Zirkuspädagogik und Persönlichkeitsentwicklung. Möglichkeiten zirzensischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Exemplarisch vertieft anhand der sozial-emotionalen Entwicklung


Examensarbeit, 2016

52 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

0 Einleitung

1 Vom Zirkus zur Zirkuspädagogik
1.1 Zirkus
1.1.1 Das Wesen des Zirkus
1.1.2 Die Zirkusgeschichte und Kinderzirkusbewegung
1.2 Zirkuspädagogik
1.2.1 Zirkuspädagogik ein Definitionsansatz
1.2.2 Zirkuskünste im Kinder und Jugendzirkus
1.2.3 Formen der Zirkuspädagogik
1.3 Die Ausrichtung von Zirkusarbeit
1.3.1 Pädagogische Aspekte
1.3.2 Präventive und therapeutische Aspekte
1.4 Zusammenfassung

2 Persönlichkeitsentwicklung im Kindes und Jugendalter
2.1 Entwicklungsmodelle der Psychomotorik
2.1.1 Motologisches Modell der Adaption nach Ernst Johnny Kiphard
2.1.2 Ableitung persönlichkeitsbildender Wirkungsbereiche
2.2 Wirkungsbereiche der Persönlichkeitsentwicklung im Kindes und Jugendalter
2.2.1 Motorischer Lernbereich
2.2.2 Kognitiver Lernbereich
2.2.3 Emotionaler Lernbereich
2.2.4 Sozialer Lernbereich
2.3 Zusammenfassung

3 Chancen der zirzensischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, exemplarisch vertieft am Beispiel der sozial-emotionalen Entwicklung
3.1 Zirkuspädagogisches Konzept nach Steve Ward
3.2 Pädagogische und therapeutische Wirkungsweisen ausgewählter zirzensischer Künste
3.2.1 Akrobatik
3.2.2 Jonglage
3.2.3 Äquilibristik
3.2.4 Clownerie
3.2.5 Aufführung
3.3 Ein Beispiel angewandter Zirkusarbeit: Der heilpädagogische Kinder und Jugendzirkus Don Giovanni
3.4 Zusammenfassung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungs-, Abkürzungs und Tabellenverzeichnis
6.1 Abbildungsverzeichnis
6.2 Tabellenverzeichnis
6.3 Abkürzungsverzeichnis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Begriffen, die nach sozialem Geschlecht differenziert werden können, durchgängig der generische Maskulin verwendet. Damit sind selbstverständlich immer alle sozialen Geschlechter gemeint. Dies basiert vor allem auf leseökonomischen Motiven. In jenen Fällen, in denen es sinnvoll erscheint, wird die feminine vor der maskulinen Form unterschieden.

Vorwort

Als ich 2007 das erste Mal mit dem Ausüben zirzensischer Aktivitäten und dem damit verbundenen Kontakt mit Zirkusleuten kam war noch nicht absehbar, welche Bedeutung der Zirkus einmal für mich bekommen sollte. Von den außergewöhnlichen Fähigkeiten fasziniert, die die Zirkusartisten aufweisen entwickelte ich schnell eine große Motivation selbst verschiedene Disziplinen auszuprobieren. Im weiteren Verlauf entdeckte ich die Jonglage als die für mich geeignetste Disziplin. Mit ausübender Dauer spürte ich zunehmend die Wirkfaktoren, die von dieser Tätigkeit ausgehen. Einerseits erfuhr ich viele Erfolgserlebnisse durch das Gelingen koordinativ anspruchsvoller Tricks und die Möglichkeiten des kreativen Arbeitens durch das Ausdenken neuer Würfe und Wurfabfolgen. Andererseits nahm ich mit ausübender Dauer eine gesteigerte Aufmerksamkeitsfähigkeit in Bezug auf meine Konzentration war und genoss das Zusammengehörigkeitsgefühl, dass das gemeinsame Trainieren mit anderen (Hobby-)Artisten mit sich bringt, sowie das Gefühl von Stärke, wenn ich meine erlernten Fähigkeiten vor Publikum zeigen durfte.

Im Zusammenhang mit meinem (sonder-)pädagogischen Studium an der Universität zu Köln versuche ich die von mir angestrebte Ausbildung mit meiner entstandenen Leidenschaft für Zirkus zu verbinden. Im Jahr 2011 wurde ich das erste Mal auf die Zirkuspädagogik als pädagogische Disziplin aufmerksam. Ein zweimonatiges Praktikum in der école du cirque Balthazar in Montpellier im Jahr 2012 sowie die Teilnahme an zirkuspädagogischen Weiterbildungsseminaren der Landesarbeitsgemeinschaft Zirkus Nordrhein-Westfalen befähigten mich, die Zirkusdisziplinen selbst zu unterrichten. Zu meinen wertvollsten Erfahrungen zählen u.a. Jonglierkurse für Studenten an der Deutschen Sporthochschule Köln, die Leitung von Zirkus AGs in Grund und Weiterführenden Schulen, die Durchführung von Zirkusprojekten in der Förderschule Berliner Strasse in Köln für emotionale und soziale Entwicklung, die Trainertätigkeit für geflüchtete Kinder und Jugendliche im Circus Rambazotti in Kassel, sowie ein in Eigenregie durchgeführtes Jonglierprojekt in der Schule in Menjikso Tade in Äthiopien.

Die beobachtbaren positiven Wirkungen, die das Zirkustraining auf die jungen Menschen ausübt, veranlassen mich schließlich dazu, die Zirkuspädagogik als Disziplin vertiefen zu wollen, um den pädagogischen Wert zirkuspädagogischer Tätigkeiten in Form dieser Arbeit theoretisch zu ergründen.

0 Einleitung

„Zirkus macht Kinder stark“ (Michels 2000: 15) titelt ein Artikel zur kulturpädagogischen Aktualität der Zirkuspädagogik. Dabei handelt es sich um ein zentrales Thema innerhalb der zirkuspädagogischen Diskussion bezüglich persönlichkeitsfördernden Wirkungsweisen, die von dem Ausüben zirzensischer Disziplinen ausgehen.

Dabei geht es weniger darum, die jungen Menschen zu professionellen Zirkusartisten zu machen, als eher herauszufinden, worin die Bedeutung des Mediums Zirkus liegt, um dieses pädagogisch und/oder therapeutisch zu nutzen.

Die Zirkuspädagogik ist seit den 1980er Jahren in vielen pädagogischen und therapeutischen Disziplinen aktuell geworden und hat seitdem eine beachtliche Anzahl von Projekten und Angeboten unterschiedlichster Art hervorgebracht. Diese reichen vom Zirkus spielen und wirklichem Erlernen zirzensischer Disziplinen bis hin zum leistungsorientierten Training. Neben Kindern und Jugendlichen finden zirzensische Aktivitäten auch mit Erwachsenen, Senioren, Menschen mit Behinderung und Familien statt. Aus pädagogischer Sicht betrachtet ist der Zirkus kein Selbstzweck. Viele Lehrer, Schüler, Artisten, Sozialpädagogen, Therapeuten, Übungsleiter und Artisten praktizieren Zirkustätigkeiten in ihrem Arbeitsbereich und heben die Wirkung auf die Persönlichkeit, die von den zirzensischen Disziplinen ausgeht, in besonderem Maße hervor. Das der Zirkus, u.a. für Kinder und Jugendliche mit Auffälligkeiten in der sozialemotionalen Entwicklung ein valides Lernmedium innerhalb der kindlichen Entwicklung darstellt, zeigen die Untersuchungen von Steve Ward. Ihm zufolge weisen die Bereiche der manuellen Geschicklichkeit, der Auge-Hand-koordination, der sozialen Interaktion sowie der Selbstwertschätzung nach entsprechendem Zirkustraining einen signifikanten Unterschied auf (vgl. Ward 2007: 72ff).

In dieser Arbeit wird untersucht, inwiefern zirzensische Aktivitäten einen pädagogischen und/oder therapeutischen Wert hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen aufweisen. In Bezug auf die Beantwortung der Fragestellung gilt die Konzentration der ganzheitlichen Förderung motorischer, kognitiver, emotionaler und sozialer Kompetenzen. Schwerpunktmäßig wird sich daher auf die Chancen, die vom Erlernen zirzensischer Disziplinen ausgehen bezogen um diese hinsichtlich ihrer Schnittstellen mit den genannten Lernbereichen zu überprüfen.

Zur Bearbeitung dieser Fragestellung liegt aktuelle Literatur zur Persönlichkeitsentwicklung vor. Im Bereich der Zirkuspädagogik im pädagogischen und therapeutischen Setting handelt es sich vor allem um Literatur der vergangenen zwanzig Jahre (19972012). Aktuelle Literatur zur Zirkuspädagogik in Bezug zur Inklusion sind bis auf vereinzelte Aufsätze hingegen noch kaum veröffentlicht.

Um sich der Thematik Zirkuspädagogik und Persönlichkeitsentwicklung angemessen zu nähern, wird zunächst das Medium des Zirkus vorgestellt. Davon ausgehend wird die Herausbildung der Zirkuspädagogik vorgestellt. Nachdem die Zirkuspädagogik anhand eines Definitionsversuch, dem Überblick der zirzensischen Künste im Kinder und Jugendzirkus, sowie allgemeinen Formen der Zirkusarbeit vorgestellt wurde, wird die Ausrichtung von Zirkusarbeit anhand pädagogischer und therapeutischer Aspekte erläutert. Dies geschieht hinsichtlich der Zielperspektiven von Kinder und Jugendzirkussen und erfolgt auf Grundlage der innerhalb der Literatur sehr überschaubaren pädagogischen und therapeutischen Ausrichtung.

Der zweite Teil dieser Arbeit setzt sich mit der Persönlichkeitsentwicklung im Kindes und Jugendalter auseinander. Auf der Basis psychomotorischer Entwicklungsmodelle werden die Persönlichkeit betreffende Lernbereiche herausgefiltert und anhand ihrer Kernanliegen vorgestellt. Dabei wird die Aufmerksamkeit auch auf mögliche Abweichungen innerhalb der sozial-emotionalen Entwicklung gerichtet. Die Fokussierung auf die psychomotorische Sichtweise resultiert auf Grundlage ihrer Nähe zur Zirkuspädagogik. Laut Kiphard eignet sich die Psychomotorik „als theoretischer Überbau für die breit gefächerte Praxis zirzensischer Bewegungsaktivität“ (Kiphard 1997: 15).

Anschließend werden Chancen der zirzensischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen herausgearbeitet. Hierfür wird das zirkuspädagogische Konzept von Steve Ward vorgestellt, sowie ausgewählte zirzensische Künste sehr ausführlich dargestellt und auf ihren pädagogischen und therapeutischen Gehalt hin überprüft.

Ein Beispiel angewandter Zirkusarbeit liefert schließlich eine konkrete Vorstellung über die Arbeit eines heilpädagogischen Kinder und Jugendzirkus für junge Menschen mit sogenannten `Verhaltensauffälligkeiten`. Diese Einrichtung wird hinsichtlich ihr zugrundeliegender Prinzipien untersucht, bevor die Arbeit mit einem Fazit zur persönlichkeitsfördernden Wirkung zirzensischer Arbeit schließt.

1 Vom Zirkus zur Zirkuspädagogik

Dieser Teil der Arbeit setzt sich mit sowohl prägenden Charakteristika des Phänomen Zirkus, als auch mit der Entdeckung des Zirkus durch die Pädagogik auseinander. Vom Bereich des Zirkus führt damit der Weg zur Zirkuspädagogik um dann die pädagogische und therapeutische Ausrichtung zirzensischer Arbeit zu erläutern.

1.1 Zirkus

„Zirkus assoziiert eine besondere Welt, in der scheinbar alles möglich ist. Es ist ein Raum für Unkonventionelles, in dem man anders sein darf, als es im Alltag erwartet wird. Hier kann man in andere Rollen schlüpfen, der Kreativität freien Lauf lassen. Im Zirkus ist Platz für verrückte Ideen und außergewöhnliches Können.“ (Eddy Behrens 2007:7)

Zirkus verspricht, gemäß den Worten Eddy Behrens, eine Welt fernab konventioneller Zwänge. Durch die Möglichkeit des kreativen Arbeitens, dem Ausleben von Fantasien und dem Erlernen außergewöhnlicher Fertigkeiten ermöglicht es der Zirkus den partizipierenden Menschen, anders sein zu dürfen, als es in alltäglichen Situationen von ihnen erwartet wird und bietet einen Raum zur Entfaltung. Die folgende Ausführung ist dem Wesen des Zirkus gewidmet. Über eine Annäherung an die Begrifflichkeit wird der Zirkus durch ihm zugrunde liegende Assoziationen vorgestellt. Daran anknüpfend gibt ein historischer Abriss Aufschluss über die Entwicklung des Zirkus und der Kinderzirkusbewegung.

1.1.1 Das Wesen des Zirkus

Der Ursprung des Wortes Zirkus liegt im lateinischen Begriff ‚circus´, was Kreis bedeutet. Dem Etymologischen Wörterbuch zufolge stammt dieser wiederum von der griechischen Bezeichnung ‚kirkos‘ ab und bedeutet ‚Ring‘ (Pfeifer 1993: 1618). Der Zirkus in diesem Sinne beschreibt eine von stufenweisen ansteigenden Sitzreihen umgebende kreisrunde Schaustätte für zirzensische Spiele zu Zeiten der römischen Antike mit Pferderennen und Gladiatorenkämpfe (ebd.). Abgesehen vom Manegenrund, den tribünenartigen Sitzbänken, sowie dem Unterhaltungsformat weisen die heutigen Zirkusse ein gespaltenes Verhältnis zum damaligen Zirkus auf. Mit dem heutigen Zirkus können zwei Assoziationsketten verbunden werden: Einerseits ist Zirkus „Körperkunst, Bewegungstheater, Dramaturgie mit Menschen […] und Inszenierungselementen wie Geräuschen, Klang, Musik, Licht, Farbe und Duft“ (Busse 2007: 40). Andererseits bedeutet Zirkus für die partizipierenden Zirkusleute ein „alltäglicher Existenzkampf, indem […] Finanzsorgen, Standortprobleme und behördliche Bürokratien den Hauch dieser einzigartigen Welt verschwinden lassen“ (Ammen 2006: 32). Um den inhaltlichen Fokus dieser Arbeit zu wahren, bleibt die außergewöhnliche Lebenssituation professioneller Zirkusleute weitestgehend unberücksichtigt. Die Konzentration gilt vielmehr den im ersten Zitat beschriebenen lebendigen Zirkusbildern, um somit auf die Möglichkeiten pädagogischen Arbeitens hinzuweisen.

1.1.2 Die Zirkusgeschichte und Kinderzirkusbewegung

Der historische Rückblick auf die Zirkuskunst soll zeigen, dass sich der Zirkus seit seiner Entstehung bis heute in stetiger Weiterentwicklung befindet. Der Bezug zur Kinderzirkusbewegung macht darauf aufmerksam, dass der Zirkus insbesondere denjenigen Kindern und Jugendlichen Heimat und Halt geben kann, die es aus diversen Gründen schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Im frühen Mittelalter von den `besseren Bürgern` noch abwertend als das `fahrende Volk´ bezeichnet und von der religiösen Obrigkeit mit dem Teufel in Verbindung gebracht, setzt die Zeit des Zirkus, so wie wir ihn heute noch kennen, im 18. Jahrhundert ein. Im Jahr 1772 gründet der britische Kunstreiter Phillip Astley mit dem ‚Amphitheatre of Arts‘ in London den weltweit ersten Zirkus und gilt damit als Vater des modernen Zirkus (vgl. Niaksimenka 2009: 29). Anfangs durch akrobatische Tiernummern gekennzeichnet und im weiteren Verlauf seiner Geschichte durch die Einbindung gauklerischer Fähigkeiten, wie Akrobatik, Seiltanz und Jonglage erweitert, liegt in jener Zeit der Grundstein dieser kosmopolitischen Kunstform.

Neben der Darbietung beeindruckender und risikoreicher Akte, sowie clownesken Vorführungen, die das Publikum im Mittelalter, zu Astleys Zeiten und schließlich bis heute fasziniert, verkörpert der Zirkus seit jeher einen Ort, in dem alle Menschen, gleichwohl ihres Alters, der Schichtzugehörigkeit oder ethischer Herkunft Zugang finden (vgl. Ballreich et al. 2007: 26). Fremdenhass und Antisemitismus hatten auch zu Zeiten des Nationalsozialismus keinen Platz im Zirkus, denn statt über die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder Nation, identifizieren sich die Artisten vielmehr über die gemeinsame Zugehörigkeit zum Artistenvolk (vgl. Winkler 2007:4).

Die Zugehörigkeit zum Artistenvolk findet auch im Hinblick auf die Kinderzirkusbewegung Bedeutung, die in der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts, zu Intensivzeiten der Reformpädagogik ihren Ursprung findet. Dies ist auch die Zeit, in der innerhalb der europäischen Zirkuswelt immer häufiger Kinderzirkusse auftauchen. Als ein gemeinsames Merkmal vereinen diese einen Geist des Miteinanders. Das 1917 von Pater Flanagans gegründete `Boys Town` Projekt für elternlose Jungen war beispielsweise eine „Antwort auf die zunehmende soziale Verwahrlosung in Großstädten“ (ebd.). Es war eines der ersten Projekte seiner Art, in welchem den Jungen durch das Einüben zirzensischer Elemente die Möglichkeit gegeben wurde, sich individuell auszudrücken und zugleich Geld zur Finanzierung der Gemeinschaft zu verdienen (vgl. Ammen 2006: 34). Die erste Kinderzirkusbewegung beginnt Gisela Winkler (2007: 4) zufolge in der Nachkriegszeit mit dem Zirkus Ellebog aus Amsterdam. Dieser ermöglichte damaligen Straßenkindern neben Obhut eine sinnreiche Beschäftigung durch das Einüben artistischer Künste. Prägend für die Kinderzirkusbewegung ist auch das 1964 gegründete Zirkusprojekt „Los Muchachos“ (übersetzt: Zirkus der lärmenden Jugendlichen) der Kinderrepublik Benposta. Dieser ist Teil eines Heims für heimatlose Kinder in Orense, Spanien. Dem inhaltlichen Bestreben nach, ist es das Ziel dieses Projektes den Kindern durch selbstbestimmtes Lernen zu mehr Handlungsfähigkeit und einem positiven Selbstwertgefühl zu verhelfen (vgl. Bardell 1992: 82). Mit ihrem Programm und der Botschaft eines selbstbestimmten und besseren Lebens waren die „Muchachos“ schnell in aller Munde und regten Pädagogen aus aller Welt dazu an zirzensische Elemente in ihre Arbeit aufzunehmen (vgl. ebd.).

Mit der stetigen Entwicklung der Zirkuskunst, sowie dem Einzug dieser in die Pädagogik ist auch die vor ca. 30 Jahren in Frankreich herausgebildete Sparte des Nouveau Cirque zu nennen. Diese nimmt dort einen gleichberechtigten Platz neben anderen zeitgenössischen Künsten der Neuen Musik und des Zeitgenössischen Tanzes ein und prägt die heutige moderne Zirkuswelt sowohl künstlerisch als auch pädagogisch (vgl. Netzwerk Zirkus 2015). Der Neue Zirkus versteht sich als eine Kunstform, in der die Zirkustechniken zum Ausdrucksmittel der Darsteller werden, indem die Persönlichkeit, Biographie und Körperlichkeit in die Arbeit miteinfließen. Um dies zu erreichen arbeitet der Neue Zirkus an der Schnittstelle zu den Künsten Schauspiel, Musik, neue Medien, bildende Künste und Tanz (vgl. Initiative Neuer Zirkus 2016).

Im folgenden Kapitel werden der Zirkus und seine Pädagogik dargestellt.

1.2 Zirkuspädagogik

Wenn es darum geht den heranwachsenden Kindern und Jugendlichen (abenteuerliche) Gruppenerlebnisse, vielfältige Bewegungserfahrungen zu vermitteln und sie in ihrer Persönlichkeit zu stärken, gibt es viele Möglichkeiten. Allgemeinhin fällt dies in den Bereich pädagogischen Arbeitens. Die Zirkusdisziplinen können einen ernsthaften Beitrag zum pädagogischen Arbeiten leisten, denn hier werden „Bewegungs-, Beziehungs-, Erlebnisoder Handlungsarmut, als auch mangelndes Grundvertrauen […] auf einer elementaren Ebene pädagogisch fruchtbar angegangen“ (Busse 2007: 47). In diesem Zusammenhang ist die Disziplin der Zirkuspädagogik zu nennen, die im Folgenden anhand eines Definitionsansatzes, der ihr zugrundliegenden Künste, sowie heute auffindbaren zirkuspädagogischen Formen vorgestellt wird.

1.2.1 Zirkuspädagogik ein Definitionsansatz

Der Begriff Zirkuspädagogik ist noch relativ jung, gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung (vgl. Jung 2014: 7). Um sich an einer Definition zu versuchen, wird das Wort zunächst in seine zwei Bestandteile {zirkus} und {pädagogik} zerlegt. Pädagogik stammt von dem griechischen Wort ‚paidagǀgikখ‘ ab und bedeutet so viel wie Erziehungskunst (Pfeifer 1993: 961). Mit der Kunst der Erziehung wiederum eng verknüpft sind Bildungsprozesse. Bezogen auf die Zirkuspädagogik kann dies als das Erziehen und Bilden durch Zirkus ausgelegt werden. Inwieweit die Zirkuspädagogik eine Erziehungs und Bildungsarbeit anstrebt, macht folgende Definition von Breuer deutlich:

„Zirkuspädagogik kann […] als spielerische Auseinandersetzung mit den gaukleri- schen und tänzerischen Bewegungskünsten und mit dem Ziel einer positiv entwick- lungsfördernden Wirkung auf Kinder und Jugendliche verstanden werden. Der Zir- kuspädagogik sollte es nicht um Nachahmung professioneller Zirkusse gehen, sondern vielmehr um die Förderung der körperlichen und sozialen Entwicklung, um den Aufbau eines positiven Selbstbildes sowie die Befriedigung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nach Subjektivität, Unmittelbarkeit, Sinneserfahrung und Selbstinszenierung“ (Breuer 2004: 132).

Diese Definition verdeutlicht, dass den Kindern über die spielerische Vermittlung zirzensischer Disziplinen individuelle Angebote körperlicher und geistiger Natur unterbreitet werden, um sich zu selbstbewussten Menschen zu entwickeln. Der Autorin zu Folge geht es in der zirkuspädagogischen Arbeit um die ganzheitliche und kindgemäße Förderung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Ammen beschreibt seinerseits den Begriff der Zirkuspädagogik als

„ein pädagogisches Feld, in dem Kinder und Jugendliche die Möglichkeit erhalten, zirzensische Bewegungsaktivitäten und Kunstfertigkeiten für sich zu erlernen. Dabei stehen körperliche und geistige Einzelerfahrungen, sowie kollektive Erlebnisse wäh- rend der gemeinsamen Zeit im Vordergrund der Praxisarbeit“ (ebd. 2006: 30).

Kurzum steht auch in diesem Definitionsansatz neben der Vermittlung zirzensischer Tätigkeiten die Entwicklung körperlicher, geistiger und sozialer Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen im Vordergrund.

Ein Blick in die Fachliteratur verdeutlicht, dass es der Begriff Zirkuspädagogik weder geschützt, noch einheitlich definiert ist. Felicitas Breuer (2004: 132) zufolge liegt der Schwerpunkt der zirzensischen Arbeit in der praktischen Umsetzung, wodurch die Disziplin an sich über keine einheitlichen theoretischen Konzeptionen verfügt. Ergänzend sei an dieser Stelle erwähnt, dass mit Zirkuspädagogik keineswegs das ausschließliche Unterrichten von Zirkuskindern gemeint ist, sondern unter pädagogischer Absicht mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Senioren, Menschen mit Behinderung und Familien betrieben wird“ (vgl. Behrens 2007: 7).

1.2.2 Zirkuskünste im Kinder und Jugendzirkus

Die übersichtliche Darstellung der zirzensischen Künste soll dem Leser einen Einblick in die relevanten Disziplinen der zirkuspädagogischen Arbeit geben. Weiterhin dient dies einem besseren Verständnis der in dieser Arbeit behandelten Thematik.

Innerhalb der Fachliteratur sind unterschiedliche Ansätze bezüglich der Strukturierung der Zirkuskünste vorzufinden. Nach Grabowiecki und Lang werden die jeweiligen Künste in die fünf großen Bereiche Akrobatik, Balancierkünste/Äquilibristik, Handge- schicklichkeiten, Improvisieren/Clownspielen und Verschiedene Manegenkünste eingeteilt (vgl. Grabowiecki et al. 2007:30). Gisela Winkler (2007: 124f.) liefert in ihrem Ansatz eine Übersicht zur Systematik und Disziplinen der Artistik) und unterteilt die artistischen Genres in Akrobatik, Jonglage, Balancen, Kunstreiterei, Dressur, Clow- nerie, Magie, Tanz, Musik und weitere artistische Genres. In Anlehnung an diese zwei Ansätze erweitert Matthias Christel (2009: 45f) in seinem Buch „Bewegungskünste: Motorisches Lernen in der Zirkuspädagogik“ die Einteilung der Zirkuskünste. In seiner Darstellung führt er die Akrobatik, Hand und Fußgeschicklichkeiten, Balancierkünste und Äquilibristik, (Bewegungs-)Theater, zirzensischer Tanz, zirzensische Musik, Dressur, Zauberkunst und Sonstige Zirkuskünste an. Als gemeinsame Charakteristika weisen die Darstellungen Mehrfachhandlungen auf (siehe Tab. 1). Der nachfolgende Strukturierungsansatz stellt die Vielfalt der Zirkuskünste exemplarisch vor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Übersicht zirzensischer Künste im Kinder und Jugendzirkus (Eigene Darstellung nach Christel 2009: 45f.; Grabowiecki & Lang 2007: 30; Winkler 2007: 124)

Da es sich bei der Grafik lediglich um eine Übersicht handelt und die tatsächliche Bandbreite zirzensischer Künste noch größer ist als aufgezeigt, wurde die Darstellung auf die in der zirzensischen Kinder und Jugendarbeit relevanten Disziplinen beschränkt. Diese erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, entspricht aber der Einteilung durch die Autoren. Die drei Punkte „…“ am Ende einer jeden Einteilung verweisen sowohl auf die Wandelbarkeit der Disziplinen als auch auf deren Ergänzungsmöglichkeit (vgl. Christel 2009: 44).

Im folgenden Kapitel wird der Frage nachgegangen, wer an welchem Ort Zirkusarbeit anbietet und in welchen Fachrichtungen eine Nachfrage an Zirkusarbeit besteht.

1.2.3 Formen der Zirkuspädagogik

Seitdem die pädagogischen Wirkungsfähigkeiten des Zirkus über die Zirkuswelt hinaus erkannt wurden, befindet sich die Zirkuspädagogik im Aufschwung. Waren es in den 80er Jahren vor allem noch außerinstitutionelle Projekte und Personen, sind es mittlerweile institutionalisierte Handlungsfelder, die die Zirkusarbeit für pädagogische und therapeutische Absichten nutzen (vgl. Ammen 2006: 36). Neben professionell arbeitenden Kinder und Jugendzirkussen finden wir die Möglichkeit der Eingliederung zirzensischer Tätigkeiten in verschiedenen pädagogischen Kontexten vor. Dies betrifft u.a. das Eingliedern zirzensischer Künste unter dem Namen Bewegungskünste in den Lehrplan an Schulen, sowie innerhalb der Psychomotorik oder abenteuer und erlebnispädagogisch ausgerichteten Kinder und Jugendeinrichtungen (vgl. Jung 2014: 7; Ammen 2006: 36f.; Kiphard 1993: 16). Dementsprechend wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Fortbildungsveranstaltungen wie Zirkusworkshops, Zirkusfreizeiten, Ferienkurse und Projektwochen mit unterschiedlichen zirzensischen Inhalten, u.a. aus den Bereichen der Akrobatik, Jonglage, Clownerie oder Äquilibristik angeboten (vgl. Tab. 1), deren Ausrichter von Schulen, Jugendeinrichtungen, Kultur und Sozialämtern über Kirchen bis hin zu Sportvereinen oder privaten Anbietern reichen (vgl. Kiphard 1997: 14). Von einem kurz-, mittel-, oder langfristigen Projekt reichen deren Inhalte vom Gemeinschaftserlebnis, z.B. durch eine Aufführung, bis hin zur Sucht und Gewaltprävention (Breuer 2006: 133, Behrens 2007: 13, Kohne 2012: 147). Zirkuspädagogik ist innerhalb der Bewegungskultur als Schnittstelle von unterschiedlichen pädagogischen Bereichen vielfach aktuell geworden und weist eine hohe Interdisziplinarität auf. E. J. Kiphard betrachtet die Zirkuspädagogik als ein Feld, das Berührungspunkte mit verschiedenen pädagogischen Bereichen aufweist:

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Zirkuspädagogik und Persönlichkeitsentwicklung. Möglichkeiten zirzensischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Untertitel
Exemplarisch vertieft anhand der sozial-emotionalen Entwicklung
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V539860
ISBN (eBook)
9783346142610
ISBN (Buch)
9783346142627
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zirkus Persönlichkeitsentwicklung Zirkuspädagogik Akrobatik Äquilibristik Jonglage Clownerie
Arbeit zitieren
Tobias Dohm (Autor:in), 2016, Zirkuspädagogik und Persönlichkeitsentwicklung. Möglichkeiten zirzensischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539860

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