Nicht zuletzt, weil ich selbst Teil eines Road Movies geworden bin, soll sich diese Arbeit deshalb um das popkulturelle Phänomen Road Movie drehen und dieses aus heutiger Sicht mit seinen Vorgängern aus der klassischen Phase Ender der 60er bis Mitte der 70er Jahre vergleichen. Hierzu soll zunächst ein Überblick über die technischen und gesellschaftlichen Vorraussetzungen und die literarischen Vorläufer für das in Amerika entstehende Road Movie gegeben werden.
In einem zweiten Schritt soll dann das Genre näher beleuchtet werden, sowohl mit einem Blick auf dessen US-amerikanischen
Prototypen mit Easy Rider von 1969, als auch mit einem nach Deutschland zu dem eingangs erwähnten Regisseur Wim Wenders und seiner Road Movie Trilogie aus Alice in den Städten (1974), Falsche Bewegung (1975) und Im Lauf der Zeit (1976). Anschließend soll am Beispiel von Whatever Happens Next (2018) die Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit den frühen Road Movies herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Still „On The Road“ – Road Movies damals und heute
2.1. Vorgeschichte und Einflüsse
2.1.1. Die Flucht vor der Heimatlosigkeit: the american experience
2.1.2. the american way of life – Mobilität und Motorisierung
2.1.3. „On the Road“ mit der Beat Generation
2.2. Das Genre Road Movie
2.2.1 Unfrei in der Freiheit: Ein Genre des Aufbruchs
2.2.2 Road Movie par excellence: Easy Rider und das Outlaw-Prinzip
2.2.3 Die Reiseroute als Rückgrat der Geschichte: Wim Wenders’ Road Movies
2.3. Vergleich historisches und aktuelles Road Movie am Beispiel: Whatever Happens Next (2018)
2.3.1 „Du bist schon auch n’ Arschloch.“ – Der Outlaw in Whatever Happens Next
2.3.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Whatever Happens Next mit frühen Road Movies
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Road Movie als popkulturelles Phänomen, indem sie aktuelle Entwicklungen am Beispiel des Films "Whatever Happens Next" (2018) mit den prägenden Werken der klassischen Phase der späten 1960er bis 1970er Jahre vergleicht. Das primäre Ziel ist es, die Kontinuität und Transformation des Genres sowie dessen Funktion als Spiegel gesellschaftlicher Unbehagen und individueller Freiheitssuche in einer leistungsorientierten Gesellschaft herauszuarbeiten.
- Historische Herleitung des Road-Movie-Genres und dessen kulturelle Vorläufer.
- Analyse des "Outlaw"-Konzepts und der Bedeutung von Mobilität in amerikanischen und deutschen Road Movies.
- Vergleich der Erzählweise und Ästhetik von Wim Wenders' Road-Movie-Trilogie mit zeitgenössischen Vertretern.
- Kritische Reflexion der "Freiheit" als Utopie und der Darstellung von Identitätssuche auf der Reise.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Ablehnung gegenüber Außenseitern in filmischen Narrativen.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 „Du bist schon auch n’ Arschloch.“ – Der Outlaw in Whatever Happens Next
Die Hauptfigur in Julian Pörksens Whatever Happens Next Paul ist Mitte 40 als er eines Tages aussteigt. Beziehungsweise ab, denn er ist mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit, wie sich vermuten lässt. So springt einen die spießige Kleinstadt-Gutbürgerlichkeit schon in der ersten Sequenz an: ein schlichtes, eintöniges Einfamilienhaus, wie es überall in Deutschland stehen könnte und Pauls Erscheinen, als er aus der Haustür kommt und aufs Rad steigt, repräsentiert das heutige Spießbürgertum perfekt: blaue Funktionsjacke und beiges Karohemd, Fahrradhelm und Gepäckträgertaschen. Die Kamera nimmt sich von Beginn an Zeit Pauls Unterwegssein zu beobachten und zu verfolgen. Er lässt das Dorf hinter sich, fährt auf einer Landstraße und wird plötzlich, ganz allmählich langsamer, hält an, steigt ab und läuft los, buchstäblich querfeldein. In diesem Moment, da er über den Zaun klettert und somit – im wahrsten Sinne – eine Grenze überschreitet, setzt die typische Bluesrock-Musik ein, die hier den Genre definierenden ‚Ausbruch‘ (siehe 2.2.1) markiert.
Der gezeigte Auf- und Ausbruch aus seinem von Normen behafteten Leben verwandelt ihn in den Outlaw. Von nun an trampt er als Landstreicher und Schmarotzer ziellos kreuz und quer durch Deutschland, verschafft sich auf freundlich kokette, aber auch übergriffige Art Zugang zur Hilfsbereitschaft oder Gastfreundlichkeit von Fremden, indem er sich in ein offenes Auto setzt, sich in eine Beerdigungsfeier schleicht oder auf eine Studentenparty schmuggelt. Dabei hofft er jedesmal auf die Gutmütigkeit jener Gesellschaft, die er eigentlich hinter sich gelassen hat, da er in genau diesen bürgerlichen Kontexten Zuflucht findet. Zumindest für eine Weile, bis er an der Gesellschaft abprallt, weil seine Lügen auffliegen, er nicht mehr hineinpasst oder selbst nicht länger bleiben will. Paul liefert somit den perfekten Outlaw nach Grob, der konstatiert:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel motiviert die Arbeit durch das popkulturelle Phänomen des "Aussteigens" und verortet das Road Movie als ein zeitloses Genre, das auf das Bedürfnis nach Identitätssuche in einer komplexen Zivilisation reagiert.
2. Still „On The Road“ – Road Movies damals und heute: Dieser Abschnitt liefert den theoretischen Rahmen und analysiert die kulturellen sowie gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung des Genres.
2.1. Vorgeschichte und Einflüsse: Hier werden die literarischen und gesellschaftlichen Wurzeln, insbesondere die amerikanische Erfahrung der Heimatlosigkeit und der Aufstieg der Motorisierung, als Fundament des Genres diskutiert.
2.1.1. Die Flucht vor der Heimatlosigkeit: the american experience: Dieses Kapitel beschreibt den "ramblin’ man" und die Rolle des Blues als Ausdruck für die Ausgrenzung und Heimatlosigkeit der schwarzen Bevölkerung in den 30er Jahren.
2.1.2. the american way of life – Mobilität und Motorisierung: Die Bedeutung des Automobils als Fetisch und Symbol für individuelle Freiheit innerhalb der amerikanischen Gesellschaft steht hier im Fokus.
2.1.3. „On the Road“ mit der Beat Generation: Der Roman von Jack Kerouac wird als zentraler literarischer Vorläufer analysiert, der das Reisen als spirituelle Revolution und Gegenentwurf zum bürgerlichen Leben etablierte.
2.2. Das Genre Road Movie: Eine systematische Einordnung des Road Movies als hybrides Genre, das sich durch den Aufbruch aus gesellschaftlichen Systemen definiert.
2.2.1 Unfrei in der Freiheit: Ein Genre des Aufbruchs: Das Kapitel erläutert, warum Road Movies in Krisenzeiten entstehen und dass die versprochene Freiheit für die Protagonisten meist im Scheitern oder in Gewalt endet.
2.2.2 Road Movie par excellence: Easy Rider und das Outlaw-Prinzip: Eine Analyse von "Easy Rider" als Paradebeispiel für den rebellischen Gestus der Jugend und die Etablierung des Outlaws als Identifikationsfigur.
2.2.3 Die Reiseroute als Rückgrat der Geschichte: Wim Wenders’ Road Movies: Der Fokus liegt auf der deutschen Perspektive, wobei Wenders' spezifische ästhetische Umsetzung und die "Landschaft als Dialogersatz" beleuchtet werden.
2.3. Vergleich historisches und aktuelles Road Movie am Beispiel: Whatever Happens Next (2018): Dieses Kapitel dient der Anwendung der Theorie auf den zeitgenössischen Film und untersucht dessen Verwandtschaft zu klassischen Mustern.
2.3.1 „Du bist schon auch n’ Arschloch.“ – Der Outlaw in Whatever Happens Next: Die Figur des Paul wird als moderner, jedoch an klassischen Vorbildern orientierter Outlaw charakterisiert, der durch zielloses Treiben soziale Normen herausfordert.
2.3.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Whatever Happens Next mit frühen Road Movies: Ein Vergleich, der zeigt, dass trotz technischer und zeitlicher Differenzen die zentrale Leere und das Motiv des "Kicks" das Werk eng an Klassiker wie "Easy Rider" binden.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass "Whatever Happens Next" das Road Movie erfolgreich in die Gegenwart transportiert und die Freiheit in der heutigen Leistungsgesellschaft weiterhin als Utopie entlarvt.
Schlüsselwörter
Road Movie, Wim Wenders, Whatever Happens Next, Outlaw, American Experience, Freiheit, Mobilität, Heimatlosigkeit, Identitätssuche, Leistungsgesellschaft, Beat Generation, Easy Rider, Filmwissenschaft, Popkultur, Subkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Genre des Road Movies als ein popkulturelles Phänomen, das Identitätssuche und Gesellschaftskritik durch das Motiv der Bewegung miteinander verknüpft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Mobilität, das Konzept des "Outlaws", die ästhetische Funktion von Landschaften sowie das Spannungsfeld zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Anpassung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aktuelle Road Movies wie "Whatever Happens Next" durch den Vergleich mit klassischen Vorbildern (insbesondere Wim Wenders und "Easy Rider") einzuordnen und ihre Relevanz in der heutigen Gesellschaft aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die filmwissenschaftliche Analyse, indem sie narrative Strukturen, filmische Mittel und kulturhistorische Kontexte vergleichend betrachtet.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Herleitung der Genregeschichte, der Analyse der klassischen Road-Movie-Merkmale und der detaillierten Untersuchung, wie der Film "Whatever Happens Next" diese Traditionen adaptiert und reflektiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Heimatlosigkeit, Road Movie, Identitätssuche, Outlaw, Mobilität und Leistungsgesellschaft sind essenziell für das Verständnis der Argumentation.
Warum wird gerade der Film "Whatever Happens Next" als Beispiel gewählt?
Der Film wird gewählt, weil er in seiner Struktur und seinem melancholischen Erzählstil eine bewusste Hommage an die Tradition des "Autoren-Kinos", insbesondere an Wim Wenders, darstellt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zum Begriff der "Freiheit" im Road Movie?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die im Road Movie gesuchte Freiheit auch im Jahr 2018 eine Utopie bleibt, da die Protagonisten letztlich an der Realität der Gesellschaft scheitern.
- Citar trabajo
- Henriette Gröblehner (Autor), 2019, Still On The Road. Das Road Movie als popkulturelles Phänomen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542752