Das griechische, antike zweizeilige elegeíon,also das elegische Distichon (welches nach heutigem Kenntnisstand im 7. Jh. v.u.Z. in Ionien, vermutlich durch Kallinos aus Ephesos oder Archilochos, entstand) besteht aus Daktylen, die auf einen Hexa- und einen Pentameter aufgeteilt werden, wobei im Pentameter die daktylische Dreigliederung (Länge-Kürze-Kürze) auch durch einen zweigeteilten Versfuß, einen Spondeus (Länge-Länge), ersetzt werden darf. Da jedoch das antike quantitierende Versmaß seit Renaissance und Humanismus (besonders durch F. G. Klopstock) in die neuzeitlichen akzentuierenden Sprachen transponiert wurde und sich bei dieser Übertragung zwar der Daktylus problemlos übernehmen ließ (Hebung-Senkung-Senkung), jedoch die Umsetzung des Spondeus Schwierigkeiten aufwarf, weil akzentuierende Sprachen keine Wörter mit zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Betonungen aufweisen, wird hier der Daktylus (wenn überhaupt) durch zweiteilige Trochäen (Hebung-Senkung) ersetzt, um eine möglichst große Ähnlichkeit zum antiken Metrum herzustellen. Später, besonders in neuerer Zeit, trat dieser Anspruch zunehmend in den Hintergrund (Ronsard, Donne, Gray, Shelley), und das verwendete Versmaß spielte ab dem 17. Jahrhundert allenfalls noch eine untergeordnete Rolle. Im Idealfall setzt sich der Hexameter aus fünf Daktylen und einem Trochäus am Zeilenende, der Pentameter hingegen aus vier Daktylen (wobei nach dem zweiten und vierten Daktylus je eine Einzelhebung eingeschoben ist) zusammen; des weiteren findet sich häufig eine Zäsur, in der Regel nach der jeweils 3. Betonung des Hexa- bzw. Pentameters.
Inhaltsverzeichnis
I Einordnung der Elegien Schillers in die Tradition elegischer Dichtung
I.1 Formgeschichtliche Entwicklung der Elegie
I.2 Stoffgeschichtliche Entwicklung der Elegie
II Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“
II.1 Entstehungsgeschichte
II.2 Inhaltsüberblick
II.3 Begriffsbestimmung
II.4 Einteilung der Dichter in vier Klassen
II.5 Weitere Differenzierungen innerhalb der Klassen
II.6 Schillers Begriff des Elegischen
III Beispiele aus der Geschichte der Idee eines Natur- oder Urzustandes in der Philosophie
III.1 Bezug zu Schillers Naturbegriff
III.2 Der Einfluß von Kants Ethik auf Schillers ästhetische Theorien
IV Interpretation der Elegie „Der Spaziergang“
IV.1 Einführung
IV.2 Formanalyse
IV.3 Inhaltliches Gefüge der Ereignisse
IV.4 Abschlußrésumée unter der Fragestellung: Entspricht Schillers Elegie „Der Spaziergang“ seiner Vorstellung von elegischer Dichtung, wie er sie in seiner Abhandlung konzipiert?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Schillers ästhetischer Theorie, insbesondere seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“, zu seiner praktischen Umsetzung in der Elegie „Der Spaziergang“. Ziel ist es zu erörtern, inwiefern die Elegie die theoretisch konzipierten Kategorien des Naiven und Sentimentalischen widerspiegelt und welche Rolle die philosophische Reflexion auf Natur und Geschichte dabei spielt.
- Tradition und Formgeschichte der Elegie
- Strukturanalyse von Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“
- Die philosophische Idee des Naturzustands
- Formale und inhaltliche Interpretation der Elegie „Der Spaziergang“
- Synthese von ästhetischer Theorie und poetischer Praxis
Auszug aus dem Buch
IV.3 Inhaltliches Gefüge der Ereignisse
Der Ablauf der Geschehnisse im ersten Teil beginnt mit einer ausschweifenden, adjektivisch verzierten Begrüßung sämtlicher sich ihm darbietender Naturerscheinungen durch das lyrische Ich, gefolgt von einer knappen Situationsschilderung begründenden Inhalts, welche erläutert, der Spaziergänger sei aus des „Zimmers Gefängniß“ [7] zur Natur „entflohn“ [7]. Dem Leser offenbart sich (allmählich in dessen eigener Einbildungskraft entstehend) ein prächtiges Bild natürlich-harmonischer Idylle (in der in Schillers Abhandlung konzipierten Bedeutung eines naiv-antiken, präkultivierten Urzustandes), welches [bis Vers 34] eine differenzierte Schilderung der es zusammensetzenden Komponenten (nämlich den „sechs klassischen Landschaftsreizen, die seit der Antike den ‚Lustort’, locus amoenus, als Typus konstituieren“: Wind [9,17,20-21], Blumen [11,16], Wiese [3,11,13-14,16,20], Vögel [4,18], Bäume [3,6,19-20,22-23,25,27] und Fluß [32]), erfährt, die jene, dem fiktiven lyrischen Ich gegebenen, Objekte sinnlicher Anschauung mit derartig mimetischer Präzision beschreibt, daß diese poetische Form zunächst an den naiven Dichter (der Abhandlung) denken läßt, welcher reflexionslos die bloße, wahre Natur (die Schiller – im Gegensatz zur wirklichen Natur – in seiner Schrift ja als das Objekt naiver Dichtung charakterisiert hat) detailgetreu in seinem Kunstwerk nachahmt, wobei es sich jedoch bei näherer Betrachtung um keine wirklich subjektiv-individuelle Erfahrung, sondern vielmehr um allgemeine Natursymbole (siehe oben aufgelistete Komponenten der Natur), also sentimentalisch-abstrahierte Gegenstände, die jedermann Wohlgefallen erregen dürften, handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einordnung der Elegien Schillers in die Tradition elegischer Dichtung: Untersuchung der historischen Entwicklung der Elegie von der Antike bis zur Neuzeit unter Berücksichtigung ihrer metrischen und stofflichen Merkmale.
II Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“: Analyse von Schillers ästhetischem Raster, das Dichtarten und Dichtercharaktere in ein antithetisches Verhältnis von Natur und Kultur setzt.
III Beispiele aus der Geschichte der Idee eines Natur- oder Urzustandes in der Philosophie: Einordnung von Schillers Naturbegriff in den Kontext der zeitgenössischen Philosophie sowie die Auseinandersetzung mit Rousseau und Kants Ethik.
IV Interpretation der Elegie „Der Spaziergang“: Umfassende Untersuchung der Struktur, Form und des Inhalts der Elegie „Der Spaziergang“ als praktische Illustration von Schillers ästhetischer Theorie.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Elegie, Der Spaziergang, naive Dichtung, sentimentalische Dichtung, Ästhetik, Natur, Kultur, Philosophie, Naturzustand, Ideal, Reflexion, Kant, Rousseau, Dichtercharakter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen von Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ und prüft, inwiefern diese in seinem Gedicht „Der Spaziergang“ praktisch umgesetzt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung, das Verhältnis von Mensch und Natur im historischen Prozess sowie der Einfluss der Aufklärungsphilosophie auf Schillers Ästhetik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Überprüfung, ob „Der Spaziergang“ den Kriterien einer sentimentalischen Elegie entspricht, wie Schiller sie in seiner theoretischen Schrift definiert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe Interpretation der Elegie unter Heranziehung von Schillers ästhetischen Schriften und relevanter Sekundärliteratur zur Philosophie des 18. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung von Schillers Begriffen, eine philosophische Einordnung der Naturproblematik und eine detaillierte Interpretation des Gedichts „Der Spaziergang“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Schiller, Elegie, naive/sentimentalische Dichtung, Natur-Kultur-Antithese und ästhetische Reflexion charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst Kant Schillers ästhetische Theorien?
Die Arbeit zeigt auf, dass Schiller zwar philosophische Grundlagen Kants nutzt, diese jedoch durch die eigene Kategorisierung der naiven und sentimentalischen Dichtung kritisch weiterentwickelt und teilweise umdeutet.
Welche Rolle spielt die „Idylle“ im Kontext der Elegie?
Die Idylle dient als Vergleichskategorie, die den idealisierten Naturzustand der Antike beschreibt, während die Elegie den Verlust dieses Zustands und die Sehnsucht danach thematisiert.
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- M.A. Kristina Wiethaup (Author), 2004, Schillers ethische Naturkonzeptionen und deren theoretische (im Begriff des 'Elegischen') sowie praktische (exemplarisch in der Elegie 'Der Spaziergang') ästhetische Darstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54119