Der Dschihad. Zentraler Unterschiede zwischen der Auffassung von Sayyid Qutb und Abdullah Azzam


Akademische Arbeit, 2019

24 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Sayyid Qutb – die Befreiung des Menschen

2 Der Dschihad bei Abdullah Azzam

3 Aspektorientierter Vergleich des Dschihadbegriffs zwischen Qutb und Azzam

4 Zusammenfassung und Bewertung

Literaturverzeichnis

Der Dschihad – Untersuchung zentraler Unterschiede zwischen der Auffassung von Sayyid Qutb und Abdullah Azzam

Einleitung

Der Dschihad als wesentliches Konzept des Islams ist in seiner Bedeutung und auch Ausprägung sehr facettenreich. Durch die Entstehung islamistischer Gruppierungen, die im Rahmen eines von ihnen selbst als solchen bezeichneten Dschihad grausame Bluttaten verübten und verüben, erfuhr dieser Begriff innerhalb der letzten Jahrzehnte vor allem in nicht-muslimischen Kulturkreisen eine eher negative Konnotation. Allein die Tatsache, dass man in manchen Wörterbüchern die Bedeutung des Dschihad nur unter dem Schlagwort „Heiliger Krieg“ findet, verdeutlicht das. Diese Konnotation wird dem eigentlichen Umfang des Begriffes jedoch nicht gänzlich gerecht. Dschihad leitet sich vom arabischen Verb jâhada ab und impliziert in seinem Vorgang einen Eifer bzw. eine Anstrengung oder Mühe (Vgl. Reichmuth 2010, S.188). Die Verwendung dieses Begriffs in einem friedlichen Kontext tätigt unter anderem die muslimische Autorin Katajun Amirpur, die mithilfe ihres Buchs „Den Islam neu denken“ (2013) den Dschihad – hier übersetzbar mit Streben – für einen liberaleren Islam führen will. Die für diese wissenschaftliche Arbeit in Betracht gezogenen Autoren stehen allerdings für alles andere als einen reformierten Islam. So bezeichnet Dr. Barbara Zehnpfennig Sayyid Qutb, geboren und aufgewachsen 1906 in einem Provinzdorf Ägyptens (Vgl. Shepard 1996, xiv), als einen „Vordenker für den islamistischen Terror“ sowie „Wegbereiter des modernen Jihadismus“ (Zehnpfennig 2013, S.327). Nachdem seine Position anfangs als „Muslim secularist and Arab nationalist“ (Shepard 1996, xv) beschrieben werden kann, ging mit steigendem Interesse für soziale Gleichheit auch eine Zunahme von islamistischem Gedankengut einher (Vgl. ebd., xvi). Als einer der späteren Chefideologen der Muslimbrüder (Vgl. ebd., xvi) verbrachte er ab 1954 den Hauptteil seines restlichen Lebens im Gefängnis, wo er sich zunehmend radikalisierte (Vgl. ebd., xvii). Qutbs Hinrichtung im Jahr 1966 nach und aufgrund der Veröffentlichung seines Werkes milestones 1964 machte ihn für viele Anhänger zum Märtyrer (Vgl. Zehnpfennig 2013, S.330). Auch Azzam gilt als ideologischer Vordenker des Islamismus, so dient seine Theorie als Grundlage für das heute noch operierende Terrornetzwerk „Al-Qaida“ (Vgl. Schnelle 2012:54, S.626). Zudem fungierte er im afghanischen Widerstand gegen die sowjetische Besatzung in den 1980er Jahren als Vermittler zwischen den sogenannten freiheitskämpfenden Mudschaheddin und arabischen Freiwilligen (Vgl. ebd., S.628). Während die Rekrutierung freiwilliger Dschihadisten anfangs noch von mäßigem Erfolg gekennzeichnet war, so änderte sich dies spätestens mit der Veröffentlichung seiner ersten Publikation mit dem Titel Defence of the Muslim Lands im Jahr 1984 (Vgl. ebd., S.628).

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll nun folgende Fragestellung untersucht werden: welche zentralen Unterschiede sind im jeweiligen Verständnis des Dschihad zwischen Sayyid Qutb und Abdullah Azzam zu erkennen? Die Betrachtung beider Theorien erfolgt hierbei zunächst sehr ausgiebig und getrennt, um anschließend ein solides Fundament für die Untersuchung vierer bedeutsamer Unterschiede gewährleisten zu können.

Hauptteil

1 Sayyid Qutb – die Befreiung des Menschen

Bei Sayyid Qutb ist der Dschihad eine logische Konsequenz seines Denkens. Die Vorstellung einer aus seiner Sicht besseren Welt mit islamischem System setzt eine Art Bewegung voraus. Der Dschihad ist diese Bewegung zur Umsetzung des islamischen Systems. Dementsprechend muss man, um diese Folgerung aus seiner Theorie begreifen zu können, zunächst die Theorie selbst betrachten.

1.1 Rechtfertigung des Dschihad – Die Allgegenwärtigkeit der Jahilyya

Für Qutb ist die Menschheit dem Untergang geweiht. Menschgemachte Systeme wie der Sozialismus oder die Demokratie haben versucht, mit etwa materiellem Wohlstand eine Leere zu überbrücken. Eine Leere, die entstand, weil diese Systeme nicht in der Lage waren, dem Menschen entscheidende Qualitäten zu vermitteln: die der Werte und Moral (Vgl. Zehnpfennig 2013, S.331). Das Scheitern dieser Systeme gipfelt in dem Umstand, dass Menschen unfrei sind. Denn hält man sich an Gesetze, Werte und Sitten, die von anderen Menschen geschaffen wurden, so gibt man gleichsam seine Souveränität zugunsten dieser Menschen auf (Vgl. Qutb 1964, S.18), Menschen sind gewissermaßen Herrscher über andere Menschen, jedoch ist Qutb zufolge der einzig zulässige Souverän Gott (Vgl. ebd., S.19). Nur durch die Abgabe seiner Souveränität an ihn gelangt der Mensch an vollständige Freiheit. Denn lässt man Gottes Wort als Gesetz zu und richtet sich vollständig danach, dann geht damit auch der vollständige Verlust der Eigenverantwortung einher (ebd., S.26 u.a.). Freiheit besteht also offenbar für Qutb aus dem Nichtvorhandensein dieser Eigenverantwortung und der Abwesenheit der Herrschaft von Menschen über Menschen und damit letztlich auch in der Unterwerfung vor Gott, wie Zehnpfennig treffend formuliert (Vgl. Zehnpfennig 2013, S.338).

Dieser Zustand ist jedoch nicht etwa nur ein Produkt des westlichen Hedonismus, auch in der selbsternannten „muslimischen“ Gemeinschaft hat sich die „Jahilyya“, wie er sie nennt, den wahren Islam ersetzt. Qutb wirft ihr vor, nicht wahrlich muslimisch zu sein: so darf sich eine Gemeinschaft nur dann als muslimisch bezeichnen, ihren Lebensinhalt direkt und unmittelbar aus dem Koran ableitet (Vgl. Qutb 1964, S.2). Ihm zufolge ist die sogenannte „Qur’anische Generation“ (ebd., S.22), also die erste muslimische Gemeinschaft rund um den Propheten Mohammed, die letzte, die als wahrhaft muslimisch bezeichnet werden kann (Vgl. ebd.). Jedoch ist man im Laufe der Zeit vom Koran abgekommen und hat die Vollkommenheit des Korans durch die Vermischung mit anderen Quellen betrogen (Vgl. ebd., S.25). Nun gilt es, zur reinen Quelle zurückzukehren, um diesen Lebensweg in seiner vollkommenen Form zu etablieren und die Menschheit aus der Jahilyya zu befreien.

Denn dieser neue Lebensweg verspricht nun, alles lebensdurchdringende in einem zu sein: ein System von Gesetzen und Regeln sowohl von staatlich-ordnendem als auch von moralischem Charakter (Vgl. ebd., S.41), das zudem wesentlich effizienter ist als weltliche Systeme: während das Befolgen von Gesetzen in Nationalstaaten eher angetrieben wird von der Angst vor rechtlichen Sanktionen, befolgt man Gottes Gesetz aus persönlichen Beweggründen. Denn wurde einmal der Glauben verinnerlicht, trägt man das Gesetz im Herzen und handelt durch das Befolgen dieser Gesetze nach dem eigenen Gewissen (Vgl. ebd., S.41).

Hier wird auch deutlich, warum die Verbreitung des Islam „nicht durch alleiniges Predigen erreicht werden“ (ebd., S.76) kann: die wahre Schönheit dieses Lebenswegs kann nur dann verstanden werden, wenn er vollständig verinnerlicht wurde. Die Reduzierung des Islams auf eine Theorie würde der Sache nicht gerecht werden, also muss man ihn anhand eines praktischen Beispiels aufzeigen (Vgl. ebd., S.20). Und da die Jahilyya selbst nicht nur eine Theorie ist, sondern eine in Staaten mit Verteidigungssystemen manifestierte Bewegung, muss ihre physische Schlagkraft genauso physisch erwidert werden (Vgl. ebd., S.61).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass dem Scheitern anderer Systeme laut Qutb ein Fehlen eines aufrichtigen Werte- und Moralverständnisses zugrunde liegt. Auffälligstes Symptom hierbei stellt die Herrschaft des Menschen über den Menschen dar. Qutbs Lösung ist nun die Wiedererlangung der Freiheit durch die Errichtung eines islamischen Systems, das allerdings aufgrund der Wehrhaftigkeit der Jahilyya nicht durch verbale Argumentationslogik, sondern direkte Konfrontation durchgesetzt werden muss (Vgl. ebd., S.49). Es bedarf einer kompromisslosen Durchsetzung, um den Menschen die Schönheit des neuen Systems anhand eines praktischen Beispiels verdeutlichen zu können. Und diese kompromisslose Durchsetzung erfolgt durch den Dschihad.

1.2 Der Dschihad zur Durchsetzung der Freiheit

Der Dschihad ist also das Mittel, um das neue, vollkommene islamische System zu errichten, und soll zunächst von innen betrachtet werden. Dabei wurden folgende Aspekte für zentral befunden:

1. Die Vorgehensweise – wie und in welchen Schritten wird und wurde der Dschihad geführt?
2. Das Feindbild im Dschihad – wer gilt im Rahmen des Dschihad als Feind?
3. Das Ziel des Dschihad – wann hat der Dschihad sein Ende erreicht?
4. Die Natur des Dschihad – in welcher Art und Weise ist er zu verstehen?

1.2.1 Die Vorgehensweise: Von der Defensive in die Offensive

Bei Qutb wird der Dschihad in vier Stufen unterteilt. Diese orientieren sich an einer Art Prophezeiung, die bereits vor langer Zeit anfing und bis heute ihr Ende nicht gefunden hat. Im Rahmen einer Rechtfertigung der Natur des Dschihad - auf die später noch eingegangen wird - verweist Qutb auf vier verschiedene Stellen im Koran. Demnach ist die erste Phase, die in Mekka stattfand, noch von Zurückhaltung geprägt:

‚Haltet eure Hände zurück, verrichtet das Gebet und entrichtet die Zaka.‘ (Qutb 1964, S.82)

Als nächstes zeigt er eine Stelle auf, in der der Kampf erstmals erlaubt wird:

‚Die Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah – […] – jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur weil sie sagten: „Unser Herr ist Allah“ Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs desöfteren [sic!] genannt wird, niedergerissen worden.‘ (ebd., S.83)

Offensichtlich wurden diese beiden Stufen von der „Qur’anischen Generation‘ bereits durchgeführt. Dies lässt sich daran erkennen, dass er „die anfänglichen und mittleren Stufen“ für beendet erklärt und die folgenden Stufen eher in einem endlosen Kampf zu münden scheinen. Als Nächstes verweist Qutb auf eine Stelle im Koran, wo nun offensiver gegen den Feind vorgegangen werden soll:

‚Und kämpft auf dem Weg Allahs gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht. Wahrlich, Allah liebt nicht diejenigen, die übertreten.‘ (ebd., S.83)

Während zuvor der Kampf nur der reinen Notwehr diente, dürfen die Feinde hier nun scheinbar auch offensiv bekämpft werden. Zudem beruft sich Qutb auf einen Vers im Koran, wo der Krieg gegen all die ausgerufen wird, die nicht an den wahren Gott glauben, sondern Götzen verehren:

‚Und bekämpft die Götzendiener allesamt, wie sie euch allesamt bekämpfen […]‘ (ebd., S.83)

Götzendiener oder auch „Mushrikun“ (ebd., S.83), wie Qutb sie bezeichnet, scheinen hier eine besondere Stellung einzunehmen. Allerdings bezieht Qutb die vierte Phase noch auf einen weiteren Vers im Koran:

‚Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den jüngsten Tag glauben, und die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen – von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten.‘ (ebd., S.84)

Explizit werden hier nun auch die Schriftbesitzer, also Christen und Juden, erwähnt. Es hat jetzt den Anschein, als ob hier der Verteidigungsgedanke – das Kämpfen als Reaktion auf das bekämpft werden - vollständig abgelegt wird und allein das fehlende Bekenntnis zum Islam als Angriffsgrund reicht. Auch wird mit dem ‚Tribut in voller Unterwerfung‘ bereits ein Herrschaftsanspruch über die Schriftbesitzer geäußert, der weit über die Selbstverteidigung hinausgeht.

Es lässt sich also sagen, dass der Dschihad in seiner Chronologie von der Selbstverteidigung zur Offensive übergeht und schließlich in einem völligen Unterwerfungsanspruch gipfelt. Und da die ersten zwei Stufen bereits abgeschlossen wurden, wird mit der dritten und vierten Phase nun die Offensive eingeleitet. Hierbei stellt sich nun die Frage, wem diese Offensive gilt oder wer im Rahmen dieser vielleicht verschont werden soll.

1.2.2 Die Freund-Feind-Konstellation

Qutb verwendet bei der Einteilung seines Freund-Feind-Schemas eine Textpassage aus dem Buch „Zad Al-Ma’ad“ des islamischen Gelehrten Ibn al-Quayyim, in der dieser den Umgang der Qur’anischen Generation mit Nichtmuslimen beschreibt. Demnach stehen sich von Grund auf zwei Gruppen von Menschen gegenüber: die Gläubigen und die Ungläubigen. Ungläubige sind allerdings nicht per se Feinde, so wird hier zunächst differenziert zwischen Ungläubigen, mit denen Frieden besteht; Ungläubigen, mit denen Krieg besteht und Dhimmis, also nichtmuslimische Schutzbefohlene (Vgl. ebd., S.69).

Zudem begünstigte nach Offenbarung der neunten Sure die Konvertierung der Ungläubigen mit Friedensvertrag - aber ohne Schutzbefohlenenstatus - zum Islam die Einteilung der Welt in drei Gruppen von Menschen: Muslime; Dhimmi und Gegner (Vgl. ebd., S.70-71). Dhimmis sind Andersgläubige, die in einem islamischen System leben und dort beispielsweise Kopfsteuern entrichten. Diese Einordnung impliziert, dass alle Menschen, die in einem nicht-islamischen System leben und nicht dem Islam folgen, als Feinde anzusehen sind. Daraus lässt sich schließen, dass Qutb jeden Ort der Welt, in dem kein islamisches System vorherrscht, als Kriegsschauplatz ansieht. Diese Universalität des Kampfes wird zudem begünstigt durch die Tatsache, dass die Jahilyya den heutigen Islam miteinschließt, da dieser, wie bereits beschrieben, sich vom „wahren“ Islam entfernt hat. Zehnpfennig schreibt hierzu:

„Alles, die nicht-muslimische wie die muslimische Welt, ist Jahiliyya, alle leben in Unwissenheit. Das heißt auch, dass letztlich alle Gegner sind, denn der Schein-Islam ist nicht besser als der Nicht-Islam. Der Kämpfer für den wahren Islam gehört zu einer kleinen Elite der Wissenden, die die Vorhut für den Endkampf bilden soll.“ (Zehnpfennig 2013, S.334)

Der Autor selbst bestätigt diesen Universalitätsgedanken in der Folge sogar explizit:

„Diese Religion ist nicht lediglich die Deklaration der Freiheit der Araber, noch ist ihre Botschaft auf die Araber beschränkt. Sie richtet sich an die ganze Menschheit und ihr Arbeitsgebiet ist die ganze Welt“ (Qutb 1964, S.77)

Qutb verlangt also, dass der Dschihad auf der ganzen Welt geführt wird. Doch wenn man sich die Zielsetzung von Qutbs Dschihad betrachtet, erscheint dies auch als durchaus logisch.

1.2.3 Die Zielsetzung des Dschihad: Befreiung der Menschen durch die Abgabe ihrer Souveränität

Mit der Allgemeingültigkeit des Glaubensbekenntnisses (Vgl. Qutb 1964, S.61), der Verkündung Gottes Gesetz auf der ganzen Erde (Vgl. ebd., S.75), der endgültigen Widmung der Religion an Allah (Vgl. ebd., S.85) und Weiteren attestiert Qutb dem Dschihad eine ganze Bandbreite an Zielvorgaben. Mit Sicherheit ist die Herrschaft Gottes über die Welt allein aus Legitimitätsgründen ein Hauptgrund für den Dschihad, denn der Koran und damit Gott ist Antrieb für jede Handlung. Jedoch findet sich noch eine weitere grundlegende Zielsetzung, die sich interessanterweise weitaus philanthropischer liest als vielleicht vermutet:

„[…] der Islam [ist] eine Erklärung der Freiheit der Menschen von der Dienerschaft zu anderen Menschen. Daher strebt er vom Anbeginn, all diese Systeme und Regierungen abzuschaffen, die auf der Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Dienerschaft eines Menschen zu einem anderen basieren. Wenn der Islam die Menschen von diesem politischen Druck befreit, und ihnen seine segensreiche Botschaft vorstellt, ihren Verstand anspricht, gibt es ihnen vollständige Freiheit, seinen Glauben zu akzeptieren oder nicht zu akzeptieren.“ (Qutb 1964, S.79)

Die Beendigung der Herrschaft von Menschen über Menschen und damit die Abschaffung nicht-islamischer Systeme, die Allgemeingültigkeit Gottes Gesetz (Vgl. Qutb 1964, S.47) sowie andere Zielsetzungen sind also notwendige Voraussetzung für die Freiheit des Menschen. Die Freiheit zu entscheiden, ob man den Islam annimmt oder nicht. Die Freiheit, den Islam abzulehnen, existiert durchaus in Qutbs Vorstellung – zumindest in einem streng limitierten Rahmen. Diese Freiheit scheint allerdings in Herrschaftssystemen, die auf der Souveränität des Menschen fußen, nicht gegeben zu sein. Denn wie zuvor bereits beschrieben kann die Schönheit des Islams erst dann erkannt werden, wenn er durch ein praktisches Beispiel vorgelebt wird. Wenn der Islam nicht in seiner Vollkommenheit durch ebenjenes islamische System demonstriert wird, gibt es nach Qutbs Logik kein Argument für eine Entscheidung des Einzelnen zugunsten dieses Lebenswegs und damit auch keine Freiheit in der Entscheidung.

Vereinfacht gesagt ist der Auftrag des Dschihad nun die Abschaffung der Ungerechtigkeit auf der Erde, die aus der Herrschaft des Menschen über den Menschen besteht. Ersetzt soll diese Ungerechtigkeit durch die Herrschaft Allahs, die eine freie Umwelt, in der die Wahl des Glaubens frei ist, möglich macht. Hierzu müssen Systeme, die auf dieser schlechten Form der Herrschaft fußen, zerstört werden. Und der militante Dschihad ist das hierfür notwendige Mittel.

1.2.4 Die Natur des Dschihad

Die Prämissen des weitgefassten Feindbilds und einer Zielsetzung, die die ganze Welt als Kriegsgebiet begreift, lassen den Dschihad als durchaus offensiv erscheinen. Qutb sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Dschihad im Koran als defensiv zu interpretieren sei; dass „die Kämpfe im islamischen Jihad alle für die Verteidigung des Heimatlandes des Islam“ (Qutb 1964, S.81) geführt wurden und er deshalb allein historisch bedingt als defensiver Krieg zu deuten sei. Dies bestreitet er vehement, so wirft er den diese Interpretation verbreitenden Gelehrten vor, „sich in einer Verlierer-Psychologie verfangen“ (ebd., S.81) zu haben. Der Versuch, den Dschihad als solchen darzustellen, sei demnach eine Kapitulation (Vgl. ebd., S.84) oder eine Art Abwehrreflex (Vgl. ebd., S.81) infolge von Anschuldigungen von Gegnern des Islam, die er als „listvolle Orientalisten“ (ebd., S.84) bezeichnet. Diese Anschuldigungen stellen den Dschihad offenbar als aggressiven und womöglich gewalttätigen Krieg dar. Doch Qutb zufolge ist genau das die Natur des Dschihad. In seiner Argumentation beruft er sich dabei auf die dritte und vierte Stufe des Dschihad, in denen er naturgemäß offensiv geführt wird (Vgl. ebd., S.83), wie vorher bereits dargelegt. Die fehlende offensive Auslegung des Dschihad in der frühen mekkanischen Phase war demnach vor allem der Tatsache geschuldet, dass Muslime zu der Zeit keine Repressionen in Mekka erfahren mussten (Vgl. ebd., S.85). Des Weiteren, so argumentiert Qutb, sei es der Auftrag des Islam, die gesamte Menschheit zu befreien. Und dies ist gewaltfrei nicht möglich, so steht doch hinter all den menschenunterdrückenden Systemen eine militärische Macht (Vgl. ebd., S.81).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Dschihad. Zentraler Unterschiede zwischen der Auffassung von Sayyid Qutb und Abdullah Azzam
Hochschule
Universität Passau
Note
1,00
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V540438
ISBN (eBook)
9783346216892
ISBN (Buch)
9783346216908
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dschihad, Islamismus, Qutb, Azzam, Heiliger Krieg
Arbeit zitieren
Vincent Weyer (Autor), 2019, Der Dschihad. Zentraler Unterschiede zwischen der Auffassung von Sayyid Qutb und Abdullah Azzam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540438

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