Zwischen Erinnern und Vergessen. Lateinamerikas Identitätssuche in Gabriel García Márquez’ "Cien años de soledad"


Masterarbeit, 2016

113 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Annährung an die Memoria
2.1. Das individuelle Gedächtnis
2.2. Das soziale Gedächtnis
2.3. Die soziologische Perspektive auf das Gedächtnis: Maurice Halbwachs und sein Ansatz zum kollektiven Gedächtnis
2.4. Die kulturwissenschaftliche Perspektive auf das kollektive Gedächtnis nach Aleida und Jan Assmann
2.4.1. Das kulturelle Gedächtnis
2.4.2. Kulturelles Gedächtnis und Schrift
2.5. Soziales Vergessen

3. Definitionen und Theorien zur Identität
3.1. Identität und Alterität
3.2. Kollektive Identität

4. Lateinamerika auf der Suche nach seiner Selbst
4.1. Das Erbe der Kolonisierung
4.2. Die Ausbildung der Nationalstaaten
4.3. Die Problematik der mestizaje
4.4 Die lateinamerikanische soledad: Ursachen und Wirkung
4.5. Lateinamerikanische Befreiungsphilosophie

5. Die Boom-Romane der 60er Jahre als Entwürfe der Identitätsstiftung

6. Cien años de soledad: Spiegel der Identitätssuche Lateinamerikas
6.1. Mythisches Erzählen als Alteritätserfahrung
6.1.1. Mythische Elemente in Cien años de soledad
6.1.2. Zirkularität und mythologische Zeit
6.2. Die Funktion und Verarbeitung der lateinamerikanischen Geschichte in Cien años de soledad
6.2.1. José Arcadio Buendía und der Kolonialismus
6.2.2. Der Oberst Aureliano Buendía und der Bürgerkrieg
6.2.3. Die soledad in Macondo
6.2.4. Der Imperialismus der USA: Señor Brown und die United Fruit Company in Kolumbien
6.3. Ein Roman gegen das Vergessen
6.3.1. Das Bananenarbeitermassaker – tres mil muertos por decreto
6.3.2. Sprach- und Gedächtnisverlust bei Rebeca: die Schlaflosigkeits- und Vergessenspest
6.3.3. Symbolische Orte der Erinnerung: Der Friedhof Macondos und das Totengedenken

7. Ausblick: Macondo als pars pro toto für Lateinamerika

8. Bibliographie

Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.

(George Santayana) 1

La vida no es la que uno vivió, sino la que uno recuerday cómo la recuerda para contarla.

(Gabriel García Márquez) 2

1. Einleitung

Als mir eine Freundin 2011 in Kolumbien eine in die Jahre gekommene Ausgabe von Cien años de soledad mit der Empfehlung, diesen Roman zu lesen und mit dem Zusatz „así somos nosotros los colombianos“ übergab, war dies meine erste Begegnung mit Gabriel García Márquez und seinem Werk. Sicherlich war mit der Name des Autors schon zuvor ein Begriff, zumal sein Ruf mit dem Erhalt des Nobelpreises im Jahre 1982 weit über die Grenzen Lateinamerikas hinaus geeilt war, dennoch konnte ich mir nach erstmaligem Lesen des Romans noch keinen Reim darauf machen, wie ich die Aussage meiner Freundin und ihre Identifizierung mit den auf den ersten Blick teilweise grotesk anmutenden Figuren und ihrem märchenhaft exotischen Lebensraum in Einklang bringen sollte. Erst „muchos años después“ begegnete mir der Roman erneut im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Spanischseminars und weckte meine Aufmerksamkeit und das Interesse daran, dem Faszinosum Cien años de soledad auf die Spur zu kommen. Was sind die Besonderheiten des Textes, dass er ein solch hohes Identifizierungspotenzial für die Kolumbianer mit sich trägt? Und wieso geht man sogar so weit, davon zu sprechen, dass der Roman ganz Lateinamerika repräsentiert? Auch El País spricht anlässlich des einjährigen Todestages von Márquez von „Macondo somos todos“ und adressiert damit alle Lateinamerikaner sowie die Leserschaft des Romans.3 Wie ist es also möglich, dass Cien años de soledad als Text innerhalb seiner literarischen Gattung zur kollektiven Identitätsstiftung einer Nation - und weitläufiger gedacht – eines ganzen Kontinents beiträgt? Diesen Fragen soll sich in dieser Arbeit gewidmet werden.

Die Inszenierung eines konstitutiven Zusammenhangs zwischen Identität und Erinnerung sowie des Zusammenhangs innerhalb einer triadischen Beziehung zwischen Letztgenannten und der Literatur gehört zu den rekurrenten Thematiken der kontemporären Literatur. In zahlreichen Erzähltexten sowie Forschungen unterschiedlicher Fachgebiete widmen sich Schriftsteller und Wissenschaftler der Erfassung der mannigfaltigen Facetten des Gedächtnisses und der Identität. Dem s.g. memory -Boom4 verdanken wir daher eine Vielzahl von Konzepten und Begriffen, die sich bezüglich Unterschiede und Gemeinsamkeiten keineswegs einfach voneinander abgrenzen lassen. Unter den Kulturwissenschaftlern, vor allem vorangetrieben von Aleida und Jan Assmann, die den Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ prägten, wurde das Gedächtnis zur Leitkategorie einer kulturwissenschaftlichen Neuausrichtung und zudem zu einem transdisziplinären Paradigma. So legten die Literaturwissenschaftlerin und der Ägyptologe den Zusammenhang von Kultur und Gedächtnis systematisch dar und bestimmten Phänomene wie Erinnerungskulturen und Erinnerungsräume. Dank ihrer Arbeiten zum Gedächtnis konnten die Zusammenhänge von kulturellem Gedächtnis, kollektiver Identität und politischer Legitimierung aufgedeckt werden.

Innerhalb des memory-booms, in dem die Thematik rund um das Gedächtnis zum Paradigma der Kulturwissenschaft avancierte, lässt sich auch in der Literaturwissenschaft ein vermehrtes Interesse am Zusammenhang zwischen kollektiver Erinnerung und Identität feststellen. Vor allem narratologische Ansätze dirigieren den Blick auf formalästhetische Spezifika der Literatur und rücken damit fiktionale Möglichkeiten der Welt- und Gedächtniserzeugung in den Fokus. So gelingt es oftmals fiktionalen Texten anhand genuin literarischer Verfahren den Zusammenhang zwischen Erinnerung und Identität zu durchleuchten. Anhand des Konzepts der ‚Semantisierung literarischer Formen‘ wird ersichtlich, dass narrative Darstellungsverfahren zur Sinnkonstitution beitragen und somit produktive Deutungsangebote geben.5 Damit wird Literatur, auch wenn sie auf eine extratextuelle Realität referiert, zu einem entpragmatisierten Medium, das eine konstruktive Art der Welterschließung darstellt, „die mit spezifisch literarischen Verfahren eigene Gedächtniswelten erschafft.“6 Bei der Erzeugung dieser Gedächtniswelten bedienen sich literarische Werke kulturell zirkulierenden Gedächtnisinhalten und schon bestehenden Vorstellungen von Erinnerung und Identität aus u.a. der Psychologie, Geschichtswissenschaft oder auch der Religion und veranschaulichen diese mithilfe literarischer Techniken. Diese s.g. Präformation zusammen mit imaginativen Gestaltungsmöglichkeiten bewirkt, dass Literatur zu einer „Ausdrucksform literarischer Wirklichkeitsaneignung“7 wird. Literarische Texte knüpfen bei der Inszenierung von individueller und kollektiver Erinnerungen an vielfältige narrative Verfahren an, wie z.B. an Besonderheiten der erzählerischen Vermittlung über Innenwelt-, Zeit- und Raumdarstellung, Intertextualität und die Gestaltung der Handlungsmuster. Des Weiteren hängt die Gedächtniskonstruktion in literarischen Texten auch von sinnstiftenden Instanzen ab, welche Vergangenheit entsprechend ihrer Relevanzkriterien perspektivieren.8 Fiktionalen Texten wird außerdem zuteil, dass sie Erinnertes und Tabuisiertes zusammenführen können und damit marginalisierte Erinnerungsversionen aufleben lassen.9 Dieses Phänomen wird in Cien años de soledad besonders am Beispiel am Motiv des Bananenarbeitermassakers deutlich, das auf realhistorischen Tatsachen beruht und im Laufe dieser Arbeit thematisiert werden soll. In unserem Roman wird ein Stück schwarzer Geschichte Kolumbiens aus der Truhe des Vergessens geholt, indem der Streik der Bananenangestellten der United Fruit Company und die gewaltsame Ermordung der Streikenden durch Regierungsgruppen im Jahre 1928 literarisch aufgearbeitet und der offiziellen Version der Ereignisse durch die bogotanische Regierung entgegengestellt wird. Die innerhalb der Fiktion inszenierten Erinnerungs- und Identitätskonzepte können die extraliterarische Seite der Erinnerungskultur beeinflussen und wirken sich auf die Herausbildung und Reflexion der individuellen sowie kollektiven Vergangenheitsbilder aus.10 Der Text Cien años de soledad leistet im Sinne eines „formativen Medium[s]“11 eine Überschreibung der realen Ereignisse durch die literarische Darstellung, in der sich gemäß des realismo mágico phantastische und realistische Beschreibungen abwechseln. „Durch die grenzüberschreitende Zusammenführung von kulturell heterogenen Vergangenheitsversionen oder von Erinnertem und Imaginären“12 gelingt es fiktionalen Texten, „neue Wirklichkeit entstehen [zu] lassen […] und damit zur veränderten Deutung kollektiver Erinnerungen und Identitäten an[zu]regen.“13

Wie diese neue Wirklichkeit in Cien años de soledad aussieht, wird nach einer theoretischen Einführung in die Thematik der Memoria und der Identität, innerhalb derer auch das oppositionelle Verhältnis von Identität und Alterität herausgearbeitet werden soll, da es sich insofern als wichtige Basis dieser Arbeit erweist, als gerade die Literatur Lateinamerikas sich aus einem kontrastiven Verhältnis zur okzidental-europäischen Literatur und vor allem zur spanischen Literatur definiert, aufgezeigt werden.

Nach der Erörterung der theoretischen Grundlagen leitet dieser Text zu den fundamentalen Prozessen lateinamerikanischer Geschichte über. Lateinamerika als Teil der ‚Dritten Welt‘ sah sich in seiner Vergangenheit (und sieht sich auch noch heute) immer wieder Momenten ausgesetzt, in denen die ökonomischen Interessen anderer Staaten Einfluss auf das historische Geschehen des Kontinents nahmen und ihn in einen Zustand der Fremdbestimmtheit überführten, der folgenreiche Auswirkung auf Politik, Menschheit, und Kultur und somit auch Sprache und Literatur hatte. Angefangen bei der Kolonialisierung durch die spanische und portugiesische Krone im 15. Jahrhundert und der daraus entstehenden Völkermischung über die Zeit der Bürgerkriege und Ausbildung der Nationalstaaten im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zum imperialistischen Zeitalter, das hauptsächlich einen großen Einfluss der USA auf Lateinamerika aufweist, werden im Roman Cien años de soledad die essenziellen Epochen kolumbianischer und lateinamerikanischer Geschichte verarbeitet.

Gabriel García Márquez besitzt sicherlich nicht umsonst den Ruf als erfolgreichster Schriftsteller der Pleyade des Literatur- Booms der 60er Jahre. Geboren wurde Márquez im Jahre 1927 oder 192814 in Aracataca, einem kleinen Dorf an der Karibikküste, das wohl eher durch sein imaginäres Double Macondo bekannt ist, dem Schauplatz einiger seiner Romane wie La hojarasca (1955), El coronel no tiene quien le escriba (1962), La mala hora (1962) oder auch Cien años de soledad (1967), wobei sich nur letzterem Roman in dieser Arbeit gewidmet werden soll. Márquez verwandelt seinen Geburtsort in Macondo, das magische Dorf der Familie Buendía, deren Familiensaga von Beginn an - von der Genese bis zur Apokalypse - vorbestimmt ist. Der Roman enthüllt die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit der archetypischen Protagonisten, die sich in einem Chronotopos aus Isoliertheit und zirkulärer Zeitstruktur bewegen. Dass es sich bei Cien años de soledad nicht bloß um eine Familiengeschichte mit tragischem Ausgang an einem exotistisch anmutenden Schauplatz im kolumbianischen Urwald handelt, wird im Analyseteil dieser Arbeit demonstriert werden. Cien años de soledad kann als prototypisches Modell des modernen lateinamerikanischen Romans erachtet werden. Die Erzählung einer Familiensaga, in der realistisch-alltägliche Dinge mit übernatürlichen-mystischen Dingen auf subtile Art und Weise verknüpft werden, erreicht modellhaften Charakter für die moderne Literatur Lateinamerikas.15 Der Roman reflektiert die geschichtlichen Ereignisse Lateinamerikas, leistet gleichzeitig eine Projektion christlicher Mythologie auf diesen Erfahrungshorizont und schafft so eine Hybridität16, die charakteristisch für den realismo mágico ist.

Als einer der Boom-Romane, deren gemeinsames Anliegen die Suche nach kultureller, politischer oder auch literarischer Identität Lateinamerikas darstellt, obliegt auch Cien años de soledad die Aufgabe, auf eine bestimmte Art und Weise Identität zu inszenieren. Dabei weist der literarische Rekurs auf den Mythos als alteritätsschaffende Möglichkeit literarischen Schreibens eine hohe Importanz auf. Mythisches Schreiben wird hier als Gegenpol zur europäischen Literatur verstanden. Daher spielen vor allem mythische Elemente und die mythologische Erzählzeit im Roman neben der realhistorischen Basis und ihrer Verknüpfung mit fiktiven Elementen im Analyseteil dieser Arbeit eine wichtige Rolle. Die Verarbeitung der Kolonialzeit im Roman wird anhand der Figur des José Arcadio Buendía aufgezeigt werden, während die Zeit des Bürgerkrieges hauptsächlich durch die Figur des Oberst Aureliano Buendía geprägt ist. Die imperialistischen Einflüsse der USA zeigen sich am Beispiel der ‚Gringo‘-Invasion der United Fruit Company in Macondo, die auf der Jagd nach wirtschaftlichem Profit die Gegend um Macondo in eine der größten Bananenplantagen Kolumbiens verwandelt und nach anfänglicher Prosperität in den Ruin führt. Das darin eingebundene Bananenarbeitermassaker, wie schon zuvor erwähnt, steht zusammen mit dem Phänomen des Sprach- und Gedächtnisverlustes der Macondiner im Fokus des nächsten analytischen Teils, der sich vor allem mit der Erinnerung und dem Vergessen im Roman beschäftigt. Analysebedarf zeigt auch der Friedhof Macondos. Der Friedhof als Ort, an dem der Vergangenheit gedacht und somit ein Nexus zwischen dieser und der Gegenwart gezogen wird, weist hohe symbolische Bedeutung innerhalb des Gedächtnisdiskurses auf. Denkmäler und Gedenkstätten sind Erinnerungsorte und erfahren nicht zuletzt weltweit Aufmerksamkeit in politischen Debatten - man denke an die millionenfachen Kriegsopfer der letzten Jahrhunderte sowie die Verbrechen an der Menschlichkeit, aus denen heraus weltweit Kriegsfriedhöfe mit unendlichen Reihen teils anonymer Gräber sowie Denkmäler, darunter wohl eines der bekanntesten Denkmäler unserer Zeit in Berlin, nämlich das Holocaust-Mahnmal in Gedenken an die ermordeten Juden Europas, entstanden. Auch in Lateinamerika lassen sich ganze Totenstädte finden. Eine der größten Nekropolen befindet sich in Havanna/ Kuba, die Necrópolis Cristóbal Colón, die mehr als zwei Millionen Gräber und damit ungefähr so viele Gräber beinhaltet, wie Havanna derzeit Einwohner besitzt. Die hier teils prunkvollen kubanischen Grabanlagen stehen sicherlich im herben Kontrast zu den Massengräbern, von denen internationale Medien in den letzten Jahren berichteten: Zwei der unzähligen Beispiele sind zum einen das am Rande der kolumbianischen Stadt Medellín im Jahre 2015 gefundene Massengrab, in dem schätzungsweise 300 Opfer des bewaffneten Konflikts zwischen Rebellen und staatlichen Einsatzkräften verscharrt wurden oder auch das Massengrab in Mexiko, in dem im Jahre 2014 dreiundvierzig studentische Aktivisten aufgefunden wurden. Im Hinblick darauf, dass Lateinamerika immer noch und immer wieder von derartigen Vergehen zeugt, soll auch der fiktive Friedhof von Macondo in einem der nachfolgenden Kapitel analysiert werden. Zudem erweist sich als typisch, dass den Lateinamerikanern immer wieder gewisse Züge der Einsamkeit, der soledad, attestiert werden. In El laberinto de la soledad reflektiert der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz über die kausalen Zusammenhänge dieser soziokulturellen Eigenart seines Landes und schließt damit thematisch an die schon vor ihm von Ezquiel Martínez Estrada in Radiografía de la pampa beschriebene Problematik der Einsamkeit des argentinischen Volkes an. Wie in diesen beiden Essays und einer Vielzahl anderer Texte, auch aus anderen Gattungen, ist in Cien años de soledad – wie schon am Titel ersichtlich – die Einsamkeit signifikanter Schwerpunkt des Romangeschehens und bedarf daher einer Erörterung. In einer Zusammenschau am Ende dieser Arbeit sollen dann die Spezifika des Romans im Hinblick auf ihre identitätsstiftende Funktion resümiert und auf ihre Übertragbarkeit auf die extraliterarische Welt Kolumbiens und Lateinamerika überprüft werden.

2. Theoretische Annährung an die Memoria

Das Phänomen des Erinnerns und Vergessens und die Fragen danach, wie, was und warum Individuen und soziale Kollektive sich erinnern und wie es danach wieder zum Vergessen kommt, erfahren in der heutigen Zeit große Aufmerksamkeit von wissenschaftlicher Seite.17 So ist das Gedächtnis in vielen unterschiedlichen Disziplinen von Interesse und kann nur arbeitsteilig und transdisziplinär in seiner komplexen Gestalt untersucht und verstanden werden. Während sich die Neurologen der Untersuchung der neuronalen Grundlage des Gedächtnisses eines Organismus widmen, richtet sich der Blick der Psychologen auf die Erforschung kognitiver und emotionaler Gedächtnisprozesse, denen ein Individuum in Situationen der realen Lebenswelt unterlegen ist. Sigmund Freud als einer der bekanntesten Psychoanalytiker legte dagegen seinen Fokus auf das Anstoßen von Erinnerungsprozessen, immer dann, wenn ein Individuum in einer krisenhaften Situation Verdrängungsarbeit leistete.18 Auch aus soziologischer Perspektive ist das Gedächtnis ein interessantes und aufschlussreiches Thema. Um Einblick in intergenerationelle Prozesse des Erinnerungsaustausches zu erlangen, richtet sich der soziologische Blick auf in sozialen Kontexten eingebettete Erinnerungs- und Erzählgemeinschaften. Historiker dagegen thematisieren, inwieweit das menschliche Gedächtnis zuverlässig oder gegenteilig auch unzuverlässig ist und welche Diskrepanz sich zwischen dem Verhältnis von schriftlichen Quellen zur Zuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses aufweisen lässt. In Zusammenarbeit mit Politologen lässt sich dann Aufschluss darüber geben, in wie fern verschiedene Gesellschaften sich symbolischer Formen, wie Monumente oder Jahrestage bedienen, um eine Vergangenheits-(re)-konstruktion, die auf die gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Bedürfnisse abgestimmt ist, zu gewährleisten. Schließlich wenden sich auch Literatur- und Kunstwissenschaftler der Frage zu, wie das kulturelle Gedächtnis als literarische Texte und kulturelle Praktiken zu einem kulturellen Erbe etabliert wird19.

Im Deutschen werden die beiden Begriffe ‚Erinnerung‘ und ‚Gedächtnis‘ oft als Synonyme gebraucht, wobei aber damit die nahezu antithetische Wertigkeit übersehen wird. So lässt sich das Substantiv ‚Erinnerung‘ auf das Verb ‚erinnern‘ zurückführen, das Substantiv ‚Gedächtnis‘ zeigt dagegen Referenz zu den Verben ‚denken‘ und ‚gedenken‘20. In einem semantischen Vergleich erweist sich das ‚Gedächtnis‘ als Voraussetzung der ‚Erinnerung‘, da es die neuronale Grundlage im Gehirn bietet, aufgrund derer ein Lebewesen fähig ist, auf vergangene Ereignisse zurückzublicken und sich an diese zu erinnern: „Ohne ein organisches Gedächtnis kann sich niemand erinnern; Gedächtnis steht demnach für die allgemeine Anlage und Disposition zum Erinnern […], Erinnern bezieht sich demgegenüber auf die konkreten und diskontinuierlichen Akte des Erinnerns […]“21, Akte, die nach einer Bewusstwerdung des Erinnerns sprachlich formuliert werden.22

Hinsichtlich der Zeitstruktur wird zudem deutlich, dass die Bedeutung dieser beiden Begriffe divergiert, denn Erinnerung konstruiert Vergangenheit. Da Erinnerung zeitlich von der Vergangenheit unabhängig ist, gewinnt die Vergangenheit dank der Modalitäten des Erinnerns an Identität.23 So findet Erinnerung im Gegensatz zum Gedächtnis immer in der Gegenwart und in sich wiederholenden Prozessen statt. Der Philosoph G.F.W. Hegel beschrieb das Phänomen des Gedächtnisses als „Summe des einmal Gedachten, Veräußerten und Toten“, das von „der Lebendigkeit, Authentizität und Inwendigkeit der Erinnerung“ abzugrenzen ist24.

In der Regel wird nach heutigem Forschungsstand zwischen drei Formen des Gedächtnisses differenziert: dem individuellen, sozialen und kollektiven Gedächtnis. Im Folgenden sollen diese drei Funktionen des Gedächtnisses begrifflich unterschieden werden.

2.1. Das individuelle Gedächtnis

Schon der englische Arzt Sir Thomas Browne beschrieb im 17. Jahrhundert das humane Gedächtnisvermögen in seinem Werk Hydriotaphia auf pessimistische Weise als ein zum Vergessen Verurteiltes:

Es wechseln Dunkelheit und Licht im Lauf der Zeit, und Vergessen hat an unserem Leben einen ebenso großen Anteil wie das Erinnern. Von unserem Glück behalten wir nur einen oberflächlichen Eindruck zurück, und selbst die schmerzhaftesten Hiebe vernarben bald wieder. Dem Äußersten sind unsere Sinne nicht gewachsen, und das Leid zerstört entweder uns oder sich selbst.25

Ähnlich negativ wie Browne bewerten auch heutige Neurologen und kognitive Psychologen die Gedächtniskapazität des Menschen als sehr beschränkt und menschliche Erinnerungen als trügerisch, unzuverlässig und flüchtig. Dennoch „müssen wir festhalten, dass es die Erinnerungsfähigkeit ist, so fragwürdig sie auch sein mag, die Menschen erst zu Menschen macht.“26 Ohne Erinnerung wäre der Mensch kein individuelles Selbst, denn erst aus Erinnerungen, Erfahrungen und Beziehungen konstruiert sich die persönliche Identität. Es muss hier aber beachtet werden, dass nur die Spitze des Eisbergs unserer Erinnerungen sprachlich aufbereitet ist, während der größte Teil entweder als vorbewusste Erinnerungen vorliegt, wobei diese Erinnerungen unter gewissen Umständen geweckt und versprachlicht werden können, oder aber als unbewusste Erinnerungen vorliegt, die nach Traumata verdrängt wurden.27

Es existieren mehrere Gedächtnissysteme. Im episodischen Gedächtnis, auch als autobiographisches Gedächtnis bezeichnet, wird der im individuellen Leben erworbene Erinnerungsschatz gespeichert, der gleichzeitig Aufschluss über eine gelebte Identität gibt.28 Charakteristisch für unsere episodischen Erinnerungen ist zunächst, dass Erinnerungen grundsätzlich perspektivisch und somit nicht mit Erinnerungen von Zweiten austauschbar oder auf diese übertragbar sind. Sie unterscheiden sich stets von denen der Anderen, auch wenn Überschneidungen vorliegen können. Des Weiteren liegen Erinnerungen nie isoliert vor, sondern sind immer mit denen Anderer vernetzt. „Durch ihre auf Kreuzung, Überlappung und Anschlussfähigkeit angelegte Struktur bestätigen und festigen sie sich gegenseitig.“29 Durch diese Vernetzung wird der Eindruck erweckt, dass sie kohärent, glaubwürdig, verbindend und gemeinschaftsbildend seien.30 Neben dieser Vernetzung weisen Erinnerungen allerdings auch eine fragmentarische Struktur auf, d.h. sie sind sowohl ungeformt als auch begrenzt und erscheinen während des Erinnerungsprozesses als unverbundene, kontextlose Momente, die erst nachträglich durch Erzählungen eine Form und Struktur gewinnen und somit Stabilität erhalten. Die fragmentarische Struktur wird weiterhin von der Flüchtigkeit und Labilität der Erinnerung ergänzt. Abhängig von Relevanzstrukturen und Bewertungsmustern, die sich im Laufe unseres Lebens, angepasst an sich verändernde Lebensumstände und Persönlichkeitsveränderungen, transformieren, verblassen viele Erinnerungen oder gehen ganz verloren, oder, vice versa, gewinnen ehemals unwichtige Erinnerungen an Importanz.31 Neben dem episodischen Gedächtnis dient das semantische Gedächtnis dem Zweck, das Produkt von Lernprozessen zu speichern: Es ist „die Summe dessen gemeint, was wir nicht durch persönliche Erfahrung, sondern durch gezieltes Lernen in uns aufnehmen.“32 Im Gegensatz zum Wissen, das im episodischen Gedächtnis gespeichert ist, ist das im semantischen Gedächtnis aufbewahrte kognitive Wissen nicht der Gefahr ausgesetzt, verloren zu gehen: „Im menschlichen Gehirn hat beides Platz, das dynamische Erinnern im episodischen Gedächtnis und das zuverlässige Speichern von (auswendig) Gelerntem im semantischen Gedächtnis“33. Es gibt außerdem Platz für ein Gehirnareal, in dem das prozedurale oder auch Körper-Gedächtnis vorliegt, in dem habitualisierte Handlungen und auch Fähigkeiten, die durch Training erworben wurden, bewahrt werden.34

Während das episodische Gedächtnis notwendigerweise gewisse Grenzen hat, kann der Umfang des semantischen Gedächtnisses systematisch vergrößert werden und ähnlich wie ein Muskel trainiert werden kann.35 Schon die römische Mnemotechnik36 zielte eine zuverlässige Speicherung sowie die identische Rückholung des Eingegebenen an, ein Verfahren, bei dem „Wissensgegenstände und Texte im Kopf mittels distinkter und einprägsamer Bilder ebenso zuverlässig fixiert werden wie Buchstaben auf einer Schreibfläche“37. Auch Hermann Ebbinghaus leitete im 19. Jahrhundert die Forschung zur Gedächtnis-Kapazität ein. Anhand von Selbstversuchen überprüfte Ebbinghaus, wie lange er im Stande war, sinnlose Silben in seinem Gedächtnis zu speichern. Autisten, wie der unter dem Savant-Syndrom leidende Raymond, der sich im Film Rainman unsagbare Zahlenkombinationen des Blackjack-Spiels merken kann, oder auch einige Psychopathen weisen Hochleistungen im Bereich des semantischen Gedächtnisses auf.38 Auch Jorge Luis Borges beschreibt in seinem Werk Ficciones die unglaubliche Gedächtnisleistung eines Mnemopathen.39

Zusammenfassend kann also das individuelle Gedächtnis als ein „dynamische[s] Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung“40 beschrieben werden. Dass unser Gedächtnis aber nicht vollkommen subjektiv arbeitet, sondern immer sozial gestützt ist, stellte der französische Soziologe und Gedächtnisforscher Maurice Halbwachs fest und soll in einem der nächsten Kapitel betrachtet werden. Halbwachs hält ein isoliert lebendes Individuum nämlich nicht für fähig, Erinnerungen auszubilden, da Erinnerungen auf Kommunikation beruhen.41 Damit rückt das Medium Sprache und die Kommunikation als wichtigste Stütze der Erinnerung in den Vordergrund, wodurch Aleida Assmann das Gedächtnis später auch als „kommunikatives Gedächtnis“ betitelt, das „in einem Milieu räumlicher Nähe, regelmäßiger Interaktion, gemeinsamer Lebensformen und geteilter Erfahrungen“ entsteht.42 Abgesehen vom sozialen Milieu ist auch der spezifische Zeithorizont prägender Faktor der persönlichen Erinnerungsbildung. Während in einer Periode von achtzig bis hundert Jahren in der Regel drei bis fünf Generationen gleichzeitig existieren, die sich untereinander austauschen und eine „Erfahrungs-, Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft“43 bilden, die man auch als das „Drei-Generationen-Gedächtnis“44 bezeichnet, kommt es nach dieser Zeitperiode zu einem Einschnitt, in der sich Generationsfolgen ablösen und somit auch dem Wechsel von Erinnerungen Raum bieten45.

2.2. Das soziale Gedächtnis

Menschen sind zwar biologisch "unteilbar" und individuell, müssen aber aus soziologischer Perspektive in ihrem Zusammenhang, der viel größer ist als die bloße Existenz des Individuums und in den jedes Individuum eingebettet ist, betrachtet werden. Aleida Assmann bezeichnet diese Gruppen als 'Wir-Gruppen', die wiederum nicht einheitlich vorkommen, sondern als „vielfach gestuft und markiert und zum Teil ineinander greifende, zum Teil disparate und nebeneinander stehende Bezugshorizonte"46 gelten. In diese meist ‚informellen‘ Gruppen wird man entweder geboren, wie dies bei Nachbarschaften und Freundeskreisen geschieht, man kann sie frei nach Interessen (z.B. Chor, politische Partei), Fähigkeiten oder Leistung (Akademien, Orden) wählen oder wird durch Zwang (einstige Wehrpflicht bei Männern) dazu verpflichtet, ihnen beizutreten. Diese Gruppen haben für das individuelle Leben stets eine unterschiedliche Bedeutung und Dauer und können sich auf- und ablösen. Zu den s.g. ‚formelleren‘ Wir-Gruppen zählen u.a. auch die religiöse Identität, Nation und Kultur, die alle aber im Laufe des Lebens durch Konversion, Migration oder Umorientierung geändert werden können. Herkunftsfamilie, Ethnie, Geschlecht und Jahrgangsgruppe, in die jedes Individuum hineingeboren wird, sind dagegen nicht wechselbar und bleiben dem Individuum für die Dauer seines Lebens erhalten, womit sie zu einem existentiellen Hintergrund werden.47 Während informelle Mitgliedschaften meist mit dem Tod ändern, überdauert die Familie diesen: „Die Familie ist die paradigmatische Gemeinschaft, die ihre Toten inkorporiert, auch wenn sie an dieser Aufgabe immer wieder zerbricht.“48 Die Familie ist mehr als aus biologischer Sicht die lange Generationenfolge, in der ein Individuum seinen Platz einnimmt; sie ist vielmehr ein „Kommunikationsrahmen, in dem sich die gleichzeitig lebenden Generationen verschränken“49 und somit ihre Erfahrungen, Schicksale und Erzählungen untereinander austauschen können. Damit wird dem Familiengedächtnis eine hohe Bedeutung zugeschrieben, das, gestützt durch Dokumente und Aufzeichnungen, gewöhnlich drei Generationen einschließt. Einen viel längeren Zeithorizont nehmen Kulturen, Nationen und Religionsgemeinschaften ein, wodurch das Individuum durch die Mitgliedschaft in diesen Gruppen, in eine ganz andere Zeitdimension als die der Familie inkorporiert: trotz der temporären Begrenzung des individuellen Lebens lebt es dennoch in sehr viel weiteren Zeithorizonten, den s.g. ‚Gedächtnishorizonten‘, die sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft die persönlichen Erfahrungen überschreiten50. „Individuen sind als Beobachter, Akteure oder Opfer immer schon in die übergeordnete Dynamik geschichtlicher Prozesse eingebunden.51 Somit teilt jedes Individuum historische Schlüsselerfahrungen, Überzeugungen, gesellschaftliche Wertmaßstäbe und kulturelle Deutungsmuster mit den anderen Individuen seiner Altersstufe. Diese Generationen schaffen sich einen eigenen Zugang zur und eine eigene Perspektive auf die Vergangenheit, die sie sich nicht von der vorangehenden Generation vorschreiben lässt. Dadurch entstehen Reibungen im sozialen Gedächtnis, die sich durch unterschiedliche generationstypische Werte und Bedürfnisse begründen lassen. Somit bestimmen auch Generationswechsel die Dynamik im Gedächtnis der Gesellschaft, die insofern notwendig sind, dass sie das Gedächtnis einer Gesellschaft erneuern und bei der Verarbeitung traumatischer oder beschämender Erinnerungen Hilfe leisten.52

2.3. Die soziologische Perspektive auf das Gedächtnis: Maurice Halbwachs und sein Ansatz zum kollektiven Gedächtnis

Maurice Halbwachs, Schüler Emile Durkheims53, galt als bedeutender Kulturwissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts. Er war französischer Soziologe und Philosoph, lehrte als Dozent für Soziologie unter anderem an der Sorbonne in Paris und ab 1918 an der neuen Universität von Straßburg. Dort entstanden verschiedene Schriften, welche sich kritisch den Theorien von Durkheim widmen54. Aufgrund seiner sozialistischen Anschauungen wurde er 1944 von der Gestapo festgenommen und ins KZ Buchenwald deportiert, wo er auch am 16. März 1945 starb.55

Die Bedeutung seines Oeuvres zur Gedächtnissoziologie lag vor allem in der Untersuchung des kollektiven Gedächtnisses und dem Versuch die „Konstituierung und Kontinuierung überindividuellen ‚Wissens‘“56 aus dem Bereich der Biologie in die Kultur zu verlagern. Zweck der Forschung war es, herauszustellen, dass die menschliche Erinnerung nicht einfach als solche vorliegt, sondern immer gesellschaftlich konstruiert und aus der Gegenwart hervorgebracht wird. Halbwachs stellt heraus, dass humanes Denken und Erinnerung nicht nur mittels bloßer Verknüpfung von Gedächtnisinhalten des Individuums entstehen, sondern von Beginn an gruppenbezogen, durch Kommunikation und Interaktion, konstruiert wird57.

Halbwachs geht von einem „sozialen Bewusstsein“ innerhalb der Gesellschaft aus, das als kollektives Bewusstsein innerhalb einer Gruppe oder einer Klasse in Erscheinung tritt. In Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen widmet er sich der Untersuchung dreier einzelner Gruppen: der Familie, der Religion und der sozialen Klasse. Durkheim folgend möchte er beweisen, dass sich ein Individuum nur dann erinnern kann, wenn es die Bedeutung seiner Erinnerung kennt. Erinnerung versteht er als „Rekonstruktion der Vergangenheit […] unter Zuhilfenahme von Gegebenheiten, die der Gegenwart entnommen werden“58. Diese in der Gegenwart situierten sozialen Rahmen des Gedächtnisses (‚des cadres sociaux‘) beinhalten Erinnerungen anderer Individuen und erlauben es dem Individuum, sich zu erinnern.59 Zu den vier wichtigsten sozialen Rahmen oder kollektiven Bezugsrahmen zählt Halbwachs die Sprache, die Zeit, den Raum und die Erfahrung, wobei erstere, die Sprache, als das für das Gruppengedächtnis Elementarste gewertet wird:

Die gesellschaftlich lebenden Menschen gebrauchen Wörter, deren Bedeutung sie verstehen: das ist die Bedingung des kollektiven Denkens. Jedes (verstandene) Wort wird aber von Erinnerungen begleitet, und es gibt keine Erinnerungen, denen wir nicht Worte entsprechen lassen könnten. Wir kleiden unsere Erinnerungen in Worte, bevor wir sie beschwören; es ist die Sprache und das ganze System der damit verbundenen gesellschaftlichen Konventionen, die uns jederzeit die Rekonstruktion der Vergangenheit gestattet.60

Raum und Zeit dagegen ermöglichen „ein Fixieren von Ereignissen (Datierung) und eine historische Situierung der Erinnerungen (Archivierung)“61. Erst wenn ein Individuum sich auf solche Bezugsrahmen, zu denen Halbwachs auch die Familie, die Religion und soziale Klassen u.a. zählt, bezieht, kann es seine soziale Identität ausbilden.62 So lasse sich das individuelle Denken nur verstehen, wenn man es entsprechend in das Denken der Gruppe hineinversetze. Das heißt auch, dass man die relative Kraft und das Kombinationsvermögen des individuellen Denkens nur dann richtig verstehen könne, wenn man das Individuum mit den verschiedenen Gruppen in Bezug bringe, zu denen es gleichzeitig gehöre.63

Betrachtet man ein isoliert lebendes Individuum und gegensätzlich dazu eine gesellschaftlich lebende Menschengruppe, fällt auf, dass es keine Wahrnehmung mehr [gibt], die rein äußerlich genannt werden könnte, denn sobald ein Mitglied der Gruppe einen Gegenstand wahrnimmt, gibt er ihm einen Namen und ordnet ihn in eine Kategorie ein, d.h. er unterwirft sich den Konventionen der Gruppe, die sein eigenes Denken wie das der anderen ausfüllen. Man kann sich zwar eine intuitive und von jeder Erinnerung freie Perzeption bei einem isolierten Individuum, das keiner Gesellschaft angehört oder angehört hat, vorstellen, dagegen gibt es aber keine kollektive Wahrnehmung, die nicht von der Wort- und Begriffserinnerung begleitet sein müßte [sic], da diese sie allein ermöglicht; diese Erinnerung allein gestattet den Menschen, sich über die Dinge zu verständigen.64

Halbwachs vertritt folglich die These, dass ein isoliert lebendes Individuum nicht zur Erinnerungsbildung fähig ist, da Erinnerungen nur durch kommunikativen Austausch mit Mitmenschen entstehen und verfestigt werden können. Halbwachs hält fest, dass „ebenso wie die Menschen gleichzeitig vielen verschiedenen Gruppen angehören, so auch die Erinnerung an ein und dasselbe Ereignis in viele Bezugsrahmen hineinpaßt [sic], die verschiedenen Kollektivgedächtnissen angehören.“65

Somit interagieren individuelles und kollektives Gedächtnis miteinander: „Man kann sagen, daß [sic] das Individuum sich erinnert, indem es sich auf den Standpunkt der Gruppe stellt, und daß [sic] das Gedächtnis der Gruppe sich verwirklicht und offenbart in den individuellen Gedächtnissen.“66 Halbwachs streitet damit keinesfalls die vollkommene Individualität des Gedächtnisses eines Individuums ab, betont aber dennoch, dass das individuelle Gedächtnis ein Teil eines Gruppengedächtnisses ist, „da man von jedem Eindruck und jeder Tatsache […] eine dauerhafte Erinnerung nur in dem Maße behält, wie man darüber nachgedacht hat, d.h. sie mit den uns aus dem sozialen Milieu zufließenden Gedanken verbindet.“67 Es sei nicht möglich, über Ereignisse der Vergangenheit nachzudenken, ohne dabei Überlegungen anzustellen. Überlegungen anstellen bedeutet für Halbwachs, die eigenen Meinungen mit denen der Umgebung in einem und demselben Ideensystem zu verbinden, was wiederum heißt, innerhalb der Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses sozial zu denken.68 Erinnerungen sind umso reicher, „je größer die Anzahl jener Rahmen ist, in deren Schnittpunkt sie auftaucht, und die sich in der Tat kreuzen und teilweise gegenseitig decken.“69

Gemeinsame Erinnerungen sind ein wichtiges Mittel der „Kohäsion“; sie halten Menschengruppen zusammen und werden gleichzeitig von der Gruppe stabilisiert.70 Die Stabilität der Erinnerungen hängt aber auch von der Zusammensetzung der Gruppe zusammen: „Löst sich die Gruppe auf, verlieren die Individuen jenen Teil an Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis, über den sie sich als Gruppe vergewisserten und identifizierten.“71 Vergessen lässt sich also aus dem Verschwinden der sozialen Rahmen erklären, „entweder weil unsere Aufmerksamkeit nicht in der Lage war, sich auf sie zu fixieren, oder weil sie anderswohin gerichtet war (Zerstreutheit)“72. Dass solche Rahmen verschwinden und somit das Vergessen bzw. die Deformierung der menschlichen Erinnerungen mit sich bringen, zeigt aber auch, dass die Rahmen an gewisse Zeitabschnitte gebunden sind und mit der Zeit wechseln.

Die Gesellschaft stellt sich die Vergangenheit je nach den Umständen und je nach der Zeit in verschiedener Weise vor: sie modifiziert die Konventionen. Da sich jedes ihrer Glieder diesen Konventionen beugt, so lenkt es auch seine Erinnerungen in die gleiche Richtung, in die sich das kollektive Gedächtnis entwickelt.73

Erinnerungen an die Vergangenheit lassen sich also als soziale Konstruktionen verstehen, die sich explizit aus den „Sinnbedürfnissen und Bezugsrahmen der jeweiligen Gegenwarten“74 ergeben.

In seinem posthum veröffentlichten Werk Das kollektive Gedächtnis75 kann eine klare Akzentverschiebung gegenüber seinem früheren Werk Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen festgestellt werden. Auf Kritik seines Straßburger Kollegen Charles Blondel verstärkt er den Blick auf den Einfluss des individuellen Erinnerns innerhalb des kollektiven Gedächtnisses76:

Wenn überdies das kollektive Gedächtnis seine Kraft und seine Beständigkeit daraus herleitet, daß [sic] es auf einer Gesamtheit von Menschen beruht, so sind es indessen die Individuen, die sich als Mitglieder der Gruppe erinnern. In dieser Masse gemeinsamer sich aufeinander stützender Erinnerungen sind es nicht dieselben, die jedem von ihnen am deutlichsten erscheinen. Wir würden sagen, jedes individuelle Gedächtnis ist ein >Ausblickspunkt< auf das kollektive Gedächtnis; dieser Ausblickspunkt wechselt je nach der Stelle, die wir darin einnehmen, und diese Stelle selbst wechselt den Beziehungen zufolge, die ich mit anderen Milieus unterhalte.77

Halbwachs zeigt auf, dass das Individuum nicht nur sozial erklärbar ist. Auch das Individuum ist fähig, sich zu erinnern, und nicht nur die Gruppe. Das kollektive Gedächtnis dagegen dient als Sammelstelle, die von den Individuen je nach „Ausblickspunkt“78 milieuabhängig auf verschiedene Art und Weise betrachtet wird. Individuelle Erinnerungen entstehen in Abhängigkeit von Veränderungen, die sich aus unseren Beziehungen zu den verschiedenen Milieus ergeben.79 In seinem späteren Werk betrachtet Halbwachs folglich ein wenig differenzierter die Interaktion zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis und betont den individuellen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis.

2.4. Die kulturwissenschaftliche Perspektive auf das kollektive Gedächtnis nach Aleida und Jan Assmann

In zahlreichen Untersuchungen rezipieren Jan und Aleida Assmann kritisch die im vorigen Kapitel präsentierten Gedanken von Maurice Halbwachs und entwickeln in Anlehnung an ihn eine Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Dieses Konzept beinhaltet sowohl Inhalte als auch kulturelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Überlieferungsarten der kollektiven Erinnerung. Das kulturelle Gedächtnis besitzt neben einer temporären auch eine lokale und soziale Dimension. Das Konzept akzentuiert auch, dass dem Gedächtnis selbst eine Geschichte ist und dass Medien der kulturellen Erinnerung eine „produktive, generative und konstruktive Rolle als Medium kollektiver Identitätsbildung“80 zukommt. Anders als Halbwachs, der der oralen Kommunikation bei der Bildung des kollektiven Gedächtnisses hohe Bedeutung zuschreibt, betonen A. und J. Assmann die Wichtigkeit der Schrift und Literatur. Diese Perspektive ist insofern relevant für diese Arbeit, da Literatur als Medium zur Gedächtnis- und Identitätsbildung innerhalb des kulturellen Gedächtnisses fungiert, welches wiederum auf narrativen Prozessen beruht. Es lassen sich somit Parallelen zwischen Narration und Gedächtnis feststellen, da beide an Prozesse der Selektion und Kombination von Erzähl- und Erinnerungsgegenständen geknüpft sind.81 Auch J. Assmann betont den engen Zusammenhang zwischen Narration und kulturellem Gedächtnis: „Verinnerlichte – und genau das heißt: erinnerte – Vergangenheit findet ihre Form in der Erzählung.“82

2.4.1. Das kulturelle Gedächtnis

Wenn Aleida und Jan Assmann vom kulturellen Gedächtnis sprechen, ist es wichtig, zunächst einmal begrifflich zwischen zwei Registern dieses Gedächtnisses zu unterscheiden. Sich auf die sozialen Rahmen von Halbwachs berufend, vertreten A. und J. Assmann die Ansicht, dass zwei Gedächtnis-Rahmen existieren, ein kommunikatives Gedächtnis und ein kulturelles Gedächtnis, wobei ersteres als Oppositionsbegriff zum kulturellen Gedächtnis, dem eigentlichen Schwerpunkt ihrer Forschungen, dient. Das kommunikative Gedächtnis geht aus Alltagskommunikation und -interaktion hervor und trägt die historische Erfahrung der zeitgenössischen Individuen in sich. So ist auch der Zeithorizont ein begrenzter und „mitwandernder“ von ca. 80-100 Jahren. Auch die Inhalte des kommunikativen Gedächtnisses sind nicht statisch, da sie durch jedes Individuum geprägt werden können und daher keine feste Bedeutungszuschreibung erleben.83 Das kulturelle Gedächtnis dagegen definiert sich durch eine „an feste Objektivationen gebundene, hochgradig gestiftete und zeremonialisierte […] vergegenwärtigte Erinnerung“84. Jan Assmann beschrieb es in seinem 1988 publizierten Aufsatz „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“ folgendermaßen:

Unter dem Begriff kulturelles Gedächtnis fassen wir den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und –Riten zusammen, in deren >Pflege< sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt, ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein [sic] von Einheit und Eigenart stützt.85

In ihrem 1999 erschienenen Werk Erinnerungsräume unterteilt Aleida Assmann das kulturelle Gedächtnis weiterhin in zwei Bereiche: in ein Speicher- und ein Funktionsgedächtnis. Erstes, auch als passives Gedächtnis der Gesellschaft bezeichnet, ist eine „amorphe Masse“86 aus „bedeutungsneutralen Elementen“87, aus Informationen, deren unmittelbare Bedeutung verloren gegangen ist. „Auf kollektiver Ebene enthält [es] […] das unbrauchbar, obsolet und fremd Gewordene, das neutrale, identitäts-abstrakte Sachwissen, aber auch das Repertoire verpaßter [sic] Möglichkeiten, alternativer Optionen und ungenutzter Chancen.“88 Beim Funktionsgedächtnis handelt es sich hingegen um das aktive Gedächtnis eines Kollektivs, welches durch Verknüpfung, Sinnkonstitutionen oder - mit Halbwachs‘ Worten ausgedrückt- durch Rahmenbildung entsteht.89 Das Gedächtnis bildet sich generell in Wechselwirkung dreier Komponenten immer dann, wenn diese zusammen agieren: einem Träger, einem Milieu und einer Stütze. Beim kulturellen Gedächtnis besteht der Träger aus „transferierbaren und tradierbaren Objektivationen“90. Dazu gehören neben Symbolen und Artefakten auch Medien, Praktiken und Institutionen, die sich durch überzeitliche Kontinuität auszeichnen und über die sich das Milieu, d.h. die Gruppe identifizieren. Das Milieu wird wiederum von den einzelnen Individuen gestützt, die sich mit diesen Symbolen beschäftigen und zu Eigen machen91. Schon der französische Historiker Pierre Nora konnte in seinen Studien zu Beginn des 20. Jahrhunderts veranschaulichen, dass der Gesellschaft gemeinsame Symbole zur Erschaffung eines kollektiven Gedächtnisses beitragen. Die Träger des Kollektivgedächtnisses müssen sich zwangsläufig nicht kennen, um eine gemeinsame Identität besitzen zu können, sofern sie sich über gemeinsame Symbole identifizieren.92 Im Unterschied zu Halbwachs, der von einer in „raum-zeitlicher Kopräsenz verbundenen Gruppe“93 ausging, beschrieb Nora die Träger des kollektiven Gedächtnisses als eine „abstrakte[n] Gemeinschaft, die sich raum-und zeitübergreifend über Symbole definiert“94. Zu einer solchen Gemeinschaft zählt zum Beispiel die Nation, die sich anhand politischer Symbolik definiert und ihre Einheit konkretisiert.95 Nationen und Staaten werden hier zum Träger bzw. zum Handlungssubjekt des kulturellen Funktionsgedächtnisses und konstituieren sich über dieses, dadurch dass sie sich eine bestimmte Vergangenheitskonstruktion zurechtlegen.96 Die Symbole, die sich die Träger zu eigen machen, sind ihrerseits externalisiert und objektiviert und stellen eine <entkörperte> Erfahrung da, die sich Individuen aneignen können, ohne vorher selbst die Erfahrung gemacht zu haben. Der überzeitliche Aspekt der Symbole bringt mit sich, dass das kulturelle Gedächtnis nicht an die sterblichen Individuen gebunden, sondern an die institutionell stabilisierten Zeichen und Symbole gekoppelt ist und diese überdauert. Immer wenn die Inhalte des kulturellen Gedächtnisses mit lebendigen Gedächtnissen verknüpft werden und es so zu einer freien Identifikation mit diesen kommt, bildet ein Individuum neben personaler und sozialer auch seine kulturelle Identität aus.97

2.4.2. Kulturelles Gedächtnis und Schrift

Zu den zwei wesentlichen Medien des kulturellen Gedächtnisses lassen sich die Mündlichkeit und die Schriftlichkeit zählen, die bei der Herstellung kultureller Kohärenz die gleiche Funktion erfüllen. Dennoch hat die Einführung der Schrift Folgen auf die Vergegenwärtigung kultureller Vergangenheit. Jan Assmann spricht hier in seiner Arbeit Das kulturelle Gedächtnis (1992) von der rituellen Kohärenz oraler Kulturen und der textuellen Kohärenz skripturaler Kulturen98, die jeweils unterschiedliche Erinnerungsstrategien aufweisen: „Gesellschaften imaginieren Selbstbilder und kontinuieren über die Generationsfolge hinweg eine Identität, in dem sie eine Kultur der Erinnerung ausbilden; und sie tun das […] auf ganz verschiedene Weise.“99 Während in oralen Kulturen vor allem Sänger und Schamanen in ständiger Repetition der Mythen das kulturelle Gedächtnis aufrechterhalten, stellen kanonische Texte in Schriftkulturen das Medium dar, in dem Erinnerungen aufbewahrt, auf ihren Sinn kritisch überprüft und interpretiert werden.100 Normative und formative Texte, „die auf die Fragen >was sollen wir tun< und >wer sind wir< antworten“101, schaffen und kontinuieren in skripturalen Kulturen den gemeinschaftlichen, identitätsbildenden kulturellen Sinn.102

Jan Assmann (2007) und Aleida Assmann (2009) konnten außerdem in ihren Arbeiten demonstrieren, dass Gedächtnis, Erinnern und Vergessen eng mit dem Wandel der Informations- und Kommunikationstechnologien im Laufe der Jahrhunderte in Verbindung stehen. Während Sprache zur Schrift, Handschrift zum Buchdruck und der Buchdruck letztendlich auch zur Erfindung des Computers und des Internets beitrug, entwickelten sich parallel auch die Möglichkeiten des Erinnerns und des Vergessens mit. Dank der Schrift konnte Erinnernswertes aufgeschrieben und musste nicht mehr auswendig oder regelmäßig wiederholt werden.

Somit entwickelte sich die Schrift zum Verewigungsmedium, gleichzeitig aber auch zur Gedächtnisstütze: „Schrift ist zugleich Medium und Metapher des Gedächtnisses.“103 Schon in Platons berühmten Phaidros-Dialog wies König Thammus den Erfinder der Schrift Theut auf die Risiken hin, die die Erfindung der Schrift mit sich brachte und die zum Verlust des Gedächtnisses führten104, denn, so Assmann, kann die Schrift auch als „Antipode, als Widersacher und Zerstörer des Gedächtnisses“105 betrachtet werden, da „Operation und Funktion des Gedächtnisses auf die Schrift übertragen, ihr überantwortet und somit externalisiert“106 werden, bis es zu einer Gedächtnisapathie kommen kann. Der Buchdruck und die digitalen Medien steigerten das Phänomen des Verlustes des Gedächtnisses noch erheblich, so dass viele Wissenschaftler befürchten, eine „eingespielte auf älteren Kommunikationsmedien basierende „Erinnerungskultur““107 könne zerstört werden.108 Dimbath argumentiert aber, dass nicht die Kommunikationsmedien als solche, sondern lediglich das Nutzerverhalten die gesellschaftlichen Formen des Erinnerns und Vergessens beeinflusst. Auch lässt uns das technische Funktionieren selbst oftmals alternative Wege vergessen.109

Dass die Schrift aber nicht zwangsläufig zum Vergessen führt, sondern die Produktion kanonischer Texte der skripturalen Kulturen möglich macht, konnte schon J. Assmann belegen. Die darin enthaltenen narrativen Strukturen generieren eine Kontinuität zwischen zunächst unverbundenen Ereignissen und Erfahrungs- und Wissenselementen, die dann eine sinnhafte Entwicklung bzw. eine Verlaufsgestalt suggerieren.110 Diese s.g. temporale Verknüpfungsleistung trägt zusammen mit der Kontigenzreduktion, einer Kontextualisierung, die durch narrative Einbettung eines Ereignisses dieses als wahrscheinlicher erscheinen lässt, zur individuellen Identitätsbildung bei. „Personen streben danach […] ihre Erfahrungen in einen konsistenten Zusammenhang einzubetten, um auf diese Weise der Diversifizierung einer prinzipiell transitorischen Identität entgegenzuwirken.“111 Der konsistente Zusammenhang, der durch Narrativierung entsteht, ermöglicht dem Individuum ein subjektives Gefühl einer entwicklungstheoretisch plausiblen Vergangenheit zu erzeugen und somit seine Identität zu entwickeln.112

[...]


1 Santayana, George: The Life of Reason: Reason in Common Sense. New York: C. Scribner’s Sons, 1905, S. 284.

2 García Márquez, Gabriel: Vivir para contarla. Barcelona: Debolsillo, 20055, S. 7.

3 Ramírez, Sergio: „Todos somos Gabo, todos somos Macondo”, in: El País, 17.04.2015, online verfügbar unter <http://cultura.elpais.com/cultura/2015/04/16/actualidad/1429208853_019696.html>.

4 Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Stuttgart [u.a.]: Metzler, 20112, S. 5.

5 Vgl. Neumann, Birgit: „Literatur, Erinnerung, Identität“, in: Erll, Astrid [Hrsg.]: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft: theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Berlin [u.a.]: de Gruyter, 2005, S. 164f.

6 Ebd., S. 165.

7 Ebd.

8 Vgl. ebd., S. 165ff.

9 Vgl. ebd., S. 168.

10 Vgl. ebd., S. 169.

11 Ebd., S. 170.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Márquez Geburtsjahr ist umstritten. Verschiedene Quellen verorten es entweder auf das Jahr 1927 oder 1928. Vgl. Irnberger, Harald: Gabriel García Márquez. Die Magie der Wirklichkeit - Biographie -. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005, S. 9

15 Vgl. Wehr, Christian: „Mythisches Erzählen und historische Erfahrung. Verfahren der Geschichtsbewältigung in Gabriel García Márquez‘ ‚Cien años de soledad’“, in: Romanistisches Jahrbuch, 54, 2003, S. 380

16 Vgl. ebd., S. 384.

17 Vgl. Assmann, Aleida: Einführung in die Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen. Berlin: Schmidt, 20113.

18 Vgl. Freud, Sigmund : Psychologie des Unbewußten. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1975, S. 103-118.

19 Assmann, A., 20113: S. 181.

20 Vgl. ebd., S. 182.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. [Art] „Gedächtnis und Gedächtnistheorien“, in: Nünning, Ansgar [Hrsg.]: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Stuttgart u.a.: Metzler, 20135, S. 252.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Assmann A., 20113: S. 182.

25 Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: Beck, 20062, S. 23.

26 Ebd., S. 24.

27 Ebd.

28 Vgl. Assmann, A., 20113: S. 184f.

29 Assmann, A., 20062: S. 24.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. ebd., S. 25.

32 Assmann, A., 20113: S. 185.

33 Ebd.

34 Vgl. ebd., S. 205f.

35 Vgl. ebd., S. 186.

36 Der Legende nach soll ein gewisser Simonides sich zum ersten Mal dieses Verfahren bedient haben, als er nach einem Einsturz der Decke im Haus seines Gastgebers die unkenntlichen Leichen der anderen Gäste anhand ihrer Sitzordnung identifizieren sollte. Mittels der Elemente loci et imagines konstruierte er eine mentale Schrift, mit der er im Gedächtnis wie auf ein leeres Blatt Papier schrieb (Vgl. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C.H.Beck-Verlag, 1999, S. 27.).

37 Vgl. ebd.

38 Vgl. Assmann, A., 20113: S. 186.

39 Vgl. Borges, Jorge Luis: Prosa completa. Bd.2. Barcelona: Bruguera, 1985, S. 177-184.

40 Assmann, A., 20062: S. 24.

41 Vgl. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Berlin u. a.: Luchterhand, 1966, S. 362f.

42 Vgl. Assmann, A., 20062: S. 25.

43 Ebd.

44 Ebd, S. 26.

45 Vgl. ebd.

46 Ebd., S. 21.

47 Vgl. ebd., S. 21f.

48 Ebd., S. 22.

49 Ebd.

50 Vgl. ebd., S. 22f.

51 Ebd., S. 26.

52 Vgl. ebd., S.26f.

53 Neben Marcel Mauss zählt auch Maurice Halbwachs zu den „ Durkheimiens “, das heißt zu den Mitgliedern der Durkheim-Schule. Ihre Forschungen zeichnen sich durch die Bejahung des rationalistischen Szientismus und einer experimentellen Methode aus. (Vgl. Krämer, Hans Leo: „Die Durkheimianer Marcel Mauss (1872-1950) und Maurice Halbwachs (1877-1945)“, in: Kaesler, Dirk [Hrsg.]: Klassiker der Soziologie. Von Auguste Comte bis Alfred Schütz. München: C.H.Beck, 20065, S. 254.).

54 Es sind hauptsächlich drei Werke, die Halbwachs zum Klassiker der Gedächtnissoziologie machten: Les Cadres Sociaux de la mémoire (1925; dt.: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen), La mémoire collective (1950; dt.: Das kollektive Gedächtnis) und La topographie légendaire des évangiles en Terre sainte (1941; dt.: Stätten der Verkündigung im Heiligen Land: eine Studie zum kollektiven Gedächtnis).

55 Vgl. Krämer, 2006: S. 265f.

56 Oexle, Otto Gerhard: „Memoria als Kultur“, in: Oexle, Otto Gerhard: Memoria als Kultur. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1995, S. 23.

57 Vgl. ebd.

58 Vgl. Wetzel, Dietmar J.: „Maurice Halbwachs - Vergessen und kollektives Gedächtnis“, in: Dimbath, Oliver; Wehling, Peter [Hrsg.]: Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder. Konstanz: UVK, 2011, S. 39.

59 Vgl. Krämer, 2006: S. 271f.

60 Halbwachs, 1966: S. 368f.

61 Vgl. Wetzel, 2011: S. 42.

62 Vgl. ebd., S. 38.

63 Vgl. Halbwachs, 1966: S. 200.

64 Ebd., S. 362f.

65 Ebd, S. 200.

66 Krämer, 2006: S. 272.

67 Halbwachs, 1966: S. 200f.

68 Vgl. ebd., S. 201.

69 Ebd., S. 368.

70 Vgl. Assmann, A., 1999: S. 131.

71 Ebd.

72 Halbwachs, 1966: S. 368.

73 Ebd.

74 Wetzel, 2011: S. 40.

75 Das französische Werk La mémoire collective wurde 1950 veröffentlicht, die deutsche Übersetzung Das kollektive Gedächtnis im Jahre 1967.

76 Vgl. Wetzel, 2011: S. 41.

77 Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Stuttgart: Enke, 1967, S. 31.

78 Ebd.

79 Vgl. Wetzel, 2011: S. 41f.

80 [Art] „Gedächtnis, kulturelles,“, in: Nünning, Ansgar [Hrsg.]: Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften. Stuttgart u.a.: Metzler, 2005, S. 48.

81 Vgl. Erll, 20112: S. 175.

82 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck, 1992, S. 75.

83 Vgl. Erll, 20112: S. 30-31.

84 Ebd., S. 31.

85 Assmann, Jan: „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“, in: Assmann, Jan; Hölscher, Tonio [Hrsg.]: Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, S. 15.

86 Assmann, A., 1999:S.136.

87 Ebd., S.135.

88 Ebd., S.137.

89 Vgl. ebd.

90 Assmann, A., 2006: S.33.

91 Vgl. ebd.

92 Vgl. Nora, Pierre [Hrsg.]: Les lieux de mémoire. Band 1-3. Paris: Gallimard, 1997.

93 Assmann A., 1999: S.132.

94 Ebd.

95 Vgl. ebd.

96 Vgl. ebd., S. 137.

97 Vgl. Assmann, A., 2006: S. 34.

98 Assmann, J., 1992: S. 87.

99 Ebd., S. 18.

100 Vgl. Assmann, A., 2006: S. 62ff.

101 Erll, 20112, S. 33.

102 Vgl. ebd.

103 Assmann, A., 1999: S. 185.

104 König Thammus sagt zu Theut: „So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessen wird dieses in den Seelen derer, die es kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Erinnerns, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittels fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Erinnern (mneme), sondern für das Gedächtnis (hypomnema) hast du ein Heilmittel (pharmakon) erfunden.“ (Platon; Loewenthal, Erich [Hrsg.]: Sämtliche Werke, Band 2. Heidelberg: Schneider, 1982, S. 475.).

105 Assmann, A., 1999: S. 185.

106 Ebd.

107 Vgl. Dimbath, Oliver; Wehling, Peter: „Soziologie des Vergessens: Konturen, Themen, Perspektiven“, in: Dimbath, Oliver; Wehling, Peter [Hrsg.]: Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder. Konstanz: UVK, 2011, S. 23.

108 Vgl. ebd.

109 Vgl. ebd., S. 24.

110 Vgl. Neumann, 2005: S. 156.

111 Ebd.

112 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Zwischen Erinnern und Vergessen. Lateinamerikas Identitätssuche in Gabriel García Márquez’ "Cien años de soledad"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
113
Katalognummer
V542817
ISBN (eBook)
9783346180568
ISBN (Buch)
9783346180575
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gabriel Gárcia Márquez, Cien años de soledad, realismo mágico, memory-boom, Identitätsstiftung, Gedächtnis, Assmann, Erinnerung, Vergessen, Kolonialisierung, Imperialismus, kollektives Gedächtnis, kollektive Identität, Macondo, Mythos und Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Katharina Kölbach (Autor), 2016, Zwischen Erinnern und Vergessen. Lateinamerikas Identitätssuche in Gabriel García Márquez’ "Cien años de soledad", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542817

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