Schillers ethische Naturkonzeptionen und deren theoretische (im Begriff des 'Elegischen') sowie praktische (exemplarisch in der Elegie 'Der Spaziergang') ästhetische Darstellung


Seminararbeit, 2004

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einordnung der Elegien Schillers in die Tradition elegischer Dichtung
I.1 Formgeschichtliche Entwicklung der Elegie
I.2 Stoffgeschichtliche Entwicklung der Elegie

II Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“
II.1 Entstehungsgeschichte
II.2 Inhaltsüberblick
II.3 Begriffsbestimmung
II.4 Einteilung der Dichter in vier Klassen
II.5 Weitere Differenzierungen innerhalb der Klassen
II.6 Schillers Begriff des Elegischen

III Beispiele aus der Geschichte der Idee eines Natur- oder Urzustandes in der Philosophie
III.1 Bezug zu Schillers Naturbegriff
III.2 Der Einfluß von Kants Ethik auf Schillers ästhetische Theorien

IV Interpretation der Elegie „Der Spaziergang“
IV.1 Einführung
IV.2 Formanalyse
IV.3 Inhaltliches Gefüge der Ereignisse
IV.4 Abschlußrésumée unter der Fragestellung: Entspricht Schillers Elegie „Der Spaziergang“ seiner Vorstellung von elegischer Dichtung, wie er sie in seiner Abhandlung konzipiert?

V Verzeichnis verwendeter Literatur
V.1 Zeitschriftenaufsätze
V.2 Monographien
V.3 Herausgeberschriften
V.4 Aufsätze in Herausgeberschriften
V.5 Fotomechanische Nachdrucke
V.6 Multimedia

I Einordnung der Elegien Schillers in die Tradition elegischer Dichtung

I.1 Formgeschichtliche Entwicklung der Elegie

Das griechische, antike zweizeilige elegeíon, also das elegische Distichon (welches nach heutigem Kenntnisstand im 7. Jh. v.u.Z. in Ionien, vermutlich durch Kallinos aus Ephesos[1] oder Archilochos[2],[3] entstand) besteht aus Daktylen, die auf einen Hexa- und einen Pentameter aufgeteilt werden, wobei im Pentameter die daktylische Dreigliederung (Länge-Kürze-Kürze) auch durch einen zweigeteilten Versfuß, einen Spondeus (Länge-Länge), ersetzt werden darf. Da jedoch das antike quantitierende Versmaß seit Renaissance und Humanismus (besonders durch F. G. Klopstock) in die neuzeitlichen akzentuierenden Sprachen transponiert wurde und sich bei dieser Übertragung zwar der Daktylus problemlos übernehmen ließ (Hebung-Senkung-Senkung), jedoch die Umsetzung des Spondeus Schwierigkeiten aufwarf, weil akzentuierende Sprachen keine Wörter mit zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Betonungen aufweisen, wird hier der Daktylus (wenn überhaupt) durch zweiteilige Trochäen (Hebung-Senkung) ersetzt, um eine möglichst große Ähnlichkeit zum antiken Metrum herzustellen. Später, besonders in neuerer Zeit, trat dieser Anspruch zunehmend in den Hintergrund (Ronsard, Donne, Gray, Shelley), und das verwendete Versmaß spielte ab dem 17. Jahrhundert allenfalls noch eine untergeordnete Rolle. Im Idealfall setzt sich der Hexameter aus fünf Daktylen und einem Trochäus am Zeilenende, der Pentameter hingegen aus vier Daktylen (wobei nach dem zweiten und vierten Daktylus je eine Einzelhebung eingeschoben ist) zusammen; des weiteren findet sich häufig eine Zäsur, in der Regel nach der jeweils 3. Betonung des Hexa- bzw. Pentameters.

I.2 Stoffgeschichtliche Entwicklung der Elegie

Die Elegie ist eine Gedichtart, die ursprünglich zu Flötenmusik (aulos) vorgetragen wurde, besonders bei Symposien. In der Antike behandelte sie vorwiegend militärische (Tyrtaios), politische (Kallinos, Kallimachos, Solon), moralische (Archilochos) und philosophische Themenschwerpunkte, doch bald wurde dieses breite Spektrum reduziert, und sie diente lediglich als Klagegedicht mit melancholisch-trauriger, wehmütig-resignativer Grundstimmung, welches jedoch häufig konsolatorisch endigte. In letzterer Funktion als Klagegedicht wurde sie in der Neuzeit bedeutender, und dieser Inhalt gilt als eigentliches Kriterium für die Zuordnung eines Gedichtes zu der elegischen Gattung, nicht mehr ihre metrische Form ist entscheidend. Es ist daher schwierig, die Elegie als lyrische Gattung zu bestimmen, denn im Vergleich von antiken und neueren Elegien sind kaum Gemeinsamkeiten feststellbar. Neben der threnetischen Elegie (der Begriff geht auf Archilochos’ „Threnos“ zurück), die allgemein epicedischen Inhalts, also im weitesten Sinne eine Totenklage war, entstand mit den römischen Elegikern (Catull, Tibull, Properz, Ovid) ein zweiter Traditionsstrang, die römische Liebeselegie, welche um die Zeitenwende ihren Höhepunkt erreicht hatte. In ihr verschwanden (im Vergleich zu den griechischen Dichtungen) zunehmend Zweckbindung und Realitätsbezug, sie wurden fiktionaler und behandelten hauptsächlich drei Themenbereiche: servitium amoris (Liebesknechtschaft), foedus aeternum (ewiger Bund) und militia amoris (Kampf um/für die Liebe). Ihre neue Blüte erlangte die Elegie aber durch die Emanzipation des Gefühls gegenüber der Vernunft im 18. Jahrhundert durch die berühmte „Elegy written in a country churchyard“ (1751) von Thomas Gray[4], welche den dritten elegischen Traditionsstrang der Graveyard poetry begründete. Im 19. Jahrhundert scheidet die Elegie allmählich „aus dem aktuellen Repertoire lyrischer Formen aus“[5] und erscheint im ausgehenden 20. Jahrhundert nur noch „als Zitat im Titel ‚Elegie’ für die [...] politische Klage“[6] (Brecht).

Friedrich Schiller hat insgesamt acht Gedichte geschrieben, die als „Elegien“ bezeichnet werden.[7] Diese tragen folgende Titel: „Die Sänger der Vorwelt“, „Der Spaziergang“, „Pompeji und Herkulanum“, „Die Geschlechter“, „Der Tanz“, „Der Genius“, „Das Glück“ und „Nänie“. Sie alle sind zwischen 1795 und 1799 entstanden und weisen, in Anknüpfung an die Antike, die äußere Versform reimloser Distichen auf. Inhaltlich sind sie am ehesten dem letzten der oben erwähnten Traditionsstränge zuzuordnen, da hier in erster Linie um Vergangenes und die allgemeine Vergänglichkeit der Dinge getrauert wird.

II Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“

II.1 Entstehungsgeschichte

Doch was ist das spezifisch „Elegische“, das eine Dichtung als zu dieser Gattung gehörig ausweist? Schiller verstand unter dem Begriff nicht nur eine Gedichtart sondern auch eine bestimmte Form der Schreib- und Empfindungsweise, welche sogar den Dichter selbst zu einem elegischen, also zu einer Person elegischen Charakters, macht. Was ist es, das jene Dichter so grundlegend von anderen unterscheidet, daß man ihren ganzen Charakter dem ihm innewohnenden Prinzip des Elegischen unterordnen kann?

In seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“[8] versucht Schiller, Antworten auf diese, sich ihm stellenden Fragen zu finden. Sie waren jedoch nicht der Auslöser für sein Verfassen der Schrift, vielmehr traten sie erst im Laufe seiner zunehmenden Beschäftigung mit derselben auf. Im September des Jahres 1794 begann er, an einem Aufsatz „Über das Naive“ zu arbeiten, welcher jedoch zunächst allein, im 11. Stück der „Horen“ am 24.11.1795 erschien[9], denn die gesamte Abhandlung „ist nicht nach einem vorher genau konzipierten Plan, sondern aus Einzelfragen und Teiluntersuchungen im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Ästhetik überhaupt entstanden“[10], und erwähnter erster Teil sollte ganz allgemein den Unterschied zwischen „Einfalt der Natur“ und „Cultur“[11] behandeln. Doch im Zuge der weiteren Ausarbeitung seiner Gedanken kommt Schiller im Oktober 1795 zu der Frage, ob „neuere Dichter nicht besser thun, das Ideal als die Wirklichkeit zu bearbeiten?“[12] Als zusätzliche Ursache der Beschäftigung mit diesem Thema wird gemeinhin angenommen, daß Schiller das dringende Bedürfnis verspürte, „sich selbst als sentimentalischen Dichter und Goethe als naiven zu verstehen“.[13] So folgte denn auch bald der zweite Teil der heutigen Fassung seiner Abhandlung, welcher ursprünglich den Titel „Die sentimentalischen Dichter“ trug und im 12. Stück der „Horen“ Ende 1795 veröffentlicht wurde[14] – dicht gefolgt vom dritten und letzten Teil, der in der folgenden „Horen“-Ausgabe als „Beschluß der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter, nebst einigen Bemerkungen einen charakteristischen Unterschied unter den Menschen betreffend“ am 22.01.1796 gedruckt wurde[15]. Ende August 1800 erschienen dann erstmals alle drei Aufsätze zusammen unter dem Titel „Über naive und sentimentalische Dichtung“ im zweiten Teil der Sammlung „Kleinere prosaische Schriften“ in Leipzig.

II.2 Inhaltsüberblick

Friedrich Schiller entwirft in seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ ein höchst komplex strukturiertes, auf einem durchgehend antithetischen Prinzip aufgebautes Raster, in welches er nacheinander sämtliche Dichtarten, Empfindungsweisen, Menschentypen, Dichter-charaktere und geschichtlichen Entwicklungsstadien der menschlichen Onto- wie Phylogenese einordnet. Um dieses Raster in all seinen kleinen Verästelungen und Ebenenwechseln einigermaßen angemessen wiedergeben zu können, wird es nötig sein, die antithetische Struktur beizubehalten. Der Übersicht zuliebe werde ich meine Darstellung aber nicht an der inneren Chronologie der Abhandlung sondern an der Gesamtstruktur des von Schiller entworfenen Rasters, wie es sich mir nach vollständiger Lektüre der Schrift präsentiert, orientieren.

Dieses stellt sich (grob vereinfacht und nur auf die Dimension der Dichtung beschränkt) wie folgt dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zunächst schildert Schiller dem Leser den allgemeinen Gegensatz Natur-Kultur /Kunst und bringt diesen mit den sich in dem jeweiligen Zustand befindlichen natürlichen, bzw. kultivierten, Menschen in Zusammenhang, indem er die beiden Zustände als phylogenetische Stadien begreift. Durch diese Vorgehensweise, Natur und Kultur also zueinander in zeitliche Distanz zu bringen, ergibt sich für Schiller eine Identifizierung dieser Stadien mit Epochen der Menschheitsgeschichte: Antike = Natur; Neuzeit = Kultur. Schiller betont jedoch an anderer Stelle, daß er diese Einteilung weniger rein zeitlich als vielmehr auf die zu der Zeit jeweils vorherrschende Gesinnung und Empfindungsweise der Menschen, verstanden wissen will.[16] Es gibt insofern auch durchaus in heutiger Zeit noch natürliche Menschen, sie waren nur in der Antike zahlreicher, weil sie damals keine Ausnahmen darstellten sondern der Regel entsprachen. Nachdem Schiller also die Menschheit in zwei Gruppen gespalten hat, bezieht er diese auf die Dichtung und konstatiert: Natürliche Menschen dichten naiv, kultivierte Menschen dichten sentimentalisch [17],[18]. Es folgt – mit Hilfe einer Charakterisierung derselben – eine genauere Begriffsbestimmung.

II.3 Begriffsbestimmung

Jeder Mensch ist in der Lage, positive Gefühle für die Natur zu entwickeln, und zwar nur, weil das betrachtete Objekt wahre Natur (als das edle Subjekt der naiven Dichtung) und somit naiv (= den besseren Teil eines Kontrastes zur Kultur bildend) ist, sich also als ein Dasein, in dem die Dinge nur den naturgesetzlichen Notwendigkeiten unterworfen sind, zeigt[19]. Dieses positive Empfinden bei Konfrontation mit der Natur wird durch eine durch sie symbolisierte Idee (unserer aufs Höchste vollendeten Ideale) vermittelt, kommt also nicht unmittelbar aus der sinnlichen Anschauung. Folglich bewundern wir die Natur nicht aus ästhetischen sondern aus moralischen Interessen[20], denn diese Idee erinnert uns an unseren natürlichen Urzustand. Auch der Anblick eines Kindes löst diese Assoziationen in uns aus, und wir empfinden Rührung, weil phylogenetische Anlage und Bestimmung des Menschen in ihm ontogenetisch dargestellt sind. Es vergegenwärtigt das aufgegebene, von uns nicht erfüllte Ideal[21], denn im natürlichen Menschen bilden Sinnlichkeit und Vernunft ein harmonisches Ganzes[22], während im kultivierten Menschen das Gegenteil der Fall ist, und die Harmonie nur als Ideal (also als von allen Menschen zu erstrebendes Ziel, in welchem die Verbindung von Autonomie des menschlichen Willens und Heteronomie des Naturgesetzes verwirklicht ist) existiert[23]. Der natürliche Mensch erhält seinen Wert durch die absolute Erreichung einer endlichen Größe, während der kultivierte Mensch zwar sein Ideal aufgrund dessen Unendlichkeit nie erreichen kann, sich ihm aber (über die natürliche Vollkommenheit hinaus) unendlich annähert[24]. Hinsichtlich der beiden angestrebten Ziele zeigt sich, daß jenes, zu welchem der Mensch durch Kultur strebt, demjenigen, welches er durch Natur erreicht, übergeordnet ist, da es dem Ideal der Menschheit entspricht und der natürliche Mensch, um dasselbe zu erreichen, in einen kultivierten Zustand übergehen müßte, um sich seiner Endlichkeit entledigen zu können[25].

Dasselbe läßt sich entsprechend auf die beiden Dichtertypen übertragen[26], denn der naive Dichter beschränkt sich auf die bloße Nachahmung der Wirklichkeit[27] (wie sie schon Aristoteles postuliert hat[28] ) und reflektiert seine Anschauungen nicht. Durch diese Eindimensionalität von Dichtung kann der Leser zwar in verschiedener Stärke, aber nie verschiedenartig gerührt werden[29]. Naive Dichtung macht immer einen fröhlichen, reinen und ruhigen Eindruck, und der Leser genießt die Wahrheit und Gegenwart des Objektes in seiner eigenen Einbildungskraft[30]. Der sentimentalische Dichter dagegen erhebt die Harmonie zwischen der unendlichen Ideenwelt und der endlichen Wirklichkeit zum Ideal und stellt dieses dar, seine Anschauungen werden also reflektiert und zwar, indem der Gegenstand auf die Idee bezogen wird; dadurch erhält seine Dichtung eine zweite Dimension, in welcher die Rührung und das gemischte Gefühl gegründet sind, in die der Leser und der Dichter selbst versetzt werden[31]. Sentimentalische Dichtung macht immer einen ernsten und angespannten Eindruck, weil die Vorstellung der Einbildungskraft mit einer Vernunftidee zu vereinigen ist, und der Leser also immer zwischen zwei verschiedenen Zuständen schwankt[32].

Nun findet oben erwähnte Übertragung dieser Gedanken auf die zeitliche Ebene der menschheitlichen Phylogenese statt, indem ein neues Gegensatzpaar, nämlich Antike-Neuzeit, eingeführt wird:

So stellt Schiller fest, daß die Dichtwerke der alten Griechen zwar Nachahmung der Naturerscheinungen sind, bemerkenswerterweise in ihnen jedoch kaum sentimentalisches Interesse zu finden ist, da Natur zwar genauestens beschrieben wird, allerdings mit emotionalem Abstand – sie scheint mehr der Griechen Verstand als ihr moralisches Gefühl anzusprechen; folglich liegt die Vermutung nahe, daß sie keinen Unterschied zwischen Naturobjekten und künstlich Erzeugtem machten[33]. In der Antike artete die Kultur nicht so weit aus, daß die Natur darüber verloren wurde; deshalb hatte der Mensch auch kein Bedürfnis nach Gegenständen, in denen er sie wiederfand[34]. Das gesamte gesellschaftliche Leben war auf natürlichen Empfindungen errichtet, und so lag auch die Stärke des alten Künstlers in der Begrenzung, denn auf die sinnliche Wahrnehmung ausgerichtete Werke finden nur in der Endlichkeit ihre Vollkommenheit[35]. Er identifiziert sich völlig mit seinem Objekt[36]. Seine Empfindungen sind dem Gesetz der Notwendigkeit und seine Gedanken dem Gesetz der Wirklichkeit unterworfen[37], so zeichnet sich auch seine Dichtung durch äußerste Subjektivität[38] sowie Realitätsnähe und -gebundenheit aus[39]. Als ein Ganzes betrachtet ist die Natur selbständig und unendlich, in jeder einzelnen Wirkung hingegen bedürftig und beschränkt, das trifft daher auch auf die Natur des naiven Dichters zu. Nun hat der naive Dichter aber die Aufgabe, einen einzelnen Zustand dem menschlichen Ganzen gleichzumachen, ihn folglich absolut und notwendig auf sich selbst zu gründen. Der naive Dichter ist also, hinsichtlich jedes einzelnen Zustandes, immer abhängig von seinem Objekt, also der Empirie[40], und alles kommt auf sein Empfinden an.

Heutzutage, so fährt Schiller fort, ist jene Natur, um die man das Vernunftlose beneidet[41] (der Grund hierfür liegt darin, daß wir einen umso stärkeren Anreiz verspüren, einem Gegenstand reflektierend eine exemplarisch-symbolische Bedeutung zu geben, ihn also auf eine Idee zu beziehen, je gleichgültiger er ist; seine Mangelhaftigkeit an objektivem Gehalt provoziert uns also, dieselbe mit Hilfe des subjektiven Ideenvermögens auszugleichen und so sich selbst sentimentalisch zu integrieren.[42] ), keine Sehnsucht wert, denn diese Art von Natur ist überwunden, und das ist gut so[43]. Aber man sollte sich ihre Vollkommenheit zum Vorbild nehmen. Bei der Natur kann man sich selbst wiederfinden, neuen Mut schöpfen und „die Flamme des Ideals (welche in den Stürmen des Lebens so leicht erlischt) erneut in seinem Herzen entzünden“[44]. So wie mit der Zeit die Natur als Erfahrung und Subjekt aus dem menschlichen Leben verschwand, erschien sie in der Dichterwelt als Idee und Objekt[45]. Die Stärke des neuen Künstlers liegt in der Unendlichkeit, denn ein Werk für die Einbildungskraft findet nur im Unbegrenzten seine Vollkommenheit[46]. Entfernt sich der Mensch (durch die Freiheit seines Verstandes) von der Natur, so treibt ihn sein moralischer Trieb (der dem Dichtungsvermögen ähnlich ist) unaufhörlich zu ihr zurück. Das Dichtungsvermögen verliert sich also nicht zugleich mit der natürlichen Einfalt sondern wirkt nur in eine andere Richtung[47]. Ist der Mensch jedoch kultiviert geworden, so ist jene sinnliche Einheit in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moralische Einheit (d.h. als nach sinnlicher Einheit strebend) wirken[48]. Die Erhebung der Wirklichkeit zum Ideal oder die Darstellung des Ideals ist die objektive[49] und unendliche Aufgabe des sentimentalischen Dichters[50]. Durch sie versinkt der Leser betrachtend in sich selbst, denn er merkt, daß die Realität das – durch das Unendliche der Idee ausgedehnte – Gemüt nicht mehr ausfüllen kann[51]. Der sentimentalische Dichter beginnt, wo der naive aufhört, weil seine Stärke darin besteht, einen mangelhaften Gegensatz aus sich selbst heraus zu ergänzen, und sich durch eigene Macht aus einem begrenzten Zustand in einen Zustand der Freiheit zu versetzen, insofern kennt er keine empirische Abhängigkeit[52].

[...]


[1] vgl.: Encarta. Eintrag: Griechische Literatur – Frühzeit (2. Jahrtausend bis 6. Jahrhundert v. Chr.) – Lyrik.

[2] vgl.: Reallexikon. S. 430.

[3] vgl.: Knörrich, Otto: Die Elegie. S. 58.

[4] vgl.: Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. S. 277.

[5] Reallexikon. S. 431.

[6] Ebd.

[7] Diese Klassifizierung findet sich im Inhaltsverzeichnis von: Friedrich Schiller. Sämtliche Werke; 1. Band. S. 1012.

[8] Ich werde mich im folgenden auf die Ausgabe seiner Abhandlung beziehen, die in: Schillers Werke. Nationalausgabe. Band 20, Teil 1; Philosophische Schriften. Hg. v. Benno von Wiese. Weimar: Böhlaus Nachfolger 1962. erschienen ist, und diese abkürzen mit: NA [Band], [Seite]([Zeile]).

[9] entspricht NA 20, 413-436(8) der heutigen Fassung.

[10] NA 21, 279.

[11] NA 21, 279: Brief an Wilhelm von Humboldt vom 07.09.1795.

[12] NA 21, 281.

[13] Ebd.

[14] Entspricht NA 20, 436(9)-473(12) der heutigen Fassung.

[15] Entspricht NA 20, 473(13)-503(20) der heutigen Fassung.

[16] vgl.: NA 20, 437-438(35): Anm.

[17] vgl.: NA 20, 439(1-3).

[18] W. Binder bemerkt hinsichtlich einer Begriffsbestimmung von ‚naiv’ und ‚sentimentalisch’, daß sie transzendental-ontologisch gemeint sind: „Die Begriffe ‚naiv’ und ‚sentimentalisch’ bezeichnen zunächst zwei allgemeinste Prinzipien. [...] Diese [...] lassen sich nur darum auf bestimmte Gegenstände anwenden, weil sie nicht an Gegenständen hängen, sondern vorgegebene Formen der Betrachtung sind. Nichts ist an sich naiv oder sentimentalisch, sondern es erscheint dem Subjekt im Horizont dieser Prinzipien und wird ‚naiv’ genannt, wenn es sich selbst genügt, und ‚sentimentalisch’, wenn es die reflektierende Verallgemeinerung fordert.“: Binder, Wolfgang: Die Begriffe „naiv“ und „sentimentalisch“ und Schillers Drama. S. 142-143.

[19] vgl.: NA 20, 413(1-31).

[20] vgl.: NA 20, 414(4-7).

[21] vgl.: NA 20, 416(14-29).

[22] vgl.: NA 20, 487(20-22).

[23] vgl.: NA 20, 438(6-8).

[24] vgl.: NA 20, 438(6-11) & 474(25-32).

[25] vgl.: NA 20, 438(14-30) & 477(26-32).

[26] vgl.: NA 20, 439(1-3).

[27] vgl.: NA 20, 437(20-21) & 440(26-28).

[28] Dichtkunst ist Nachahmung: vgl.: Aristoteles: Poetik. S. 5.

[29] vgl.: NA 20, 440(26)-441(7).

[30] vgl.: NA 20, 441(28-32): Anm.

[31] vgl.: NA 20, 441(8-18) & 452(31-38).

[32] vgl.: NA 20, 441(32-39): Anm. & 474(15-16).

[33] vgl.: NA 20, 429(12-32).

[34] vgl.: NA 20, 430(31)-431(9).

[35] vgl.: NA 20, 440(1-14).

[36] vgl.: NA 20, 433(4-9) & 478(9-14): Anm.

[37] vgl.: NA 20, 437(4-5).

[38] vgl.: Sayce, Olive: Das Problem der Vieldeutigkeit in Schillers ästhetischer Terminologie. S. 170.

[39] vgl.: NA 20, 475(6-7).

[40] vgl.: NA 20, 475(25)-476(6).

[41] vgl.: NA 20, 427(16-19) & 428(29-30).

[42] vgl.: Binder, Wolfgang: Die Begriffe „naiv“ und „sentimentalisch“ und Schillers Drama. S. 142.

[43] vgl.: NA 20, 428(31).

[44] NA 20, 428(35)-429(11).

[45] vgl.: NA 20, 431(26-29).

[46] vgl.: NA 20, 440(12-14).

[47] vgl.: NA 20, 436(14-23).

[48] vgl.: NA 20, 437(5-9).

[49] vgl.: Sayce, Olive: Das Problem der Vieldeutigkeit in Schillers ästhetischer Terminologie. S. 170.

[50] vgl.: NA 20, 437(23-25).

[51] vgl.: NA 20, 474(35)-475(5).

[52] vgl.: NA 20, 476(11-12).

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Schillers ethische Naturkonzeptionen und deren theoretische (im Begriff des 'Elegischen') sowie praktische (exemplarisch in der Elegie 'Der Spaziergang') ästhetische Darstellung
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Institut für Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Elegie
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
38
Katalognummer
V54119
ISBN (eBook)
9783638493918
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schillers, Naturkonzeptionen, Begriff, Elegischen, Elegie, Spaziergang, Darstellung
Arbeit zitieren
M.A. Kristina Wiethaup (Autor), 2004, Schillers ethische Naturkonzeptionen und deren theoretische (im Begriff des 'Elegischen') sowie praktische (exemplarisch in der Elegie 'Der Spaziergang') ästhetische Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54119

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