Die Arbeit möchte die bisher einseitig verlaufenen Diskurse zur Beschulung sogenannter Seiteneinsteiger aufzeigen. Sie versteht sich als ein interaktionistisch-konstruktivistischer Beitrag zur ethnographischen Sozialisations- und Schulforschung. Sie liefert zahlreiche empirische Einblicke in den Alltag einer Intensivklasse Deutsch sowie rekonstruktive Analysen des sozialisatorischen Potentials einer solch heterogenen Klassengemeinschaft, die nicht zuletzt auch für eine differenzsensible Lehrerbildung erkenntnisreich sind.
Es ist kein neues Phänomen, wie Frank-Olaf Radtke bereits in den 90er Jahren konstatiert: "Seiteneinsteiger hat es als Folge des Migrationsprozesses immer gegeben, weil sich Migrationsentscheidungen der Eltern nicht nach dem Schuljahresrhythmus richten." Entlang vielfältiger Dimensionen begegnet uns eine entsprechend heterogene Schülerschaft in den speziell eingerichteten Klassen für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche. Neben dem Alter und Lernstand sowie der Herkunft und Sprache, sind es vor allem auch die sozialisatorischen und (bildungs-)biographischen Vorerfahrungen der ankommenden Kinder, die diese Heterogenität ausmachen.
Fernab von schulkonzeptionellen Reaktionen auf das Phänomen des Seiteneinstieges kann die Frage nach der sozialisatorischen Bedeutung interkultureller Heterogenität im Schulalltag für Kinder und Jugendliche selbst, sowohl den Einzelnen als auch die Klassengemeinschaft betreffend, als Forschungsdesiderat bezeichnet werden. Während sich die Sozialisationsforschung seit den 70er Jahren verstärkt den Dynamiken und Potentialen der Gleichaltrigenbeziehungen in Schule und Unterricht widmet, Migrationshintergrund zwar eine vernachlässigte, aber dennoch berücksichtigte Kategorie ist, fehlen Einblicke in den schulischen Alltag sogenannter Seiteneinsteiger bislang weitestgehend.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Forschungsstand als Hinführung zum Erkenntnisinteresse
2.1 Schulhistorischer Einstieg
2.2 Sozialisationsforschung in der Schule
2.3 Kinder und Jugendliche als Akteure ihres interkulturellen Schulalltages
2.4 Wissenschaftliches und praktisches Erkenntnisinteresse
3. Methodologische Überlegungen und methodisches Vorgehen
3.1 Phänomenspezifische Herausforderungen und Erkenntnispotentiale ethnographischen Forschens
3.1.1 Das Forschen mit Kindern
3.1.2 Der fluktuationsbedingte Wandel räumlicher und sozialer Arrangements
3.1.3 Die soziale Bedeutsamkeit sprachlicher und kultureller Heterogenität
3.1.4 Die Nähe zwischen Gegenstand und Forschungsstrategie
3.1.5 Zusammenfassende Betrachtung
3.2 Das Forschungsfeld und sein Zugang
3.2.1 Die Intensivklasse von Frau Ring
3.2.2 Die Vorbekanntheit
3.2.3 Meine ersten Besuche
3.3 Datenerhebung und Datenanalyse
3.3.1 Die Beobachtende Teilnahme als Strategie der Datenerhebung
3.3.2 Die hermeneutische Analyse von Beobachtungsprotokollen
4. Ergebnisorientierte Falldarstellung
4.1 Die Vorstellungsrunde – Zur sozialisatorischen Bedeutung rotierender Teilnehmerschaften
4.2 Bewegungen im Klassenzimmer – Fluktuationsbedingter Wandel sozialer und räumlicher Arrangements
4.3 Übersetzungsgeschehen als sozialisatorische Praxis
4.4 Wenn aus Konflikten „Beschwerden“ werden – Grenzen der Selbstsozialisation?
4.5 Zusammenführung der Ergebnisse
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sozialisatorische Potential einer Intensivklasse für neuzugewanderte Kinder, die durch eine hohe Fluktuation und kulturelle Heterogenität geprägt ist, um ein tieferes Verständnis für die Peer-Kultur und die informellen Bildungsprozesse in diesem speziellen Schulumfeld zu gewinnen.
- Ethnographische Untersuchung von Alltagspraktiken in der Intensivklasse
- Analyse der Bedeutung von Fluktuation für soziale und räumliche Arrangements
- Erforschung von Peer-Kultur als sozialisatorischer Möglichkeitsraum
- Untersuchung von Übersetzungsleistungen als eigenständige soziale Praxis
- Kritische Auseinandersetzung mit der institutionellen Wahrnehmung von Seiteneinsteigern
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Der fluktuationsbedingte Wandel räumlicher und sozialer Arrangements
Wie bereits in der Einleitung dieser Abschlussarbeit angedeutet, werden die Kinder das ganze Jahr über einer Intensivklasse zugewiesen. Anders als üblich, markiert der Beginn eines Schuljahres nicht den gemeinsamen Startpunkt einer sich neu konstituierenden Klassengemeinschaft. Das Verhältnis ist ein anderes: jedem Kommen und Gehen wohnt ein potentieller, transformativer Moment inne. Immer wieder anders besetzt, kann man in mehrerlei Hinsicht von einer sich ständig wandelnden Klassengemeinschaft sprechen.
Zum einen schlägt sich dieser Wandel in den vielfältigen räumlichen Arrangements nieder. Nahezu bei jedem meiner Besuche der Klasse, wunderte ich mich über die veränderte Anordnung von Tischen und Stühlen. Und auch im Verlaufe eines Schultages oder einer Unterrichtsstunde wurden Tische gerückt, Sitz- und Stehkreise gebildet oder Kinder umgesetzt. Glaubte und hoffte ich anfangs noch, die einmal aufgezeichnete Sitzordnung würde mich als Gedächtnisstütze durch den Forschungsprozess begleiten, so stellte sich dies schnell als Trugschluss heraus. Gerade aus diesem Grund erwiesen sich alle weiteren Skizzen der räumlichen (An-)Ordnungen als forschungspraktisch hilfreich und analytisch aufschlussreich, wie später noch gezeigt wird (vgl. 4.2).
Auch meine Platzwahl blieb von den Veränderungen nicht unberührt. Während ich zu Beginn meiner Aufenthalte den bequemen Pöeng Ikea-Sessel in der hinteren Ecke des Klassenzimmers ansteuerte, bewegte ich mich zunehmend freier im Raum, hielt Ausschau nach anderen Sitzgelegenheiten und nahm dankbar Angebote von Kindern oder der Lehrerin an. Nicht selten wurden mir Plätze von Kindern zugewiesen, die krankheits- oder anderweitig bedingt fehlten oder sich verspäteten. Bei der Bildung von Sitz- oder Stehkreisen ließ ich stets den Kindern den Vortritt und wartete zunächst ab, ob sich eine Lücke oder ein Angebot ergeben würde, was oft der Fall war. So hatte ich über den gesamten Forschungsprozess hinweg verschiedene Beobachterpositionen und ging verschiedenste Sitznachbarschaften ein, die denen der Kinder strukturell ähnlich waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsthema ein, beleuchtet die Dynamik von Intensivklassen durch die Schilderung einer konkreten Alltagsszene und umreißt die wissenschaftliche Relevanz der Arbeit.
2. Der Forschungsstand als Hinführung zum Erkenntnisinteresse: Dieses Kapitel kontextualisiert das Thema historisch und theoretisch, wobei der Fokus auf schulpolitischen Traditionslinien und bestehenden sozialisationstheoretischen Studien liegt.
3. Methodologische Überlegungen und methodisches Vorgehen: Hier werden der ethnographische Ansatz, der Feldzugang und die spezifischen Datenerhebungsmethoden wie die teilnehmende Beobachtung und hermeneutische Analyse detailliert dargelegt.
4. Ergebnisorientierte Falldarstellung: Der Hauptteil präsentiert empirische Erkenntnisse zu Teilnehmerschaften, räumlichen Bewegungen, Übersetzungsgeschehen und Konfliktbearbeitung in der Klasse.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die wesentlichen Ergebnisse und diskutiert deren Bedeutung für die zukünftige erziehungswissenschaftliche Forschung und Praxis.
Schlüsselwörter
Intensivklasse, Seiteneinsteiger, Ethnographie, Sozialisation, Peer-Kultur, Klassengemeinschaft, Fluktuation, Interkulturalität, Übersetzungsgeschehen, Schulalltag, qualitative Sozialforschung, Kindheitsforschung, Schulpädagogik, soziale Beziehungen, Teilnehmende Beobachtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem schulischen Alltag in einer Intensivklasse für neuzugewanderte Kinder und untersucht, wie diese Kinder als Akteure ihre Klassengemeinschaft gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von ständiger Schülerfluktuation, die Rolle von Peer-Beziehungen, die Bedeutung sprachlicher Heterogenität und wie Kinder eigenständig soziale Regeln aushandeln.
Welches primäre Forschungsziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die Intensivklasse nicht nur als Ort der vorbereitenden Sprachförderung, sondern als eigenständigen, sozialisatorisch bedeutsamen Lebensraum zu verstehen und zu beschreiben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen offenen ethnographischen Ansatz, kombiniert mit teilnehmender Beobachtung und einer sequentiellen Analyse der Beobachtungsprotokolle nach der Objektiven Hermeneutik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der konkreten Analyse der Klassendynamik, insbesondere der Entstehung von Schüler-Teilnehmerschaften, der Anpassung an räumliche Veränderungen und dem informellen Übersetzen zwischen den Kindern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Intensivklasse, Peer-Kultur, Sozialisation, Fluktuation und ethnographische Schulforschung beschreiben.
Welche Rolle spielt die Fluktuation für das Miteinander in der Klasse?
Die Fluktuation erfordert von den Kindern eine ständige Neuaushandlung der sozialen Ordnung, was zu einer "sozialisatorischen Zirkularität" führt, in der Schüler zu Experten für Neuankömmlinge werden.
Wie gehen die Kinder mit sprachlichen Barrieren um?
Die Kinder nutzen informelle Übersetzungsleistungen als eine Form der sozialen Praxis, die über die reine Sprachvermittlung hinausgeht und den sozialen Zusammenhalt stärkt.
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- Ines Birkner (Autor), 2019, Die Intensivklasse als sozialisatorischer Möglichkeitsraum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539566