Gleichheit und Ungleichheit in Pandemien bei systemrelevanten Berufen in Deutschland


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2. Historische Konzepte von Gleichheit
2.1. Aristoteles (384 - 322 v. Chr.)
2.2. John Locke (1632-1704)
2.3. John Rawls (1921-2002)

3. Pandemien und Ungleichheit

4. Ungleich wichtig in Deutschland
4.1. Pflegende
4.2. Erzieher/innen
4.3. Spargelplucker

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

"That's the thing about COVID-19. It doesn't care about how rich you are, how fa­mous you are, how funny you are, how smart you are, where you live, how old you are [...]. It's the great equalizer." (Madonna, zitiert nach Owoseje, 2020)

Die Sangerin Madonna erntete fur ihren Instagram-Post weltweit Kritik. Doch auch die deutsche Presse erklarte Covid19 zum Gleichmacher, der jeden treffen konne, obwohl in der Medizin seit langem bekannt ist, dass Schwache, allein Lebende und/oder Arme generell hohere Erkrankungsrisiken tragen (Lungen, 2009, S. 99ff). Sozial tritt die Un-gerechtigkeit derzeit vor allem an der Diskrepanz von Entlohnung und Leistung in sys-temrelevanten Berufen zutage, was in der vorliegende Arbeit gezeigt werden soil.

Meine Aufgabenstellung lautete: „Beschreiben Sie die historische Vorstellung von Gleichheit und Ungleichheit des Menschen und Ziehen Sie Parallelen zur aktuellen Ge-gebenheit in Deutschland." Gleichheit und Ungleichheit offenbaren sich in Krisen. Fuhrt diese Offenbarung zu Veranderungen? Der Okonom Milton Friedman war der Uberzeu-gung, dass Krisen sogar der einzige Motor fur gesellschaftlichen Wandel sind:

„Only a crisis [...] produces real change. When that crisis occurs, the actions that are taken depend on the ideas that are lying around. That, I believe, is our basic function: to develop alternatives [...], to keep them alive and available until the politically impossible becomes the politically inevitable." (Friedman, 2002, S. XIV)

Dieses Zitat entbehrt im Kontext von Corona nicht einer gewissen Ironie: Friedman war ein Verfechter des freien Marktes, dessen Schwachen sich nun am Mangel von sys-temrelevanten Arbeitskraften zeigen. Wie in dieser Hausarbeit zu sehen sein wird, re-sultiert dieser Mangel in einer ungerechten Behandlung dieser Arbeitskraften.

Beginnen werde ich meine Darstellung historischer Diskussionen von Gleichheit und Ungleichheit zunachst mit Aristoteles' Verteilender Gerechtigkeit. Nach der Darstellung seiner antiken Idee wende ich mich dem Fruh-Aufklarer John Locke zu, der die Aufga-be des Souverans darin sieht, Gleichheit und Ungleichheit in einer Gesellschaft so aus-zutarieren, dass alle zu ihrem Naturrecht kommen. Als moderne Theorie mochte ich anschlie&end John Rawls beruhmtes Gedankenexperiment Schleier des Nichtwissens prasentieren, mit dessen Hilfe zumindest theoretisch Regeln fur eine Wohlgeordnete Gesellschaft, wie er sie bezeichnete, aufgestelIt werden konnen.

Dass ein Ruckblick auf vergangene Pandemien nicht nur aus virologischer, sondern auch aus sozialer Sicht aufschlussreich ist, mochte ich im Kapitel ..Ungleichheit und Pandemien" erortern. Wie gerecht trafen Pandemien die Menschen? Wurden auch bei der Pest oder Spanischen Grippe gesellschaftliche Ungleichheiten besonders sichtbar? Und: Wie wurden diesen Ungleichheiten begegnet?

Die Wertschatzung systemrelevanter Berufe wird in Deutschland derzeit auf vielen Ebenen diskutiert. Im vierten Kapitel mochte ich anhand der Krankenpflege, der Kin-derbetreuung und der Landwirtschaft u.a. darlegen, wie ungerecht Systemrelevanz hierzulande entlohntwird und welche Grunde dafur vorliegen konnten, wobei ich Ruck-schlusse aus den Erkenntnissen zu der (Philosophie-)Geschichte Ziehen werde.

2. Historische Konzepte von Gleichheit

lm folgenden Kapitel werden drei Konzepte zur Erlangung von sozialer Gerechtigkeit vorgestellt, die in verschiedenen Epochen entwickelt wurden, aber durchaus aufeinan-der aufbauen und bis heute unsere Gesellschaft pragen. Die ausgesuchten Theoretiker lebten allerdings in Gesellschaften mit unterschiedlichen Pramissen: Fur Aristoteles war es selbstverstandlich eine Theorie zu entwickeln, die nur freie Burger betraf. Der Englander Thomas Locke lebte zu einer Zeit, in der sich das Burgertum von der Monar-chie emanzipierte. John Rawls ist unser Zeitgenosse, der die Ideen von Aristoteles und Locke fur die moderne Gesellschaft gedanklich vorantrieb. Seine Erkenntnisse sind aufs unsere Gegenwart wohl am besten anwend- und auch umsetzbar.

2.1. Aristoteles (384 - 322 v. Chr.)

Fur Aristoteles ist der Mensch ein politisches Wesen, das nicht nur uber Gleichheit und Ungleichheit nachdenken, sondern mit anderen Menschen im Gesprach einen Kon-sens daruber finden kann (Voigt, 2015, S. 31). In seinem Konzept der Verteilenden Gerechtigkeit geht er der Frage nach, wie politische Amter verteilt werden sollen. Wie oben angedeutet, schloss er unfreie Burger, also Sklaven, Fremde und Frauen aus. In-teressanterweise sind die letzten beiden Gruppen in Deutschland mit hohem Anteil in systemrelevanten Berufen tatig sind; die Situation der Spargelpflucker lasst durchaus an unfreie Burger denken (vgl. Kapitel 4). Sie haben, wie viele Tatige in systemrelevan­ten Berufen, wenig Mittel, politisch Einfluss zu nehmen - und das in einer Zeit, in der laut Grundgesetz die Wurde eines jeden Menschen unantastbar ist.

Zuruck zu Aristoteles und seiner Theorie der verteilenden Gerechtigkeit: Wer hat laut dem antiken Denker einen wie gro&en Anspruch an politischer Beteiligung? Aristoteles zufolge soil ein Mensch mit einem hoheren Wert auch mehr Einfluss besitzen als ein Mensch mit einem niedrigeren Wert oder, wie Knoll formuliert, „versteht Aristoteles das Gerechte der verteilenden Gerechtigkeit als eine Gleichheit in Ansehung der Person" (Knoll, 2015, S. 7). Aristoteles zufolge bestimmten der Grad an Freiheit, Reichtum, Adel oder Tuchtigkeit die Ansehung, den Wert eines Burgers. In seiner beruhmten Schrift Politik erklart er, dass allerdings vor allem die Tuchtigen (oft mit Tugendhaften uber-setzt) geeignet seien, dem Volk ein gutes, gluckliches Leben zu garantieren:

„Wer darum zu einer solchen Gemeinschaft am meisten beitragt, der hat auch einen gro&eren Anteil an dem Staate als jene, die an Freiheit und Abkunft gleich oder sogar uberlegen sind, aber an politischer Tugend weniger besit­zen, oder jene, die an Reichtum hervorragen, an Tugend aber zuruckstehen." (Aristoteles, 1985, S. 117)

Auch in der Corona-Krise bestimmen Tugend oder okonomischen Interessen die Be-waltigungsstrategien der Regierenden in aller Welt. Welchen Motiven sie zumindest bisher folgten, wird nun deutlich, etwa in der Privatisierung der Krankenhauser, die rein okonomischen Interessen entsprang und schon damals ethische Fragen nach den Konsequenzen fur die Kranken und die Versorgenden in die Entscheidung nicht mitein-bezog - ein Fehler, wie sich nun zeigt, fur die gesamte Gesellschaft.

2.2. John Locke (1632-1704)

Der englische Philosoph und Arzt John Locke sieht den Souveran wie Aristoteles in der Pflicht, fur ein gutes Leben seiner Regierten zu sorgen. Seine Aufgabe sei es, das Naturrecht eines jeden Menschen zu schutzen. Unter diesem Schutz falle das Leben, also auch die Gesundheit bzw. Unversehrheit, die Freiheit sowie der Besitz der Repra-sentierten. Locke, ein fruher Aufklarer, verfasste seine Lehre zur Zeit der Emanzipati-onsbestrebungen des Burgertums gegenuber der Monarchie, das Jmmer vehementer rechtliche Gleichheit und gleiche Freiheit einfforderte]." (Koller, 1995, S. 88)

Locke weist darauf hin, dass das eigene Recht durch das Recht der/des anderen be-grenzt werde: „No one ought to harm another in his life." (Locke, 1690, II/6, 9-10). An­ders ausgedruckt: Die eigene Freiheit endet dort, wo Leben/Besitz/Freiheit einer ande­ren Person bedroht sind (Bordan, 2013, S. 3). Aber wo beginnt und endet das Recht auf Leben, Eigentum, Freiheit? Darf z.B. ein Jurist nach den sogenannten „Lockerun-gen" wieder in sein Buro arbeiten gehen, auch wenn eine Erzieherin, die seine Kinder hutet, dafur ein hohes Infektionsrisiko tragt? Diese Frage wird derzeit in Hinblick auf den Wert von Arbeit in Deutschland umfassend diskutiert. Bordan kritisiert, dass Locke dies ganz bewusst unbeantwortet lasst: „Das ist, meine ich, seine Schwache: Er [Lo­cke] redet dem zu seiner Zeit aufstrebenden burgerlichen Kapitalismus zu sehr nach dem Mund und verrat nicht zuletzt das Gleichheitsideal." (Bordan, 2013, S. 13)

We kann Gerechtigkeit in einer Gesellschaft verwirklicht werden, oder, wie Koller in seinem Aufsatz Die Idee sozialer Gleichheit erklart: Welche „Richtschnur der Gestal-tung und Bewertung sozialer Ordnungen" (Koller, 1995, S. 85) wird angelegt? We zu sehen sein wird, ist die Bundesregierung derzeit herausgefordert, diesbezuglich viele Antworten zu finden, so auch auf die Frage: Was ist uns systemrelevante Arbeit wert, in Hinsicht auf Entlohnung, Arbeitsschutz und Arbeitsbelastungen?

2.3. John Rawls (1921-2002)

Der amerikanische Staatsphilosoph John Rawls hat sich in seinem Werk grundlegend mit den Herausforderungen einer verteilungsgerechten Politik befasst. Er stellte Uber-legungen an, welche Regel ein Staat finden muss, damit die Menschen kooperativ mit-einander leben konnen, also ohne einanderzu schaden - was nicht hei&en muss, dass alle gleich viel verdienen mussen: Ein Manager kann durchaus deutlich mehr verdie-nen, wenn die Angestellten von seiner hoheren Verantwortung profitieren und es ihnen mit ihrem Gehalt ebenfalls moglich ist, ein gutes Leben zu fuhren (Voigt, 2015, S. 313).

Uber die akademische Welt hinaus wurde Rawls fur sein Gedanken-Experiment Schleier des Nichtswissens als theoretischer Grundlage fur die Grundung eines Staates samt all seiner Gesetze beruhmt. In diesem Experiment wissen die Beteiligten nicht, welche Position sie in einer Gesellschaft innehaben werden, ob sie etwa ein sportli-cher, wohlhabender, chronisch kranker, mannlicher, kleinwuchsiger, hochbegabter oder aber minderjahriger Teil sein werden. Wegen dieses Unwissens wurden, so Rawls, die Beteiligten bei der Formulierung von Regeln darauf achten, dass alle Person, eben un-abhangig von Status, Geschlecht, Intelligenz etc. ein gutes Leben fuhren konnen.

Der Schleier des Nichtwissens impliziert, dass die eigene Freiheit mit der Freiheit ande-rer vereinbar sein muss, wie es auch John Locke fordert. Rawls geht allerdings, wie Schulze-Heuling schreibt, einen Schritt weiter: „ln dieser [Rawls'] Theorie darf [...] nie-mand zum Zweck der Gewinnmaximierung schlechter gestellt werden" (2015, S. 86). Zu Zeiten der Corona-Krise wurde Rawls' Theorie bereits mehrfach aufgegriffen. Der Rechtswissenschaftler Prof. T. Zimmermann beschreibt, inwiefern John Rawls' Experi­ment zur Erstellung von Staatsregeln zu Corona-Zeiten herangezogen werden kann:

„Als Prufstein der Fairness mag [...] der "Schleier des Nichtwissens" [...] dienen: Gerecht sind Regeln, die bei einer ex ante-Betrachtung jedem Einzelnen, ungeachtet seines ihm noch unbekannten Corona-Schicksals, eine moglichst optimale und auch im worst case [...] akzeptable Position sichern." (Zimmermann, 2020. S. 2)

Hier wird deutlich, dass der Schleier des Nichtwissens hilft, vernunftige Entscheidungen fur eine Gesellschaft zu treffen, deren einzelne Mitglieder (auch) unterschiedliche Inter-essen und Bedurfnisse besitzen: Wie wurde ich einen Arbeitsvertrag aufsetzen, wenn ich als Gesetzgebende nach Rawls Gedankenexperiment z.B. als Krankenschwester in Deutschland tatig ware? Welche Schutzma&nahmen sollten zum Beispiel fur mich gel-ten? Welcher Lohn ware angemessen? Welche Arbeitszeiten waren fair?

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gleichheit und Ungleichheit in Pandemien bei systemrelevanten Berufen in Deutschland
Hochschule
Hochschule Fresenius Idstein  (Pädagogik & Soziales)
Veranstaltung
Humanwissenschaftliche Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V542608
ISBN (eBook)
9783346216649
ISBN (Buch)
9783346216656
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pandemie Corona Systemrelevanz soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Christina Mermillod-Blondin (Autor), 2020, Gleichheit und Ungleichheit in Pandemien bei systemrelevanten Berufen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542608

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gleichheit und Ungleichheit in Pandemien bei systemrelevanten Berufen in Deutschland



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden