Migration und Flucht aus Eritrea. Mechanismen der Einflussnahme auf die Diaspora durch das Heimatland


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinition „Diaspora“

3 Ursachen fur eine Flucht aus Eritrea
3.1 Der „National Service“
3.2 Wirtschaftliche Grunde
3.3. Politische Verfolgung

4 Verpflichtungen und Beziehungen innerhalb einer Diasporagemeinschaft
4.1 Moralische Okonomie in der Diaspora
4.2 Trias der Pflichten
4.3 Labor Remittances

5 Der Einfluss der Regierung auf die eritreischen Diasporagemeinschaften
5.1 Die Wiederaufbausteuer
5.2. Das Vereinswesen der Diasporagemeinschaften

6 Fazit

7 Kritischer Ausblick

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Regelfall finden sich Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind im Ankunftsland in sozialen Gruppen zusammen, die das Leben in einer neuen Kultur erleichtern. Die Existenz einer kulturellen, religiosen, nationalen oder ethnischen Gemeinschaft aufter- halb des Residenzlandes bezeichnet man als Diaspora.1 Laut des Hochkommissars der Vereinten Nationen fur Fluchtlinge (engl.: United Nations High Commissioner for Refugees = UNHCR) gibt es im Jahr 2019 offizielle 70,8 Millionen Fluchtlinge weltweit. Dazu zahlen auch die sogenannten Binnenvertriebenen, die als Fluchtlinge im eigenen Land leben. Unter den 10 Landern weltweit, die gemessen an der Bevolkerungszahl, die groftte Anzahl an Fluchtlingen produzieren, steht auch Eritrea.

Abbildung 1: Ranking der 10 Lander, aus denen die meisten Fluchtlinge stammen. (Stand Ende 2018)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fluchtlinge

Quelle: Statista Research Department (2019), Abgerufen am 06.01.2020 von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/186108/umfrage/herkunftslaender-von-fluechtlingen/.

Diese Hausarbeit beschaftigt sich mit der Fragestellung, inwiefern Mechanismen, durch die die eritreische Regierung Einfluss auf das Verhalten der groRen2 eritreischen Diasporagemeinschaften weltweit nehmen kann, existieren. Dabei geht es insbeson- dere um die Fragestellung, wodurch die Finanzierung eines Regimes durch die Diaspora gelingt, welches einen machtigen3 Militarapparat, vor dessen Verpflichtun- gen man ursprunglich geflohen ist, unterhalt. Nach der Definition des Wortes „Diaspora“ im zweiten Kapitel, um das zentrale Thema der Hausarbeit besser ver- standlich zu machen, werden die wichtigsten Grunde einer moglichen Flucht aus Erit­rea dargelegt. Ferner werden die Beziehungen innerhalb der Diasporagemeinschaften skizziert, um zu erlautern, warum sich viele Migranten ihrem Land und den eritreischen Burgern noch verpflichtet fuhlen und ihre Regierung unterstutzen (mussen). Weiterhin werden die Mechanismen erklart, durch die der Staat immer noch Einfluss auf die teil- weise raumlich sehr weit entfernten Diasporagemeinschaften ausubt. Im Fazit wird deutlich, warum die Mechanismen in den eritreischen Diasporagemeinschaften funkti- onieren konnen und es wird Raum gelassen fur einen kritischen Ausblick in Bezug auf die Frage einer Demilitarisierung Eritreas.

2 Begriffsdefinition „Diaspora“

Das Wort „Diaspora“ lasst sich nach unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansatzen erklaren, beschrankt sich aber hier auf eine sozialwissenschaftliche Definition.

Als wichtigstes Element der Diaspora gilt die politische, kulturelle und emotionale Zer- rissenheit zwischen Residenz- und Herkunftsland. Diasporagemeinschaften zeichnen sich durch Netzwerkbildung und den Kontakt untereinander und zur alten Heimat aus. Ein spezielles Merkmal ist die Mobilisation der bestehenden Diaspora fur die Belange des Heimatlandes. Sich als Mitglied einer Diaspora zu definieren bedeutet auRen vor zu stehen, denn eine Diasporaidentitat verweist immer auf ein anderes Heimatland jenseits des aktuellen Residenzlandes. Ein Ruckkehrwunsch besteht so gut wie im- mer, kann aber teilweise aus diversen Grunden nicht umgesetzt werden.4

Laut Robin Cohen sollte eine Diasporagemeinschaft moglichst viele der folgenden Punkte umfassen:

- „They, or their ancestors, have been dispersed from an original ‘centre' to two or more foreign regions.“
- „They retain a collective memory, vision or myth about their original homeland in­cluding its location, history and achievements.“
- „They believe they are not - and perhaps can never be - fully accepted in their host societies and so remain partly separate.“
- „Their ancestral home is idealized and it is thought that, when conditions are fa­vourable, either they, or their descendants should return.“
- „They believe all members of the diaspora should be committed to the mainte­nance or restoration of the original homeland and to its safety and prosperity.“
- „They continue in various ways to relate to that homeland and their ethnocommu- nal consciousness and solidarity are in an important way defined by the existence of such a relationship.“5

3 Ursachen fur eine Flucht aus Eritrea

Um deutlich zu machen warum die Menschen aus Eritrea fluchten (mussen), sich ih- rem Land aber dennoch verbunden fuhlen und um dadurch die herrschenden Mecha- nismen in den eritreischen Diasporagemeinschaften verstehen zu konnen, ist es not- wendig, sich kurz mit den historischen Gegebenheiten Eritreas auseinanderzusetzen.

Seit der Unabhangigkeit Eritreas von Athiopien im Jahr 1993, nach einem uber 30 Jahre andauernden Krieg, befinden sich viele Eritreer auf der Flucht und verlassen ihr Heimatland um im Exil zu leben. Der Grund dafur ist unter anderem das diktatorische Regime von Prasident Isayas Afewerki, der seitdem an der Macht ist.6

Von 1998-2000 kam es erneut zu einem Krieg zwischen Eritrea und Athiopien, der ca. 100 000 Menschenleben forderte und in einem „Frozen Conflict“ (= langanhaltender Territorialkonflikt) endete. Wichtigste Ursache fur diesen Krieg waren Grenzstreitigkei- ten, die dann im Jahr 2002 formal mit der Festlegung eines Grenzverlaufs endeten. Allerdings erkennt Athiopien diese Grenzlinie bis heute offiziell nicht an. Mit einem standig drohenden erneuten Krieg um die Verteidigung der Grenzlinie liefert dieser Konflikt dem Prasidenten Eritreas eine Erklarung fur seine repressive Politik. Solange Athiopien und die Verbundeten aus dem Westen eine vermeintliche Bedrohung dar- stellen, steht der Schutz des Fortbestandes des eritreischen Staates an erster Stelle. Diese Politik Afewerkis beinhaltet die Aussetzung bestehender demokratischer Me- chanismen, burgerlicher Freiheitsrechte und rechtsstaatlicher Strukturen. Eritrea wird autokratisch unter einem Einparteienregime regiert. Auch auf dem Index der Presse- freiheit belegt Eritrea regelmaftig die letzten Platze.7 Seit dem Krieg mit Athiopien (1998-2000) ist Eritrea regional und international isoliert.8

Es gibt in Eritrea viele Menschen, die insbesondere vor den Menschenrechtsverlet- zungen durch die Regierung fliehen oder in einem Land leben mochten, welches de- mokratische Grundstrukturen hat und in welchem sowohl Meinungs-, Presse-, als auch Religionsfreiheit herrschen, was in Eritrea nicht gegeben ist.9 Trotzdem werden die nachfolgenden Grunde meist als relevanteste genannte, wenn nach den Fluchtursa- chen aus Eritrea gefragt wird.10

3.1 Der „National Service“

Wie in der Einleitung zu Kapitel 3 bereits beschrieben, setzt Prasident Afewerki seit dem Jahr 2002 auf eine totale Mobilmachung der Bevolkerung. Dafur wurde der ur- sprunglich auf 18 Monate begrenzte Wehrdienst entfristet und kann nun sogar Jahr- zehnte dauern. Fur die Regierung ist dieser Zwangsdienst unabdingbar, denn nur so kann nach ihrer Auffassung die Landesverteidigung aufrechterhalten und die Unab- hangigkeit Eritreas gewahrt werden.11 12 Die Flucht vor diesem Dienst erfullt den Tatbe- stand des Landesverrats; Ruckkehrer mussen daher mit Verfolgung und Verhaftung rechnen. Aufterdem werden Familien von Deserteuren seit dem Jahr 2005 dazu ge- notigt, eine Strafe von umgerechnet ca. 3500 US-Dollar zu bezahlen oder es droht eine Inhaftierung. Da die Haftbedingungen in Eritrea als nicht menschenwurdig gelten und es keinerlei gultige juristische Verfahren gibt, bezahlen die betroffenen Familien dieses Geld, wenn moglich. Finanziert wird dies zum Teil mit Hilfe der Diasporage- meinschaften.13 Dieser sogenannte „National Service" beginnt fur Frauen und Manner ab dem 16. Lebensjahr. Die Dauer ist unbegrenzt und willkurlich und wird immer wie­der als Hauptursache fur eine Flucht aus Eritrea genannt.14 Jegliche Form der Ableh- nung des Militardienstes durch die eritreische Bevolkerung wird mit Gefangnis und Folter bestraft. Aber auch Misshandlungen und Vergewaltigungen der Rekruten wah- rend des Wehrdienstes sind eine gangige Praxis.15

3.2 Wirtschaftliche Grunde

Um einen weiteren wichtigen Grund einer Flucht aus Eritrea erklaren zu konnen, wird hier der Human Development Index (HDI) benutzt. Naturlich sind die wirtschaftlichen Probleme Eritreas wesentlich komplexer und grunden auf vielen Ursachen, jedoch lasst sich mit dem HDI vereinfacht die Entwicklung Eritreas darstellen. Der Human Development Index, der Index der menschlichen Entwicklung, ist ein von den Verein- ten Nationen entwickelter Fortschrittsindikator.

„Fokussierend auf menschliche Entwicklung vereint der HDI die drei Dimen- sionen Gesundheit, Bildung und Einkommen. Als MaR fur Gesundheit ver- wenden die Vereinten Nationen die Lebenserwartung Neugeborener. Bil- dung wird seit 2010 mit einer Kombination der tatsachlichen und erwarteten Anzahl an Ausbildungsjahren gemessen. Die Dimension Einkommen wird mit Hilfe des Bruttonationaleinkommens (BNE) pro Kopf abgebildet, vor 2010 wurde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf herangezogen. Fur die Berechnung des Gesamtindex werden die Daten mit Ober- und Untergren- zen skaliert, damit die Werte zwischen Null und Eins liegen.“16

Der Finanzierung der Verteidigung des Landes ist alles andere untergeordnet, was bedeutet, dass nur wenig monetare Mittel in Bildung und Gesundheit investiert werden und somit erreicht Eritrea im Jahr 2017 laut HDI nur einen Rang 179 von 189 Landern, die Daten zur Verfugung stellen konnten.

[...]


1 Kuhlmann, J. (2017).

2 Laut UNHCR Ende 2016: 495.4000 offizielle eritreische Fluchtlinge insgesamt weltweit.

3 Bis zum Jahr 2006 lag Eritrea im globalen Militarisierungs-Index auf dem ersten Platz, seit dem Jahr 2007 exis- tieren keine Angaben von Daten mehr. Vgl. Glatthard, F. (2012), S.35

4 Krings, M. (2003)

5 Cohen, R. (2008), S.6.

6 Jakob, C., Schlindwein, S. (2017), S.32-33.

7 Weber, A. (2015), S.2-3.

8 Weber, A. (2015).

9 Tuor, R. (2009), S.1.

10 Glatthard, F. (2012), S.34.

11 Wortlich ubersetzt„Wehrdienst“, beinhaltet in Eritrea unter anderem aber auch Aufgaben zur Unterstutzung des Wiederaufbaus des Landes wie z.B. im Strattenbau.

12 Weber, A. (2016), S.1.

13 Mengies, E. (2014), S.14.

14 Jakob, C., Schlindwein, S. (2017), S.32-35.

15 Tuor, R. (2009), S.9-12.

16 Lexikon der Nachhaltigkeit (2015).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Migration und Flucht aus Eritrea. Mechanismen der Einflussnahme auf die Diaspora durch das Heimatland
Note
1.7
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V540322
ISBN (eBook)
9783346167750
ISBN (Buch)
9783346167767
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diaspora, einflussnahme, eritrea, flucht, heimatland, mechanismen, migration
Arbeit zitieren
Pinar Wetzel (Autor), 2020, Migration und Flucht aus Eritrea. Mechanismen der Einflussnahme auf die Diaspora durch das Heimatland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540322

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