Wie generiert man YouTube-Aufrufe? Strategien zur Rezipientenbindung am Beispiel des YouTubers "Hand of Blood"


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - YouTube: Relevanz und Zuschauerbindung

2. Analyse der Videos des YouTubers „HandOfBlood“
2.1. Serialität und Ästhetik
2.2. Performativität und Theatralität
2.3. Personenkult und Community

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1. Medienverzeichnis

1. Einleitung - YouTube: Relevanz und Zuschauerbindung

Seit der Gründung von YouTube im Februar 2005 hat sich das Videoportal stetig weiterentwickelt. Neben der wachsenden Anzahl abrufbarer Videoclips und der Nutzung neuer technischer Möglichkeiten haben YouTube und seine Akteur*innen mittlerweile auch eine große gesellschaftliche Relevanz. Dies wurde zuletzt im Mai 2019 deutlich, als der deutsche YouTuber Rezo das Video Die Zerstörung der CDU (2019)1 veröffentlichte, in dem er inhaltliche Ausrichtungen deutscher Parteien, insbesondere die der CDU, kritisierte. Rezos Video auf YouTube führte zu einer öffentlichen Debatte: Mehrere Talksendungen im deutschen Fernsehen griffen das Video als Thema auf, Rezo selbst war in der ZDF-Sendung Neo Magazin Royal (2013-heute) zu Gast und die damalige Vorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, hat sich öffentlich zu dem Videoclip geäußert. Dieses Beispiel zeigt nicht nur die Relevanz, die YouTube besitzt, sondern auch die hohe Reichweite, über die manche Videos des Portals verfügen. Der Clip von Rezo zählt beispielsweise bisher über 15 Millionen Aufrufe (Stand 02.09.2019).

Aufgrund der mitunter großen Bedeutung und der hohen Reichweite, die vom Medium YouTube ausgehen kann, sollte ein genauerer medienwissenschaftlicher Blick sowohl auf die Videoclips selbst als auch auf das Medium als Ganzes geworfen werden. Dinge wie Angebotsvielfalt, Einschaltquoten und Konkurrenzkampf - im deutschen linearen Fernsehen spätestens seit der Einführung des dualen Systems in den 1980er- Jahren Alltag - lassen sich mittlerweile auch auf YouTube finden. Anstelle von Einschaltquoten entscheiden auf YouTube die Anzahl der Aufrufe, wie viel Geld YouTuber*innen verdienen. Denn durch Monetarisierung der Videos durch Werbespots und Produktplatzierungen ist ein Lebensunterhalt mittlerweile möglich.2

Das führt innerhalb der Plattform YouTube zu einem Konkurrenzkampf - verschiedene YouTuber*innen, die Videos ähnlichen Inhalts produzieren, möchten jeweils so viele Aufrufe und Fans wie möglich gewinnen. So gibt es eine Vielzahl von Let's Player*innen, die sich selbst während dem Spielen von Videospielen filmen und damit eine große Anzahl von Aufrufen erreichen. Damit ihre Videos Erfolg haben, ist Zuschauerbindung elementar für viele YouTuber*innen. Mit verschiedenen Mitteln muss es den Produzent*innen der Videos gelingen, sich von der Konkurrenz, die ähnliche Inhalte produziert, abzuheben und viele Aufrufe zu generieren. Hier knüpft die Fragestellung dieser Hausarbeit an: Wie erreichen YouTuber*innen, dass Menschen ihre Videos aufrufen und diesen folgen? Zu welchen ästhetischen Mitteln greifen sie? Welche technischen Möglichkeiten schöpfen sie aus? Stellvertretend an Videobeispielen des Let's Players „HandOfBlood“ werde ich die Mittel analysieren, die er verwendet, um möglichst viele Aufrufe seiner Videos zu erzielen. Zunächst werde ich die Serialität und die Ästhetik seiner Videos erläutern. Anschließend werde ich auf die medientheoretischen Konzepte von Theatralität und Performativität eingehen und diese auf die Videos von „HandOfBlood“ beziehen. Abschließend werde ich bei meiner Analyse die Funktion des YouTubers selbst und seiner Fangemeinschaft behandeln. Im Fazit werde ich die Analyseergebnisse zusammenfassen und einen medienwissenschaftlichen Ausblick geben.

2. Analyse der Videos des YouTubers „HandOfBlood“

Der Let's Player, den ich exemplarisch für meine Analyse der Zuschauerbindung auf YouTube ausgewählt habe, trägt den Usernamen „HandOfBlood“. Beispielhaft für seine Vorgehensweise auf YouTube ist seine Videoreihe zum Computerspiel Thief Simulator (2018). Hauptgegenstand meiner Untersuchungen ist das zehnte Video der Reihe mit dem Titel HACKERMAN kommt zum Einsatz! Einbrecher Simulator (2019).

2.1 Serialität und Ästhetik

Ein wichtiges Instrument der Zuschauerbindung ist die Serialität. Es existieren viele wissenschaftliche Theorien darüber, dass sich Rezipient*innen nach etwas Gewohntem, nach etwas Vertrautem und nach Sicherheit sehnen. Michaela Wünsch zitiert etwa den britischen Anglisten Richard Dyer: „,It's clear that humans have always loved seriality‘“ (Wünsch 2010, S. 191). Demnach gebe es eine große Lust an der Wiederholung und an der Fortsetzung. Auch der amerikanische Philosoph Stanley Cavell war dieser Auffassung - ein „Serien-Episoden-Prinzip“ (195) biete exakt diese Stabilität und Gewohnheit:

[...] In der weiteren Beschäftigung mit meiner These des Seriellen im Fernsehen lasse ich mich vor allem von der Intuition leiten, dass Wiederholungen und Wiederkehr in Soap Operas eine bedeutende Beziehung zu denen in Episodenserien haben und dass daher Wiederholung und Wiederkehr eine Art Anspruch sind, dessen Erfüllung das Fernsehen von all seinen Formaten fordert (ebd.).

Zwar hat Cavell diese These für das Fernsehen formuliert, jedoch lässt sie sich auch auf Videobeiträge auf YouTube übertragen. Denn nicht nur in Soap Operas gibt es Wiederkehr. Auch in zusammenhängenden Videos bauen YouTuber*innen immer wieder auf wiederkehrende Elemente. Das können ästhetische Elemente sein, die in allen Teilen einer Videoreihe zu sehen sind, oder gleiche Rahmenbedingungen wie eine identische oder ähnliche Länge aller Videos. Wiederholung und Wiederkehr bieten den Rezipient*innen etwas Vertrautes, da sie Gewohnheiten und feste Abläufe in der Regel aus ihrem eigenen Alltag kennen. Auf einer Makroebene formuliert kann ein menschlicher Alltag beispielsweise aus der Abfolge „Aufstehen“, „Arbeiten“ und „Feierabend“ bestehen. Innerhalb des „Feierabends“ kann sich auf einer Mikroebene das Sehen einer Daily Soap zum täglichen Ritual entwickeln - oder das Sehen einer weiteren Episode einer Videoreihe auf YouTube. Auch der Fernsehwissenschaftler Knut Hickethier schreibt der Wiederholung eine große Bedeutung zu:

Die Zuschauer wollen in der Serie die Wiederholung des Vertrauten, das ihnen vertraut ist, weil es sich wiederholt. Aber es muss auch jedes Mal etwas Neues hinzukommen. Denn dadurch wird ja gerade erst die Gewissheit von Dauer und Kontinuität hergestellt [...] (197).

Bei der Wiederholung des Vertrauten muss, wie durch Hickethier formuliert, immer etwas Neues geschaffen werden. Bei Daily Soaps beispielsweise werden in regelmäßigen Abständen alte Figuren durch Neue ersetzt. Die neuen Figuren fügen sich aber in das vertraute Setting der Serie ein. Mit neuen Figuren können die gewohnten Narrative um Liebe, Betrug oder Verrat dann in der bekannten intraseriellen Umgebung fortgesetzt werden. Durch das Verlangen nach Gewohntem, dass Cavell und Hickethier beschreiben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Zuschauer*innen bei weiteren Episoden einer Serie einschalten.

Ein weiterer Vorteil der Serie ist, dass die Produzent*innen das Stilmittel des Cliffhangers einsetzen können. Am Ende einer Episode gerät beispielsweise eine Figur in große Gefahr und hängt am Rande einer Klippe. Allerdings wird die Situation erst in der kommenden Folge aufgelöst, was die Neugier der Zuschauer*innen wecken soll.

Diese Vorteile macht sich „HandOfBlood“ auf YouTube zu Nutzen. Er setzt auf Serialität und produziert eine ganze Reihe von Videos zu dem Computerspiel Thief Simulator. Jedes Video der Reihe hat einen identischen Grundaufbau. Alle seine bisher 15 Videos weisen eine Länge zwischen 9:05 (kürztes Video) und 14:42 Minuten (längstes Video) auf und sind damit alle in etwa gleich lang. Ebenfalls ist der Beginn jeder Folge ab dem vierten Video der Reihe identisch: „HandOfBlood“, der in allen Let's Play­Videos am linken unteren Bildrand stets mit dem Gesicht und dem Blick in Richtung der Rezipient*innen gerichtet zu sehen ist, trinkt aus einer Kaffeetasse und begrüßt die Zuschauer*innen. Diese Handlung ist durch stetige Wiederholung ritualisiert und zu einem Markenzeichen seiner Videos geworden. Das Trinken vergegenwärtigt den Zuschauer*innen nicht nur, dass sie im Begriff sind, ein Video des YouTubers „HandOfBlood“ zu rezipieren. Gleichzeitig erfüllt das Trinken die Erwartungshaltung des Publikums, nachdem das Ritual des Trinkens eingeführt wurde. Die Zuschauer*innen wissen somit auch, was sie von den folgenden neun bis 15 Minuten erwarten können - Gewohntes und Vertrautes, aber mit Fortführung des Spielgeschehens. Das Kaffeetrinken zu Beginn markiert den Startschuss jeder Folge und ist somit eines der vertrauten Elemente, die oben beschrieben und signifikant für die Serialität sind. Auch im zehnten Video trinkt „HandOfBlood“ aus seiner Kaffeetasse (00:35).

Nach der Einleitung fasst „HandOfBlood“ die Ereignisse der vorherigen Episode kurz zusammen, bevor er mit dem eigentlichen Spielen beginnt. In den Videos der Reihe finden sich zudem wiederkehrende Elemente, die an kleine eigene Formate erinnern. Im zehnten Video der Reihe lernt der Spieler „HandOfBlood“, wie man innerhalb der Einbruchssimulation gestohlene Laptops hackt (06:50 bis 07:22). Im Spiel erscheint ein kleines Rätsel, was der Spieler lösen muss. Zu Beginn des Hackvorgangs ist „HandOfBlood“ für etwa fünf Sekunden in der Großaufnahme zu sehen. Allerdings ist er nicht mehr wie üblich mit seiner normalen Brille gekleidet, sondern trägt nun eine andere, teils pinkfarbene Brille sowie eine Perücke. Er stellt sich als „Hackerman“ vor, wobei seine Stimme verzerrt ist und mechanisch klingt. Anschließend ist zu sehen, wie „HandOfBlood“ als „Hackerman“ das Rätsel im Spiel löst. Danach ist „HandOfBlood“ wieder in seiner ursprünglichen Optik zu sehen und das Let's Play fährt in seinem bisherigen Stil fort. Mit der fiktiven, extra-diegetischen Figur „Hackerman“ schafft „HandOfBlood“ einen Bruch mit der sonst durchgehend identischen Ästhetik. Ab dem zehnten Video muss der YouTuber noch mehrmals im Spiel hacken, und dabei kommt jedes Mal „Hackerman“ zum Einsatz. Seine geschaffene Figur wird auf diese Weise Teil der Serialität seiner Videorehe und trägt somit zu den oben beschriebenen Funktionen der Wiederholung von Vertrautem bei. Mit diesen Mitteln - selbst eine fiktive Figur einzuführen und dieses Prozedere anschließend zu wiederholen, um es zu ritualisieren und einen Wiedererkennungswert zu schaffen - hebt sich „HandOfBlood“ von denjenigen YouTuber*innen ab, die zwar auch mit Serialität arbeiten (und nicht nur ein Video zu einem Videospiel produzieren), aber keine eigenen Elemente in ihre Videoreihen einbauen.

[...]


1 Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ&t=200s

2 Vgl. https://support.google.com/youtube/answer/72857?hl=de

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wie generiert man YouTube-Aufrufe? Strategien zur Rezipientenbindung am Beispiel des YouTubers "Hand of Blood"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Seminar: Schreib- und Wissenschaftspraxis
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V541226
ISBN (eBook)
9783346149176
ISBN (Buch)
9783346149183
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Youtube, Hand of Blood, Rezipientenbindung, Let's Play
Arbeit zitieren
Daniel Zander (Autor:in), 2019, Wie generiert man YouTube-Aufrufe? Strategien zur Rezipientenbindung am Beispiel des YouTubers "Hand of Blood", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541226

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