Körperberührungen zwischen zwei Personen kommen in unserem Alltag häufig vor, doch dabei kann es passieren, dass die Beteiligten sie auf unterschiedliche Weise wahrnehmen. Gerade der Sportunterricht bietet, im Gegensatz zu anderen Unterrichtsfächern, eine Vielzahl an Situationen, in denen Berührungen stattfinden können.
Berührungen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen bieten ein erhöhtes Potenzial der ambivalenten Wahrnehmung, die etwa dem Altersunterschied und den unterschiedlichen Machtverhältnissen geschuldet ist. Insbesondere Sportlehrkräfte sehen sich der Gefahr ausgesetzt, Opfer von Verdächtigungen und Anschuldigungen zu werden, die ihre Karriere und ihr gesamtes Leben negativ beeinträchtigen können.
Luisa Walkenhorst untersucht, wie Sportlehrer/innen Berührungen zwischen ihnen und ihren Schüler/innen wahrnehmen und wie sie mit ihnen umgehen. Sie greift dieses Thema auf, um Ängste und Unsicherheiten der Lehrkräfte aufzudecken und somit die Basis für Strategien zu legen, die ihnen im Umgang mit diesen Emotionen helfen können.
Aus dem Inhalt:
- Lehrer-Schüler-Beziehung;
- Pädagogische Profession;
- Nähe und Distanz;
- Grenzüberschreitungen;
- Lehrerpersönlichkeit;
- Missbrauch
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Aktueller Forschungsstand
3 Nähe und Distanz in einer Lehrer-Schüler-Beziehung
3.1 Die Lehrer-Schüler-Beziehung
3.2 Pädagogische Profession
3.3 Nähe und Distanz
3.4 Grenzüberschreitungen
4 Körperberührungen
4.1 Der Begriff der Berührung
4.2 Körperberührungen in der Schule
4.3 Scham im Sportunterricht
5 Körperberührungen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen im Sportunterricht
5.1 Körperberührungen und Alter
5.2 Körperberührungen und Geschlecht
5.3 Körperberührungen und Herkunft
5.4 Körperberührungen und Sportart
6 Problemdarstellung und Formulierung der Forschungsfrage
7 Forschungsmethodisches Vorgehen
7.1 Stichprobe
7.2 Explorative Interviewstudie
7.3 Interviewleitfaden
7.4 Datenaufbereitung
7.5 Datenauswertung
8 Darstellung und Diskussion der Ergebnisse
8.1 Berührungssituationen
8.2 Professionalität in einer Lehrer-Schüler-Beziehung
8.3 Die Wahrnehmung beeinflussende Faktoren
8.4 Umgang mit Berührungen
9 Methodenkritische Reflexion
10 Schlussfolgerungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung von Körperberührungen durch Sportlehrkräfte im Sportunterricht sowie deren Umgang mit solchen Situationen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie nehmen Lehrer*innen Berührungen zwischen ihnen und den Schüler*innen im Sportunterricht wahr und wie gehen sie damit um?
- Analyse der Lehrer-Schüler-Beziehung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz
- Untersuchung des Phänomens Körperberührung im schulischen Sportkontext
- Explorative Interviewstudie mit Sportlehrkräften zur Rekonstruktion subjektiver Deutungsmuster
- Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und Sportart auf die Wahrnehmung
- Ableitung von Handlungsstrategien und Präventionsmaßnahmen zur Professionalisierung
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Begriff der Berührung
Berührungen sind ein wesentlicher Teil unseres Verständigungsrepertoires nonverbaler Kommunikation und gelten als die ausgeprägteste Form von interpersonaler Nähe. In der Kommunikationsforschung spricht man auch von taktiler Kommunikation, welche allerdings bisher nur wenig erforscht wurde. Bei einer Berührung wird eine Mitteilung auf der Beziehungsebene übertragen, welche die Relation zweier Personen zueinander bestimmt. Berührungen geben dabei Auskunft über Intimität, Zuneigung, Sexualität, Fürsorge, Bindung sowie Dominanz, Status und Machtverhältnisse (vgl. Weigelt, 2010, S. 17f). Berührungen sind in unserem Leben ebenso alltäglich wie außergewöhnlich. Wir berühren andere Menschen absichtlich, zum Beispiel beim Händeschütteln, oder ganz zufällig, zum Beispiel ein versehentliches Streifen der Schulter beim Vorbeigehen. Diese Berührungen können dabei als angenehm oder auch als unangenehm empfunden werden. Ob man dabei die Berührung bewusst wahrnimmt und über sie nachdenkt, hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel eigene Erfahrungen, Beziehung zu der anderen Person, aktueller Gemütszustand usw.. Dabei gibt es Regeln für verschiedene Kontexte von Berührungen, zum Beispiel für verschiedene Beziehungen. In manchen Situationen sind sie erlaubt, geboten, vorgeschrieben und in anderen unerwünscht, verboten, tabu (vgl. Wagener, 2000, S. 17ff).
„Berührungen sind – anders als andere Formen der Kommunikation – die Sprache physischer Nähe. Deshalb ist die körperliche Berührung auch der wichtigste aller Kommunikationskanäle – der ausdrucksstärkste, aber auch der reglementierteste und kontrollierteste“ (Thayer, 1988, S. 21).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der Körperberührungen im Sportunterricht und Begründung der Forschungsrelevanz aufgrund der Ambivalenz zwischen pädagogischer Notwendigkeit und der Gefahr von Missbrauchsvorwürfen.
2 Aktueller Forschungsstand: Überblick über die unzureichende Forschungslage zum Thema Nähe, Distanz und Körperberührungen in der Lehrer-Schüler-Beziehung, insbesondere im Sport.
3 Nähe und Distanz in einer Lehrer-Schüler-Beziehung: Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Nähe und Distanz, der pädagogischen Profession und der Problematik von Grenzüberschreitungen.
4 Körperberührungen: Begriffliche Klärung von Berührungen, deren Bedeutung im Schulkontext und die Thematisierung von Schamgefühlen bei Schüler*innen.
5 Körperberührungen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen im Sportunterricht: Spezifische Analyse von Berührungen unter Berücksichtigung der Faktoren Alter, Geschlecht, Herkunft und Sportart.
6 Problemdarstellung und Formulierung der Forschungsfrage: Konkretisierung der Forschungslücke und explizite Formulierung der Fragestellung der Arbeit.
7 Forschungsmethodisches Vorgehen: Beschreibung der gewählten explorativen Interviewstudie, des Leitfadenaufbaus, der Stichprobenauswahl sowie der Datenauswertung nach Mayring.
8 Darstellung und Diskussion der Ergebnisse: Präsentation und Interpretation der Interviewdaten hinsichtlich der Kategorien Berührungssituationen, Professionalität, Einflussfaktoren und Umgangsstrategien.
9 Methodenkritische Reflexion: Kritische Würdigung der gewählten Forschungsmethode und der gewonnenen Erkenntnisse.
10 Schlussfolgerungen und Ausblick: Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und Empfehlungen für die Lehrkräftebildung und weitere Forschung.
Schlüsselwörter
Sportunterricht, Körperberührungen, Lehrer-Schüler-Beziehung, Nähe und Distanz, Sportlehrkräfte, pädagogische Professionalität, Scham, Grenzüberschreitungen, qualitative Forschung, Interviewstudie, Sportdidaktik, Hilfestellung, pädagogisches Handeln, Bindungstheorie, Sportkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wahrnehmung und den Umgang mit körperlichen Berührungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen im Sportunterricht, um ein besseres Verständnis für dieses oft tabuisierte und ambivalente Thema zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zu den zentralen Themen gehören die Lehrer-Schüler-Beziehung, das Spannungsfeld zwischen pädagogischer Nähe und professioneller Distanz, die Bedeutung von Körperkontakt in verschiedenen Sportarten sowie die Vermeidung von Missbrauchsvorwürfen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, subjektive Deutungsmuster von Sportlehrkräften zu rekonstruieren und herauszuarbeiten, wie diese Berührungssituationen wahrnehmen, welche Unsicherheiten sie dabei empfinden und wie sie professionell handeln können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen Forschungsansatz mit explorativen Expert*innen-Interviews, die mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur pädagogischen Beziehung und Berührung sowie einen empirischen Forschungsteil, der die Ergebnisse aus den Interviews mit Sportlehrkräften darstellt und diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sportunterricht, Körperberührungen, Lehrer-Schüler-Beziehung, pädagogische Professionalität, Grenzüberschreitungen und qualitative Interviewstudie.
Warum spielt das Geschlecht eine so große Rolle für die Lehrkräfte?
Lehrkräfte berichten von der Sorge, dass insbesondere männlichen Sportlehrern häufiger unsittliche Absichten unterstellt werden, während Berührungen durch Lehrerinnen oft als unproblematischer und "mütterlicher" wahrgenommen werden.
Wie gehen Lehrkräfte mit der Angst vor falschen Vorwürfen um?
Viele Lehrkräfte setzen auf präventive Strategien wie Transparenz (Thematisierung von Berührungen), das Einholen von Erlaubnis bei Hilfestellungen oder das Vermeiden von Einzelunterricht ohne Zeugen.
Welche Rolle spielt die Sportart für Berührungen?
Sportarten mit hohem Körperkontakt (z. B. Turnen, Kampfsport) führen zu funktionalen Berührungen, die von Lehrkräften als notwendige "Bewegungshilfen" wahrgenommen werden, während dies in anderen Sportarten weniger der Fall ist.
- Arbeit zitieren
- Luisa Walkenhorst (Autor:in), 2021, Berührungen zwischen Lehrern und Schülern im Sportunterricht. Wie nehmen Sportlehrkräfte Körperberührungen wahr und wie gehen sie mit ihnen um?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542107