Statistisch gesehen sind afghanische Flüchtlinge eine zahlenmäßig große Einwanderungsgruppe, mit der sich besonders auf politischer Ebene auseinandergesetzt wird. Parallel dazu lassen sich in der sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft nur wenige Studien verzeichnen, die sich mit der Lebenssituation der in Deutschland lebenden Afghanen im Allgemeinen und der zweiten Generation afghanischstämmiger MigrantInnen im Besonderen beschäftigen. Letztere steht im Fokus der vorliegenden Arbeit.
Ausgehend von den quantitativ gegeben Erkenntnissen zur Bedeutung der sozialen Position und dem Bildungsniveau der Eltern auf die schulische Entwicklung von Kindern bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund, möchte ich hier eine qualitative Rekonstruktion der subjektiven Perspektive auf herkunftsspezifische Ressourcen - im Bourdieuschen Sinne als ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital bezeichnet - anbieten. Methodisch orientiere ich mich dabei am Konzept der biografischen Fallrekonstruktion.
In einem ersten Schritt widmet sich die Autorin dem hohen sozioökonomischen Status der Eltern im Herkunftsland und deren Bedeutung für die frühkindliche Sozialisation. Anschließend soll die Abstiegserfahrung der Elterngeneration als Ursache ihrer soziostrukturellen Entwurzelung thematisiert werden. In einem dritten Schritt wird dann der Versuch unternommen, die diesbezüglichen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsschemata der zweiten Generation theoretisch zu erfassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Vorüberlegungen mit Pierre Bourdieu
2.1 Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital
2.1.1 Kulturelles Kapital und sozialer Abstieg unter Migrationsbedingungen
2.1.2 Familie und intergenerationale Transmission von kulturellem Kapital
2.2 Biographie und Habitus
2.2.1 Sozialisation als Kapitalerwerb und Habitualisierung
2.2.2 Biographische Wendepunkte und Habitustransformation
2.3 Chancen und Grenzen des Bourdieuschen Konzeptes
3. Biographie als methodischer Zugang
3.1 Die biographische Perspektive in der qualitativen Migrationsforschung
3.2 Datenerhebung: Das biographisch-narrative Interview
3.3 Datenauswertung: Die biographische Fallrekonstruktion
4. Der Fall Araam Navid
4.1 Biographisches Portrait und Kontextualisierung
4.2 Ergebnisorientierte Fallanalyse
4.2.1 „das Leben in Afghanistan, uns ging es immer gut“
4.2.2 Die Flucht als biographischer Wendepunkt
4.2.3 Angekommen in Deutschland - „ein ziemlicher Absturz“
4.3 Zusammenfassung
5. Theoretische Diskussion der Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund den sozialen Abstieg ihrer Eltern, der durch Fluchtmigration bedingt ist, verarbeiten und wie sich diese Verarbeitung in ihrer individuellen Lebensgeschichte widerspiegelt. Ziel ist es, durch eine kapital- und habitustheoretische Analyse zu verstehen, welche Auswirkungen der Statusverlust der Eltern auf die biographische Entwicklung und die Bildungswege der Nachfolgegeneration hat.
- Sozialer Abstieg und Migration
- Kapital- und habitustheoretische Perspektiven nach Pierre Bourdieu
- Intergenerationale Transmission von kulturellem Kapital
- Biographisch-narrative Interviewforschung
- Fallanalyse einer afghanischen Migrationsbiographie
Auszug aus dem Buch
Die biographische Perspektive in der qualitativen Migrationsforschung
Als ein Meilenstein innerhalb der biographischen Migrationsforschung versteht sich nach wie vor die klassische Studie von Isaak W. Thomas und Florian Znaniecki, „The Polish Peasant in Europe and America“ (1918-20/23) (Apitzsch/Siouti 2007: 3; Breckner 2009: 21; Lüders 2013: 385). Um Migration als vielschichtiges Handlungsphänomen verstehen zu können, analysieren Thomas und Znaniecki sowohl historische, gesellschaftliche und institutionelle Entwicklungen als auch biographisches Material in Form von Briefen, Akten oder Autobiographien polnischer MigrantInnen in Amerika. „The Polish Peasant’ ist somit die erste Studie, die theoretisch wie methodisch komplex angelegt war und sich auf persönliches und biographisches Material stützte.“ (Breckner 2009: 21) Kritisch anzumerken ist unter anderem die Vorstellung der Forscher von der Generalisierung ihrer Ergebnisse, wodurch die eigentliche Prämisse der Studie, nämlich die induktive Vorgehensweise, in den Hintergrund geriet. Von aktueller Relevanz ist insbesondere der Versuch, „[...] die Erfahrungswelt der Handelnden zum Gegenstand der soziologisch-sozialtheoretischen Untersuchung zu machen [...]“ (ebd. S. 29), wie es in der qualitativ-interpretativen Sozialforschung der Fall ist.
Nachdem die komplexe Herangehensweise von Thomas und Znaniecki in den darauffolgenden Jahren in die Betrachtung einzelner Teilaspekte des Migrationsprozesses „zersplitterte“ (ebd.), erfuhr die biographische Perspektive in den 70er Jahren erneuten Aufschwung in Deutschland (Apitzsch/Siouti 2007: 4). Eine Vielzahl an theoretischen und methodischen Ansätzen ist mittlerweile zu verzeichnen, bei denen sich der soziologische Fokus von der Betrachtung des sozialen Systems und seinen Strukturen hin zum Alltag und der Lebenswelt von einzelnen Akteur/innen verrückte. Diese Entwicklung spiegelte sich besonders in der verstärkten Anwendung von subjektbezogenen Methodologien wieder.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Fluchtmigration und deren Auswirkungen auf die familiäre Lebenssituation ein und definiert die Forschungsfrage der Arbeit.
2. Theoretische Vorüberlegungen mit Pierre Bourdieu: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis durch die Begriffe des Kapitals und des Habitus, um soziale Transformationen und intergenerationale Effekte erklärbar zu machen.
3. Biographie als methodischer Zugang: Es wird die biographisch-narrative Interviewforschung als Methode vorgestellt, um subjektive Sinnkonstruktionen der Interviewpartner zu erfassen.
4. Der Fall Araam Navid: Das Hauptkapitel präsentiert das Portrait und die rekonstruktive Fallanalyse des Interviewpartners Araam Navid vor dem Hintergrund seiner Migrationserfahrung.
5. Theoretische Diskussion der Ergebnisse und Ausblick: Abschließend werden die gewonnenen Einblicke in den theoretischen Rahmen rückgebunden und Perspektiven für weitere Forschung aufgezeigt.
Schlüsselwörter
Fluchtmigration, sozialer Abstieg, Pierre Bourdieu, kulturelles Kapital, Habitus, Migration, biographische Fallrekonstruktion, intergenerationale Transmission, Bildungsbiographie, qualitative Sozialforschung, Identitätskonstruktion, Lebensgeschichte, Migrationserfahrung, Transformationsleistungen, Integrationsprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der biographischen Verarbeitung des sozialen Abstiegs von Eltern, der durch Fluchtmigration verursacht wurde, aus der Sicht von Jugendlichen der zweiten Generation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Bedeutung familiärer Ressourcen, die Transformation von Kapitalformen unter Migrationsbedingungen sowie die biographische Rekonstruktion individueller Lebenswege.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu verstehen, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund den Verlust an ökonomischem und kulturellem Kapital ihrer Eltern verarbeiten und wie sich dies auf ihre eigene Lebensplanung auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt die biographisch-narrative Interviewmethode nach Fritz Schütze sowie die biographische Fallrekonstruktion nach Gabriele Rosenthal.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Fallrekonstruktion von Araam Navid, inklusive seiner Kindheit in Afghanistan, der Flucht und der Ankunft sowie den Herausforderungen in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Fluchtmigration, sozialer Abstieg, Bourdieus Kapitaltheorie, Habitus, Bildungsbiographie und qualitative Fallanalyse.
Wie beeinflusst der soziale Status der Eltern im Herkunftsland die zweite Generation?
Der hohe Status im Herkunftsland bildet eine Art „Aufstiegsbiographie“, deren Verlust nach der Migration zu einer Neupositionierung und Identitätskrise bei den Jugendlichen führt.
Welche Rolle spielt der „Glaube“ in den Erzählungen von Araam Navid?
Der Glaube dient Araam als Bewältigungsstrategie und Ausdruck von Lebenssinn, den er insbesondere im Kontext seiner familiären Erfahrungen und der Gesundheit seiner Mutter hervorhebt.
Wie wirkt sich die finanzielle Situation auf den familiären Kontakt aus?
Die finanzielle Belastung führt laut den Ergebnissen zu sozialem Rückzug, reduziertem familiären Kontakt und belastet die zwischenmenschliche Atmosphäre innerhalb der Familie.
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- Ines Birkner (Author), 2014, Wie verarbeiten Jugendliche den sozialen Abstieg ihrer Eltern durch Fluchtmigration?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539567