Sprachnormierungen und Sprachgebrauch im langen 19. Jahrhundert

Die Groß- und Kleinschreibung des Deutschen am Beispiel der Desubstantivierungen


Studienarbeit, 2019

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung, Aufbau und Fragestellungen

2 Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung des Deutschen im langen 19. Jahrhundert
2.1 Historische Bedeutung der Majuskel und der Weg zur Normierung
2.2 Desubstantivierungen
2.3 Variation von Präskriptionen hinsichtlich Desubstantivierungen

3 Korpora und Methoden
3.1 Textkorpus
3.2 Vorgehensweise

4 Analysen und Ergebnisse
4.1 Analyse und Ergebnisse nähesprachlicher Textkorpora
4.2 Analyse und Ergebnisse distanzsprachlicher Textkorpora

5 Fazit: Wirkung von Präskriptionen auf die Groß- und Kleinschreibung von Desubstantivierungen

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Verwendung der Variante Leid t(hun) vs. leid t(h)un [n=49]

Abbildung 2: Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei der Ableitung von Wochentagnamen [n=39]

Abbildung 3: Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei Temporaladverbien [n1=108, n2=31, n3=109, n4=33]

Abbildung 4: Verwendung der Variante Recht sein/gut vs. recht sein/gut [n=625]

Abbildung 5: Verwendung der Variante Anfangs vs. anfangs [n=43]

Abbildung 6: Verwendung der Variante Falls vs. falls [n=2468]

Abbildung 7: Verwendung der Variante Anfangs vs. anfangs [n=5534]

Abbildung 8: Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei Temporaladverbien [n1= 4503, n2=1358, n3=7345, n4=2519]

Abbildung 9: Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei der Ableitung von Wochentagnamen [n=854]

Abbildung 10: Verwendung der Variante Schuld sein vs. schuld sein (Google Books 2013ff)

Abbildung 11: Verwendung unterschiedlicher Varianten von leidtun (Google Books 2013ff)

Abbildung 12: Verwendung der Variante Schuld haben vs. schuld haben (Google Books 2013ff)

Abbildung 13: Verwendung der Variante Recht haben vs. recht haben [Google Books 2013ff]

Abbildung 14: Verwendung der Variante Flugs vs. flugs [n=158]

1 Einleitung, Aufbau und Fragestellungen

Die folgende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Groß- und Kleinschreibung des Deutschen im langen 19. Jahrhundert, das üblicherweise von 1789-1918 datiert ist. In diesem Zeitraum unterlag die deutsche Sprache weitläufigen Veränderungen, die u.a. auf orthographischer, grammatischer und syntaktischer Ebene zu finden sind. Vor allem in Bezug auf die Groß- und Kleinschreibung können zahlreiche Unterschiede zu heute festgehalten werden, da die Rechtschreibung im 19. Jahrhundert keiner einheitlichen Normierung unterlag und es somit parallel zu differenten Schreibweisen kam. Die unterschiedlichen Sprachgebräuche und Sprachnormierungen hinsichtlich der Groß- und Kleinschreibung im 19. Jahrhundert sollen in dieser Seminararbeit am Beispiel der Desubstantivierungen analysiert werden.

Dafür wird zu Beginn auf die Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung des Deutschen während des langen 19. Jahrhunderts eingegangen und dessen historischer Bedeutung, also warum es überhaupt zur Einführung der Majuskel im Deutschen gekommen ist, nachgegangen. Anschließend folgt eine Auseinandersetzung mit dem Terminus Desubstantivierung und dessen orthographischer Variation sowie Entwicklung unter Bezugnahme diverser Grammatiken dieser Zeit, allen voran jene von Adelung, Heyse und Becker. Diesem theoretischen Bezug folgt eine Korpusanalyse nähesprachlicher und distanzsprachlicher Texte. Als Textkorpora fungieren dabei zum einen eine vom Lehrveranstaltungsleiter zur Verfügung gestellte digitale Sammlung von Auswandererbriefen, zum anderen das Deutsche Textarchiv. Beide Korpora werden auf die Weise analysiert, dass ausgewählte Beispielwörter für Desubstantivierungen unter Berücksichtigung der Groß- und Kleinschreibung gesucht werden, um Auskunft über den Sprachgebrauch der Schreiber und Schreiberinnen im langen 19. Jahrhundert zu erhalten. Ausgehend von der Hypothese, dass die Präskriptionen der Grammatiker mehr auf die Distanzsprache wirken, soll im Verlauf dieser Seminararbeit folgende Forschungsfrage geklärt werden: Wie wirken sich die Präskriptionen diverser Grammatiker auf die Groß- und Kleinschreibung der Desubstantivierungen im nähesprachlichen und distanzsprachlichen Sprachgebrauch aus?

2 Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung des Deutschen im langen 19. Jahrhundert

Das Deutsche ist aktuell neben dem Luxemburgischen, das auf hochdeutsche Wurzeln beruht, seit 1948 die einzige Sprache, die sich durch die Substantivgroßschreibung auszeichnet. Dänemark hatte bis 1948 dieselbe Regelung, ehe in diesem Staat ebenso die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt wurde (Ewald & Nerius 1997: 431). Auch im Deutschen war die Groß- und Kleinschreibung nicht immer üblich; sie ist auf einen jahrhundertelangen Prozess zurückzuführen, der erst mit der Orthographischen Konferenz von 1901 in einer einheitlichen Normierung endete (Müller 2016: 11; von Polenz 1999: 249). Es gilt allerdings bereits an dieser Stelle anzumerken, dass die deutsche Sprache auch jetzt noch einem dynamischen System unterliegt und somit von Veränderungen, Kritik und Forderungen gekennzeichnet ist (Müller 2016: 8). Die Entwicklung der Sprache und damit auch der Groß- und Kleinschreibung ist demnach bis heute nicht abgeschlossen, sondern wird fortwährend bestehen. Im folgenden Kapitel soll auf den Ursprung der Majuskeln sowie auf die Entwicklung und unterschiedlichen Kodifizierungen der Groß- und Kleinschreibung, insbesondere der Desubstantivierungen, während des langen 19. Jahrhunderts eingegangen werden.

2.1 Historische Bedeutung der Majuskel und der Weg zur Normierung

Die Ursprünge des Majuskelgebrauchs sind bis auf die Antike zurückzuführen, wohingegen sich im Frühmittelalter die Kleinschreibung etablierte und die Majuskelschrift verdrängte, infolgedessen den Majuskeln lediglich zwei Grundfunktionen zukamen (Nerius 2007: 194). Müller (2016: 8) spricht diesbezüglich von einer Auszeichnungs- und einer Initialisierungsfunktion. Bei ersterer werden ganze Lexeme, Phrasen oder sogar kurze Texte ausschließlich durch Majuskeln repräsentiert. Diese Hervorhebung ist allerdings keinesfalls willkürlich und wird so lange fortgeführt, „bis der Geltungsbereich der Auszeichnungsfunktion verlassen wird“ (Müller 2016: 8). Beachtet man den heutigen Einsatz von Majuskeln (z.B. Überschriften, Betonungen, Anreden), so zeigt sich, dass diese Auszeichnungsfunktion bis heute Verwendung findet und zumeist auf die gleichen typographisch kodifizierten Konventionen wie im Mittelalter beruht. Die Initialisierungsfunktion bildete sich aus der Auszeichnungsfunktion heraus, mit dem Unterschied, dass lediglich der erste Buchstabe einer orthographischen Einheit mit einer Majuskel realisiert wird und anschließend Minuskel folgen (Müller 2016: 10f).

Die Initialisierungsfunktion, also die Abfolge von Minuskeln auf eine Majuskel, ist in zahlreichen Texten des Mittelalters zu finden (z.B. Evangelienbuch von Otfried von Weißenburg) und kam im Laufe des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts immer häufiger zum Ausdruck, weshalb sie als Urform der heutigen Groß- und Kleinschreibung betrachtet werden kann. Aus der Großschreibung von Eigennamen oder geographischen Gegebenheiten entwickelte sich im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts die Substantivgroßschreibung (Mentrup 1980: 283f).

Mentrup (1984: 194) spricht hinsichtlich der Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung von einem stufenförmigen Zunahme der Majuskel: „erste zeile eines buches, eines jeden kapitels und absatzes; einer jeden zeile und eines jeden verses; namen und gewisse merkwürdige hauptwörter“. Er beschreibt damit einen Übergang der Großschreibung von „gewisse[n] merkwürdige[n] hauptwörter[n]“ zu allen Substantiven, was sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zuspitzte und als textstrukturierendes Mittel fungierte (Müller 2016: 16). Gleichzeitig kam es aber auch immer wieder zu Forderungen von Vertretern der historischen und phonetischen Schule, allen voran Jacob Grimm oder diverse Rechtschreib- und Lehrervereine, die die Substantivgroßschreibung ablehnten. Argumente dagegen waren unter anderem der Verstoß gegen die lauttreue Schreibung bzw. die Einfachheit der Schriftsprache. Auf der anderen Seite plädierten Sprachforscher wie Daniel Sanders und Konrad Duden für die Beibehaltung der Substantivgroßschreibung der Gebrauchspragmatik und Textstrukturierung wegen (Rädle 2003: 181f; Scheuringer 1996: 68f).

Die Uneinigkeit über die deutsche Rechtschreibung ging in manchen Fällen sogar so weit, dass in Schulen verschiedene Regeln gelehrt wurden: „Nicht zwei Lehrer derselben Schule […] waren in allen Stücken über die Rechtschreibung einig, und eine Autorität, die man hätte anrufen können, gab es nicht“ (Duden 1908, zitiert nach Mentrup 1984: 205). Aus diesem Grund kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung zahlreicher Schulorthographien, um zumindest innerhalb einzelner Schulen oder Regionen verbindlich dieselben Rechtschreibregeln zu vermitteln. Mentrup (1984: 205) spricht dabei von einer „schleichenden Normierung“, die nach der misslungenen Orthographischen Konferenz 1876 einen Höhepunkt in der Orthographischen Konferenz 1901 feierte.

2.2 Desubstantivierungen

Von Desubstantivierungen spricht man, wenn Substantive in eine andere Wortart umgeformt werden. Diese Umformung ist eine Art der Wortbildung, die durch explizite Derivation (z.B. Affigierung) oder Konversion erfolgt. Erfolgt die Desubstantivierung durch Konversion, so sind das ursprüngliche Substantiv und das entstehende Desubstantivum homonym, üblicherweise wird letzteres heutzutage aber klein geschrieben, da es keine substantivischen Merkmale aufweist (Lasselsberger 2000: 94f; Rat für deutsche Rechtschreibung 2006: 61).

Müller (2014: 9) nennt diesbezüglich folgendes Beispiel:

„Petra stand auf dem Kopf“ beinhaltet das Substantiv Kopf, durch Konversion bzw. Desubstantivierung ergibt sich die Form „Petra stand kopf“. Das Desubstantivum kopf wird in diesem Fall dann allerdings kleingeschrieben. Folgende Formen der Desubstantivierung sind möglich, unterschieden werden sie nach der entstehenden Wortart (nach Augst 1997: 388; Rädle 2003: 163):

- Desubstantivierung zu Verben: der Teil à ich nehme daran teil (teilnehmen)
- Desubstantivierung zu Verbpartikel: Leid t(h)un à leid t(h)un à leidtun
- Desubstantivierung zu Adverbien: des Anfangs à anfangs
- Desubstantivierung zu prädikativ gebrauchten Adjektiven: die Schuld à sie ist schuld
- Desubstantivierung zu Konjunktionen: der Fall à falls (es so weit kommt…)
- Desubstantivierung zu Präpositionen: das Mittel à mittels (eines Elektrokardiogramms kann der Herzrhythmus analysiert werden)
- Desubstantivierung zu unbestimmten Zahlwörtern: der Bissen à ein bisschen

Für diese Seminararbeit sind vor allem jene Formen der Desubstantivierung relevant, die im langen 19. Jahrhundert bzw. auch heute noch an der Groß- bzw. Kleinschreibung zweifeln lassen. In Kapitel 2.3 wird deshalb noch genauer auf die unterschiedlichen Präskriptionen eingegangen, um die Forschungsfrage theoretisch belegen zu können.

2.3 Variation von Präskriptionen hinsichtlich Desubstantivierungen

Rädle (2003: 163ff) nennt als Leitwerke für die Groß- und Kleinschreibung des 19. Jahrhunderts Johann Christoph Adelungs Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie (1795), Johann Christoph August Heyses Theoretisch-praktische deutsche Grammatik (1838), Karl Ferdinand Beckers Ausführliche Deutsche Grammatik (1839) sowie diverse Schulorthographien, wobei sie sich hauptsächlich auf die preußische Schulorthographie (1880) bezieht. Als weiteres Leitwerk dient Konrad Dudens Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache (1888), welches ich bezüglich der Groß- und Kleinschreibung ausgewählter Desubstantivierungen analysiert habe.

[...]

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Details

Titel
Sprachnormierungen und Sprachgebrauch im langen 19. Jahrhundert
Untertitel
Die Groß- und Kleinschreibung des Deutschen am Beispiel der Desubstantivierungen
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V539518
ISBN (eBook)
9783346213006
ISBN (Buch)
9783346213013
Sprache
Deutsch
Schlagworte
19. Jahrhundert, Groß- und Kleinschreibung, Desubstantivierungen, Sprachnormierung, Sprachgebrauch, Deutsche Sprache
Arbeit zitieren
Sandro Scharerweger (Autor:in), 2019, Sprachnormierungen und Sprachgebrauch im langen 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539518

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