Die Linguistic Landscapes von Universitätstoiletten. Eine empirische Analyse


Hausarbeit, 2017

34 Seiten, Note: Bestanden


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik und Forschungsfrage
1.1 Die Untersuchungsvariablen der Linguistic Landscapes
1.2 Forschungsfrage und Forschungshypothesen dieser Arbeit

2 Bemerkungen zu den Linguistic Landscapes
2.1 Charakteristika und Forschungsstand der Linguistic Landscapes
2.2 Verbindung der Linguistic Landscapes zu Cultural Linguistics
2.3 Verbindung der Linguistic Landscapes zu Cognitive Linguistics

3 Kontextualisierung: Toiletten
3.1 Allgemeines und aktueller Forschungsstand
3.2 Exkurs: die Tabuisierung des Toilettenganges

4 Kontextualisierung: Studierende

5 Methodik und Datenkorpus
5.1 Methodik
5.2 Problematiken der Forschung
5.3 Datenkorpus

6 Auswertung der Daten
6.1 Generelles
6.2 Quantitative Auswertung
6.2.1 Differenzen zwischen Herren- und Damentoiletten
6.2.2 Differenzen zwischen Analyseorten
6.2.3 Zusammenfassung quantitative Analyse
6.3 Qualitative Auswertung

7 Resümee und Ausblick

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Übersicht über das Datenkorpus

Abbildung 2: Kategorien der Signs

Abbildung 5: Beispiel für ein Selbstdarstellung-Sign

Abbildung 3: Beispiel für ein werbend orientiertes Sign

Abbildung 4: Beispiel für ein werbend orientiertes Sign

Abbildung 6: Sign, an dem konstruiert und dekonstruiert wurde

Abbildung 7: Linguistic Landscapes der Vorderseite einer Toilettenkabine

Abbildung 9: Zweites qualitativ analysiertes Sign

Abbildung 8: Erstes qualitativ analysiertes Sign.

1 Einführung in die Thematik und Forschungsfrage

1.1 Die Untersuchungsvariablen der Linguistic Landscapes

Die Forschung zu den Linguistic Landscapes (LL), die die Sichtbarkeit, Bedeutung, Anordnung und Wirkung von geschriebener Sprache im öffentlichen Raum untersucht (vgl. Shohamy & Gorter 2009: 1), hat sich seit dem viel zitierten Aufsatz von Landry und Bourhis (vgl. Landry & Bourhis 1997), der zumeist als Anfang der LL-Studien propagiert wird, zu einem vielfältigen Forschungsfeld entwickelt[1]. Als Untersuchungsgegenstand behandeln LL-Studien üblicherweise ein öffentliches, vorwiegend urbanes, Areal und betrachten die dort verwendeten Sprachen, weswegen in der Literatur teilweise der Name der Linguistic Cityscapes gewählt wird (vgl. Koll-Stobbe & Muth 2009: 131). Die Fokussierung auf die Untersuchungsvariablen Schilder und öffentliche Orte, wie beispielsweise die Erforschung der Linguistic Landscapes in einer Einkaufsstraße, wird heute zunehmend weiter interpretiert, sodass einerseits Schilder und andererseits öffentliche Orte aller Art erforscht werden (vgl. Hanauer 2009)[2]. Diese Entwicklung spielt auch in der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle, da als Untersuchungsort die Toilettenlandschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München fungiert.

Untersuchungsgebiete, die in LL-Studien dokumentiert werden, können demnach hinsichtlich der Variable Öffentlichkeit in verschiedene Kategorien unterteilt werden, die die möglichen Ausprägungen hinsichtlich Status und Anzahl der Rezipierenden einbeziehen:

- Publike Orte: Rezipierende können prinzipiell alle Personen sein und eine hohe Anzahl von Rezipierenden ist zu erwarten (unlimitierter Zugang).

Beispiel: LL einer Einkaufsstraße, LL einer Internetseite

- Semi-publike Orte: Der Zugang ist durch den Status der Personen limitiert, sodass eine geringere Anzahl von Personen als Rezipierende in Frage kommt.

Beispiel: LL von Firmen/Institutionen/Universitäten, LL des Darknets

- Private Orte: Der Zugang ist nur ausgewählten Personen, die eine soziale Nähe zum Produzenten aufweisen, erlaubt und die Anzahl ist sehr limitiert.

Beispiel: LL eines Kinderzimmers

1.2 Forschungsfrage und Forschungshypothesen dieser Arbeit

In dieser Arbeit soll – vor allem in den Kapiteln 2.2 und 2.3– reflektiert und auch aufgezeigt werden, welche kulturellen und kognitiven Faktoren auf die LL einwirken, woraus sich folgende Fragestellungen ergeben:

- Welche kulturellen Faktoren bedingen die LL?
- Welche kognitiven Faktoren wirken auf die LL ein?

Hier liegt der Fokus auf den LL der semi-publiken Orte und auf den bottom-up Signs[3], also den nicht-amtlichen Signs (vgl. Ben-Rafael, Shohamy, Amare & Trumper-Hecht Nira 2006).

Diese Festlegung hat zweierlei Gründe: Einerseits ist es angebracht, da die LMU als größte deutsche Universität mit vielen internationalen Studenten ein interessantes und durch Diversität geprägtes Forschungsgebiet darstellt. Andererseits bieten Toiletten als semi-publike Orte einen besonderen Forschungsansatz für LL-Studien, der schon in manchen Studien[4] untersucht wurde (vgl. Reagan 2002; vgl. Kadenge 2015). Darüber hinaus gibt es bei diesem Untersuchungsgegenstand noch die Besonderheit, dass immer nur ein Rezipient zu einer bestimmten Zeit aktiv die LL einer Toilettenkabine betrachten kann. Aus diesen Gründen ergaben sich mehrere Forschungsfragen und -hypothesen, die unter einem zentralen Erkenntnisinteresse subsummiert werden können, das wie folgt lautet und dem in dieser Studie nachgegangen werden soll:

- Wie gestalten sich die LL von Universitätstoiletten aus?

Hypothese: In allen Bereichen sind viele Signs zu erwarten, die je nach Standort vor allem inhaltlich differenzieren.

Diese Frage kann durch mehrere Teilaspekte präzisiert werden:

- Welche Inhalte werden mithilfe welcher Sprache kommuniziert?

Hypothese: Die meisten Signs werden auf Deutsch sein.

- Wie unterscheiden sich die LL von Universitätstoiletten an verschiedenen Standorten der LMU?

Hypothese: An den verschiedenen Standorten werden auch verschiedene Inhalte über die LL kommuniziert.

- Finden sich Differenzen zwischen den Männer- und Frauentoiletten?

Hypothese: Es werden Unterschiede zu konstatieren sein.

Zur Überprüfung der Forschungshypothesen wird weiter wie folgt verfahren: Im nächsten Kapitel, das eher theoretisch ausgerichtet ist, sollen Anmerkungen zu den LL geschehen, bevor in Kapitel 3 ausführlicher auf die Methodik der Datenerhebung und -auswertung Bezug genommen wird. In den nachfolgenden Abschnitten soll auf für die Arbeit relevante Kontextualisierungen von Toiletten und Studierenden eingegangen werden, bevor in Kapitel 5 die Methodik genauer beleuchtet wird. Schließlich soll in Kapitel 6 die qualitative und quantitative Auswertung der Daten dargestellt werden.

2 Bemerkungen zu den Linguistic Landscapes

In diesem Kapitel werden relevante Punkte der LL hinsichtlich Historie, Schwerpunkt und Entwicklung vorgestellt. Darüber hinaus wird dargestellt, wie und warum LL sowohl im Sinne der Cultural Linguistics als auch der kognitiven Linguistik kategorisiert werden können bzw. welche Vorannahmen ausgehend von den beiden Bindestrich-Linguistiken auf die LL übertragen werden müssen.

2.1 Charakteristika und Forschungsstand der Linguistic Landscapes

Das Forschungsfeld der LL erfreut sich wachsender Beliebtheit, was aus der hohen Anzahl an Publikationen zu dieser Thematik zu schließen ist (vgl. Angermeyer 2015: 185). Als Gründe für die wachsende Beliebtheit sind einerseits der technische Fortschritt, der eine schnelle, leichte und kostengünstige Erhebungsmethode sowie effiziente Datenauswertung garantiert, als auch anderseits die Interdisziplinarität dieses Bereiches, die Forschende aus verschiedenen Wissenschaften zur Untersuchung motiviert, anzuführen (vgl. Coupland & Garrett 2010: 10; vgl. Blommaert 2013: x; vgl. Barni & Bagna 2015). Entgegen aktueller Tendenzen in der Linguistik quantitative Forschung mit großen Korpora und großen Tokenzahlen zu betreiben, greifen Forschende der LL bewusst auf qualitative Methoden und Methodologien zurück, da vergangene Studien gezeigt haben, dass rein quantitative Auswertungen zur Beantwortung bestimmter Forschungsfragen zu kurz greifen, wie beispielsweise die Wahrnehmung der LL durch die Passanten, die man sehr gut mit qualitativen Interviewverfahren ergründen kann (vgl. Papen 2012).

Entstanden ist das Feld der Linguistic Landscapes im Kontext der Vitalität von Minderheitensprachen, die durch eine quantitative Datenauswertung dokumentiert werden sollte (vgl. Landry & Bourhis 1997: 23)[5]. Heute dagegen sehen viele Studien, wie diese auch, das Signifiant Sprache gleichbedeutend neben anderen semiotischen Signifiants, wie Farbe, Layout, Font, linguistische Struktur, Zusammensetzung des möglichen Publikums, Sprachpolitik und Sprachgesetze, urbane vs. rurale Lokation, Mobilität von Menschen oder Waren und Ökonomie oder Erscheinungsort (vgl. Androutsopoulos 2014: 83), sodass teilweise der Name der Semiotic Landscapes genutzt wird (vgl. Jaworski & Thurlow 2010; vgl. Thurlow & Jaworski 2014; vgl. Jaworski 2015)[6] und eine Ko- und Kontextualisierung der Sprache stattfindet. Diese Ko- und Kontextualisierung verweist indexikalisch auf kulturelle und kognitive Muster, die unter den Punkten 2.2 und 2.3 näher resümiert werden. Dies spielt besonders auf der kommunikativen Ebene eine wichtige Rolle, da der Produzent natürlich mit einer kommunikativen Absicht ein Sign produziert, das durch kulturelle und kognitive Muster gerahmt wird.

Angewandt auf die Kommunikationsmodelle von Karl Bühler (1965: 28) und Roman Jakobson & Halle (1960) interagieren Produzent und Rezipient bei den LL eines Ortes mittels eines Zeichenrepertoires, das auf die Realität indexikalisch verweist. Besonders wichtig sind dabei die ikonischen und symbolischen semiotischen Zeichen, da eine Kommunikation nur zustande kommt, wenn der Rezipient die Signifiants der Zeichen den vom Produzenten intendierten Signifiés zuordnen kann. Diese referentielle Deutung der Nachricht unterliegt einem gemeinsam geteilten kulturellen und kognitiven Horizont. Das Besondere hierbei ist allerdings, dass die Kommunikation zwischen Produzent und Rezipient asynchron bezüglich Gleichzeitigkeit und Gleichörtlichkeit ist und beispielsweise die Re-Kommunikation (phatische Funktion nach Jakobson) des Rezipienten mit dem Produzenten ein anderes Medium bzw. einen anderen Kommunikationskanal erfordert (z.B. Telefon oder E-Mail, da nicht zu erwarten ist, dass der Produzent zurückkehrt um zu sehen, ob eine Nachricht von Rezipienten auf dem Sign hinterlassen wurde). Aus diesem Grund muss die Schriftsprache anderen Regeln folgen als die gesprochene Sprache, wie auch Burns (1989: 296) vermerkt:

„The hearer is no longer face-to-face with the speaker. The reader cannot ask the writer to clarify his meaning, nor can the writer expect any feeling telling him whether he has been understood. [...] Written communication has to follow certain mutually agreed-on rules of logic and organization.“

Die metasprachliche Funktion, das Reden über das Sign, kommt im Falle der LL (zumindest, wenn es sich um eine Anzeige oder ein Angebot handelt) erst zustande, wenn der Rezipient die Kommunikation weiterführen möchte.

Nicht weniger wichtig ist zudem der prozesshafte Charakter der Signs, vor allem in öffentlichen Toiletten, der eine Interaktion der Rezipienten mit den Signs nicht ausschließt (siehe Abbildung 6) und auf den in neueren Studien zunehmend Bezug genommen wird (vgl. Ben-Rafael et al. 2006: 27; vgl. Edelman 2014: 9; vgl. Peck & Banda 2014). Diese Interaktion wird beispielsweise ermöglicht, indem bei Angeboten Sollreißstellen mit Telefonnummern oder E-Mail-Adressen angebracht sind, die durch die Rezipienten abgenommen werden können. Durch das Abreißen tragen die Rezipienten wiederum aktiv zur Gestaltung der LL bei, da sie das Sign nachhaltig verändern. Das abgerissene Stück wird von den anderen Rezipienten mental rekonstruiert, da sie aufgrund des unsauberen Abrisses annehmen, dass jemand diese Stelle abgerissen haben muss. Dieser Umstand weist demnach indexikalisch auf eine Interaktion mit dem Sign hin.

Da in diesem Abschnitt oft die Rede davon war, dass kulturelle und kognitive Faktoren die LL beeinflussen, soll im nächsten Abschnitt zuerst genauer auf die kulturellen Faktoren eingegangen werden.

2.2 Verbindung der Linguistic Landscapes zu Cultural Linguistics

Da diese Arbeit auch der Frage nachgeht, inwiefern LL in den Bereich der Cultural Linguistics fallen bzw. was an den LL als kulturell bedingt angesehen werden kann, soll in diesem Abschnitt näher darauf eingegangen werden.

Als kulturell soll hier nach Schulze (2016b: 2) Folgendes verstanden werden:

„Das Ensemble sozial vermittelter Konzeptualisierungen von ‚Objekten‘ der ‚Welt‘ einer Gesellschaft (samt ihrer Prozesse) sowie von mit ihnen verbundenen, gesellschaftlich regulierten praxeologischen Beziehungen und ‚Werten‘“[7].

Diese Definition zeigt, dass Kultur sehr stark mit Wissen um bzw. von etwas korreliert und soziales Verhalten durch kulturelle Faktoren geregelt wird. Kultur besitzt auch einen prozesshaften Charakter, da sie nicht von Geburt an greifbar ist, sondern durch Lernen und Interaktion erworben werden muss und kulturelle Konzeptualisierungen historisch wandelbar sind (vgl. Williams 1976: 90). Demzufolge stellt sich die Frage, was genau an den LL von Universitätstoiletten kulturell geprägt ist.

LL auf Universitätstoiletten gibt es sehr wahrscheinlich in allen Universitäten in Deutschland. Doch im Sinne der Cultural Linguistics ist die spezielle Ausprägung dieser Landscapes insofern kulturell, als dass sie sich von anderen öffentlichen Toiletten in manchen Aspekten unterscheidet. Die LL an sich sind insofern kulturell geprägt, als sie eine bestimmte Form der nicht-mündlichen Kommunikation darstellen, die in dieser Ausprägung beispielsweise in Gesellschaften ohne Schriftsystem nicht zu erwarten sind[8]. Die Perspektive des Rezipienten bestimmt somit wie er zum Produzenten steht und was als sinnhaft gilt (vgl. Parsons 1976: 21).

Demzufolge ist die Art der Kommunikation bzw. der Prozess der sozialen Interaktion als kulturell geprägt anzusehen, da er die Lebenswelt[9] als Kontext[10] heranzieht. Der Kontext, in dem eine Äußerung geschieht, also das Signifiant, ist für das Verständnis, also das Signifié, erforderlich, wie auch Forgas (1985: 1) bemerkt: „[E]very utterance we produce, and every utterance produced by others that we understand, is similarly dependent on people’s shared knowledge of the surrounding social situation.“ Diese Beziehung zwischen Äußerung und Kontext betont auch Jaffe (2014: 214):

“That is, speakers, writers, and signers act „in“ contexts that are defined by collective, historical processes that they do not control. [...] Secondly, contexts are multilayered: any given moment that we wish to analyze is embedded simultaneously in multiple contextual frames.”

So erhält das Sign nur am Ort selbst erst Bedeutung. Beispielsweise trägt ein Sign mit dem Text Biete Bücher auf dem Schreibtisch des Produzenten nicht die gleiche Bedeutung wie auf Universitätstoiletten (vgl. Scollon & Scollon 2003). Symbole mit kulturrelativer Bedeutung, wie z.B. Farben, können die LL eines Ortes und ein Sign ebenso mitbestimmen und je nach Ort variieren bzw. zur Gesamtbedeutung des Signs beitragen.

Eine frappierende Ähnlichkeit weisen die LL von Universitätstoiletten zu anderen Lokationen mit ähnlicher Signifiant-Seite der LL auf, wie sie u.a. in Eingangsbereichen von Supermärkten unter dem Titel von Kunde zu Kunde oder auch auf Facebook-Seiten[11] zu finden sind und dem Konzept des schwarzen Bretts ähneln. Diese Orte mit LL zeigen alle Gemeinsamkeiten hinsichtlich der gezielten Übermittlung von Nachrichten des Produzenten an spezielle Rezipienten, der Kostensparsamkeit und mangelnden Kontrolle durch eine autoritäre Instanz.

Darüber hinaus hat in der modernen westlichen Welt die geschriebene Sprache einen sehr hohen Stellenwert, was schließlich nicht verwundert, da ein Großteil der LL-Studien Europa fokussiert. Vor allem ist Analphabetismus – zumindest der primäre, der aufgrund eines mangelnden Zugangs zu Bildungseinrichtungen, vorkommt – in Deutschland wenig verbreitet, was die hohe Alphabetisierungsrate von über 90 Prozent widerspiegelt (vgl. UNESCO Institute for Statistics 2015)[12]. Vor allem ist es sehr wahrscheinlich, dass die primäre Rezipientenschaft – im Falle von Universitätstoiletten Studierende – alphabetisiert sind, da ein Studium in Deutschland ohne Lese- und Schreibfähigkeiten schwer zu meistern wäre. Ein weiterer Grund, warum es auch auf Toiletten eine vielfältige Sprachlandschaft zu analysieren gibt, ist, dass man durch Verschriftlichung seiner Nachricht seine Zielgruppe schnell und ohne hohen Aufwand erreichen kann. Kostensparsamkeit, gezielte Kanalisierung der Botschaft auf die Rezipientenschaft, geringe bürokratische Hürden und mangelnde Kontrolle durch Autoritäten sind weitere Gründe für die Ausprägung der LL auf Toiletten. Schriftliche Texte sind darüber hinaus aus der Perspektive des Rezipienten einfach analysierbar, da er die Nachricht mehrmals lesen kann, da die Nachricht nicht so flüchtig ist wie mündliche Sprache.

Einen nicht zu vernachlässigenden Faktor stellt zudem die heutige Technologie dar. Fast alle heutigen Studierenden besitzen ein Smartphone oder zumindest ein fotofähiges Mobiltelefon, mit dem sie problemlos und schnell die Signs per Fotografien dokumentieren können (vgl. Bitter 2013). Diese effiziente Dokumentation per Foto trägt zu einer spurenlosen Interaktion mit den Signs bei, da Sollreißstellen nicht mehr abgenommen werden müssen, sondern nur fotografiert werden können. Gleichwohl zählt die Beschäftigung mit dem Telefon zu den häufigsten Aktivitäten während des Toilettengangs (vgl. Boltz & Gölsdorf 2015: 199).

Als weitere kulturelle Faktoren, die die LL beeinflussen, können die Wissensdimensionen herangezogen werden (vgl. Schulze 2012). Das enzyklopädische Wissen würde die Dimension des generellen Wissens über die LL an Universitätstoiletten berühren. So kann ein studentisches Individuum wissen, dass es auf Universitätstoiletten durchaus Signs gibt, auf denen ökonomisches Handeln abgehandelt wird, oder auf denen Meinungen kundgetan werden. Das praxeologische Wissen beträfe demgegenüber eher die tatsächliche Erfahrung eines Individuums mit den LL, sei es als Produzent oder aktiver oder passiver Rezipient. Das emotive Wissen thematisiert die emotiven Erfahrungen eines Individuums mit den LL von Universitätstoiletten, sodass beispielsweise positive oder negative Gefühle gegenüber dieser Art der Kommunikation hervorgerufen werden können. Das Wertewissen beschreibt, welchen Status ein Phänomen in einer Gesellschaft hat. Das inferentielle bzw. kausale Wissen zeigt vor allem, dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung gibt. Da ein LL wahrgenommen werden kann, weiß der Betrachter, dass es einen menschlichen Verfasser und Anbringer gab.

[...]


[1] Die Aussagekraft der anfänglichen, methodisch stark quantitativ ausgerichteten Studien wurde jedoch oft kritisiert, sodass heute eine Methodentriangulation zu finden ist, die neben quantitativen Variablen qualitative Methoden und Methodologien miteinbezieht. Darüber hinaus findet in vielen Studien eine starke Kontextualisierung statt, indem beispielsweise demografische oder sprachpolitische Faktoren berücksichtigt werden.

[2] Darüber hinaus könnten auch die LL an privaten Orten untersucht werden, z.B. in Wohnzimmern, Schlafzimmern etc.

[3] Eine Definition von Sign erfolgt in Abschnitt 5.3. Die meisten Signs in Universitätstoiletten sind bottom-up Signs, also Schilder von nicht-amtlichen Produzenten. Jedoch finden sich auch teilweise top-down Signs.

[4] [4] Semi-publike Orte können bis hin zu menschlichen Körpern gefasst werden (vgl. Peck & Stroud 2015).

[5] Schon vor dem Artikel von Landry & Bourhis (1997) gab es Studien zu geschriebener Sprache an öffentlichen Orten (vgl. die Zeitschrift Anthropophyteia, die sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den LL von Männertoiletten auseinandersetzte), jedoch werden diese heute nicht mehr direkt mit dem Feld der LL in Verbindung gebracht.

[6] Hier soll allerdings der Terminus Linguistic Landscapes verwendet werden, auch wenn semiotische Aspekte in die Untersuchung miteinfließen, da er in der Literatur in diesem weiteren Sinne verwendet wird.

[7] Auf eine ausführliche Diskussion des Terminus Kultur und dessen Definition soll an dieser Stelle verzichtet werden.

[8] Es sei denn, man definiert LL i.w.S. – wie es oft in der Literatur zu tragen kommt – als Semiotic Landscapes, die implizit schriftliche Symbole aller Art einschließen, da ja beispielsweise schriftlose Kulturen auch Symbole verwenden. Darüber hinaus stellt Schrift an sich auch nur die Signifiant-Seite eines Symbols dar.

[9] Als Lebenswelt wird in dieser Arbeit die „intersubjektiv sinnhafte Welt, an der Menschen durch ihre alltäglichen Handlungen teilhaben“ verstanden. Sie „setzt sich zusammen aus aktuellem Erleben, Erlebtem und Erwartungen bzgl. zukünftigem Erleben“ (Honer 2011: 110–112).

[10] Hier ist eine Unterscheidung zwischen Kotext und Kontext sinnvoll. Als Kotext soll alles gelten, was der Rezipient wahrnehmen kann. Als Kontext soll hingegen das gelten, was der Produzent implizit an Wissen beim Rezipienten voraussetzt (vgl. Schulze 2012).

[11] Beispielsweise werden auf der Facebook-Seite München / Wohnung: mieten, kaufen, wohnen Wohnungen oder Möbel vermietet bzw. verkauft.

[12] Zuletzt geprüft am 01.03.2017. Die Zahl von 99,97 Prozent bezieht sich vermutlich auf die Alphabetisierungsrate ohne primäre Analphabeten. Leider war bei den Metadaten für Deutschland weder eine Angabe zu der Quelle, noch zu der Definition von (An-)Alphabet gegeben. Würde man die ca. 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2017), läge die Alphabetisierungsquote bei ca. 91,7 Prozent, was im weltweiten Vergleich sehr hoch wäre.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Linguistic Landscapes von Universitätstoiletten. Eine empirische Analyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Allgemeine und Typologische Sprachwissenschaft)
Note
Bestanden
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V539534
ISBN (eBook)
9783346139764
ISBN (Buch)
9783346139771
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistic Landscapes, Semiotic Landscapes, Universität, Toiletten, Schilder, Bilder, Sprachen, Sprachwissenschaft, Linguistik
Arbeit zitieren
Lisa Graf (Autor), 2017, Die Linguistic Landscapes von Universitätstoiletten. Eine empirische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539534

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