Ziel dieser Arbeit ist es, die Ausgangsthese des eklatanten Unterschieds im abweichenden Verhalten Jugendlicher und dem behördlichen Umgang mit diesen im Preußen und Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und festzustellen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sich im Umgang mit adoleszenter Normübertretung in beiden Ländern finden lassen.
Da es sich hierbei in beiden Ländern um ausgedehnte Prozesse handelt, ist es im Rahmen dieser Arbeit unabdingbar, den Gegenstand einzugrenzen. So werden insbesondere Parallelen und Differenzen von jeweils zwei Gesetzen im Preußen und Frankreich des ausgehenden „langen 19. Jahrhunderts“ verglichen. Vorgelagert wird dargestellt, welche die Fundamente des neuen Umgangs mit Jugendkriminalität sind und in welchen Schritten sich die Behandlung jugendlicher Delinquenz bis zu den besagten Gesetzen manifestiert. An die Gesetze anknüpfend wird ein besonderer Fokus auf die Definition der „Verwahrlosung“ und der Tatbestände gelegt, um zu zeigen, welche Kriterien in beiden Ländern Gültigkeit besitzen und welches konkrete Verhalten als unerwünscht gilt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die veränderte Familienstruktur und ihre sozialen Auswirkungen im ausgehenden 19. Jhr.
III. Der Umgang mit jugendlicher Devianz in Preußen
a) Vorgeschichte und Kontext der Gesetze
b) Zwangserziehungsgesetz
c) Fürsorgeerziehungsgesetz
d) Verwahrlosung
e) Welche Tatbestände?
IV. Der Umgang mit jugendlicher Devianz in Frankreich
a) Vorgeschichte und Kontext der Gesetze
b) Loi du 24 juillet 1889
c) Das Loi du 12 juillet 1912
d) Verwahrlosung
e) Welche Tatbestände?
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Ansätze des preußischen und des französischen Staates im ausgehenden 19. Jahrhundert beim Umgang mit jugendlicher Delinquenz und Verwahrlosung. Ziel ist es, Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten in der Gesetzgebung und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieses Phänomens aufzuzeigen.
- Historischer Wandel der Familienstrukturen und soziale Folgen der Industrialisierung
- Analyse und Vergleich der jeweiligen nationalen Gesetzgebungsrahmen
- Definition des Begriffs der "Verwahrlosung" und die damit verbundenen Kriterien
- Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den zugeschriebenen Delikten
- Wandel von rein repressiven Strafmaßnahmen hin zu präventiven Erziehungsansätzen
Auszug aus dem Buch
III. Der Umgang mit jugendlicher Devianz in Preußen
Im Jahre 1859 stellt das preußische Herrenhaus einen Antrag bezüglich der Neuregelung der Bestimmungen zum Umgang mit jugendlichen Straftätern, da diese als unzureichend empfunden werden. Hier manifestieren sich frühe Ansätze einer erzieherischen Reformbewegung, welche für einen neuen Umgang mit Jugendlichen plädieren. So etabliert sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts langsam eine Sicht auf Kindheit und Heranwachsen, welche beide als eigenständige Entwicklungsphasen ansieht und als Konsequenz einen spezifischen Umgang mit dieser Altersgruppe fordert.
Des Weiteren kommt die Idee auf, dass delinquentes oder unmoralisches Verhalten von Jugendlichen häufig nicht im Täter selbst, sondern in dessen mangelhaftem und abträglichem Umfeld wurzelt. Somit seien die Straftaten lediglich Ausdruck eines profunden Defizits, dem man selbst durch drakonische Strafen nicht Herr werden kann. Ferner wird die gemeinsame Inhaftierung von Jugendlichen und erwachsenen Straftätern, welche einer „Ansteckung“ der Jugendlichen Vorschub leiste, zunehmend in Frage gestellt. Dieses Amalgam aus ungünstigen Einflüssen soll durch wirkungsvolle Erziehungsmaßnahmen eingedämmt und verhindert werden. Strafen verlieren somit ihre in erster Linie sanktionierende, vergeltende Stoßrichtung und suchen eine nachhaltige Besserung und Verhaltensänderung des Betroffenen anzuregen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Auswirkungen der Industrialisierung auf Jugendliche ein und skizziert die Ausgangsthese, dass Preußen und Frankreich unterschiedliche Ansätze bei der Behandlung jugendlicher Delinquenz verfolgen.
II. Die veränderte Familienstruktur und ihre sozialen Auswirkungen im ausgehenden 19. Jhr.: Das Kapitel erörtert, wie die Industrialisierung das Familienleben destabilisierte und in beiden Ländern zeitgenössisch als Ursache für Verwahrlosung und Kriminalität von Jugendlichen gesehen wurde.
III. Der Umgang mit jugendlicher Devianz in Preußen: Hier wird die Entwicklung der gesetzlichen Regelungen in Preußen beschrieben, die von strafrechtlicher Verfolgung hin zu erzieherischen Maßnahmen wie der Zwangserziehung und schließlich der Fürsorgeerziehung führten.
IV. Der Umgang mit jugendlicher Devianz in Frankreich: Dieses Kapitel analysiert die französische Gesetzgebung, insbesondere die Loi du 24 juillet 1889 und das Loi du 12 juillet 1912, sowie die Rolle der "Assistance publique" bei der Betreuung gefährdeter Jugendlicher.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass beide Staaten trotz unterschiedlicher Zeitverläufe in der Gesetzgebung Gemeinsamkeiten in der Hinwendung zu präventiven Erziehungsmaßnahmen und einer Einschränkung elterlicher Rechte aufweisen.
Schlüsselwörter
Jugendkriminalität, Fürsorgeerziehung, Zwangserziehung, Verwahrlosung, Industrialisierung, Deutsches Kaiserreich, Frankreich, Rechtsgeschichte, Pädagogik, Gesetzgebung, Sozialdisziplinierung, Normübertretung, Delinquenz, Strafrecht, Jugendfürsorge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht historisch vergleichend, wie Preußen und Frankreich im späten 19. Jahrhundert auf das zunehmende Problem jugendlicher Kriminalität und Verwahrlosung reagierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind der Wandel der Familienstrukturen durch die Industrialisierung, die Entwicklung von Jugendstrafrecht und Fürsorgegesetzen sowie die Definitionen von "Verwahrlosung" in beiden Ländern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit adoleszenter Normübertretung in beiden Staaten herauszuarbeiten und zu prüfen, ob die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung dieser Phänomene divergierten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-vergleichende Analyse von Gesetzen, zeitgenössischen Diskursen und soziologischen Auswirkungen in Preußen und Frankreich.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Gesetze zur Zwangserziehung und Fürsorgeerziehung in Preußen sowie die entsprechenden französischen Pendants analysiert, inklusive der Rolle der Erziehungsbehörden und der geschlechtsspezifischen Wahrnehmung von Delikten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Jugendkriminalität, Fürsorgeerziehung, Zwangserziehung, Verwahrlosung, Sozialdisziplinierung und historische Rechtsgeschichte.
Was unterscheidet den französischen "accueil des enfants moralement abandonnés" von preußischen Ansätzen?
In Frankreich spielten ökonomische Motive der Eltern eine größere Rolle bei der Überstellung ihrer Kinder an diese Behörde, während der preußische Staat eher proaktiv und gegen den Willen der Eltern intervenierte.
Welchen Einfluss hatte der "gamin de Paris" auf die zeitgenössische Debatte?
Der gamin de Paris wurde als Archetypus des verwahrlosten Jugendlichen konstruiert, dessen Verhalten als geerbt von "lasterhaften" Eltern dargestellt wurde, was wiederum als Rechtfertigung für repressive Strafmaßnahmen diente.
- Arbeit zitieren
- Hendrik Bergers (Autor:in), 2017, Unterschiede und Gemeinsamkeiten des preußischen und französischen Umgangs mit jugendlicher Delinquenz im ausgehenden 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539873