Die Helden des Nibelungenepos und ihre Rituale des gemeinsamen Trinkens


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Getränke im Mittelalter
2.1 Wein im Mittelalter
2.2. Der „aller beste" oder „vil guote" Wein im Nibelungenlied

3 Die Gastfreundschaft, Gastlichkeit und das Gastrecht
3.1 Bruch der Gastfreundschaft

4. Der Willkommenstrunk - Beispiele für gelungene und gescheiterte Begrüßungen
4.1 Gelingen eines Empfangs von Gästen
4.2 Scheitern des Empfangs von Gästen

5 Trinkgemeinschaften im Nibelungenlied

6. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis
Primärtext
Sekundärliteratur
Lexika

1. Einleitung

Das Nibelungenlied gilt als das deutsche Heldenepos schlechthin. Es gilt als Anknüpfungspunkt für kulturelle Traditionen des Abendlandes. Eine dieser Traditionen ist der Konsum von alko­holischen Getränken, die im Mittelalter nicht als Genuss-, sondern viel mehr als Nahrungsmit­tel Verwendung fanden. In der christlichen „abendländischen“ Tradition gilt Wein als das Blut Jesu. Auch im Nibelungenlied spielt Wein eine zentrale Rolle. Hermann Reichert schrieb über die Verteilung der Auftritte von Getränken im Nibelungenlied Folgendes:

„Insgesamt wird Wein 18 Mal genannt. Der Met ist dagegen nur viermal genannt, und in der Rangord­nung immer unter dem Wein. Auch das sicher sehr teure Importgut Maulbeerwein muß sich, stilistisch gesehen, 1812,3 in der Folge met, möraz unde win die Unterordnung unter die Klimax win gefallen las- sen.

Nach Lisa Pychlau-Ezli wird das Trinken des Willkommenstrunks zu einer zentralen Handlung des Epos. Am Beispiel des Willkommenstrunks wird eine gesellschaftliche beziehungsweise höfische Ordnung nach dem Recht der Gastlichkeit und Gastfreundschaft dargestellt. Das Ni­belungenlied dient als Spiegel der höfisch-rituellen Gesellschaft. Ausgehend von diesen Be­obachtungen stellen sich weitere Fragen rund um die trinkfreudigen Protagonisten des Nibe­lungenliedes. Diese Arbeit soll anfangs einen Überblick über die Getränkewelt der Nibelungen und des Mittelalters schaffen und der Frage nachgehen, wie sich die Ambivalenz der Protago­nisten zu alkoholischen Getränken in einzelnen Strophen des Nibelungenliedes äußert. Kön­nen anhand der konsumierten Getränke Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Ordnung inner­halb der Figurenwelt gezogen werden? Zum Essen und Trinken in einer Gemeinschaft gehört die Gastfreundschaft als Aspekt der gesellschaftlich höfischen Ordnung. Es entstehen soge­nannte Trinkgemeinschaften, die freundschaftsstiftenden Charakter aufweisen. Diese Trink­gemeinschaften finden sich an verschiedenen Stellen des Epos, daher stellt sich die Frage, ob Wein, Met, Wasser oder Blut Stimmungsschwankungen innerhalb der Figuren signalisieren und als Seismograph für die Veränderung in der Gesellschaft dienen? Hinzu kommt die These: Das Aufkommen von alkoholischen Getränken und deren Genuss enden in einem Rausch ähn­lichen Zustand der Figuren. Bekanntlich treten Liebe, Hass, Eifersucht und Missgunst im Nibe­lungenlied als Motive der Figuren auf und gelten als Beweggründe für zentrale Handlungen 1 Reichert Hermann: Autor und Erzähler im Nibelungenlied. Seine Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Bildung, Trink­gewohnheiten und sonstigen Charakteristika. In: Philologica Germanica, Herausgeber. Herman Reichert. Band. 11,. S. 287. der Figuren. Können die Darstellungen von Gefühlen im Zusammenhang mit Alkohol Rück­schlüsse auf die benebelnde Wirkung ziehen? Die Wirkung des Alkohols soll kritisch betrachtet werden und führt von einem anfänglichen Begrüßungsritual zu einem Maßstab für die Verän­derungen bis hin zur Verderbnis des dauerhaften Konsums. Der aufkommende Durst Sieg­frieds und Hagens führt beide ins Verderben.

2. Getränke im Mittelalter

Die Versorgungslage von Getränken im Mittelalter war eine spärliche. Sie bestand aus Wein, Bier, Met und Wasser. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Menschen im Mittelalter auch Most aus Beeren (Maulbeeren, Brombeeren und Himbeeren) herstellten - in seltenen Fällen auch Apfel- und Birnensäfte. Doch aufgrund der noch nicht hochgezüchteten Obst-sor­ten fielen die Erträge spärlich aus. Der Vorteil von vergorenen Getränken ist die gesteigerte Haltbarkeit aufgrund des Alkoholgehalts der Getränke. Die mittelalterliche Gesellschaft kam also schon alleine aufgrund ihrer Haltbarkeit nicht an alkoholischen Getränken vorbei.

Hierbei galt in erster Linie nicht der Genuss als Grund des Konsums von alkoholischen Geträn­ken, sondern ihre durstlöschende Funktion. Der Verzicht auf Wasser in den Städten liegt auf der Hand, da durch das fehlende Abwassersystem, die Kloake ins Grundwasser lief und dadurch eine Verbreitung von Keimen gefördert wurde. Die Brunnen waren Keimschleudern. Der Alkohol in den Getränken tötete diese Keime ab und garantierte nicht krank zu werden.1 2 Von einem genussvollen berauschenden Trinken der Leibeigenen kann nicht ausgegangen werden, da die Menschen dieselbe Menge an Flüssigkeiten benötigten, wie wir das heute auch tun, nämlich 1,5 - 2,5 l Flüssigkeit am Tag.

Wein und Bier wurden auch dazu benötigt, um edle Gäste zu bewirten. Wenn die Lehnsherren zu Festen luden, gehörten Getränke genauso auf die Tafel, wie frisch gekochte Speisen. Das Ausschenken der Getränke übernahmen die Bediensteten des Hofes. Wein wurde meist bei Besuchen an Höfen von anderen Herrschern als Willkommenstrunk ausgeschenkt oder als Ge­schenk der „Höflichkeit“ übergeben.3 Genau hier möchte ich auf das Nibelungenlied (6. Aven- türe - Die Reise nach Island) verweisen. Wobei die edlen Recken den Wein als wichtiges Ge­schenk auf ihre Reise nach Island mitnahmen, um diesen der edlen Brünhild als Geschenk zu übergeben.

(S)i fuorten riche spise, dar zuo vil guoten win, den besten, den man kunde vinden umben Rin.4 (NL Str. 378,1 - 378,2)

So viel Aufmerksamkeit dem Wein im Nibelungenlied geschenkt wird, so nebensächlicher wird über, moraz, met und „lütertranc" gesprochen. Ist von einem „lütertranc" die Rede, spricht man von speziellen Gewürzweinen, die gesüßt und mit diversen Gewürzen versetzt wurden. Damit sollte über die mindere Qualität hinweg getäuscht werden. Met ist ein Honigwein der aus Wasser und Honig erzeugt wird. Der Zucker im Honig bringt das Wasser zur Gärung, dadurch entsteht Alkohol und das Getränk wird konserviert.

In der höfischen Literatur wird der Met nicht oft genannt. Dieser Umstand wurde damit erklärt, dass er „volksmässig“ und dementsprechend für die ritterliche Tafel ungeeignet gewesen sei. Gegen solche Bewertung sprechen literarische Belege, in denen Met neben Wein und anderen feinen' Getränken auf königlichen Tafeln erwähnt wird.5

Bier hingegen findet nirgends im Nibelungen eine Erwähnung. Nichtsdestotrotz soll ein kurzer Überblick über die Möglichkeiten der Getränkevielfalt der Menschen im Mittelalter gezeich­net werden.

Das Bier geht auf antike Traditionen zurück, so haben einst die Pharaonen in Ägypten ein Ge­tränk getrunken, das mit Wasser und Getreide zu einem haltbaren Getränk vergor.6 Im Mit­telalter wird diese Tradition in den Klöstern fortgeführt. Die Backhäuser dienten als Brauhäu­ser und das Bier an sich galt für die Mönche als Alternative zum oft verseuchten Wasser. Weit verbreitet war das Haferbier, das als Haustrunk der Bevölkerung diente.7 Die Herstellung des Bieres verlangte vor allem kühle Keller, die nur privilegierte Edelsmänner und Gutsbesitzer zur Verfügung gehabt hatten.

Da das Nibelungenlied vor allem die höfische Gesellschaft ins Zentrum des Geschehens rückt, wird auf die Umstände der niederen Stände wenig bis gar nicht eingegangen. „ Demnach war es eher das Bier, das nach dem zeitgenössischen Verständnis nicht auf eine höfische Tafel passte. Was seinerzeit als „Bier“ bezeichnet wurde, besaß nämlich überwiegend eine ausge­sprochen mäßige Qualität.“8 Dies kann auch der Grund sein warum das Bier keine Erwähnung im Epos findet.

2.1 Wein im Mittelalter

„In Vino Veritas“ gilt als Urweisheit der Antike, doch zieht sich diese Weisheit bis in die Ge­genwart. Die lateinische Sprache liefert mit dem Wort „vinum“ einen Begriff für den alkoholi- sehen Traubensaft. Der auf althoch- und mittelhochdeutsch lautende Begriff „win" wird später zu unserem gängigen neuhochdeutschen Wort „Wein“.

Doch nicht nur der Begriff kommt aus der Antike, sondern auch die Tradition der Herstellung, geht auf diese Zeit zurück.9 Die Herstellung von Wein geht mit einer intensiven Rodung der Wälder einher, da Unmengen an Holz benötigt wurden, um Rebpfähle und Weinfässer herzu­stellen. Hinzu kam ein hoher Personalbedarf für die Weinlese.10 Wie beim Salz kam es bei gut fluktuierenden Weinanbau und Handel zu einem Aufkommen von Städten und zu einer Urba­nisierung der umliegenden Gebiete.

Doch wie schmeckte der Wein? Man kann heute sagen, dass dieser meist „dünn" also „sauer" war. Der Weißwein galt als der eigentliche Wein. „ Der Rotwein wurde, so seltsam es klingt, nur angebaut, um den Bedarf an Wein zu befriedigen."11 Je nach Region und den damit ver­bundenen Sonnenstunden war dieser von unterschiedlicher Qualität. Die Trauben wurden bis zu dreimal gepresst und der billige Nachwein mit Essig gestreckt. Meist wurde der Nachwein für die ärmere Bevölkerung verwendet.

Der Wein war beim Adel und Klerus beliebt und galt als Statussymbol der Herrschaft. Er gilt als das höfische Getränk schlechthin. Dies gestaltete, neben der hohen Erzeugungskosten, den Preis. In Zeiten des Krieges kam es zur Zerstörung der Weingüter durch den Feind. Das schmerzte besonders, da für den Herrscher des Landes das edle Getränk nicht mehr zur Ver­fügung stand. Somit konnten auch keine Zinsen und Abgaben von den Winzern gefordert wer­den, was wiederum einen finanziellen Nachteil für den Herrscher bedeutete.12

2.2. Der „aller beste“ oder „vil guote“ Wein im Nibelungenlied

Gilt der Wein am Beginn des Mittelalters als Grundnahrungsmittel, bekommt er am Übergang zur Neuzeit ein neues Antlitz als Genussmittel. Wenn man die Kategorisierung des Ge­schmacks im Nibelungenlied genauer betrachtet, sind die Überlegungen von Hermann Rei­chert besonders spannend. Er geht davon aus, dass der Dichter des Nibelungenliedes, noch vor der neuzeitlichen Winzerromantik, Andeutungen über die Qualität und Ortskenntnis der Herkunft des Weines machte. Dies setzt eine gewisse Kenntnis der Städte beziehungsweise der verschiedenen Weinanbaugebiete im Mitteleuropa des 12. Jahrhunderts voraus. Reichert führt an, dass der Dichter des Nibelungenliedes meist Wein aus dem Donautal getrunken ha­ben wird.13

Die im Nibelungenlied unternommene Kategorisierung der Qualität des Weins reiht sich nach folgenden Punkten: Der aller beste Wein kommt vom Xantener Hof (37,3); Der beste Rhein­wein ist „vil guot“ (380,1), diesen führt sich Gunther zu Gemüte (1187,3). Der „beste win“ wird von Rumolt (1467) genannt. Von „guot[en] win“ ist bei den Pöchlarn (1668,3) die Rede.

Im weiteren Verlauf wird Wein in Asolt und Melk (1328,3) sowie am Hof von Etzel erwähnt. Doch fehlen die Attribute über die Qualität des Weines. Reichert schließt dadurch auf ein Nordwest-Südost-Gefälle der Weinkultur. Damit ist eine Abnahme der Weinqualität verbun­den. Er interpretiert dies als Ablauf der Schicksale der Helden des Nibelungenlieds.14

Die Kategorisierung wird auch beim Blut des Feindes in der Saalszene unternommen. So wird das Blut der Feinde als „bezzer win“ bezeichnet. Das Blut schmeckt also noch besser als der Wein. Auch das Wasser aus der Quelle, das Siegfried zum Verhängnis wird, wird mit „küele“, „luter“ und „gout“ beschrieben.

[...]


1 Ebd. S. 172.

2 Ernst Schubert: Essen und Trinken im Mittelalter. Mit einem Nachwort von Bernd Schneidmüller. 3. Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 2016. S. 169- 170.

3 Ebd. S. 172.

4 Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift B Hrsg. v. Ursula Schulze. Ins Nhdt. übers. u. komm. v. Siegfried Grosse. Stuttgart Reclam Bibliothek. 2010.

5 Anna Schulz: Essen und Trinken im Mittelalter (1000 - 1300). Literarische, Kunsthistorische und Archäologische Quellen. Berlin/ Boston. 2011 S. 106 - 107.

6 Vgl. Ernst Schubert: Essen und Trinken im Mittelalter. 2016. S. 206 - 207.

7 Vgl. Ebd. S. 171.

8 Anna Schulz: Essen und Trinken im Mittelalter (1000 - 1300). 2011. S. 107.

9 Ernst Schubert: Essen und Trinken im Mittelalter. 2016. S. 178 - 179.

10 Vgl. Ebd. S. 177.

11 Ebd. S. 198.

12 Vgl. Ebd. S. 178.

13 Reichert Hermann: Autor und Erzähler im Nibelungenlied. Seine Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Bildung, Trink­gewohnheiten und sonstigen Charakteristika. S. 288.

14 Ebd. S. 288.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Helden des Nibelungenepos und ihre Rituale des gemeinsamen Trinkens
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V542726
ISBN (eBook)
9783346179739
ISBN (Buch)
9783346179746
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Siegfried, Nibelungenlied, Essen und Trinken, Trinkgemeinschaften
Arbeit zitieren
Michael Jeller (Autor), 2020, Die Helden des Nibelungenepos und ihre Rituale des gemeinsamen Trinkens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542726

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