sich bei Voßkamp (1985: 227ff) beispielsweise genauer mit der Utopie bei Goethes Wilhelm Meister auseinandergesetzt wird, widmet sich Gnüg (1999) ausführlicher Francois Rabelais Gargantua et Pantagruel aus dem Jahre 1532, wohingegen Müller (1989) Tommaso Campanellas La Citta del Sole von 1602 größere Beachtung schenkt. Oftmals als utopische Werke werden darüber hinaus Johann Valentin Andreaes Christianopolis von 1619 und Daniel Defoes Robinson Crusoe von 1719 angepriesen. Gerade aber letzteres Werk, das namensgebend für die literarische Kunstform Robinsonade ist, sollte eher als Inselroman oder Isolationsroman bezeichnet werden, nicht jedoch als Utopie; die Entwicklung eines Gemeinwesens und nicht die eines einzelnen Individuums muss thematisiert werden, um als Utopie bezeichnet werden zu können (Trousson, Voyages aux Pays de nulle Part, zitiert nach Müller 1989: 11).

Mit Hinblick auf E.T.A. Hoffmanns Der goldne Topf soll an dieser Stelle noch auf ein weiteres utopisches Werk genauer eingegangen werden: Francis Bacons Nova Atlantis. Diese 1627 erschienene utopische „Fabel“ (Gnüg 1999: 79) handelt von den Passagieren eines Schiffs, deren Vorräte aufgebraucht sind und die nun im Pazifik treibend ohne Hoffnung auf Rettung ihr Schicksal erwarten. In der ausweglosen Situation erspähen die Seeleute letztendlich eine Insel am Horizont, deren prächtigen Hafen sie anlaufen. Die Neuankömmlinge werden aufgefordert, den Hafen ehestmöglich wieder zu verlassen, nach anfänglichem Misstrauen wird ihnen aber dennoch der Rundgang auf der Insel namens Bensalem gewährt. Dieses vor angeblich 1900 Jahren erschaffene Nova Atlantis, benannt nach dem legendären, versunkenen Atlantis, verfügt über ideale Lebensbedingungen und wird deshalb auch – wie in der Politeia – als ‚idealer Staat‘ bezeichnet. Der Gesetzgeber Salomona sorgt für die „Erhaltung der idealen Verfassung“, indem er die Insel von fremden Einflüssen abschottet (Müller 1989: 5f). Die beinahe 2000 Jahre alte Verfassung von Bensalem besagt darüber hinaus, dass Änderungen strengstens verboten sind, da das wahrhaft Richtige nicht verändert werden muss. Neuankömmlinge werden nur unter dem Schwur aufgenommen, den idealen Staat geheim zu halten, wobei die meisten ohnehin nicht mehr abreisen, um andernorts zu leben. Die Bensalemer, wie die sich Bewohner von Bensalem bzw. Nova Atlantis selbst nennen, leben zwar in einer absolut abgeschotteten Welt, sind sich aber keineswegs im Unklaren über das Geschehen der restlichen Welt. Die Inselbewohner reisen des Öfteren in Teile der restlichen Welt, um die übrigen Völker und deren technischen Fortschritt zu studieren, ohne dabei jedoch auffällig zu erscheinen (Müller 1989: 5f). In diesem Punkt liegt auch der markante Unterschied zu Thomas Morus Utopia. Während die Bewohner Utopias eine statische Wirtschaft betreiben und mit einfachen Gütern leben, sind die Bensalemer um stetigen technischen Fortschritt bemüht. Ihr Ziel ist es, ihre Güter im Geschmack stets noch zu verfeinern bzw. selbst noch luxuriöser zu leben. Dies zeigt sich auch in folgender Textpassage, welche den Kleidungsstil des Gesetzgebers Salomons beschreibt:

Er [der Ehrwürdige Vater Salomon, S.S.] war ein Mann von mittlerer Größe und von mittleren Jahren, mit einem schönen Antlitz und einem gleichsam barmherzigen Gesichtsausdruck. Bekleidet war er mit einem Gewand aus glattem schwarzen Tuche mit weiten Ärmeln und einer Kapuze. Die Unterkleidung war von sehr feinem und schneeweißem Leinen und reichte bis zu den Füßen; der Gürtel war gleichfalls aus weißem Leinen. Auch trug er einen Koller aus reinstem Leinen um den Hals. Er hatte kostbare Handschuhe an, die mit Edelsteinen geschmückt waren, und hyazinthfarbene Schuhe aus reiner Seide. […] Er saß auf einem prachtvollen Armstuhle ohne Räder nach Art einer Sänfte, die auf beiden Seiten von je zwei Pferden, die herrlich aufgezäumt um mit himmelblauen, golddurchwirkten Decken behängt waren, getragen wurde (Bacon 2017: 203)

Dieses Streben nach Wohlstand bzw. die sich stets weiterentwickelnde Forschung ermöglicht es den Bewohnern von Nova Atlantis, sich dem Prozess des Alterns zu entziehen. Des Weiteren verfügen sie über verschiedenste Techniken, um beispielsweise das Meerwasser entsalzen zu können oder Lebensmittel, Minerale und Metalle künstlich herzustellen. Ein weiterer Unterschied zu Morus Werk zeigt sich in der Art der Wissenschaftsnutzung. Die Utopier produzieren keine Waffen, die Bensalemer hingegen erzeugen ein unschlagbares Militär aus Flugzeugen und Unterseebooten sowie ein nichtlöschbares Feuer und diverse toxische Substanzen (Gnüg 1999: 83f; Müller 1989: 6f). Müller (1989: 7) beschreibt Bacons Werk als „die klassische Utopie des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts“.

Als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Utopien gilt Johann Gottfried Schnabels Tetralogie Insel Felsenburg, erschienen ab dem Jahr 1731, wobei es sich nach Gnüg (1999: 7) um eine Verbindung von Utopie und Robinsonade handelt. Schölderle (2017a: 98) spricht von einer „gewissen Grauzone des Utopiediskurses“ sowie „auffallende[n] Überschneidungen mit dem Genre der Robinsonade“. Dieser Roman beginnt mit der finanziellen Niederlage des Studenten Eberhard Julius, der durch einen Brief auf die Insel Felsenburg eingeladen wird und somit aus seiner aussichtslosen Situation bzw. „höchste[n] Not“ gerettet wird (Müller 1989: 72). Auch hier ist es – wie bei Morus und Bacon – so, dass die Europäer, also jene Personen, die nicht auf der Insel wohnen, auch nichts von der Existenz dieser utopischen Insel wissen, die Felsenburger jedoch über die übrige Welt bestens Bescheid wissen. Anders als bei den zuvor beschriebenen Utopien werden die Europäer von den Felsenburgern jedoch ausgewählt und per Brief dorthin eingeladen, um die Insel weiterzuentwickeln, wohingegen sie bei Morus und Bacon während der Seefahrt dorthin gelangen. In allen Fällen geschieht es für die Europäer selbst jedoch zufällig und zumeist in einer ausweglosen Situation befindend (Gnüg 1999: 108f; Müller 1989: 73).

Die Geschichte der Utopie ließe sich noch um zahlreiche Werke ergänzen und bis in die Gegenwart fortsetzen. Wegen der Nähe zur Phantastik sind Utopien des Weiteren nicht nur Teil der Erwachsenenliteratur, sondern weisen auch Grundzüge der Kinder- und Jugendliteratur auf. Ein prägendes Beispiel dafür wäre Jonathan Swifts Roman Gullivers Reisen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Utopische Elemente in den Werken "Der Goldne Topf" und "Nußknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
30
Katalognummer
V539516
ISBN (eBook)
9783346139740
ISBN (Buch)
9783346139757
Sprache
Deutsch
Schlagworte
utopische, elemente, werken, hoffmanns, goldne, topf, nußknacker, mausekönig
Arbeit zitieren
Sandro Scharerweger (Autor), 2018, Utopische Elemente in den Werken "Der Goldne Topf" und "Nußknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539516

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