Empathie im Film. Welche Möglichkeiten der Empathieerzeugung setzt Hitchcock ein?


Bachelorarbeit, 2013

46 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Empathie
2.1 Vorraussetzungen und Entstehung von Empathie
2.2 Definition des Begriffes ‘Empathie’
2.3 Unterschiede zwischen Empathie und Sympathie

3 Varianten zur Steigerung des Empathievermögens
3.1 Hitchcock
3.2 Intensivierung durch Verankerung in der Story
3.3 Intensivierung durch technische Mittel
3.3.1 Visuelle Techniken
3.3.2 Auditive Techniken

5 Conclusio

Filmverzeichnis

Literaturverzeichnis

Danksagung

Ein herzliches Dankeschon geht an alle, die mich bei der Erstellung meiner Bachelorarbeit unterstutzt haben. Besonders mochte ich mich bei Mag.a Christina Niessl, Mag.a Sonja Loschberger und Katrin Jungwirth, die mir bei der Korrektur meiner Bachelorarbeit sehr hilfreich zur Seite standen.

Vielen Dank auch an meine Betreuerin Frau Corinna Antelmann, meinen Lehrer Dr. Michael Manfe und an meinen Studiengangleiter Dipl. Designer (FH) und Dipl. Regisseur Till Fuhrmeister, die mich betreut und umfan- greich unterstutzt haben.

Nicht zuletzt mochte ich mich auch bei meinen Eltern bedanken, denn ohne sie ware dieses Studium niemals moglich gewesen.

Kurzfassung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kurzbeschreibung

In dieser Bachelor-Arbeit soll die Frage, Welche Moglichkeiten, Empathie fur eine Filmfigur zu erzeugen, setzt Hitchcock in seinen filmischen Werken ein?, beantwortet werden.

Zuallererst wird das Thema Empathie genauer behandelt.

Der Begriff wird definiert, besonders im Hinblick auf die Vorraussetzungen und die Entstehung von Empathie.

Folgend werden die Unterschiede zu Sympathie aufgezahlt.

Aufbauend auf diesem Wissen, werden anschlieEend die Moglichkeiten der Erzeugung und Verstarkung von Empathie beschrieben, mit besonderem Augenmerk auf Hitchcocks filmische Werke und mit vielen Beispielen zur Veranschaulichung. Eingeleitet wird diese Kapitel durch einen kurzen Uberblick hinsichtlich Hitchcocks Leben und der Erklarung, warum genau dieser Regisseur als Anhaltspunkt fur diese Arbeit ausgewahlt wurde.

Der nachfolgende Teil, in dem es sich um die Wege der Empathie- Erzeugung dreht, ist in zwei Kapitel gegliedert. Im ersten geht es um eine Intensivierung von Empathie durch Verankerung in der Story geht, und dem zweiten, das von den technischen Mitteln zu diesem Thema handelt, das wiederum in visuelle und auditive Techniken unterteilt ist.

Zuletzt in der ‘Conclusio', wird das erforschte Themengebiet zusammenge- fasst.

Zusatzlich wird der Zusammenhang zu einem realen Filmprojekt herges- tellt, welches den Grund und die Motivation fur diese Arbeit darstellt.

Abstract

In this bachelor theses, the question, Which opportunities, to generate empathy for a movie character, is Hitchcock using in his cinematic work?, is being discussed.

First, the topic empathy will be reviewed.

The term itself will be defined, in a particular view on the conditions and incurrences of empathy. Further on the differences between empathy and sympathy will be listed.

After gaining knowledge about empathy in general, the continuing possi­bilities of generation and enhancement of empathy are described, focusing on Hitchcock's cinematic work and including a lot of film examples.

To outline this chapter, there is a short introduction of Hitchcock himself and an explanation of why the author chose him for this Bachelor paper. Chapter three, which is about the possibilities of generating empathy, is structured into two parts. The first part is about the intensification of empathy through storytelling and the second part is about achieving this intensification with technical methods, both visual and auditive.

Finally, the last chapter, the ‘Conclusio', is a summary of the discoveries, as well as the answers to questions made during the research concerning the topic empathy in a film.

Furthermore, there is a connection between this paper and a real film project, which was the reason for and the motivation behind this Bachelor paper.

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Diese Bachelorarbeit beschaftigt sich insbesondere mit der Empathie im Film.

Innerhalb dieser Arbeit wird die Frage Welche Moglichkeiten, Empathie fur eine Filmfigur zu erzeugen, setzt Hitchcock in seinen filmischen Werken ein? diskutiert.

Dazu muss zuvor geklart werden, was Empathie ist, wie Empathie entsteht und welche wichtigen Unterschiede zwischen Empathie und Sympathie existieren.

AnschlieEend gibt die Autorin einen kurzen Uberblick uber Hitchcocks Leben, um ihn kurz einzufuhren, da er mit seinen Filmen Beispiele fur die Erzeugung und Verstarkung von Empathie liefern wird. Er ist ein Meister der ‘Suspense', jedoch wissen viele nicht, dass er ebenfalls gut darin ist, Em- pathie fur seine Filmfiguren zu erzeugen.

Dies ist ein Grund, weshalb er und nicht ein anderer gewahlt wurde. Ein anderer ist der Umstand des Bekanntheitsgrades. Die meisten Filminteres- sierten kennen seine Filme, konnen also leichter nachvollziehen, uber was geschrieben wird.

Weiters war die Tatsache, dass er unzahlige Filme gemacht hat und die An- zahl an empathisierender Szenenbeispiele ausreichend war, um eine Arbeit daruber zu schreiben, ausschlaggebend.

Folgend, auf dem vorherig Geschriebenen aufgebaut, wurde erforscht, welche Moglichkeiten Hitchcock beim Erstellen eines Drehbuches, bei den Uberlegungen zu einem Storyboard, bei einem Filmdreh und bei der Post- produktion eingesetzt hat, um Empathie fur eine Filmfigur herzustellen und dann zu verstarken, unterteilt in narrative, visuelle und auditive Bereiche.

Besonders interessant an diesem Thema ist Hitchcocks besonderer Einsatz von technischen und narrativen Mitteln, um dem Publikum Empathie- Erzeugung fur den Film und seine Figuren zu ermoglichen. Die Autorin wollte herausfinden, was Empathie in einem Film ist und wie man diese erzeugt oder verstarkt. Da dieses sehr groEe Thema diese Arbeit sprengen wurde, hat sie sich letztendlich auf Hitchcocks Techniken beschrankt.

Wichtig war die Erforschung dieses Themengebietes auch speziell fur ihr Bachelor-Abschlussprojekt. Es ist ein Dokumentarfilm, der in Kenia ge- dreht wurde, mit dem Thema HIV/AIDS und der damit zusammenhan- genden Ausgrenzung, Stigmatisierung und dem Schweigen uber diese Krankheit. Speziell geht es darum, dass Familien, Freunde etc. einen HIV- Infizierten abstoEen, dass Menschen an Geruchte glauben und aufgrund dessen Verbrechen begehen, dass diese Geruchte weiterverbreitet werden und Schreckliches hervorbringen.

Dies ist eine sehr schwierige Problematik, mit der man sehr behutsam umgehen muss.

Bei dieser Dokumentation ist es sehr wichtig gewesen, dem Publikum die Moglichkeit zu geben, sich in diese Betroffenen aber auch in die Tater hinein fuhlen zu konnen, um ihre Handlungen nachzuvollziehen, an- statt zu verurteilen. Somit war der notige Wissensdurst vorhanden, um wahrend der Beschaftigung mit dem Themengebiet Empathie, Ant- worten auf die Frage zu finden, wie man Empathie erzeugen und ver- starken kann, um so auch die Dokumentation empathisierender und somit verstandlicher und wirkungsvoller zu gestalten.

2. Was ist Empathie

Das Wort Empathie kommt im Allgemeinen aus dem Griechischen und leitet sich vom Begriff empatheia ab. Er wird mit Leidenschaft ubersetzt und setzt sich aus en, ein, und pathos, das Gefuhl zusammensetzt.

(vgl. Maatta 2006, 3 f; Coulehan et al. 2001, 221 f)

2.1 Vorraussetzungen und Entstehung von Empathie

„Empathie beruht nach Lipps auf einer ‘Intuitiven Gewissheit', auf einem nicht naher analysierbaren Instinkt[...]“ (vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

Eine Vorraussetzung fur Empathie ist, die Fahigkeit zu besitzen, zwischen sich selbst und einem anderen Menschen unterscheiden zu konnen.

(vgl. Feshbach 1989, 77 ff)

Man muss das Imaginieren beherrschen.

„Empathie ist eine Art des Imaginierens und vor allem eine Art des personlichen Imaginierens.“

(Smith 2007, 14f)

Ein Beispiel fur imaginieren ist, sich vorzustellen, wahrend man aus dem Fenster sieht und ein Auto vorbei rast, was passiert ware, wenn das eigene Kind in diesem Moment auf der StraEe gewesen ware. Ein Schauer lauft einem uber den Rucken, der Atem stockt fur einen Moment. Diese und ahnliche Erlebnisse sind sehr haufig. Trotz dieser emotionalen Folgen des personlichen Imaginierens vergisst man niemals, wo man ist. Man ist sich dessen bewusst, was wirklich ist und was nur in unseren Vorstellungen passiert. Unsere Sinne und unser Verstand werden nicht eingenommen oder uberwaltigt. Lediglich imaginiert man eine andere Variante des ei- genen Zustandes, eine andere Version seiner selbst. Viele Aspekte sind aus der eigenen tatsachlichen Welt ubernommen. (vgl. Smith 2007, 15 ff)

„[...] wir ziehen einen wesentlichen und andau- ernden Gewinn aus unserer Vorstellungskraft, wenn wir Plane machen, bei einer Aktivitat [...], die von uns verlangt, dass wir uns verschiedene Handlungs- wege vorstellen, die wir in der unmittelbaren oder entfernten Zukunft beschreiten konnten, und sie ein- schatzen.” (Smith 2007, 19)

So lassen sich Fehler ausschlieEen oder zumindest minimieren, und mog- liche Gefahren eindammen oder verhindern. Folglich erweitern wir im- mer mehr unser Vorstellungsvermogen und somit auch unsere Fahigkeit, Probleme zu losen. All dies ist personliches Imaginieren und die meisten Menschen besitzen diese angeborene Fahigkeit, sich Dinge vorzustellen. (vgl. Smith 2007, 15 ff)

AuEerdem muss man grundsatzlich die Fahigkeit besitzen, empathisch zu empfinden und auch bereit dazu sein. Dies entwickelt sich normalerweise bereits im Kindesalter. (vgl. Feshbach 1989, 77 ff)

„Empathie beginnt fruh, aber sie wird mit zuneh- mendem Alter immer differenzierter

(Feshbach 1989, 78 f)

Die Fahigkeit, affektive Hinweise zum Beispiel in Gesichtern anderer wahrzunehmen und zu definieren, erlernen wir bereits als Baby. Es ubt beispielsweise, indem es bereits sehr fruh versucht, das Lacheln der Mut­ter nachzuahmen. Manche Babys beginnen sogar zu weinen, wenn man sie bose anblickt. Spater kommt die kognitive Fahigkeit, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen, um deren Handlungen nachzuvollziehen, hinzu. Dies wird gefordert durch zahlreiche Kinderspiele, etwa dem Spiel ‘Als-OB'. Indem sich Kinder beispielsweise vorstellen, sie waren Prinzessin- nen, Tiere oder bereits erwachsen und Eltern, trainieren sie ihre kognitiven Fahigkeiten. (vgl. Smith 2007, 15)

Tratsch und einfache Gedankenexperimente wie zum Beispiel, ‘was ware, wenn', sind die Wege der Erwachsenen, um die Gedanken mit Hilfe auEerer Unterstutzung zu entwickeln. Dies sind Werkzeuge, die man tagtaglich im Rahmen des praktischen, sozialen und ethischen Problemlosens anwendet. (vgl. Smith 2007, 20)

„[...] diese Spiele markieren in der Entwicklung des Individuums zugleich den Anfang des erweiterten Imaginierens.“ (Smith 2007, 20)

Das erweiterte Imaginieren ist die Fahigkeit, Emotionen gleichzeitig mit einer anderen Person selbst zu erleben, was sich, wie bereits erwahnt, zu- letzt in einem Menschen entwickelt. (vgl. Feshbach 1989, 77 f) Dieses erweiterte Imaginieren wird auch emotionale Empathie genannt.

Die Empathiefahigkeit ist bei jedem Menschen individuell und bei man- chen mehr und bei anderen weniger ausgepragt. Sie hangt vor allem auch mit den Vorlieben, dem Alter oder der charakterlichen Beschaffenheit der Personlichkeit zusammen. (vgl. Feshbach, 77 f)

Oft wird Frauen eine hoheres Empathievermogen zugeschrieben, als Man- nern. Ein moglicher Grund dafur ist das grundlegend unterschiedliche Verhalten. Bei einjahrigen Kindern wurde festgestellt, dass sich Jungen mehr fur Filme mit vorbeifahrenden Autos interessieren, als fur welche, mit menschlichen Gesichtern. Bei Madchen wurde das Gegenteil festgestellt. AuEerdem sind die Spielgewohnheiten sehr verschieden. Jungen beschaf- tigen sich bevorzugt mit Spielzeugautos, Waffen, Bauklotzen und mechani- schem Spielzeug. Madchen hingegen mogen Rollenspiele, spielen mit Pup­pen und begeben sich in die Position einer Mutter. Auch neigen Jungen im Kindergarten eher dazu, Konflikte mit Gewalt zu beheben, wohinge- gen Madchen uber andere schlecht reden oder aus Gruppen ausschlieEen. Gewalt verlangt so gut wie kein Empathievermogen. Die Psychospielchen der Madchen hingegen, fordern ein groEes Verstandnis von strategischem Vorgehen und Perspektivenubernahme. Madchen und Frauen haben also mehr Ubung im Gebrauch von Empathie, als Manner.

(vgl. Ashwin et al. 2005, 628 ff)

Eine zusatzliche Vorraussetzung fur das empathische Empfinden, ist das Bestehen von weltweit universellen Emotionen. Zehn grundlegende Emo- tionen wurden festgestellt, die alle menschlichen Wesen, ungeachtet der Herkunft oder kulturellen Zugehorigkeit, mit der gleichen Mimik aus- drucken. Dazu zahlen das Wecken von Interesse, Freude, Uberraschung, Kummer, Arger, Abscheu, Verachtung, Furcht, Scham und Schuld.

Das Herauslesen von Bedeutungen aus Gebarden, spielt somit eine groEe Rolle fur die Entwicklung von Empathie. Jeder, der beispielsweise Zorn erlebt, empfindet diesen nicht nur innerlich, sondern druckt ihn auch, in Form einer Gebarde aus, was eine Betrachterin oder ein Betrachter visuell wahrnehmen kann. (vgl. Smith 2007, 15)

Wenn man einen speziellen Gesichtsausdruck mit einer Basisemotion assoziieren kann, wird die Beobachterin oder der Beobachter dazu ten- dieren, das entsprechende Gefuhl mithilfe des ‘Facial-Feedback-Mecha- nismus' zu erfassen. Dieser besagt, dass Emotionen von Gesichtsmuskel- bewegungen eingeleitet und moduliert werden, die dadurch fur andere erkennbar werden. (vgl. McIntosh 1996, 121 ff)

Die mimischen Ausdrucke betreffend dieser Basisemotionen sind sozial und kulturell unabhangig und somit allgemein verstandlich, da sie durch angeborene Impulse ausgelost und ebenfalls verstanden werden. Im Gegen- satz zu diesen oben beschriebenen Emotionen gilt fur alle anderen, dass sie sich in verschiedenen Kulturen, stark unterscheiden.

(vgl. Plantinga 1999 b, 8 ff; Lipps 1907, 714)

Zuletzt spielt auch die Situation, in der sich eine Person befindet, eine wichtige Rolle fur die Entwicklung von Empathie. Es stellt einen bedeu- tenden Unterschied dar, ob sie sich in einer Umgebung befindet, die ihr vertraut ist und in der sie sich wohl fuhlt, oder im Gegensatz dazu, in einer vollig fremden, in der sie ein unsicheres und unwohles Gefuhl verspurt.

Auf den Film bezogen bedeutet dies, dass das Empathievermogen zusatzlich noch vom Genre und der Einstellung der Zuschauerin und des Zuschauers zum Film beeinflusst wird. (vgl. Feshbach, 77 f)

Daruber hinaus ist es von Bedeutung, ob ein Film im eigenen Zuhause, vor dem Fernseher gesehen wird, wobei auch die GroEe des Fernsehers entscheidend ist, sowie die Qualitat des Bildes, des Tons, der Ablenkung von eventuellen Familienmitgliedern und ahnlichem. Oder, ob der Film in einem Kino gesehen wird, das groE, klein, alt oder neu sein kann, beheizt ist oder nicht. Viele Kleinigkeiten konnen die Aufmerksamkeit und das Empathievermogen storen aber auch fordern.

Ein weiterer, wichtiger Punkt besteht darin, ob sich eine Person in Gesell­schaft befindet und dann, da auch zwischen Menschen eine Ubertragung von Empathie existiert, ob die Anwesenden offen sind fur das Empfan- gen von Empathie oder nicht. Im Kino beispielsweise, fallt es einer Zu- schauerin und einem Zuschauer viel leichter selbst zu empathisieren, wenn sie oder er merkt, dass andere im Publikum dasselbe zulassen. Gibt es viele Kinobesucherinnen und Besucher, die ganz offensichtlich nicht begeistert von dem Film sind, laut reden, telefonieren, standig aufstehen etc. ist es viel schwieriger, sich auf den Film zu konzentrieren und sich darauf einzu- lassen. (vgl. Plantinga 1999 a, 243)

2.2 Definition des Begriffes ‘Empathie’

Fruhere Definitionen von Empathie in Bezug auf Film, sind meist eher kognitiv oder affektiv orientiert. Heute hat man jedoch festgestellt, dass Empathie eine affektive und intuitive Reaktion des Publikums ist, jedoch von kognitiven, erlernten Voraussetzungen abhangig ist, die bereits im vorangegangenen Kapitel beschrieben wurden. Tatsachlich sind also samt- liche Aspekte, affektive, emotionale, kognitive etc. ineinander verwoben. Die jeweilige Mischung, ob mehr kognitive oder affektive Komponenten angesprochen werden, hangt dann wiederum von den individuellen Eigen- schaften einer Kinobesucherin und eines Kinobesuchers ab.

(vgl. Feshbach 1989, 77 f)

„Empathie ist ein grundlegender Bestandteil fur so- ziales Verstandnis und soziale Harmonie.“

(Feshbach 1989, 77)

Empathisches Imaginieren ist, sich vorzustellen, wie andere deren Welt sehen und vor allem, wie sie sich fuhlen. So lasst sich Empathie als das Ein- fuhlen in das Denken von anderen charakterisieren. Eine Art Gedanken- lesen. Auf diese Weise erfahrt man nicht nur die Emotionen des anderen, man kann sie sogar selbst, durch emotionale Empathie, miterleben. Durch dieses Einfuhlungsvermogen ist es uns moglich, die mentalen Zustande an- derer, in Hinblick auf potentiellen Gefahren, moglichem Nutzen, Dring- lichkeit, Relevanz und Tragweite zu kategorisieren. Mithilfe von Empathie tut sich fur uns ebenfalls die Moglichkeit auf, uns auf Situationen, Personen und Kulturen einzulassen, die sich von den uns bekannten stark unter- scheiden. (vgl. Smith 2007, 15 ff)

Empathie, bezogen auf den Film, ist allerdings nicht rein imaginar. Sie ist ein Nach- und Mitempfinden mit den Filmfiguren und deren gezeigten Emo- tionen. Empathie ist mit unzahligen, untergeordneten, psychischen Reak- tionen verbunden, vor allem mit motorischer und affektiver Nachahmung, der Mimikry. Dies bedeutet, dass die Zuschauerin und der Zuschauer auf das dargestellte Gefuhl der Protagonistinnen und Protagonisten reagieren und dieses nachahmen. Durch eine affektive, also emotionale Nachah- mung, konnen vollig imaginative Vorgange hervorgerufen und zusatzlich noch mit ‘Requisiten' ausgestattet werden. (vgl. Smith 2007, 15)

„Die Mimikry einfacher Handlungen und Emotionen vermag die Imagination - einschliefilich der empa- thischen Imagination - von komplexeren, subtileren Gemutsverfassungen quasi mit einem stutzenden Gerust zu versehen.“ (Smith 2007, 16)

So erfasst man intuitiv die Gefuhlslage des anderen, indem man die Mimikry liest und mit eigenem Erregungspotential fullt.

Die Gebarde wird von der Zuschauerin und dem Zuschauer interpretiert, als ein spezifischer Affekt und wird mit den eigenen, vertrauten Affekten verglichen. Man tendiert dazu, dieselbe, fremde, aufgenommene Gebarde als eine eigene hervorzubringen. Man erkennt also in den Gebarden der Darstellerin und des Darstellers Affekte, mit speziellem, emotionalem In­dex. Es ist ein innerer Trieb, diesen Zustand hervorzubringen. Das Publi- kum reproduziert bestimmte Affekte, als ob er dieselben spuren wurde. So kann man im Kino beobachten, wie die Zuseherinnen und Zuseher andeu- tungsweise ahnliche Gebarden ausuben, wie die Figuren auf der Leinwand. (vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

Durch Empathie kann man sich die Situation eines anderen vorstellen, sich hinein fuhlen und seine Perspektive wechseln.

Wenn wir nun mit einer anderen Person empathisieren, erweitern wir un­ser Denken. Wir beziehen einen Teil des Denkens der anderen Person mit ein und nutzen dazu ein Element unserer Umwelt. Unser Verstand wird dadurch mit dem Teil der Welt verbunden, durch den er sich erweitert hat. Dies kann durch ein Beispiel verdeutlicht werden: Emma unterhalt sich mit Paul. Emmas Blick wird plotzlich abgelenkt und auf ihrem Gesicht entsteht ein alarmierender Ausdruck. Paul weiE dadurch, ohne sich umzusehen, et­was uber Emma. Sie hat Angst, und er erfahrt etwas uber seine Umwelt, etwas Unerwartetes und Bedeutsames ist passiert. In diesem Fall hat Em- pathie in Form von affektiver Nachahmung die Rolle eines Wachhundes ubernommen, der Paul auf etwas aufmerksam machen sollte, das ihn wo- moglich auch betreffen konnte. (vgl. Florschutz 2011 O.Q.)

Man konnte Empathie also auch als Hilfsmittel verstehen, das unsere ange- borenen Wahrnehmungsfahigkeiten verstarkt. (vgl. Smith 2007, 18)

„Im Leben ist Empathie immer funktional, ein Mittel zum Zweck; in der erzahlenden Kunst wird sie zum Zweck ebenso wie zum Mittel.“ (Smith 2007, 23 f)

„Empathie garantiert, dafi [sic] die emotionale Beteiligung des Publikums wachgehalten wird. Wenn es dem Autor nicht gelingt, ein Band zwischen Kinogdnger und Protagonisten zu knupfen, dann bleiben wir aufierhalb undfuhlen gar nichts.“ (vgl. McKee 2011, 16)

Wenn wir mit einer Protagonistin oder einem Protagonisten empathisieren, und ihm wunschen, seine Hoffnungen wurden erfullt, drucken wir auch ein bisschen die Daumen fur unsere eigenen Traume im Leben.

Filme bieten uns die Moglichkeit, ein anderes Leben, als das eigene zu fuhren, in anderen Welten, anderen Zeiten. (vgl. Noll-Brinckmann 1999, 161)

„Empathisch bedeutet: Sie oder er ist wie ich. Tief im Inneren des Protagonisten erkennt das Publikum ein gemeinsames Menschsein.“ (McKee 2011, 160)

Naturlich ist die Figur und die Zuseherin oder der Zuseher nicht in jeg- licher Hinsicht gleich. Vielleicht teilen sie auch nur eine einzige, mogli- cherweise sogar unbedeutende Kleinigkeit, die einen Moment des sich selbst Wiedererkennens erzeugt, wodurch das Publikum instinktiv mochte, dass die Wunsche und Hoffnungen des Charakters erfullt werden. Eine Zuschauerin oder ein Zuschauer denkt, die Figur ware wie man selbst und ware man in dieser Situation, wurde man dasselbe wollen. Es passiert eine Verknupfung zwischen Figur und Publikum.

Ein Publikum, das von einem Film angesprochen wird, kann sich eventuell in mehrere der vorkommenden Figuren einfuhlen, jedoch muss es sich un- bedingt in die Filmheldin oder den Filmhelden hineinversetzen konnen, da ansonsten das Band gerissen ist und der Film nicht mehr funktioniert. (vgl. McKee 2011, 160 f)

Trotz Empathie bleibt eine gewisse Distanz zwischen der Akteurin oder dem Akteur und der Zuschauerin oder dem Zuschauer erhalten, denn es handelt sich immer nur um ein temporares, partielles Sich-Einfuhlen, das meist aussetzt, sobald der Film zu Ende ist und die Protagonistin oder der Protagonist erreicht hat, was sie oder er wollte. Dies ist vollziehende Em- pathie, die sich beim Betrachten des Filmes einstellt. Zusatzlich existiert auch die ruckwirkende Empathie, die erst dann auftritt, nachdem der Film zu Ende ist und man uber den Film nachdenkt. Dieser kann so, zu einem spateren Zeitpunkt an Bedeutung gewinnen. Moglicherweise entdeckt man beim Nachdenken uber bestimmte Szenen mehr Tiefe oder neue Zusam- menhange.

Speziell bei Fernsehserien verteilt sich die Rezeption uber mehrere Wochen oder sogar Monate. So wechseln sich vollziehende und ruckwirkende em- pathischen Prozesse ab, unterbewusst und bewusst denkt und erlebt man die Geschichten. (vgl. Smith 2007, 25 f)

Ganz gleich ob bei vollziehender Empathie oder ruckwirkender, die Figur bleibt immer ein separates Gegenuber. Zwar teilt man die emotionalen und physischen Erlebnisse, die kurzzeitig zu den eigenen werden, doch eine gewisse Distanz bleibt erhalten. (vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

Man spricht also nie von Identifikation, wenn es um Empathie geht, denn Identifikation schlieE ein extrem starkes Einswerden mit einer anderen Person mit ein, das so stark ist, dass man fuhlt, denkt und handelt, wie diese gewisse andere Person. Wahrend einem beim Empfinden von Empathie, wie bereits beschrieben, stets der ‘Als-ob-Zustand' bewusst ist, was bei einer volligen Identifizierung mit einem anderen verloren geht.

(vgl. Barthel 2008, 31)

Zusatzlich zur Mimikry-Empathie existiert die somatische Empathie, auch Motor-Mimikry genannt. Sie ist quasi eine Erweiterung der Mimikry-Em- pathie. Es ist eine mehr oder weniger virtuelle, automatische, unwillkur- liche und korperliche, motorische Nachahmung durch Muskelbewegungen in etwa Handen oder FuEen.

Besonders das Medium Film bietet sehr gute Bedingungen, sich durch so- matische Empathie und motorische Nachahmung noch leichter in die Lein- wandfiguren hineinversetzen zu konnen. (vgl. Florschutz 2011, O.Q.) Als klassisches Beispiel dienen hier Schreckmomente aus Horrorfilmen.

Hitchcock hat sehr viel mit somatischer Empathie gearbeitet, worauf in einem spateren Kapitel noch genauer eingegangen wird.

Er kann sein Publikum ganz bewusst manipulieren, da er mit seinen Fil- men die Korperwahrnehmungen, die er bei seinen Zuschauerinnen und Zuschauern auslost, zu steuern weiE. (vgl. Noll-Brinckmann 1999, 120)

2.3 Unterschiede zwischen Empathie und Sympathie

Nach Plantinga, ist Empathie das geteilte Gefuhl und Sympathie die Anteil- nahme, ohne ein solches. (vgl. Plantinga 1999 b, 16)

Wulff hat sich ebenfalls mit dem Unterscheiden der zwei Begriffe ausei- nander gesetzt. Laut ihm beschreibt die Sympathie oder Antipathie eine Nahe oder Distanz zu einer Person, oder auch Filmfigur und Empathien beschreiben denjenigen, auf den sie gerichtet sind. (vgl. Wulff 2002b, 119 f)

„Aufgrund unseres Vermogens, uns in Menschen einzufuhlen, ist Empathie eng mit Sympathie [...] verknupft.“ (Feshbach 1989, 77)

“Empathy, then, implies sharing something of the other's feelings without necessarily feeling affection, positive regard or the desire to help. Sympathy, on the other hand, is a special kind of empathy, empathy coupled with a benevolent attitude towards the other person. “ (Chismar 1988, 124 f)

Sympathie ist so etwas wie ein Spezialfall von Empathie.

Um Empathie zu empfinden, sind wohlwollende Gefuhle keine Vorraus- setzung, wie dies bei Sympathie der Fall ist. Empathie funktioniert auch ohne emotionale Betroffenheit. Sie funktioniert selbst bei kritischer Dis- tanz auf einer kognitiven Ebene. (vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

Diese beiden Begriffe, Empathie und Sympathie, bezeichnen eine Bezie- hung. In einem Film ist es die Beziehung zwischen dem Publikum und einer Filmfigur aus dem Spielfilm. (vgl. Wulff 2003, 146)

Trotzdem bestehen einige Unterschiede zwischen Sympathie und Empathie, zwischen ‘feeling with' und ‘feeling for, wobei es auch flieEende Ubergange zwischen diesen beiden Arten der Interaktion, zwischen Zuschauerinnen oder Zuschauern und Filmfiguren gibt. Beide Begriffe sind von der Fahig- keit abhangig, dass wir uns in andere einfuhlen konnen.

(vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

„Das sich trennende Element, in dem die Sympathie uber die Empathie hinausgeht, liegt in der Wertschat- zung des Gegenubers. Denn wdhrend Empathie un- abhdngig davon funktioniert, ob das Gegenuber geschdtztes Vorbild oder gehasstes Feindbild ist, ver- langt Sympathie zusatzlich Wertschatzung, also eine positive Einstellung zum Gegenuber.“ (Barthel 2008, 39)

So bedeutet Sympathie fur uns primar, eine wohlwollende, emotionale Ein- stellung einem anderen gegenuber. (vgl. Barthel 2008, 40)

“Empathy allows one to sense what he is feeling, but does not entail the kind of mutuality and ‘fellow feel­ing' involved in sympathizing.“ (Chismar 1988, 258)

Auch ist Sympathie an personliche Vorlieben, Haltungen und Stellungen gebunden, an die personliche Vergangenheit, private Erlebnisse und Er- fahrungen. Man sympathisiert mit dem, was man kennt, was man gewohnt ist, und von dem man weiE, dass man es mag. Empathie funktioniert unab- hangig von den oben genannten Variablen. (vgl. Florschutz 2011, O.Q.)

Auch hangt Sympathie nicht automatisch vom Charakter der Figur oder ihrer Position innerhalb einer Handlung in einem Film ab. Jemand kann im Recht sein und falsch behandelt werden und zieht trotzdem keine Sym- pathie auf sich. Wichtig fur die Entstehung von Sympathie kann auch die Moral der Figur, ihr Humor und ebenso ihre Verkorperung durch eine bestimmte Schauspielerin oder einem bestimmten Schauspieler sein. So kann es vorkommen, dass jemand eine Schauspielerin oder einen Schau- spieler nicht mag, und gleichgultig wie gut die Rolle nun gespielt wird, Sympathie dieser Figur gegenuber, wird nicht entwickelt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Empathie im Film. Welche Möglichkeiten der Empathieerzeugung setzt Hitchcock ein?
Autor
Jahr
2013
Seiten
46
Katalognummer
V540062
ISBN (eBook)
9783346167071
ISBN (Buch)
9783346167088
Sprache
Deutsch
Schlagworte
empathie, empathieerzeugung, film, hitchcock, möglichkeiten, welche
Arbeit zitieren
Julia Zisser (Autor), 2013, Empathie im Film. Welche Möglichkeiten der Empathieerzeugung setzt Hitchcock ein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540062

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