Annäherung und Entfremdung deutscher und französischer sozialdemokratischer Parteien und der jeweiligen politischen Mitte. Eine didaktische Aufbereitung im Geschichtsunterricht


Hausarbeit, 2016

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fachwissenschaftlicher Teil
1.2 Fachdidaktischer Teil

2. Grundvoraussetzungen des Verhältnisses von Sozialismus und Linksliberalismus
2.1 Deutschland: Die frühe Abspaltung des Sozialismus und sein marginaler Status im Kaiserreich
2.2 Sozialismus in Frankreich
2.2.1 Entstehung des Sozialismus bis zur sozialistischen Partei
2.2.2 Die Entwicklung und Interessen des französischen Sozialismus im Parteiensystem der 3. Republik

3. Bewertung der Militärreformen von 1913 in ausgewählten Zeitschriften
3.1 Deutschland: Machtpolitik oder Annäherung?.
3.2 Frankreich: Die Frage nach dem europäischen Gleichgewicht.
3.3 Vergleich

4. Problemorientierung in der Geschichtsdidaktik.

5. Einordnung des Inhalts in den Kernlehrplan NRW

6. Anwendung der Theorie auf das Thema.

7. Fazit
7.1 Fachwissenschaftlicher Teil
7.2 Fachdidaktischer Teil

8. Bibliographie
8.1 Literatur
8.2 Quellen

1. Einleitung

1.1 Fachwissenschaftlicher Teil

Das Verhältnis verschiedener Parteien zueinander und ihre Anschlussfähigkeit ist einer der zahlreichen Faktoren, der politische Entscheidungsfindung und Regierungsbildung in parlamentarischen Systemen beeinflusst. Anhand von Vereinigungen, Abspaltungen, Koalitionen und des politischen Austauschs lassen sich Rückschlüsse auf das Verhältnis von Parteien zueinander ziehen. Die hieraus ableitbare ideologische Nähe oder Distanz konstituiert das politische und parlamentarische Geschehen.

Durch die ungleiche Wucht der Industrialisierung und divergierendes Bevölkerungswachstum, ungleiche Mitbestimmung breiter Massen oder den abweichenden Umgang mit politischen Randgruppen konstituieren sich in der 3. Französischen Republik und im Deutschen Kaiserreich unterschiedliche Systeme. In diesen muss sich die Arbeiterschaft als durch den Kapitalismus neu herausgebildete Klasse politisch und gesellschaftlich bewähren. Dabei stellt sie meist den linken Rand des politischen Spektrums dar, allerdings gibt es auch vor ihrer Entstehung linke, häufig in Liberalismus oder Republikanismus eingebettete Bewegungen. Beide müssen sich rasch zueinander positionieren und sind in ihrer gemeinsamen Geschichte durch ein wechselhaftes Verhältnis geprägt. In dieser Untersuchung geht es um die Anschlussfähigkeit der sozialdemokratischen bzw. sozialistischen Parteien an den Rest des linken Spektrums im Zeitraum zwischen Reichsgründung und Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Frage nach der Anschlussfähigkeit soll vergleichend für beide Länder beantwortet werden. Dazu wird das generelle Verhältnis beider Gruppierungen zwischen Beginn ihrer Differenzierung und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs allgemein und spezifisch im Bezug auf die kontroverse Aufrüstungsdebatte 1913 untersucht. Hierzu werden die einschlägigen zeitgenössischen Parteiblätter einer vergleichenden Analyse unterzogen.

Da beide zu vergleichenden Komponenten einer gemeinsamen Kategorie angehören, stellt der Vergleich ein durchaus nutzbringendes und Perspektiven eröffnendes Instrument dar. Wegen der Gleichzeitigkeit der verglichenen Phänomene handelt es sich um einen synchronen Vergleich.1 Allerdings muss die Arbeit auch unter transfergeschichtlicher Perspektive betrachtet werden, da die jeweiligen Bewegungen in beiden Ländern im Austausch stehen und sich gegenseitig beeinflusst haben. Hierbei haben schon die geschichtlichen Akteure, wie beispielsweise auf dem Sozialistenkongress 1904, versucht, den „Apfel zur Birne zu machen“, um in der Analogie von Pernau zu bleiben.2

Insgesamt sind deutsche Arbeiterbewegung und Parteien sehr präsente Themen der deutschen Geschichtswissenschaft, zu denen es reichhaltige Literatur gibt.3 Als Forschungskontroverse mit Bezug zum hier behandelten Thema hat sich insbesondere die Herausbildung von Milieus, welche durch einen Aufsatz von Rainer Lepsius angestoßen wurde, einen Namen gemacht.4

In Frankreich stellt die Dritte Republik bis zum Ersten Weltkrieg kein so prominentes Thema dar wie das Deutsche Kaiserreich. Die verwendete Auswahl der Literatur stammt zum Teil aus deutscher Feder5 und gibt somit einen anderen Standpunkt wieder. Als französische Werke seien Mayeur6 und Rebérioux7 genannt.

1.2 Fachdidaktischer Teil

Immer noch überwiegt das Bild des Geschichtsunterrichts als einer Ansammlung von Jahreszahlen und Fakten, die es in möglichst großer Menge auswendig zu lernen gilt, obwohl sie längst vertrocknete und größtenteils irrelevante Relikte der Vergangenheit darstellen. Dies mag auf große Teil des selbst historisch gewordenen, vergangenen Geschichtsunterrichts zutreffen, in gegenwärtiger Zeit jedoch lassen sich vermehrt Tendenzen zur Behebung dieses Missstandes feststellen. Eine dieser Tendenzen stellt der Problemorientierte Geschichtsunterricht (POGU) dar.

In dieser Untersuchung soll dargestellt werden, inwiefern dieser sich als Prinzip der deutschen Geschichtsdidaktik entwickelt hat und welche Konsequenzen sich daraus für die Behandlung des hier betrachteten Themas der Gemeinsamkeiten von deutscher und französischer Sozialdemokratie und politischer Mitte im Unterricht ergeben.

2. Grundvoraussetzungen des Verhältnisses von Sozialismus und Linksliberalismus

2.1 Deutschland: Die frühe Abspaltung des Sozialismus und sein marginaler Status im Kaiserreich

Deutsche Parteiengeschichte ist, wie das gesamte Kaiserreich, gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen8. Einerseits vollzieht sich eine rasche Industrialisierung, der technische Fortschritt verändert Alltags- und Arbeitsleben und das Deutsche Reich steigt zur größten Wirtschaftsmacht auf dem europäischen Kontinent auf. Andererseits bleibt das vorindustrielle politische System mit seiner preußisch-aristokratischen Reichsbürokratie, seinen autoritären Leitbildern, dessen Verkörperung das preußische Dreiklassenwahlrecht darstellt, und dem autokratischen Kaisertum, persistent.9 Den politischen Parteien sind die Hände gebunden, werden sie doch „mit Absicht im „Vorhof der Macht“ gefangen gehalten“10.

Historiker verorten die Gründungsgeschehnisse, welche in der Sozialdemokratie als dezidierter politischer Stoßrichtung münden, in der Revolution von 1848/49, ihr größerer ideengeschichtlicher Hintergrund konkordiert mit der Aufklärung und des nach der französischen Revolution einsetzenden Emanzipationsdrangs großer Bevölkerungskreise. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern fällt Faulenbach11 die frühe Loslösung vom Liberalismus auf. Bereits 1848 wird eine Föderation von Arbeitervereinen, die Allgemeine (Deutsche) Arbeiterverbrüderung, gegründet. In den darauf folgenden Jahren artikulieren die zunehmend entstehenden Arbeitervereine ihr Interesse für eine unabhängige Arbeiterpartei und beginnen, sich „gegen die bürgerlich-liberale Bevormundung zu wehren“12. Während das liberale Bürgertum im Verfassungskonflikt 1862 als Verteidiger von Parlamentarismus und Demokratie auftritt, Zielen also, die sie mit der Arbeiterbewegung gemein hat, akzeptiert es schließlich seine politische Niederlage gegen Bismarck im preußischen Verfassungskonflikt. Daraus gewinnt der Publizist Ferdinand Lassalle die Erkenntnis, dass der Liberalismus als Anwalt der Demokratie nicht (mehr) ausreiche. Er bemängelt, dass die einzige Organisation der Arbeiter in genuin bürgerlichen Organisationen stattfinde.13 Symptomatisch für die Trennung vom Liberalismus ist in diesem Zusammenhang 1866 die Einsetzung des radikaldemokratischen August Bebels als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Arbeitervereine als Nachfolger des liberalen Dr. Max Hirsch. Aus Lasalles Forderungen und der allgemeinen Emanzipation der Arbeiterbewegung geht 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV), dessen Gründungspräsident Lassalle selbst wird, hervor.14 Der Nürnberger Vereinstag von 1868 besiegelt die Entzweiung der Liberal-Demokraten und der sozialistischen Strömung. Die Mehrheit der Anwesenden bekennt sich zu einer für ihre eigenen Rechte kämpfenden Arbeiterschaft anstelle einer liberalen Hegemonie.15 Neben den ADAV tritt die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), gegründet 1869 von u.a. Bebel und Wilhelm Liebknecht, als arbeiternahe, laut Faulenbach stärker dem Linksliberalismus verbundene Organisation.16 Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit die SDAP dem Linksliberalismus verbunden ist, sieht doch Wehler im Jahr 1869 in der Loslösung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie die entscheidende Zäsur, auch betrieben von Liebknecht und Bebel.17

ADAV und SDAP verbinden sich 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), welche die Positionen der beiden konstituierenden Mitglieder verbindet. Fortan setzen sich ihre Mitglieder für die im Gothaer Programm deklarierten Ziele ein. Diese umfassen sowohl eine stärkere Demokratie (allgemeines Wahlrecht, Pressefreiheit, etc.) und internationale Solidarität, als auch eine Erleichterung der Arbeitsbedingungen der Arbeiter (Arbeitszeitbegrenzung, Erhöhung der Löhne, etc.).18 Miller und Potthoff konstatieren, dass „von hier aus […] keine Brücke mehr zu den bürgerlich sozialen Reformbewegungen [führt]“.19

Als Gründe für die hier dargestellte, jedoch im europäischen Vergleich ungewöhnlich frühe Trennung von liberalem Bürgertum und Sozialdemokratie führt Faulenbach an, dass die freiheitliche, deutsche Bourgeoisie nach der gescheiterten Revolution von 1848 erkennbar geschwächt ist. Sie akzeptiert zunehmend die Bismarcksche Politik und hinterlässt somit im linken Spektrum eine Lücke. So ist der Liberalismus nicht in der Lage, die Demokratie durchzusetzen, geschweige denn, sich als würdige Interessenvertretung für die Arbeiter, welche sich zunehmend ihrer politischen Handlungsfähigkeit bewusst werden, zu bewähren.20 Insofern kann die verstärkte Institutionalisierung der Arbeiterschaft als logische Konsequenz der liberalen Schwächephase gesehen werden.

Ferner muss auf die divergierenden politischen Ziele des Liberalismus und des Sozialismus hingewiesen werden. Trotz der gemeinsamen Stoßrichtung hin zu einer Demokratisierung des Staates unterscheiden sich beide Ideologien hinsichtlich der Behandlung der sozialen Frage. Dieses für die Arbeiter lebensweltlich unumgängliche Thema scheint in die Welt der liberalen Politik nur sporadisch als relevant betrachtet zu werden.21

Hinsichtlich der Wählerstimmen scheint sich die frühzeitige und dezidierte Loslösung vom Linksliberalismus für den Sozialismus durchaus bezahlt zu machen. 1878 bereits wird die SAP viertstärkste Kraft im Parlament.22

Eine das Verhältnis zwischen Liberalismus und Sozialismus weiter erschwerende Epoche stellt, trotz der Gegenstimmen zum Gesetzesentwurf aus den Reihen der linksliberalen Fortschrittspartei und sogar des Zentrums23, die Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890) dar. Während jegliche sozialdemokratische Parteiorganisation sowie ihr zugehörige Gewerkschaften und Zeitschriften verboten sind, verstärkt sich die sozialdemokratische Milieubildung24 und somit auch die Abgrenzung von anderen politischen Gruppen. Der Status der Sozialdemokratie als systemkritische Oppositionspartei erschwert jegliche Anbindung an den Liberalismus nachhaltig und führt zu einer massiven Stigmatisierung der Sozialdemokratie. Mit dem Sozialistengesetz lässt sich ebenfalls die im europäischen Vergleich starke Verankerung des Marxismus im Sozialismus erklären. Dies scheint der Hauptgrund für die vehemente Ablehnung der Zusammenarbeit mit anderen Parteien zu sein, da diese nach Marxscher Theorie ein homogen kapitalistisches Gefüge darstellen.25 Thomas Nipperdey weist darauf hin, dass die deutsche Parteilandschaft allgemein als ideologisch starr und doktrinär gesehen wird. Der heutigen Parteien oftmals vorgeworfene Opportunismus und die situationsbedingte Flexibilität werden im Kaiserreich häufig der generellen ideologischen Idee untergeordnet.26

Obwohl die Sozialdemokratie auch weiterhin bürgerliche Komponenten beinhalte27, gilt sie im politischen Spektrum als isoliert. Sie rufe im bürgerlichen Lager Ängste hervor, da sie durch ihre grundsätzliche Kritik eine Bedrohung der Ordnung darstelle. Parlamentarische Bündnisse gegen die Arbeiterbewegung sind dementsprechend der Normalfall.28 Nichtsdestotrotz finden sich beispielsweise in Bayern 1910/12 Wahlbündnisse, als sich die Liberalen im Streit zwischen Zentrum und Arbeiterpartei auf die Seite der letzteren schlagen.29 Auch Wehler bestätigt, dass beispielsweise die süddeutschen Sozialdemokraten zunehmend als linksliberale Volkspartei nicht ausschließlich die Interessen der Arbeiterschaft vertreten.30 Es wäre sicherlich interessant zu untersuchen, inwiefern die süddeutsche Sozialdemokratie Merkmale einer milieuübergreifenden Partei, deren Existenz im Kaiserreich ja bekanntlich angezweifelt wird31, aufweist. Auf Bundesebene sind positionelle Überschneidungen mit anderen Parteien die Ausnahme. Hinsichtlich der Demokratisierungs- und Parlamentarisierungsforderungen der SPD konnte in wenigen Fälle eine Interessengemeinschaft mit Linksliberalen hergestellt werden. In Bezug auf die Sozialpolitik konkordieren die Forderungen von SPD und dem Arbeiterflügel des Zentrums. In vielen sozialdemokratischen Kernpunkten wie der Abschaffung des Dreiklassenwahlrechtes oder des 8-Stunden-Tages sieht die Sozialdemokratie sich jedoch machtlos der geschlossenen Allianz des restlichen politischen Spektrums gegenüber.32

Als im weitesten Sinne zahlenmäßig operationalisiert könnte das Verhältnis von Linksliberalismus und Sozialdemokratie hinsichtlich der Mitgliedszahlen der Gewerkschaften gesehen werden. Während die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vor dem Weltkrieg 2,5 Mio. Mitglieder zählt, finden sich in den eher liberal orientierten Gewerkvereinen lediglich 105.000 Mitglieder.33 Ein Arbeiterbekenntnis zum Liberalismus erwächst somit zur Ausnahme.

Weiterhin ist anzuführen, dass die Stigmatisierung der Arbeiter zwar zur Ausbildung eines sich abgrenzenden Klassenbewusstseins geführt hat, durch die Organisation in diversen Vereinen und deren „homogenisierenden und disziplinierenden Effekte“34 aber gleichsam in das Kaiserreich eingebettet hat, da diese das Leben erträglicher machten. Dieses Theorem ist unter dem Schlagwort der „Negativen Integration“35 bekannt und macht die zwiespältige Beziehung zwischen Kaiserreich und Sozialdemokratie bzw. Arbeiterbewegung erkennbar.

2.2 Sozialismus in Frankreich

2.2.1 Entstehung des Sozialismus bis zur sozialistischen Partei

Während sich die Trennung von sozialdemokratischer und liberaler Partei in Deutschland in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts vollzieht, geschieht die französische Entwicklung deutlich später. Dies liegt darin begründet, dass die politischen Parteien sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden, da die Formierung von Parteien bis dahin gesetzlich verboten ist. Auch die blutige Niederwerfung der Pariser Kommune im Jahre 1871 schwächt die sozialistische Bewegung in Frankreich nachhaltig und kann als Erklärung für ihre langsamere Entwicklung dienen.36 Ferner ist aufgrund der relativ fortgeschrittenen Demokratisierung der Gedanke, dass die Arbeiter von der politischen Willensbildung ausgeschlossen seien, nicht so verbreitet wie beispielsweise im Kaiserreich. Außerdem gilt die französische Arbeiterschaft als deutlich heterogener, da kleinbetriebliche Beschäftigungsverhältnisse lange Zeit dominieren.37 Nichtsdestotrotz weist das Verhältnis von Sozialismus und politischer Mitte auch vor der institutionellen Verankerung durch die Parteien zahlreiche relevante Komponenten auf.

Auf Veranlassung der Zweiten Internationalen, gegründet 1889 in Paris, intensiviert auch die französische Arbeiterbewegung ihre Bemühungen, einen 8-Stunden-Tag politisch durchzusetzen. Während am hierfür traditionell auserkorenen 1. Mai des Jahres 1890 noch eine Arbeiterdelegation vor das Parlament geladen wird, ereignen sich 1891 zahlreiche blutige Zusammenstöße zwischen Manifestanten und der Armee.38 Vorkommnisse wie diese einen die Arbeiterschaft in sich, entfernen sie jedoch auch von den etablierten gesellschaftlichen Schichten.

Ähnlich wie in Deutschland ist auch in Frankreich die Arbeiterbewegung durch ein politisches Vorgehen mit zweifacher politischer Stoßrichtung, der Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiter einerseits sowie weiterer Demokratisierung andererseits, geprägt. Während des Panama-Skandals von 1892 wird die mögliche Bestechung zahlreicher Deputierter aufgedeckt. Diese kann zwar letztendlich nicht nachgewiesen werden, untergräbt jedoch die Reputation des gesamten Parlamentarismus und veranlasst die politische Linke zu starker Kritik an den Missständen und der etablierten Klasse.39

Als Produkt der Institutionalisierung der arbeitenden Klasse stellt sich der Syndikalismus dar. Bereits 1895 wurde die Conféderation générale du travail (CGT) gegründet, welche im Verlauf der Dritten Republik einen großen Mitgliederzuwachs verzeichnet. Schmale jedoch bewertet die französischen Gewerkschaften als „eigenständige Erscheinung“40. Auch Bloch bewertet die Gewerkschaften als im politischen Spektrum weiter links als die sozialistische(n) Partei(en) stehend.41 In der Charte d'Amiens (1906) deklariert die CGT „qu'afin que le syndicalisme atteigne son maximum d'effet […] les organisations confédérées n'ayant pas, en tant que groupement syndicaux, à se préoccuper des partis et des sectes [...]“42 und gibt somit ihre politische Unabhängigkeit von Parteien jeglicher Art bekannt.

Auch vor der Bildung der eigentlichen Parteien kann anhand von Rückschlüssen ein Blick auf das Verhältnis von politischer Mitte (Republikaner) und Sozialismus geworfen werden. Die Dreyfus-Affäre als einer der kontroversesten Konflikte der Dritten Republik bietet sich hier als Fenster an, da sich die französische Gesellschaft in ihrem Verlauf auf eine fast einzigartige Weise in zwei Teile spaltet. Die Affäre beginnt damit, dass der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 von der antisemitischen Zeitung La Libre Parole als vermeintlicher Verräter, welcher Pläne französischer Artilleriestellungen an Deutschland weitergegeben hatte, entlarvt wird. Nach einer raschen, jedoch unrechtmäßigen Verurteilung entzündet sich eine heiße politische Debatte, welche rasch den direkten Entstehungskontext überschreitet und die tiefgehenden gesellschaftlichen Differenzen im Bezug auf Antisemitismus, Militarismus und Politikverständnis revelatorisch darstellt. In diesen Fragen bilden Sozialismus und gemäßigte Mitte einen politischen Block und verteidigen gemeinsam republikanische Werte gegen die nationalistische Rechte. Schmale sieht um die Jahrhundertwende die politische Landschaft allgemein zerrissen in die beiden gesellschaftlichen Blöcke von Links und Rechts.43 Auch Robles Egea sieht Sozialisten und Radikale im Angesicht der politischen Rechten näher zusammenrücken.44 Nichtsdestotrotz postulieren einige linke Elemente die Forderung, sich der Debatte ganz zu enthalten, da es sich um einen „Bürgerkrieg der Bourgeoisie“45 handele, welcher die Arbeiter nichts angehe. So wird auch Jean Jaurès für seine Parteinahme im Konflikt von Gesinnungsgenossen gerügt. Hier zeigt sich die auch unter deutschen Sozialisten kontrovers geführte Debatte, ob man grundsätzlich mit anderen Parteien koalieren dürfe (Ministerialismus), da andere politische Gruppierungen in streng sozialistischer Auslegung nach Marx die Bewahrung der sozialen Ungleichheit anstreben und man so das revolutionäre Element des Sozialismus verrate. Es offenbart sich einer der Kernkonfliktpunkte des frühen Sozialismus in beiden Ländern. In Form der Debatte über den unabhängigen Sozialisten Alexandre Millerand, Mitglied der Regierung Waldeck-Rousseau, schwelt dieser Konflikt im sozialistischen Lager Frankreichs weiter. Der linke sozialistische Flügel unter Jules Guesdes verurteilt jede Mitarbeit in einer bürgerlichen Regierung und insistiert auf dem Sozialismus als reine Oppositionspartei.46 Trotz prinzipiell konvergierender Interessen schafft der dogmatische Marxismus im ausgehenden 19. Jahrhundert eine beachtliche Distanz zwischen den Radikalen der politischen Mitte und Sozialisten.47 Mayeur weist darauf hin, dass dieser interne Dissens den radicaux im auslaufenden 19. Jahrhundert die Stimmen vieler Arbeiter zuspielt.48

Bei den Parlamentswahlen von 1898 können sich Sozialismus und Republikaner im Parlament etablieren und der Gemäßigte Pierre Waldeck-Rousseau wird 1899 Regierungschef der als Bloc des Gauches bekannten Koalition aus Radikalen, Liberalen und Sozialisten, die für diese Kollaboration mit der Bourgeoisie von anderen links stehenden Elementen heftig angegangen werden. Dies offenbart die innere Zerrissenheit des Sozialismus und die Komplexität der sozialistisch-republikanischen Relation.49 Nach einem weiteren Erfolg des Bloc des Gauches bei den Wahlen von 1902, welche ganz im Zeichen Spannung gauche contre droite [50] steht, offenbaren sich Gegensätze im Bloc des Gauches, da die Sozialisten 1905 der Regierung das Vertrauen entziehen. Der radikale Regierungschef Emile Combes habe nicht genug Engagement in der Sozialen Frage gezeigt. Nichtsdestotrotz verabschieden beide Gruppierungen vor der Auflösung der Regierung noch gemeinsam den 8-Stunden-Tag in Bergwerken.51 Ein Jahr später erfüllt die neue Regierung mit der Etablierung einer, wenn auch sehr limitierten, Krankenversicherung eine Forderung der Sozialisten.52

2.2.2 Die Entwicklung und Interessen des französischen Sozialismus im Parteiensystem der 3. Republik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt es in der politischen Landschaft zur erdrutschartigen Bildung zahlreicher Parteien, nachdem die vollständige Assoziationsfreiheit erst Mitte 1901 verabschiedet wird.53. Schmale bettet die Notwendigkeit der Parteien in den Zusammenhang der allgemeinen Politisierung weiter Bevölkerungsschichten ein und verweist darauf, dass mit dem Einzug neuer sozialer Schichten wie Lehrern oder Anwälten ins Abgeordnetenhaus neue Bedürfnisse der Parlamentarier entstehen. Wegen ihrer im Vergleich zum bis dahin überwiegend vorhandenen Großbürgertum und Adel geringen finanziellen Möglichkeiten zum Bestreiten von Wahlkämpfen wird eine externe, parteiliche Finanzierung notwendig. Auch lässt sich allgemein eine größere Institutionalisierung im Parlament feststellen.54

Die Radikalen bilden 1901 die Parti republicain, radical et radical-socialiste (auch: Parti radical oder les radicaux), deren Anhänger die Dritte Republik der sog. Belle Époque (meist 1884-1914) dominieren sollen.55 Sie verkörpern eine republikanisch gesinnte, fortschrittliche und antiklerikale Ideologie56, welche bisweilen auch als „dem Sozialen nahe stehend“57 bezeichnet werden kann, laut Rebérioux jedoch Arbeiter und Gewerkschaften ausschließt.58 Allerdings ist die parteiliche Einheit der radicaux eher schwach ausgeprägt, sogar im Parlament ist die Fraktion häufig uneins. Während der linke Flügel den republikanischen, unteren Mittelstand repräsentiert, steht der rechte Flügel dem kapitalistischen Großbürgertum sehr nahe.59

Ferner bildet auch das liberale Bürgertum im selben Jahr eine Partei, die Alliance Républicaine Démocratique (ARD). Diese steht dem Sozialismus zumindest ideologisch nahe, zeigt jedoch in der Realität häufig Unverständnis für das Arbeiterproblem der Sozialen Frage.60 Sanson hingegen siedelt die ARD im politischen Zentrum und die radicaux links davon an. Allerdings stellt keine der beiden Parteien die Vereinigung aller radikalen Kräfte, welche Waldeck-Rousseau im selben Jahr auf dem Parteitag in Toulouse gefordert hatte, dar.61

Im Jahre 1905 kommt es schließlich zur Vereinigung der bis dahin vorhandenen teils in heftiger Konkurrenz und Uneinigkeit stehenden sozialistischen Verbände. Die am Einigungskongress Teilnehmenden begründen die Section française de l'international ouvrière (SFIO) unter der Leitung Jean Jaurès', nachdem sie auf dem internationalen Sozialistenkongress 1904 in Amsterdam von der internationalen Arbeitervertretung dazu nachdrücklich aufgefordert werden, ihre innere Zerrissenheit zu überwinden.62 Auf dem internationalen Treffen entwickeln Jaurès und August Bebel eine lebhafte Diskussion über das Koalieren und die Durchsetzung der eigenen Interessen. Während Bebel das gesamte restliche politische Spektrum in lassalleanischer Tradition als homogenen, arbeiterfeindlichen Block und in „alle[n] anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse“63 sieht, unterstreicht Jaurès die Vorteile von liberal-sozialdemokratischen Koalitionen. Hier zeigt sich das im europäischen Vergleich sehr stark ausgeprägte marxistische Vermächtnis der deutschen Sozialdemokratie.64 Jaurès würdigt die fulminanten Wahlergebnisse der deutschen Sozialdemokratie, sieht diese jedoch aufgrund ihrer politischen Isolation als wirkungslos an. Auf dem Kongress kann sich Bebel mit seiner unnachgiebigen Einstellung durchsetzen.65 Allerdings gibt es auch auf deutscher Seite konsensorientierte Standpunkte, wie beispielsweise Georg von Vollmar mit seiner Forderung, „den Weg der Verhandlung [zu] betreten“66 und seiner Mahnung, progressive Kräfte nicht zu verschrecken, belegt.

[...]


1 Pernau, Margrit: Transnationale Geschichte, Göttingen 2011, S. 30.

2 Pernau 2011: 34.

3 Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich. 1871-1918 (Deutsche Geschichte 9), Göttingen7 1994; Faulenbach, Bernd: Geschichte der SPD. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2012; Nipperdey, Thomas: Grundprobleme der deutschen Parteigeschichte im 19. Jahrhundert, in: Ritter, Gerhard A. (Hg.): Deutsche Parteien vor 1918 (Neue Wissenschaftliche Bibliothek 61), Köln 1973, S. 32-55.

4 Lapsius, M. Rainer: Parteisystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ritter, Gerhard A. (Hg.): Deutsche Parteien vor 1918 (Neue Wissenschaftliche Bibliothek 61), Köln 1973, S. 56-80.

5 Engels, Jens Ivo: Kleine Geschichte der Dritten französischen Republik (1870- 1940), Köln 2007.

6 Mayeur, Jean-Marie: Les débuts de la Troisième République (Nouvelle histoire de la France contemporaine 10), unbekannter Ort 1973.

7 Rebérioux, Madeleine: La République radicale?. 1898-1914 (Nouvelle histoire de la France contemporaine 11), unbekannter Ort 1975.

8 Dieser Begriff wurde von Ernst Bloch, zunächst mit Bezug auf den Nationalsozialismus, geprägt, siehe dazu: Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit, Erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main 1985, S. 15-20.

9 Lapsius 1973: 56.

10 Wehler: 1994: 79.

11 Faulenbach 2012: 17-18.

12 Faulenbach 2012: 13.

13 Miller, Susanne; Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation 1848-1980, Bonn 1981, S. 29-30, auch: Frie, Ewald: Das deutsche Kaiserreich (Kontroversen um die Geschichte), 2., erweiterte und bibliographisch aktualisierte Auflage, Darmstadt 2013, S. 99-100.

14 Faulenbach 2012: 13.

15 Miller/Potthoff 1981: 38.

16 Faulenbach 2012: 12-17.

17 Wehler 1994: 80.

18 Faulenbach 2012: 12-17.

19 Miller Potthoff 1981: 42.

20 Ebd. 36-37.

21 Wehler 1994: 81.

22 Ebd. 87.

23 Miller/Potthoff 1981: 46.

24 Zur Frage der Milieubildung: Frie 2013: 94-107.

25 Wehler 1994: 88.

26 Nipperdey 1973: 33.

27 Faulenbach 2012: 20-21.

28 Ebd. 23-24.

29 Thränhardt, Dietrich: Wahlen und politische Strukturen in Bayern 1848-1953. Historisch-soziologische Untersuchungen zum Entstehen und zur Neuerrichtung eines Parteiensystems (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 51), Düsseldorf 1973, S. 121-122.

30 Wehler 1994: 88.

31 Frie 2013: 96-97.

32 Miller/Potthoff 1981: 63.

33 Ebd. 1981: 56.

34 Frie 2013: 101.

35 Groh, Dieter: Negative Integration und Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Frankfurt a. M. 1973.

36 Bloch, Charles: Die Dritte Französische Republik. Entwicklung und Kampf einer parlamentarischen Demokratie (1870-1940), Stuttgart 1972, S. 172, ebenfalls: Engels 2007: 87.

37 Engels 2007: 87.

38 Bezbakh 2009: 186-187.

39 Bezbakh 171-172.

40 Schmale 2000: 240.

41 Bloch 1972: 187.

42 Confédération Général du Travail: Charte d'Amiens, S. 2 (<http://www.ihs.cgt.fr/IMG/pdf_Charte_d_amiens.pdf> [24.03.2016; 10.30)]

43 Schmale. Wolfgang: Geschichte Frankreichs, Stuttgart 2000, S. 238-239.

44 Robles Egea, Antonio: Las coaliciones de izquierdas en Francia y España (1899- 1939), in: Cahiers de civilisation espagnole contemporaine. De 1808 au temps present 2 (2015), <http://ccec.revues.org/5404> [28.02.2016; 22:00], S. 2-3.

45 Bezbakh 2009: 191.

46 Ebd. 191-192, auch: Bloch 1972: 180-181 und Mayeur 1973: 98.

47 Robles Egea 2015: 2.

48 Mayeur 1973: 99.

49 Bezbakh 2009: 179.

50 Rebérioux 1975: 57.

51 Bezbakh 2009: 180.

52 Engels 2007: 88.

53 Ebd. 57.

54 Schmale 2000: 240.

55 Prost, Antoine: Petite Histoire de la France. Da le belle Époque à nos jours, Paris6 2013, S. 12.

56 Rebérioux 1975: 51-52.

57 Bezbakh 2009: 179

58 Rebérioux 1975: 52.

59 Bloch 1972: 123.

60 Ebd. 122.

61 Sanson, Rosemonde: Centre et gauche (1901-1914). L'alliance républicaine démocratique et le parti radical-socialiste, in: Revue d'histoire moderne et contemporaine 39.3 (1992), S. 493-512, hier S. 493.

62 Hierzu ausführlich: Bezbakh 2009: 186-199, zu den verschiedenen sozialistischen Strömungen auch Bloch 1972: 172-180.

63 Miller/Potthoff 1981: 40.

64 Wehler 1994: 88.

65 Faulenbach 2012: 32.

66 Vollmar, Georg von: Über die nächsten Aufgaben der deutschen Sozialdemokratie, München 1891, S. 7.

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Details

Titel
Annäherung und Entfremdung deutscher und französischer sozialdemokratischer Parteien und der jeweiligen politischen Mitte. Eine didaktische Aufbereitung im Geschichtsunterricht
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
35
Katalognummer
V539872
ISBN (eBook)
9783346165510
ISBN (Buch)
9783346165527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
annäherung, aufbereitung, eine, entfremdung, geschichtsunterricht, mitte, parteien
Arbeit zitieren
Hendrik Bergers (Autor), 2016, Annäherung und Entfremdung deutscher und französischer sozialdemokratischer Parteien und der jeweiligen politischen Mitte. Eine didaktische Aufbereitung im Geschichtsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539872

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