Martin Scorseses Taxi Driver (1976) entstammt einer Zeit, in der sich Hollywood im Umbruch befindet. Kinofilme werden zu Autorenwerken, das glattgebügelte Kinoerlebnis der vorangegangenen Jahrzehnte weicht pessimistischeren Darstellungen. Hinzu kommt eine etwa durch den Vietnamkrieg angeheizte politische Stimmung in den USA. Deshalb ist Taxi Driver als zeitgenössische Kritik einerseits zu verstehen, andererseits stellt der Film auch heute noch ein in sich geschlossenes Kunst- und Meisterwerk dar.
Nicht zuletzt Robert De Niros ikonische Darstellung des geistig zermürbten Taxifahrers Travis Bickle bleibt in Erinnerung. Es sind Darstellungen wie diese, die Scorsese den Ruf eingebracht haben, eine Vorliebe für sog. Antihelden zu haben. In der Filmkritik zu The Wolf of Wallstreet unterstellt Spiegel Online dem Regisseur sogar, über „drei Stunden hinweg […] die Perversion der männlichen Antihelden“ (Kleingers 2014) zu zelebrieren. Über die Protagonisten in einem Scorsese-Film gibt es vieles zu sagen und Bertellini und Reich widmen sich in einem Aufsatz sogar ganz gezielt „Scorsese’s Male Antiheroes“ (vgl. Bertellini/Reich 2015: 38f.).
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur Travis Bickle in Taxi Driver näher zu beleuchten. Ihre Wahrnehmung und die sich aus ihr ergebenden Motivationen und Ziele des Charakters sollen herauszuarbeitet werden. Wie die Figur von Scorsese und dem Drehbuchautor Paul Schrader konzeptioniert ist, soll dabei auch aus dem soziohistorischen Kontext abgeleitet werden. In einem letzten Schritt soll schließlich geklärt werden, ob die Figur tatsächlich als Antiheld zu verstehen ist und welche Eigenschaften eine solche Charakterisierung zulassen. Denn wann wird ein Protagonist zu mehr als einem bloßen Protagonisten? Was macht ihn zu einem Helden, geschweige denn zu einem Antihelden? Letzterer bildet schließlich einen Widerspruch in sich, weshalb der Antiheld in seiner Grundkonzeption schwieriger greifbar ist als die klassische Heldenfigur. Die Frage erscheint auch insofern interessant, als dass Taxi Driver das Konzept in seinen letzten Minuten ad absurdum führt, indem gezeigt wird, dass Protagonist Travis von der Öffentlichkeit als Held gefeiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 New Hollywood
2.2 Der Protagonist von Martin Scorsese
2.3 Der Antiheld: Konzeption und Definition
3. Methodik
3.1 Figurenanalyse im Film
4. Taxi Driver: Eine Charakteranalyse
4.1 Travis Bickle, der Taxifahrer. Travis Bickle, der Soldat.
4.2 Travis‘ Kommunikationsprobleme
4.3 Katalysator der Veränderung: Iris
4.4 Der Pfad Gottes? Travis‘ Feldzug gegen den Abschaum der Stadt
4.5 Heldentum und Erlösung?
5. Travis Bickle: Ein Antiheld?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figur des Travis Bickle aus Martin Scorseses Film "Taxi Driver" (1976), um herauszuarbeiten, inwiefern der Protagonist als Antiheld zu charakterisieren ist. Dabei wird der soziohistorische Kontext der New-Hollywood-Ära einbezogen und die Figur mithilfe filmwissenschaftlicher Analysetechniken auf ihre Motivationen, Kommunikationsprobleme und moralische Ambivalenz hin untersucht.
- Die Einordnung von "Taxi Driver" in das New-Hollywood-Kino
- Die Charakterisierung des typischen Scorsese-Protagonisten
- Theoretische Abgrenzung der Begriffe Held, Antiheld und Nichtheld
- Analyse der psychologischen und sozialen Isolation von Travis Bickle
- Untersuchung der Widersprüchlichkeit zwischen Travis' Selbstbild und der Wahrnehmung durch die Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
4.1 Travis Bickle, der Taxifahrer. Travis Bickle, der Soldat.
Wir sehen ein typisches New Yorker Taxi der 70er Jahre, das durch nächtliche Nebelschwaden fährt. Verheißungsvolle, auf eine Art bedrohlich wirkende Musik setzt ein. Die Namen der Mitwirkenden erscheinen auf dem Bild – ganz im Stil der überall in New York verstreuten Neon-Leuchtreklamen (Taxi Driver TC 00:00:30).
Plötzliche präsentieren sich uns die Augen des Protagonisten, Travis, in einer Nahaufnahme. Ein harmonischeres Musikstück setzt ein. Travis fährt durch die Nacht, seine Augen blicken hin und her und saugen begierig das Gesehene auf wie ein Schwamm. Sein Gesicht wird von den umliegenden Lichtern abwechselnd immer wieder in Rot- und Blau-Töne getaucht (siehe Abb. 1 im Anhang; Taxi Driver TC 00:01:16). Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, das Glas ist halb undurchsichtig. Immer wieder sehen wir blaue und rote Lichter und Autos, die die Nacht durchstreifen. Alles ist verschwommen – die Fahrt durch die Dunkelheit wirkt wie ein Traum. Und auch die Menschen sind aus Travis‘ Perspektive nur schemenhafte Umrisse – sie sind Unbekannte und erscheinen nicht wie reale Personen (Taxi Driver TC 00:01:32 – 00:02:00).
Eine sanfte Überblendung. Travis erscheint und tritt aus dem emporsteigenden Dunst direkt in das Büro eines Taxiunternehmens. Die Kamera folgt ihm. Auf seiner militärisch anmutenden Jacke steht: „Bickle. T:“ (Taxi Driver TC 00:02:17). Die Vermutung liegt nahe, dass Travis ein Vietnam-Veteran ist, explizit erwähnt wird es im Film jedoch nie. Als weiteren subtilen Hinweis könnte man hier jedoch Travis‘ verschmitzt-ironische Bemerkung in Bezug auf seine Verkehrsakte deuten: „It’s clean, real clean. Like my conscience“ (Taxi Driver TC 00:03:05). Das Drehbuch zu Taxi Driver verrät diesbezüglich lediglich: „He [Travis] seems to have wandered in from a land where it is always cold, a country where the inhabitants seldom speak” (Schrader 1974: 3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Relevanz der Figur Travis Bickle und definiert das Ziel der Analyse im Kontext von Scorseses Werk und der New-Hollywood-Bewegung.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, indem es das New Hollywood, die Spezifika von Scorseses Protagonisten und das Konzept des Antihelden wissenschaftlich einordnet.
3. Methodik: Hier wird die für die Analyse gewählte Methode der Figurenanalyse nach Werner Faulstich vorgestellt, um eine strukturierte Untersuchung des Filmmaterials zu ermöglichen.
4. Taxi Driver: Eine Charakteranalyse: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, in dem Travis Bickle detailliert analysiert wird – von seiner sozialen Isolation und Kommunikationsstörung bis hin zu seinem radikalen Handeln.
5. Travis Bickle: Ein Antiheld?: Dieses Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und beantwortet die zentrale Forschungsfrage, ob Travis Bickle als Antiheld zu klassifizieren ist.
6. Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammen und reflektiert die Komplexität der Figur sowie deren Rezeption.
Schlüsselwörter
Martin Scorsese, Taxi Driver, Travis Bickle, Antiheld, New Hollywood, Charakteranalyse, Isolation, Filmanalyse, Selbstjustiz, Posttraumatische Störung, Erlösung, Rollenbilder, Filmgeschichte, Narration, Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die psychologische und filmische Konstruktion der Hauptfigur Travis Bickle in Martin Scorseses Klassiker "Taxi Driver" und ordnet diese in den theoretischen Rahmen des Antihelden ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Auswirkungen der New-Hollywood-Bewegung, das Phänomen der männlichen Isolation, die moralische Ambivalenz von Gewalt sowie die Konzeption und Definition des Antihelden in der Filmtheorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Handeln und die Motivationen von Travis Bickle soziohistorisch und filmwissenschaftlich zu begründen, um final zu klären, ob er als Paradebeispiel eines Antihelden gelten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Methode der Figurenanalyse nach Werner Faulstich, welche Aspekte wie Handlungen, Rollenbilder, Selbst- und Fremdcharakterisierung sowie das Setting des Films betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charakterentwicklung von Travis, seine Kommunikationsprobleme, die Rolle von Iris als Katalysator für seine Radikalisierung sowie seinen "Feldzug" gegen das als "Schmutz" wahrgenommene urbane Umfeld.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Martin Scorsese, Antiheld, New Hollywood, Charakteranalyse, Isolation und Posttraumatische Störung definiert.
Warum wird Travis Bickle trotz seiner Gewalt als Antiheld wahrgenommen?
Die Arbeit argumentiert, dass dies vor allem der komplexen Darstellung durch Scorsese zu verdanken ist, die dem Zuschauer eine Ambivalenz gegenüber der Figur abverlangt, anstatt ihn als bloßen Bösewicht zu verurteilen.
Welche Rolle spielt die Veränderung des Drehbuchs?
Die Arbeit stellt heraus, dass durch das Eingreifen von Scorsese die asozialen Züge von Travis stärker auf Nebenfiguren verteilt wurden, was Travis zu einer gebrocheneren und damit identifikationsfähigeren Figur machte.
Was bedeutet das Ende des Films für die Erlösung von Travis?
Das Ende lässt die Frage der Erlösung offen; der Film suggeriert, dass die Rückkehr zur Normalität lediglich oberflächlich ist und das innere Trauma des Protagonisten weiterhin besteht.
- Citation du texte
- Marcel Wolf (Auteur), 2016, Der Antiheld "Travis Bickle". Eine Analyse des Protagonisten in Martin Scorseses "Taxi Driver", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541430