Tierethik. Sollten Lebewesen anders behandelt werden als Menschen?


Essay, 2020

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Die Abgrenzung der Menschheit von anderen Lebewesen

Gemeinsame Essenz von Menschen und Lebewesen

Moralische Verpflichtung

Praktik der Moral

Literaturverzeichnis

Die Abgrenzung der Menschheit von anderen Lebewesen

Menschen und Tiere, bzw. andere Lebewesen werden in unserer heutigen Gesellschaft als grundverschieden angesehen. Dies wird so seit Generationen vermittelt, doch aus welchen Gründen hält sich diese Unterscheidung so hartnäckig? Ist es die menschliche Egozentrik, Anthropozentrismus, Überheblichkeit, Tatsache oder fehlendes Hinterfragen und Verdrängung? Ein erheblicher Faktor ist die Erziehung, die Werte und Normen vorgibt, ohne dass die Sprösslinge dies in jungen Jahren hinterfragen konnten und nun Ignoranz und Verdrängung diese Thematiken für kommende Generationen vor dem kritischen Betrachten schützen.

Schon durch unsere alltäglichen umgangssprachlichen Redewendungen wird deutlich, dass Lebewesen in unserer westlichen Gesellschaft ein ganz anderer Status als Menschen zugeordnet wird. So steht üblicherweise an erster Stelle das Göttliche, an nächster der Mensch als sein Ebenbild und erst anschließend die belebte Welt. Unterschieden wird durch abgrenzende Wortwahl: Menschen sind schwanger, während Tiere hingegen als trächtig bezeichnet werden. Menschen essen, gebären und sterben, während Tiere fressen, werfen und verenden. Diese Sprachlichkeit ist wechselseitig konstituiert, sodass ein Reflexionsvorgang erschwert wird.

Zudem stellt sich die Frage, weshalb es innerhalb der lebendigen Welt weitere Hierarchien aus Sicht der Menschen gibt. So haben Wildtiere einen anderen Bezug, eine andere Umgangsweise und andere Rechte als Nutztiere, die wiederum als weniger beachtungswürdig als Haustiere eingestuft sind. Einige Arten, wie die domestizierten Hunde und Kanarienvögel, werden als tierische Begleiter nach Kriterien wie Bindungsfähigkeit, Zähmbarkeit oder Ästhetik ausgesucht, um den Menschen Unterhaltung oder eine emotionale Bindung zu ermöglichen. Dass Haustiere auch einen primär nützlichen Zweck erfüllen müssen, ist selten geworden. Daher wird klar zu den Nutztieren, wie Kühe und Schafe es sind, unterschieden: Das Verzehren und Ausbeuten ihrer Kräfte und ihres Körpers dieser ist ein fester, anerkannter Teil unserer Gesellschaft, doch wird selten die Frage gestellt, inwiefern diese Hierarchie ethisch begründet ist. Weshalb also darf sich der Mensch das Recht herausnehmen, über die Freiheit anderer Lebewesen zu entscheiden? Sind wir noch immer dem urzeitlichem „Recht“ des Stärkeren unterworfen oder ist es pure Ignoranz zum Selbstzweck?

In der westlichen Tradition wird der Mensch als Zentrum unseres Daseins angesehen, die wiederum eine Diskriminierung anderer Lebewesen, einen sogenannten „Speziezismus“ mit sich bringt.1 In östlichen Ländern und in vielen Eingeborenenstämmen hingegen ist eine Verbindung von Tierischem und Göttlichen, wie Totemtiere, die sich oftmals auf eine Spezies beschränken, bei Anhängern von Naturgeistern jedoch auch die gesamte belebte Welt beziehen, üblich. In Ihrem Verständnis sind Tiere die Ebenbilder oder Boten des Göttlichen, dem sich diese Menschen unterordnen und den Tieren eigene Rechte zusprechen, sodass sie weder eingesperrt, noch verzehrt oder zum eigenen Nutzen herangezogen werden. Einzig Opferrungsrituale zu Ehren der Götter bilden Ausnahmen2.

In der westlichen Welt hingegen sind die Prozesse und Missstände insbesondere der Nutztierhaltung lediglich einem sehr geringen Teil der Menschen so zugänglich im täglichen Leben, als dass sie in das aktive Bewusstsein übergegangen sind. Die Transformation vom lebendigen Tier, zu dem eine emphatische Bindung bei direkter Begegnung nur erschwert ignoriert werden könnte, zu dem Endprodukt als Nahrungsmittel kappt jeglichen ethischen Bezug, wenn keine Eigeninitiative der Bewusstwerdung ergriffen wird. Ein erheblicher Faktor ist hier wiederum die Erziehung und unterbewusste Prozesse, die dies durch Konfrontation mit wirtschaftsorientierter Werbung als moralisch vertretbar erscheinen lassen3. Einmal erlernte Begründungsstrategien werden immer wieder aus Bequemlichkeit abgerufen, da eine Umschulung von Verhaltens-. Kauf-, und Essgewohnheiten, sowie der Entsagung von Gruppeneffekten eine dauerhafte Anstrengung erfordert4. Dies wiederum führt zu schweren Realisationsfehlern und Ignoranz, sowie verheerender Disparitäten zwischen Wissen und Handlung trotz vorhandener Aufklärung.

Gemeinsame Essenz von Menschen und Lebewesen

Wenn man die Menschheit anderen Raubtieren gegenüberstellt, wird sichtbar, dass Tiere ihre Bedürfnisse nur insofern auf Kosten anderer Lebewesen, sowie Pflanzenfresser auf Kosten der Flora, befriedigen, bis diese erfüllt sind. Menschen hingegen kennen keine Grenze diesbezüglich, sie stellen einerseits Luxusbedürfnisse, die nicht überlebensnotwendig sind über solche wie Hunger, Müdigkeit und Durst, sodass lebendige Ressourcen aus Gründen wie Macht, Sicherheit und Luxusbegierde verbraucht werden und andererseits wird die Ausbeutung nach der Befriedigung dieser nicht unterbunden. Es herrscht ein Ungleichgewicht des Nutznießertums, bei dem sich die Menschen als rechtmäßige Machthaber über ihre Umwelt fühlen: „Wir Tiere suchen den Genuss nur in Verbindung mit dem Nutzen; ihr aber seid mehr auf Genuss aus als auf das natürliche Maß an Nahrung werdet dafür bestraft durch eine Menge schwerer Krankheiten...“5

Wem also soll moralischer Eigenwert zugeordnet werden? Ist es überhaupt vertretbar, ohne Zustimmung über andere(s) zu entscheiden, ohne, dass Kommunikation möglich ist? Ist die Kommunikationsfähigkeit oder die Fähigkeit zu Fühlen ein Ausschlusskriterium für ethische Rechte?

Menschen sollten sich in jedem Falle nicht anders verhalten als andere Lebewesen: Es darf genommen werden, was benötigt wird, wobei natürlicherweise eine „Schädigung“ der Umwelt nicht ausbleibt, diese jedoch zu einem Fließgleichgewicht der Ökosysteme beiträgt. Dahingegen sollte eine übermäßige Ausbeutung jedweden Rohstoffs und Lebewesens über die Erfüllung der überlebensnotwendigen Grundbedürfnisse hinaus, also zu Zwecken des Luxus weitestgehend vermieden werden. Sofern die Wahl besteht, welche Daseinsform zu eigenen notwendigen Zwecken verwendet wird, wie beispielsweise bei der Wahl der Nahrungsform, sollte lediglich diejenige Quelle verwendet werden, die am wenigsten Schaden davonträgt. Die Quelle sollte einerseits insofern nachhaltig sein, dass es eine Erneuerbare ist, also nachwachsen kann und zudem nicht unnötig leiden müssen: So kann die pflanzliche Welt der Tierwelt vorgezogen werden, da Pflanzen wahrscheinlich weniger empfindsam sind. Zudem sollten die Pflanzen, sofern möglich, nicht komplett abgeerntet oder abgeschnitten werden, sodass der restliche Teil der Pflanze ungehindert weiter gedeihen kann.

Es stellt sich die Frage, wer uns was in unserer Welt schutzbedürftig ist. Da sich kein einzelnes Lebewesen der Gewalt und Macht des Menschen, aufgrund der modernen Technik und der Vielzahl und Übergriffigkeit der Menschen, entziehen kann, sind pflanzliche ebenso wie tierische Lebewesen wehrlos. In diesem Sinne soll jedes lebendige Wesen, was sich nicht wehren kann, vor schädigenden Einflüssen geschützt werden.

Weshalb sollten nur Menschen durch Rechte vor direkter und indirekter Quälerei geschützt werden? Aus welchem Grund sollte eine unterschiedliche Moral für jede Lebensform geben? Ein charakterisierendes Merkmal der Moral ist, dass sie so abstrakt und allgemein ist, dass sie auf jede spezifische Situation anwendbar ist. Somit soll auch jede Lebensform auf das abstrahiert werden, was ihnen allen gemein ist: Jedes Lebewesen ist ein Subjekt, dem ein intrinsischer Wert innewohnt, und somit ein „Subjekt-eines-Lebens“6. In diesem Punkt sind alle gleich, da alle Subjekte in der Welt und sich dieser gewahr sind und Leid vermeiden wollen und Lebendigkeit für alle essentiell ist, unabhängig davon, wie andere dazu stehen. Es muss zudem, um überhaupt Schmerz empfinden zu können, eine geistige Erfahrung in Form von bewusster Wahrnehmung des Gefühls dessen stattfinden, sodass alle schmerzfähigen Lebewesen Bewusstsein haben müssen7.

Es sollte nicht nach der durchschnittlichen Fähigkeit einer Art, zu Empfinden, auf Individuen geschlossen werden, da dies nicht für alle gerecht wäre. Eine Leidensfähigkeit, sowie ein Maß an (Sich-)Bewusst-Sein kann somit eingeschätzt, jedoch nicht abgesprochen werden8. Moral muss somit einheitlich sein und an Individuen angepasst werden. Muss man sich jedoch auch unbedingt seiner Körperlichkeit bewusst sein, reicht nicht ein reines Bewusstsein auf seelischer Ebene, da der Körper immer auch eine Verknüpfung zur Seele aufweist9 ? Da die Existenz von Bewusstsein, ebenso wie das Schmerzempfinden gleichsam bei Tieren, wie auch bei Pflanzen, beispielsweise durch chemische Reaktionen auf Verletzungen, nicht ausgeschlossen werden kann, muss angenommen werden, dass jedes Subjekt mit Bewusstsein durchzogen ist. Inwiefern Diese Gemeinsamkeit mit den Menschen legt folglich nahe, dass eine Notwendigkeit vereinheitlichter Rechte besteht.

Moralische Verpflichtung

Die Umsetzung Grundrechten wie diesen wird dann schwierig, sobald verschiedene Interessen und Bedürfnisse in einem Konfliktverhältnis stehen. Wie soll hier die Wichtigkeit von verschiedenen Ansprüchen verglichen und gewichtet werden? Wenn also eine Entscheidung getroffen werden muss, der in jedem Fall die Freiheit eines anderen Individuums einschränkt, stellt sich die Frage, wessen Freiheit wichtiger ist - die eines anderen Menschen, oder die eines anderen Lebewesens. Sofern das Überleben gesichert werden muss, sollte in diesem Falle das gesamte System, mit all seinen lebenden Komponenten, als Komplex betrachtet werden und Stabilität und Nachhaltigkeit als Ziel der Kompromissfindung gesetzt sein. Die moralische Gewichtung bei mehreren Faktoren sollte ansonsten utilitaristisch geprägt sein und in jedem Fall die Summe der Freude /Schmerz der Lebewesen berücksichtigen, wobei jedes einzelne betroffene Individuum gewertet werden muss10, während dennoch alle lebendigen, mit Bewusstsein durchzogenen Lebewesen Rechte haben müssen.

Bis wohin also die moralische Verantwortung reicht, ob jeder nur für sich selbst sorgen muss und dann an alle gedacht ist, oder diese Verantwortung sich auch auf alle anderen Lebewesen erstreckt werden soll, muss geklärt und Teil der gesellschaftlichen Erziehung sein: Die direkten und indirekten Pflichten unserer Umwelt gegenüber und wie sie ausgetragen werden, bestimmen unsere Würde, unsere moralische Grundsicherung11. Unsere intuitive Moral muss somit als regulative Wirkung in unser Handeln einfließen, während die erziehungsbedingten Einflüsse reflektiert werden und durch dieses Bewusstsein die aktive Persönlichkeit geprägt wird. Somit wäre es mehr gerechtfertigt, ja sogar überfällig, den Lebewesen unserer Gesellschaft eigene Rechte je nach Notwendigkeit zuzuordnen. Anhand der existierenden Menschengrundrechte12 soll ein Regelwerk für beispielhafte Rechte für Lebewesen dargestellt werden:

- §A „Alle Lebewesen sind von Geburt an gleich(berechtigt) und frei.“

Auch Lebewesen sollten von Geburt an frei sein und von diesem Tag an Rechte besitzen. Durch die Artenvielfalt in der lebenden Welt ist es jedoch schwierig, von Gleichheit zu sprechen, dies sollte bezogen auf die Gleichheit ihrer aller Rechte sein.

- §B „Keine Lebensform darf diskriminiert werden.“

Unter den Lebewesen darf nicht unterschieden werden: Insekten sollen ebenso behutsam wie Säugetiere und Pflanzen behandelt werden. Ein pauschales Absprechen von Empfindungsfähigkeiten oder Wahrnehmungsfähigkeiten ist nicht rechtens, da diese Komponenten, sowie Bewusstsein nicht ausreichend mit unserer bisherigen Forschungstechnik nachgewiesen werden können.

- §C „Jedes Lebewesen hat das Recht auf Leben.“

Es darf kein Lebewesen willkürlich getötet werden, wenn es nicht auch eine andere Lösung gibt: Anstatt auf sentientische Lebewesen zur Nahrungsaufnahme zurückzugreifen, sollen andere Lebensmittel vorgezogen werden. Im Falle einer unbedingten Notwendigkeit, wie beispielsweise der Bestandsverringerung zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts, muss eine schmerzfreie Prozedur gewählt werden und ein Ethikbeauftragte/-r muss der Entscheidung beiwohnen. Auch Pflanzen dürfen nicht ohne unbedingte Notwendigkeit getötet werden, was bedeutet, dass sie nachhaltig abgeerntet werden sollen und im Falle einer Beseitigungsnotwendigkeit die betroffene Pflanze umgesiedelt werden soll. Wenn jedoch dies sich als nicht umsetzbar erweist, soll in jedem Fall eine neue, gleichartige Pflanze gepflanzt werden, die dann hingegen einem absoluten Schutz vor Tötung unterliegt.

[...]


1 P Singer, Ethik und Tiere, Eine Ausweitung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus In:Tierethik, Grundlagentexte, 2017 ,S.77

2 SFreud, Totem und Tabu, S. 30 ff

3 Kerrygold zeigt Freilandhaltung, während die Massenstallhaltung unterschlagen wird. https://www.kerrygold.de/

4 G Funke, J Schmandt, Gewohnheit Archiv für Begriffsgeschichte, 1961

5 Plutarch, 2015, Darf man Tiere essen? Gedanken aus der Antike, Reclam Nr. 19313, S.120

6 T Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, In: Tierethik, Grunlagentexte, 2017, S.101

7 G L. Francione, Empfindungsfähigkeit, ernst genommen. In: Tierethik, Grunlagentexte, 2017. S. 168

8 E Anderson, Tierrechte und die verschiedenen Werte nichtmenschlichen Lebens, In: Tierethik, Grunlagentexte, 2017, S.287ff

9 Bezug auf: C Korsgaard, Mit Tieren interagieren: Ein kantianischer Ansatz, In: Tierethik, Grunlagentexte, 2017 S.269ff

10 P Singer, Ethik und Tiere, Eine Ausweitung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus In:Tierethik, Grundlagentexte, 2017 ,S.78ff

11 C Korsgaard, Mit Tieren interagieren: Ein kantianischer Ansatz, In: Tierethik, Grunlagentexte, 2017 S.272ff

12 Grundgesetz Art.1-19

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Tierethik. Sollten Lebewesen anders behandelt werden als Menschen?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V542589
ISBN (eBook)
9783346172792
ISBN (Buch)
9783346172808
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lebewesen, menschen, sollten, tierethik
Arbeit zitieren
Henrike Wendt (Autor), 2020, Tierethik. Sollten Lebewesen anders behandelt werden als Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542589

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