Die vorliegende Arbeit analysiert Lehnwortbeziehungen im deutsch-niederländischen Sprachkontakt. Die Lehnwörter werden nicht nur zum Spiegel der Kulturgeschichte des kontinentalwestgermanischen Raumes, sondern darüber hinaus zu Einzelelementen innerhalb der Gesamtstruktur der diachronischen Kommunikationssituation zwischen beiden sich verselbstständigenden Sprachen. Dabei werden die wechselseitigen kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und persönlichen Beeinflussungen sowie die Entwicklung beider Sprachen am Beispiel des niederländischen Romans „De Tweeling“ (zu deutsch „Die Zwillinge“) von Tessa de Loo dargestellt. Betrachtet werden ca. zwanzig Wörter, die in der deutschen Übersetzung des Romans auftauchen und jeweils im Wortschatz beider Kultursprachen vorkommen bzw. aus der jeweils anderen Kultursprache entlehnt wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lehnwortbeziehungen in der Sprachkommunikation
2.1 Diachronische kulturelle Betrachtungen im Sinne der Wortschatzübernahmen zwischen Deutschland und den Niederlanden
2.2 Deutsche Einflüsse auf den niederländischen Wortschatz
2.2.1 Das Frühe Mittealter und „Brandaen-Legende“
2.2.2 Der Einfluss der deutschen Mystik
2.2.3 Deutschen Wörter in der niederländischen Verkehrssprache
2.2.4 Luthers Bibelübersetzung in den Niederlanden
2.2.5 Deutsche literarische Wirkung im 18. Jahrhundert auf die niederländische Sprache
2.3 Niederländische Einflüsse auf den deutschen Wortschatz (insbesondere auf das Niederdeutsche)
2.3.1 Bewegung niederländischer Siedler und die maritime Expansion auf den niederdeutschen Sprachraum
2.3.2 Lehnwörter in der Seemannssprache
2.3.3 Niederländische Lehnwortbeziehungen zu deutschen Lebensbereichen und zum Kulturraum
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lehnwortbeziehungen zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache. Anhand des Romans „De Tweeling“ von Tessa de Loo analysiert die Autorin wechselseitige sprachliche Beeinflussungen in kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Bereichen und beleuchtet, wie diese Austauschprozesse die Entwicklung beider Sprachen bis ins 18. Jahrhundert geprägt haben.
- Analyse diachronischer Wortschatzübernahmen zwischen Deutschland und den Niederlanden.
- Untersuchung deutscher Einflüsse auf den niederländischen Wortschatz durch Mystik, Bibelübersetzungen und Literatur.
- Erforschung niederländischer Einflüsse auf das Deutsche, insbesondere im Bereich der Seemannssprache und der maritimen Expansion.
- Betrachtung von Siedlungsbewegungen als Katalysatoren für den Sprachkontakt.
- Sprachsoziologische Einordnung des Austauschs von Fach- und Wanderwörtern.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Der Einfluss der deutschen Mystik
Im 13. und 14. Jahrhundert schien ein reger Austausch zwischen der niederländischen und deutschen Mystik zu bestehen. Mittelniederländische Begriffe wie abolghe ‚ira’ und orewoet ‚aestus amoris’, die bereits in den Wortschatz von Jan van Ruusbroec übergehen, vermitteln den Eindruck eines sowohl eigenständigen als auch traditionellen mnl. mystischen Wortschatzes. Andererseits kennen Urkunden aus den Jahren 1281, 1285 und 1290 typische Eckartsche Prägungen wie gewalt, einunge, redelich, willichlich, vrilich, aigenschaft und unverwandelt. Daraus lässt sich, trotz der seltenen deutschen mystischen Texte des 13. Jahrhunderts, auf eine gewisse frühe deutschsprachige Tradition mystischer Terminologie schließen.
Einen Einfluss der deutschen Mystik könnte bei den Untersuchungen der späteren mnl. Übersetzungen z.B. von Eckhart-Predigten mit mehr Sicherheit festgestellt werden. In einer mnl. Predigt-Übersetzung, finden sich Wörter wie eighenscap, enighe, gront, isticheit, onderlaet, vernuftig, een wat, die deutliche Parallelen zu den Eckhartschen Prägungen in der Vorlage: eigenschaft, einunge, grund, istikeit, underlâz, vernünftic , ein waz aufzeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand der Lehnwortbeziehungen im deutsch-niederländischen Kontext und stellt den Roman „De Tweeling“ als Analysebeispiel vor.
2. Lehnwortbeziehungen in der Sprachkommunikation: Dieses Hauptkapitel beleuchtet die diachronische Entwicklung und die kulturellen Hintergründe des intensiven gegenseitigen Wortaustauschs.
2.1 Diachronische kulturelle Betrachtungen im Sinne der Wortschatzübernahmen zwischen Deutschland und den Niederlanden: Hier werden die historischen Ursachen für die Wortschatzübernahmen, wie Handelsbeziehungen und religiöse Bewegungen, in den Randzonen der Sprachlandschaften erläutert.
2.2 Deutsche Einflüsse auf den niederländischen Wortschatz: Das Kapitel widmet sich detailliert der Aufnahme deutschen Wortguts durch mystische Texte, die Verkehrssprache, Luthers Bibelübersetzung und literarische Strömungen.
2.2.1 Das Frühe Mittealter und „Brandaen-Legende“: Analyse der frühen, begrenzten Einflüsse des Deutschen auf das Niederländische und erste lexikalische Nachweise im 12. Jahrhundert.
2.2.2 Der Einfluss der deutschen Mystik: Darstellung des Austauschs mystischer Fachterminologie zwischen deutschen und niederländischen Geistlichen.
2.2.3 Deutschen Wörter in der niederländischen Verkehrssprache: Untersuchung von Lehnwörtern aus Wirtschaft, Religion und dem Militärwesen im 16. und 17. Jahrhundert.
2.2.4 Luthers Bibelübersetzung in den Niederlanden: Erörterung der Rolle der Lutherbibel und der „Statenbijbel“ als Vermittler deutschen Wortschatzes.
2.2.5 Deutsche literarische Wirkung im 18. Jahrhundert auf die niederländische Sprache: Analyse der Aufnahme deutscher literarischer Strömungen und der daraus resultierenden bewussten Wortschatzanpassung.
2.3 Niederländische Einflüsse auf den deutschen Wortschatz (insbesondere auf das Niederdeutsche): Dieses Kapitel analysiert die Ausstrahlung des Niederländischen auf den deutschen Raum, insbesondere durch Siedlungen und maritime Expansion.
2.3.1 Bewegung niederländischer Siedler und die maritime Expansion auf den niederdeutschen Sprachraum: Beschreibung der Siedlungsgeschichte und deren Auswirkungen auf die Sprache in norddeutschen Hansestädten.
2.3.2 Lehnwörter in der Seemannssprache: Untersuchung der etymologischen Verkettungen und der Übernahme niederländischer nautischer Fachbegriffe ins Deutsche.
2.3.3 Niederländische Lehnwortbeziehungen zu deutschen Lebensbereichen und zum Kulturraum: Abschluss der Analyse durch den Blick auf die Verwendung des Niederländischen als Fach- und Schriftsprache in deutschen Grenzregionen.
3. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der gegenseitigen sprachlichen Bereicherung und des nachhaltigen Einflusses auf den Wortschatz beider Sprachen.
Schlüsselwörter
Lehnwortbeziehungen, Sprachkontakt, Niederländisch, Deutsch, Wortschatzübernahme, diachronische Analyse, Mystik, Seemannssprache, Kulturraum, Sprachgeschichte, Kulturaustausch, Romananalyse, Sprachinterferenzen, Fachsprache, deutsch-niederländische Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wechselseitigen Lehnwortbeziehungen zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen im historischen Verlauf.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den kulturellen und religiösen Austausch, die Rolle der Seemannssprache, Einflüsse durch Bibelübersetzungen sowie literarische Wechselwirkungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, anhand diachronischer Analysen und Textbeispiele aufzuzeigen, wie beide Sprachen durch gegenseitige Wortübernahmen bereichert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine diachronische Analyse unter Einbeziehung sprachsoziologischer Kategorien angewandt, um Wortschatzveränderungen in verschiedenen historischen Kontexten zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in deutsche Einflüsse auf das Niederländische und niederländische Einflüsse auf das Deutsche, unterteilt nach Epochen und Lebensbereichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Lehnwortbeziehungen, Sprachkontakt, Niederländisch, Deutsch, Wortschatzübernahme, Kulturraum und diachronische Analyse.
Inwiefern spielt der Roman „De Tweeling“ für die Analyse eine Rolle?
Der Roman dient als praktische Datenbasis, um das Vorkommen von Lehnwörtern in der modernen Sprache und deren historische Einbettung konkret zu illustrieren.
Warum war die Seemannssprache für den Austausch so bedeutend?
Die Seemannssprache fungierte als funktionelle Fachsprache, die aufgrund der maritimen Expansion und der Vorrangstellung der niederländischen Handelsflotte eine hohe Anzahl an Fachbegriffen ins Deutsche vermittelte.
Welche Rolle spielten die niederländischen Grenzzonen?
Die Randzonen waren entscheidende Austauschgebiete, in denen das Niederländische teilweise über Jahrhunderte hinweg als Schriftsprache oder in den Mundarten wirkte und so den Wortschatz in angrenzenden deutschen Regionen prägte.
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- Shuang Liu (Author), 2006, Lehnwortbeziehungen zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54141