Im deutschen Gesundheitssystem sind im Gegensatz zu vielen anderen Ländern die ambulante und stationäre Gesundheitsversorgung weitgehend getrennt. Seit Jahren wird diskutiert, ob durch eine Aufhebung dieser starren Sektorengrenzen eine bessere oder zumindest gleichwertige Patientenversorgung bei gleichzeitiger Kostenreduktion erreicht werden könnte. Mittlerweile gibt es zahlreiche Ansätze für eine sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung.
In dieser Arbeit werden die ambulante und stationäre Versorgungsstruktur kurz vorgestellt, einzelne bereits bestehende sektorenübergreifende Versorgungsmodelle, den ambulanten und den akut-stationären Versorgungsbereich betreffend dargestellt und versucht, soweit möglich, die Qualität und Effektivität dieser Modelle zu beurteilen. Im Anschluss folgt die Vorstellung neuer sektorenübergreifender Versorgungsansätze. Abschließend werden Chancen und Problematiken der sektorenübergreifenden Versorgung diskutiert.
Abstract
In contrast to many other countries, outpatient and inpatient health care are mostly separated in the German health care system. For many years it has been discussed whether a remove of these rigid sector boundaries could lead to better or at least equivalent patient care with a simultaneous reduction in costs. There are now numerous approaches to cross-sector healthcare.
In this work, the outpatient and inpatient care structure is briefly presented, individual existing cross-sectoral care models are presented, regarding the outpatient and acute inpatient care area, and attempts are made to assess the quality and effectiveness of these models as far as possible. This is followed by the presentation of new cross-sectoral care approaches. Finally, opportunities and problems of cross-sector care are discussed.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Gesundheitssystem in Deutschland
2.1 Die ambulante Gesundheitsversorgung
2.1.1 Das ambulante kassenärztliche Vergütungssystem
2.1.2 Vergütungsregelung im Honorarverteilungsmaßstab - Der einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM)
2.1.3 Vergütungsregelung im Honorarverteilungsmaßstab - Extrabudgetierte kassenärztliche Leistungen
2.2 Die stationäre Gesundheitsversorgung
2.2.1 Die Krankenhäuser
2.2.2 Die stationäre Leistungsvergütung
3. Die Gesundheitsausgaben ambulant/stationär in Deutschland
4. Sektorenübergreifende Versorgungsmodelle
4.1 Überlappungen von ambulantem und stationären Versorgungbereich
4.1.1 Das Belegarztsystem
4.1.2 Konsiliar-Leistungen durch Kassenärzte
4.1.3 Ambulante Operationen
4.1.4 Ermächtigte Krankenhausärzte
4.1.5 Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV)
4.1.6 Medizinischen Versorgungszentren (MVZ)
4.1.7 Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA)
4.2 Neue selektiv-vertragliche Versorgungsstrukturen
4.2.1 Integrierte Versorgung (IV)
4.2.2 Der Innovationsfond
4.3. Kosten sektorenübergreifender Versorgungsmodelle
5. Zukünftige sektorübergreifende Versorgungsmodelle
5.1 Die Neuordnung der Notfallversorgung (INZ)
5.2 Die neue Telematik-Infrastruktur (TI)
5.3 Das Modell der Intersektoralen Gesundheitszentren (IGZ)
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die starre Sektorentrennung zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung in Deutschland und evaluiert, ob eine Aufhebung dieser Grenzen durch neue Versorgungsmodelle zu einer effizienteren und qualitativ hochwertigeren Patientenversorgung bei gleichzeitigem Kostensenkungspotenzial führen kann.
- Analyse der bestehenden Strukturen im deutschen Gesundheitswesen
- Untersuchung bewährter sektorenübergreifender Kooperationsmodelle
- Bewertung neuer Versorgungsansätze wie INZ und IGZ
- Kritische Diskussion von Chancen und Problematiken der Sektorenzusammenführung
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Das Belegarztsystem
Das Belegarztsystem ist die älteste Kooperationsform zwischen stationärem Sektor und Vertragsarzt. Ein Belegarzt, der in der Regel ein ambulant tätiger Kassenarzt ist, nutzt aufgrund einer vertraglichen Vereinbarung die Einrichtungen des Krankenhauses für seine Patienten, führt Operationen bei seinen Patienten selbst durch und übernimmt auch deren stationäre Betreuung im Krankenhaus sowie die weitere ambulante Nachbetreuung. Für diese Tätigkeiten am Krankenhaus benötigt der Belegarzt eine Zulassung der zuständigen kassenärztlichen Vereinigung. Der Belegarzt muss dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen; er muss als Vertragsarzt zugelassen sein und in der Nähe der Belegklinik wohnen und praktizieren. Das betreffende Vertragskrankenhaus muss eine bestimmte Anzahl an Belegbetten ausweisen und zur Verfügung stellen. Der Belegarzt ist verpflichtet, die medizinische Betreuung seiner Patienten Tag und Nacht sicherzustellen [49, 50].
Insbesondere kleinere Krankenhäuser oder Krankenhäuser in ländlichen Gebieten erweitern mit Belegärzten ihr Angebot an weiteren Fachdisziplinen, ohne spezialisierte Fachärzte einstellen zu müssen oder Vollabteilungen vorhalten zu müssen. Beispiele hierfür sind Belegabteilungen für Chirurgie, HNO, Gynäkologie, Urologie, Dermatologie und Orthopädie, aber auch Psychiatrie. Eine Belegabteilung trägt so zur örtlichen Patientenversorgung bei, weil Patienten für fachärztliche Routineeingriffe keine weiten Wege auf sich nehmen müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems durch den demografischen Wandel und die Sektorentrennung, die zu Ineffizienzen führt.
2. Das Gesundheitssystem in Deutschland: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung, die Akteure sowie die Finanzierungs- und Vergütungsstrukturen des ambulanten und stationären Sektors.
3. Die Gesundheitsausgaben ambulant/stationär in Deutschland: Es wird ein Überblick über die Ausgabenentwicklung im deutschen Gesundheitswesen unter Berücksichtigung der verschiedenen Kostenträger gegeben.
4. Sektorenübergreifende Versorgungsmodelle: Das Kapitel stellt existierende Modelle wie das Belegarztsystem, ambulante Operationen und die Integrierte Versorgung vor und analysiert deren Kosten.
5. Zukünftige sektorübergreifende Versorgungsmodelle: Hier werden aktuelle Ansätze wie die Notfallreform (INZ), Telematik-Infrastruktur und Intersektorale Gesundheitszentren (IGZ) diskutiert.
6. Schlussbetrachtung: Das Abschlusskapitel resümiert die Ergebnisse und bewertet das Potenzial der untersuchten Modelle für eine zukunftssichere, effiziente Gesundheitsversorgung.
Schlüsselwörter
Sektorentrennung, Gesundheitsversorgung, Integrierte Versorgung, Belegarztsystem, Krankenhausvergütung, DRG, EBM, Telematik-Infrastruktur, Notfallversorgung, INZ, IGZ, Qualitätssicherung, Effizienz, Versorgungsmodell, Selektivverträge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in Deutschland und prüft Möglichkeiten zur sektorenübergreifenden Zusammenarbeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Schwerpunkte sind Vergütungssysteme (EBM/DRG), Kooperationsmodelle wie Belegärzte und MVZ sowie neue Ansätze wie Integrierte Versorgung und digitale Vernetzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beurteilen, ob sektorenübergreifende Modelle die Patientenversorgung verbessern und gleichzeitig Kosten im Gesundheitssystem senken können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Darstellung und Diskussion aktueller Ansätze auf Basis vorliegender Studien und gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert bestehende Strukturen, beschreibt konkrete Versorgungsmodelle und evaluiert zukunftsweisende Konzepte für die Notfallversorgung und digitale Infrastruktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sektorentrennung, Ambulantisierung, Integrierte Versorgung, Belegarztsystem und Gesundheitsökonomie.
Warum spielt die Sektorentrennung im deutschen System eine so große Rolle?
Sie gilt als historisch gewachsene Besonderheit, die zwar einen schnellen fachärztlichen Zugang ermöglicht, aber häufig zu Ineffizienzen und Informationsverlusten führt.
Welches Potenzial wird den neuen Intersektoralen Gesundheitszentren (IGZ) zugeschrieben?
IGZs sollen die Lücke zwischen stationärer und ambulanter Behandlung schließen, insbesondere um die Existenz kleinerer Krankenhäuser im ländlichen Raum zukunftssicher zu gestalten.
Welche Rolle spielt die Telematik-Infrastruktur bei der Überwindung von Sektorengrenzen?
Durch einen verbesserten Informationsfluss zwischen den Sektoren sollen Doppeluntersuchungen vermieden und die Behandlungssicherheit sowie Patientensteuerung signifikant erhöht werden.
- Citation du texte
- Uta Stierstorfer (Auteur), 2020, Ambulant-stationäre sektorenübergreifende Konzepte in der Gesundheitsversorgung. Darstellung und Diskussion neuer Ansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540174