Gewalt als Jungenproblem. Ein kritischer Diskurs


Hausarbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Gewalt und Aggression

Jugendkultur: Jungen und Gewalt aus historischer Sicht

Endogene Risikofaktoren
Biologisch-genetische Faktoren
Hormonelle Faktoren
Entwicklungspsychologische Faktoren
Sprach- und Lernstörungen als Faktor
Bewegungsunruhe als Faktor

Sozialisation in Familie und Institutionen
Erziehung in der Familie
Rolle des Vaters
Rolle von Idolen und Helden
Rolle der Mutter
Erziehung in Kita und Schule

Veränderte Gesellschaft
Rolle der Medien
Fehlende Frei-Räume
Gewalt bei muslimischen Jungen
ADHS oder Zappelphillipsyndrom
Mädchengewalt

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung: Gewalt und Aggression

Nach Wolfgang Melzers und Wilfried Schubarths Beitrag „Gewalt“ im „Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen“ (S. 23-29) ist Gewalt ein interdisziplinär, vor allem in den Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie in der Kriminologie verwendeter Begriff in Abgrenzung zu benachbarten Termini und Konzepten wie etwa der Aggression. Nach Scheithauer „Aggressives Verhalten von Jungen und Mädchen“ bezeichnet Aggression zunächst keinen exakten wissenschaftlichen Terminus, sondern eher alltagssprachlich Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, einer anderen Person Schaden zuzufügen. Scheithauer zitiert einige Autoren wie Bushman & Anderson, 2001, Green, 1990, Lightdale & Prentice, 1994, Maccoby & Jacklin, 1974, Verres & Sobez, 1980, die den Aggressionsbegriff um das Element erweitern, dass Aggression immer mit psychischer oder körperlicher Schädigung assoziiert wird (S. 17).

In der Psychologie wird Aggression als wertneutrales Verhalten betrachtet, während mit Gewalt eine negative Schädigungsabsicht verbunden ist. Anders wird zum Beispiel in den Rechtswissenschaften oder der Soziologie Gewalt als Machtbegriffe beschreibender Oberbegriff definiert, während Aggression zumeist mit Schädigungsabsicht verknüpft und entsprechend negativ konnotiert ist. Siehe hierzu auch Mechthild Schäfers Beitrag „Aggression“ in „Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen“.

In der hier vorliegenden Arbeit wird das Wort Gewalt für Handlungen verwendet, die auf andere, den Handelnden selbst oder Sachen schädigend wirken. Da ein Motor oder Auslöser für Gewalt nach außen gerichtete Aggressionen sein können, werden im Folgenden sowohl Gewalt als auch die negative Konnotation der Aggression1 untersucht. Christine Buth schreibt in ihrem Beitrag „Jugendgewalt in Deutschland“, dass Jugendgewalt überwiegend Jungengewalt ist. Ist Gewalt also ein Jungenproblem?

Jugendkultur: Jungen und Gewalt aus historischer Sicht

Seinen Beitrag „Jugendkultur und Gewalt aus historischer Sicht“ beginnt Benno Hafenger damit, dass er Gewalt als universelles Phänomen beschreibt, dass sich historisch immer wieder unterschiedlich ausprägt. Er beschreibt, dass vor allem seit Ende des 19. Jahrhunderts Gewalt insbesondere Teil der Sozialgeschichte der männlichen Jugend ist. Die ersten „Halbstarken“ gab es schon in der wilhelminischen Zeit von 1880 bis 1918. In der Weimarer Republik, der Zeit von 1919 bis 1933, finden sich in Banden und wilden Cliquen verwahrloste, verwilderte und verrohte männliche Jugendliche mit gewaltförmigen Verhaltensweisen zusammen. Auch in der Bundesrepublik und einigen anderen westeuropäischen Ländern können jugendkulturelle Protestszenen mit aggressivem Habitus ausgemacht werden. So in den 50er und 60er Jahren die Halbstarken und Rocker als randalierende Jugend, die mit gewaltförmig-provozierenden Verhaltensweisen Krawalle machten und zu antiautoritärer Revolte aufriefen. Im Zeitraum Ende der 1960er Jahre bis Anfang der 1980er gehörten die Rocker, militante Fußballfans und die erste Generation der Skins sowie zahlreiche „street gangs“ zu den aggressiven, altersübergreifenden und männerdominierten Jugendkulturen mit gewalttätigen Ausdrucks- und Handlungsmustern. Dabei ging es den Rockern auch immer um die Suche nach gefährlichen Freizeitbeschäftigungen, Gewalt, Männlichkeitskult und Motorradfahren. Hooligans verbreiteten verbale und körperliche Gewalt in und um das Fußballstadion gegenüber gegnerischen Fangruppen und der Polizei. Dazu zählte auch Randale im Stadion, in Bussen und Bahnen. Die „Welt um das Stadion wurde zur aggressiven und rituellen Aneignung des sozialen Raumes“. Neben den Punks pflegte die erste Generation der Skinheads eine demonstrative und aggressive Straßenkultur. Hier ging es unter dem Motto „Geil auf Gewalt“ um Provokation und Straftaten, Männlichkeitsideale und Sexismus, Sexismus und Homophobie, rassistische Ideologie und hasserfüllte Feindbilder. Auch die Studentenbewegung der 68er Generation nutzte teils gewaltförmige Protest- und Widerstandsformen. In den 90er Jahren führte die rechtsextreme Szene politisch motivierte Straf- und Gewalttaten vor.

Endogene Risikofakoren

Biologisch-genetische Faktoren

Petermann et al. verweisen im Fachbuch „Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindesalter“ darauf, dass bei den biologischen Faktoren nach Loeber und Hay, 1997 (ebd. S. 15) im Säuglings- und Kleinkindalter noch keine Geschlechtsunterschiede bei möglichen Vorläufern aggressiven oder gewaltbereiten Verhaltes bestehen. Allerdings scheint es schon im Säuglingsalter Unterschiede im emotionalen Ausdruck zwischen männlichen und weiblichen Säuglingen zu geben. Nach Weinberg & Tronick, 1997 (ebd. S. 16) sind Jungen emotional labiler und zeigen häufiger negative Affekte als weibliche Säuglinge, bei denen eher positive Emotionen sichtbar werden und die ihre Gefühle und Stimmungen besser regulieren. Bei männlichen Säuglingen konnte nach leichten Stresssituationen eine signifikante Erhöhung von Speichelcortisol gefunden werden, bei weiblichen jedoch nicht.

Nach Petermann und Koglin „Aggression und Gewalt von Jugendlichen. Hintergründe und Praxis“ hängt die Aggressivität aber nicht nur vom Entwicklungsstand des Kindes ab, sondern sie verweisen auf Studien wie etwa von Burt, 2009 (S. 36), in denen der genetische Einfluss auf offen aggressives und gewalttätiges Verhalten nachweisbar ist. Ich sehe solche Untersuchungen kritisch, möchte es aber nicht versäumen, hier auf die jüngste Studie „Genetic background of ex-treme violent behavior“ von Tiihonen et al., 2015 zu verweisen. Insgesamt ist nach Lück et al. „Psychobiologische Grundlagen aggressiven und gewalttätigen Verhaltens“ die Datenlage zum genetischen Einfluss dürftig. Aber was würde dieses Wissen für künftige Eltern auch bedeuten?

Hormonelle Faktoren

Hans Hopf beschreibt in seinen Büchern „Die Psychoanalyse des Jungen“, aber auch in „Jungen verstehen“ mögliche Ursachen für gewaltbereiteres Handeln von Jungen aufgrund ihrer hormonellen Disposition. Alle körperlichen Geschlechtsunterschiede sind auf Androgene, männliche Sexualhormone, insbesondere das Testosteron zurückzuführen. Jungen bekommen einen anderen Körper nicht wegen anderer Gene, sondern weil auf ein paar wenigen Genen angelegt ist, dass die Keimdrüsen andere Hormone produzieren2. In den ersten Schwangerschaftswochen entwickelt sich der Körper bisexuell, geschlechtsindifferent. Bei Vorhandensein von X- und Y-Chromosom werden ab der sechsten bis siebten Woche Hodenwachstum, Androgenproduktion und damit Maskulinisierung von Körper und Gehirn eingeleitet. Jungen haben einen 15 Mal höheren Testosteron-Spiegel als Mädchen. Testosteron macht risikobereiter und fördert die Kampfeslust. Darum bewegen sich Jungen im Mutterleib schon mehr als Mädchen. Von Geburt an sind sie impulsiver und störbarer. Nachweislich, so Hopf, geraten Jungen emotional rascher in Fahrt, streiten mehr, zeigen Imponiergehabe, besonders in Gruppen, bekommen Schulprobleme und tragen „Sand ins soziale Getriebe“, siehe Hopf 2017, (S. 28).

Entwicklungspsychologische Faktoren

Nach Kohut in „Narzissmus“ reagiert ein geschwächtes Selbst auf seelische Verletzungen mit destruktiven Formen von Wut. Ob das heute ausgeprägter ist als damals, gilt es zu überprüfen. Im Alter von vier bis sechs Jahren können Jungen mit höchster Wut reagieren. Diese Phase wird Trotzphase genannt, und Hopf, 2019 vergleicht sie mit dem archaischen Wutausbruch des Rumpelstilzchens bei den Gebrüdern Grimm, der geprägt ist von Zerstörung und Neigung zur Selbstzerstörung. Hopf zitiert in „Die Psychoanalyse des Jungen“ den Psychoanalytiker Parens und dessen Hypothese der aggressiven Ich-Durchsetzung: „Wutreaktionen der frühesten Kindheit sind die primitivsten Formen feindseliger Destruktivität und lassen sich bereits bei Neugeborenen beobachten. Dagegen entsteht der Wunsch, einem anderen Objekt Schmerz beizufügen oder es zu zerstören, nicht von Geburt an, sondern erst ab etwa dem neunten Lebensmonat“ (S. 287).

Sprach- und Lernstörungen als Faktor

Nach Petermann et al., 2016 konnten in einer Längsschnittstudie Brownlie et al. 2004 belegen, dass eine rezeptive oder expressive Sprachstörung im Alter von fünf Jahren zu einer höheren Rate von aggressivem Verhalten im Alter von 19 Jahren führt. Die Fähigkeit eins Kindes, Sprache zu verstehen und innere Prozesse mit Sprache zu regulieren, ist basal für die Entwicklung des Regelverständnisses, wodurch erst Emotionsregulation und Selbstkontrolle ermöglicht wird. Diese Zusammenhänge treten jedoch nur bei Jungen auf, nicht bei Mädchen. Petermann et al. (ebd.) vertreten hier die Annahme, dass frühe Sprachprobleme bei Jungen dazu führen, dass sie in späteren Jahren schlechtere Schulleistungen und Defizite im Lesen aufweisen, was ein negatives Selbstbild begründet und so vermutlich deutlich das Risiko aggressiven und auch gewaltbereiten Verhaltens erhöht. Untersuchungen von Baker et al. (2007) zeigten deutlich, dass bei männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden ein Zusammenhang zwischen körperlich aggressivem Verhalten und verbaler Intelligenz und Handeln besteht (siehe Petermann et al., ebd. S. 18). Hier wird im Weiteren darauf aufmerksam gemacht, dass bei männlichen Jugendlichen generell festzuhalten war, dass eine niedrige verbale Intelligenz und schlechte Schulleistungen kumulierten und in aggressives Verhalten umschlugen.

Auch nach Hopf, 2019 können Jungen ihre Gefühle weniger kontrollieren als Mädchen, agieren Affekte wie Wut eher aus und richten sie gegen andere, da sie ihre Bedürfnisse oft nicht verbalisieren können. Und so werden auch bei Dammasch „Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht?“ Lernstörungen und in der Regel weniger gute kommunikative Fähigkeiten des Jungen im Zusammenhang mit aggressivem und gewaltbereitem Verhalten von Jungen beobachtet. Sie erscheinen oft ungenügend mentalisiert, haben häufiger Lese- und Rechtschreibschwächen und Störungen beim Sprechen wie Lispeln und Stottern.

Bewegungsunruhe als Faktor

Nach Hopf (2017, 2019) beantworten Jungen innere Unruhe und depressive Ängste schon in jungen Jahren mit Getriebenheit und nach außen verlagerten ungesteuerten Bewegungen. Viermal häufiger als Mädchen werden sie bei psychologischen Beratungsstellen wegen störenden und aggressiven Verhaltens vorgestellt. Depressive Affekte werden bei Jungen häufiger von einem lärmenden und aggressiven Verhalten zugedeckt. Spannungen werden schlechter ausgehalten und Bewegung dient der seelischen Erleichterung. Doch werden häufig nicht mehr die Ängste als Ursache der Bewegungsunruhe gesehen, sondern nur noch ihre Folgen. Umherturnen und -kaspern der Jungen bei der Einschulung ist oft ein Zeichen von Angst in einer neuen Situation, die der „typische“ Junge aber nicht zeigen darf3. Die Lust der Jungen an Bewegung und am Kräftemessen kann direkt in eine fatale Risikobereitschaft führen, die auch eigene Schädigungen mit in Kauf nimmt. Dabei gehört ein bestimmtes Maß an ungesteuerter Bewegungsunruhe und affektgeladener Motorik, so Hopf (2017, 2019), zur normalen Entwicklung des Jungen und sollte von hilfreicher Pädagogik auch zur Förderung einer männlichen Identitätsbildung unterstützt werden.

Sozialisation in Familie und Institutionen

Erziehung in der Familie

Bemerkenswert ist, dass sich Eltern bereits unmittelbar nach der Geburt gegenüber einem Mädchen deutlich anders verhalten als gegenüber einem Jungen. Die „Baby X“-Studien von Sidorowicz & Lunney, 1980, in „Die Psychoanalyse des Mädchens“ von Inge Seiffge-Krenke, (S. 30) zeigen, dass Personen ganz unterschiedlich mit einem Baby umgingen, wenn man ihnen sagte, es sei ein Mädchen oder es sei ein Junge. Sie waren bei einem Mädchen vorsichtiger und sanfter, bei Jungen robuster und körperbezogener.

Nach Farrington, 1991 (zitiert nach Toprak und Nowacki, S. 22) kann Gewalterfahrung durch die Eltern Gewaltbereitschaft erhöhen. Nach Hopf ist innerfamiliäre Gewalt oft der Auslöser für spätere Gewalttaten der Kinder. Dabei werden Jungen eher als Mädchen durch körperliche Gewaltformen bestraft. Und Sütterlüty, 2004 (zitiert nach Stickelmann, S. 41) zeigt in einer qualitativen Untersuchung zu Gewaltkarrieren auf, wie der Gebrauch von Gewalt im familiären Kontext wiederum Gegengewalt auf Seiten der Kinder und Heranwachsenden hervorruft und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der 2019 verstorbene dänische Familientherapeut Jesper Juul warnt allerdings in seinem Buch „Aggression“ (u.a. ebd. S. 30) vor voreiligen Schlüssen und weist darauf hin, das Aufwachsen mit gewalttätigen Eltern nicht notwendigerweise dazu führt, dass aus den Kindern Gewalttätige werden oder die Gewalt weitergegeben wird, wenn sie erst einmal die Macht dazu haben, wie es viele Autoren beschreiben4.

Sehr umfassend werden die Entwicklungslinien gewaltbereiten Verhaltens im Familien-Risiko-Modell von Cierpka (1999) beschrieben5. Dieses Modell basiert auf inadäquaten Erziehungsfertigkeiten, berücksichtigt Partnerschaftskonflikte und familienstrukturelle Bedingungen wie unsichere und desorganisierte Bindung6, Alleinerziehung, Konflikte, die aggressiv zwischen den Eltern ausgefochten werden, psychische Störungen der Eltern, übermäßige Strenge und körperliche Züchtigung, inkonsistente und erratische Belohnung und Bestrafung, was vor allem das Risiko für Gewaltbereitschaft bei Jungen extrem steigert (Verweis hier auf Studie O’Leary & Vidair, 2005, ebd. S. 28).

Gerade Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind von irgendwem verletzt wird, beschimpfen und beleidigen oft andere. Dabei lernen die Kinder am Modell. Sie lernen, das Verhalten der Eltern zu spiegeln. Nach Juul kopieren Jungen aggressive und gewaltbereite Eltern eins zu eins. Erwachsene sind sich oft nicht bewusst, so Juul, dass sie ihre Aggressionen hinter einem süßen, sanften oder pädagogisch korrekten Ton verbergen. Ihre Worte sind dabei dennoch „gewalttätig“ (ebd. S. 47). Juul nennt es (ebd. S. 35): „Die Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit“. Das Kind reagiert darauf verwirrt, weil es nicht weiß, ob es dem lieblichen Ton oder dem harschen Inhalt Bedeutung schenken kann oder soll.

Ein weiteres maßgebliches Problem innerhalb der Familienerziehung sind fehlende Grenzen. Nach Hopf, 2019 gab es früher viel Strenge und körperliche Gewalt, gelegentlich zu wenig Einfühlung. Die Leistungsanforderungen waren hoch und Kinder keine autonomen Wesen. Heute wird zumeist viel verwöhnt und es werden, was auffällig ist, wenige Grenzen gesetzt7. Oft wird bereits mit kleinen, dabei völlig überforderten Kindern über selbstverständliche Rahmenbedingungen stundenlang diskutiert.

Auch mediale Störungen lassen ein Kind in einem Maß allein, die es früher, so Hopf, 2019, nicht gab. Untersuchungen haben ergeben, dass das Verhalten von Kindern schlagartig eskaliert, wenn Eltern ohne Erklärung ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf ihr Smartphone richten. Wenn Kinder das Gefühl bekommen, nicht mehr wertvoll für ihre Eltern zu sein, reagieren sie nach Juul mit Aggression und Gewalt. Etwa die Hälfte aller Kinder versucht, ihr Unwohlsein zu verinnerlichen, sie werden introvertiert. Die andere Hälfte trägt ihren Mangel an Wohlbefinden mit motorischer Unruhe nach außen. Das sind meist die Jungen. Und wird Aggression und Gewalt bei ihnen moralisiert, an ideologischen Kriterien gemessen und verurteilt, so bestätigt sich für das Kind noch mehr, dass es wertlos ist. Als langfristige Folge von Vernachlässigung, Misshandlungen, Missbrauch und schweren Traumata in der frühen Kindheit kann es nach Hopf, 2019 bei Kindern zu starker Störung der Gefühlsregulierung und der Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und aufzuschieben, kommen. Schwere Kränkungen entladen sich dann über sogenannte narzisstische Wut und feindselige Destruktivität.

Rolle des Vaters

Jungen haben nach Hopf, 2019 Probleme mit Aggressionen, weil Väter abwesend sind oder einen weiblichen Erziehungsstil pflegen. So lernt der Junge nicht, seine männliche Energie einzubringen und in konstruktivem Verhalten zu nutzen. Nach Hopf orientieren sich Kleinkinder an den Verhaltensweisen des eigenen Geschlechts und richten ihr Verhalten danach aus. Er fordert einen Vater oder eine männliche Bezugsperson in der Familie, die die aggressiven Tendenzen und Fantasien des Jungen begrenzt.

Neben anderen Funktionen hat der Vater für das Kind die wichtige Bedeutung des familialen Dritten, der „es bei seiner Loslösung von der Mutter unterstützt“ (Dammasch, S. 78). Der Vater ist der emotional erfahrbare Spiegel seiner Männlichkeit, wodurch sich der Junge als Teil des männlichen Kollektivs fühlen kann. Durch den Vater bekommt nach Dammasch die Separation von der Mutter einen Namen: Männlichkeit. Bei unruhig-aggressiven Kindern ist die häufige Ursache Ungetrenntheit von der Mutter. Hier versucht der Junge durch hyperphallisch aggressives Verhalten, so der Autor, scheinbar seine Unabhängigkeit von der Mutter und von deren Weiblichkeit immer wieder zu beweisen. Fehlende innere Getrenntheit von der Mutter, nicht nur bei Alleinerziehenden, steht beinahe immer im Zusammenhang mit einem emotional abwesenden Vater, so die psychoanalytische Fachliteratur.8

„Die Ruhelosigkeit und Aggression dient der Abwehr von Ängsten, die sowohl auf ödipalem Niveau den Verlust des Penis als auch auf präödipalem Niveau die Angst vor der Abhängigkeit von der frühen Mutter beinhalten können. Der Vater fehlt, mit seinen beiden zentralen Funktionen liebevoll-spielerischer Spiegelung der Männlichkeit sowie Grenzen setzender Regulierung der aggressiven, besitzergreifenden Affekte des Jungen“ (ebd. S. 81). Bei einem abwesenden Vater fehlt die Möglichkeit, sich mit einem Mann zu identifizieren, der gleichzeitig liebevoll mit der Mutter und deren Weiblichkeit verbunden ist. Nach Bernd Strickelmann schaffen sich bei schwachem oder abwesendem Vater Jungen idealisierte Vorbilder in den Sport-, Comic- oder Filmhelden, die unüberprüfbar sind, weil sie nicht in ihren alltäglichen Schwächen und deren gelungener oder misslungener Bewältigung erlebt werden.

Hopf, 2019 merkt an, dass es an leiblichen und öffentlichen Vätern fehlt, und spricht von Vaterentbehrung als „Vaterhunger“ (ebd. S. 89). Nach Hopf ist der Vater der „entwicklungsfördernde Störenfried“ (ebd. S. 73) in der Mutter-Sohn Beziehung, ein Befreier aus der engen Beziehung zur Mutter. Nach Vorstellung des Autors können beväterte Söhne besser mit ihren Triebimpulsen und ihren Gefühlen umgehen als Kinder ohne Vater. Insbesondere die Fähigkeit, die eigenen Aggressionsimpulse zu kontrollieren und positiv zur Erreichung von Zielen einzusetzen, wird durch das motorisch heftige Spiel mit dem männlichen Dritten befördert. Laut der Psychoanalytikerin Evelyn Heinemann entwickeln ohne Vater aufgewachsene Jungen und Männer illusionäre Fantasien von männlicher Größe und Potenz (in Hopf, 2017, S. 202).

Rolle von Idolen und Helden

Schon im Kindergartenalter kommen Jungen in Not, wenn sie beim Hinfallen vom Vater gesagt bekommen: „Sei ein Mann, steh einfach wieder auf!“ und die Mutter behütend fragt: „Hast du dir auch nicht weh getan?“ Wie will der Junge werden? Jungenkindheit steht in Bezug zu Männerbildern, so beobachtet es Stoklossa in „Wut im Bauch. Wider die Zurichtung des Jungen zum Krieger“.

Benedikt Sturzenhecker unterscheidet im „Handbuch Jungen-Pädagogik“, wie Jungen versuchen, ihrer Rolle gerecht zu werden, und dabei Gewalt als Lösung erachten. Hier geht es um Gruppendominanz, Machtkämpfe, Anpassungsdruck an Männlichkeitsnormen wie cool, hart und unabhängig sein. Hinzu kommen die Hilflosigkeit und das Unwissen über positive Annäherung gegenüber Mädchen sowie positive Kontaktaufnahme. Dies führt zu sexueller Anmache und Gewalt gegen Mädchen. Da ein weiteres Feld der Verunsicherung für männliche Jugendliche die Sexualisierung der Alltagswelt ist, die sie unter Druck setzt, sich potent zu zeigen, treffen mediale Bilder auf Unsicherheit, Unwissenheit über den eigenen Körper und auf nicht gelebte exotische Wunschbilder, die in sexuellen Begegnungen zu Gewaltformen führen können, so Sturzenhecker. Auch Songs von Pornorappern und Pornographierung durch die Medien sind hier Einflussfaktoren für gewaltbereites Verhalten, die aber nicht weiter thematisiert werden können, da es den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

In der männlichen Sozialisation (siehe mehr hierzu auch Böhnisch) wird dem Jungen und Mann gesellschaftlich verwehrt, seine Hilflosigkeit zu zeigen: „Jungen weinen nicht“. Albert Scheer verweist in seinem Aufsatz „Legitime und illegitime Gewalt“ auf Wehrhaftigkeit und Kampfesmut als lange bewährte männliche Tugenden. „Ein zentrales Definitionselement von Männlichkeit ist die Fähigkeit, sich selbst, die eigene Familie, die Nation zu verteidigen und die Bereitschaft, dabei das eigene Leben zu riskieren“. (ebd. S. 51).

Durch Gewalt wird dem Gegenüber nach dem Beitrag „Bindungssehnsucht und der Einfluss der Medien“ des Kinder- und Jugendpsychotherapeut Lutz-Ulrich Besser Macht demonstriert. Macht, über die die männlichen Jugendlichen nicht verfügen, die sie aber an ihren Idolen (Popstars, Models, Filmstars, Boxer, Fußballer) ablesen. Zu diesem Nacheifern dienen auch Gewalt- und Größenphantasien, in denen auf Waffen, technische Geräte, Motorräder oder getunte Autos bzw. entsprechendes Outfit (Lederjacken, militärische Kleidung) zurückgegriffen wird.

Nach Stickelmann gilt aus der männlichen Geschlechterrolle heraus die physische Gewalt als gelebte Männlichkeit. Helden ohne Fehl und Tadel sind hier etwa James Bond, der sich auf keine Gefühlsäußerungen einlässt, weil diese ihm Verletzungen einbringen könnten. Das Vorbild zeigt sich gewalttätig, für die Gerechtigkeit kämpfend, unabhängig von Frauen und zweifelt weder an sich noch ist es hilfsbedürftig. Jungen bauen so ein Idealbild von sich selbst auf, und können sie dem nicht entsprechen, wird die Spannung oft durch Gewaltformen überbrückt, um so von Schwächen abzulenken.

Nach Hopf, 2019 agieren Jungen in ihren Rollenspielen als heldenhafte Abenteurer. Sie erfinden Spielhandlungen, in denen Gefahr und Kampf im Vordergrund stehen. Aber Jungen werden, so Hopf, nicht automatisch gewalttätig, weil sie mit Spielzeugwaffen spielen. Sie brauchen, so Besser, reale Kontakt und Vorbilder statt elektronischen Medien wie Internet, Playstation oder „Game-Boy“, die sie zum Teil auch „übermannen“ (Hervorhebungen der Autorin).

Wichtig scheint mir zu sein, dass sie Streitereien oft körperlich lösen, weil sie über keine anderen Muster zur Lösung von Konflikten verfügen. Sie greifen in Konflikten auf männliche Lösungsmuster zurück, nach denen Gewaltformen zur Selbstdarstellung von Potenz dazugehören.

Rolle der Mutter

Mütter können gegenüber ihren Söhnen eine zwiespältige Haltung einnehmen. Das hängt, so Hopf, 2019, von den lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Mutter vor allem mit dem eigenen Vater und dem Erleben seiner Männlichkeit ab. Im Extremfall kann auch unverhüllte Ablehnung gegen den Jungen zu Tage kommen, der in Aussehen und Eigenschaften seinem biologischen Vater gleicht. Auch eigene unbelebte aggressive Anteile werden eventuell im Jungen gesehen und unbewusst bekämpft, so der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter nach Hopf, 2019.

Sobald die Mutter vom Geschlecht ihres Embryos weiß, nimmt sie dazu eine Stellung ein. Jungen können wegen ihrer Andersartigkeit faszinierend, jedoch auch fremd und bedrohlich für die Mutter erscheinen. Der Stuttgarter Psychoanalytiker Felix Schottlaender beschreibt in seinem Buch „Die Mutter als Schicksal“, wie die Mutter seelische Entwicklungen prägt. In jedem Kind ist angelegt, dass es sich eine Bindungsperson sucht, die es schützt, pflegt, bei der es sich geborgen fühlt und die es begleitet. „Entscheidend für die Entwicklung eines stabilen Selbstwertes ist der liebevolle und aufwertende Blick der Mutter“ (Hopf, Seite 52)6. Voraussetzung für die Entwicklung einer stabilen Männlichkeit ist nach psychodynamischen Thesen, die u.a. bei Hopf 2017, 2019 Widerspiegelung finden, eine sichere Bindung an die Mutter und eine Bewältigung der wesentlichen Konflikte mit ihr.

[...]


1 Die Hervorhebung „negative Konnotation“ im Zusammenhang mit Aggression steht in Abgrenzung zu möglicher positiver Konnotation der Aggression etwa in der Gestalttherapie, die Aggression als nützliche Form sieht, Hindernisse zu beseitigen oder Neues aus der Umwelt für den Organismus assimilierbar zu machen. Siehe auch: Frederick S. Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression. Die Anfänge der Gestalttherapie.

2 Mehr hierzu bei dem Neurobiologen Gerald Hüther: Männer. Das schwache Geschlecht und sein Gehirn.

3 Siehe dazu auch Thomas Jachmann, Erlebnis erster Schultag. In: „Der Umgang mit Aggression und Abgrenzung bei Jungen und Mädchen“.

4 Siehe hierzu auch den Artikel auf „Zeit online“ von Daniela Zeibig vom 30.03.2015: Geprügelte Kinder werden nicht zwangsläufig zu gewalttätigen Eltern. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-03/gewalt-missbrauch-generation-kinder-familie

5 In: „Entwicklungsbedingungen aggressiven Verhaltens im Kindes- und Jugendalter“ Andreas Schick in Deegener und Körner, (S. 28).

6 Noch vor 20 Jahren entwickelten 60-65% der Kinder in den ersten Lebensjahren eine sichere Bindung. Nach Hopf 2019, (S. 25) sind es heute nur noch 48%. Kinder haben Abhängigkeitsbedürfnisse und Bindungswünsche, werden diese nicht erfüllt und steht Leistungsoptimierung im Vordergrund, dann es fehlt an ausreichend schützender Aufmerksamkeit.

7 Zur Notwendigkeit von Grenzen, die es den Kindern ermöglichen, diesseits der Grenze ihren Spiel- und Freiraum wahrzunehmen, siehe auch das Nachfolgebuch zu „Kinder brauchen Grenzen“ von 1993 von Jan-Uwe Rogge, 2008: Das neue Kinder brauchen Grenzen.

8 Siehe hier u.a. auch Raue, Jochen, 2008: Aggressionen verstehen. Psychoanalytische Fallstudien von Kindern und Jugendlichen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gewalt als Jungenproblem. Ein kritischer Diskurs
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V542849
ISBN (eBook)
9783346175403
ISBN (Buch)
9783346175410
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggression, Gewalt, Jungen, Vater, Rolle des Vaters, Rolle der Mutter, Männliche Identifikationsfiguren, Erziehung, Helden, Jugendkultur, Sozialisation, Erziehung in Kita und Schule, Medien, Frei-Räume, ADHS, Mädchengewalt, Biologisch-genetische Faktoren, Hormonelle Faktoren, Sprach- und Lernstörungen als Faktor, Bewegungsunruhe als Faktor, Sozialisation in Familie und Institutionen, Gewalt bei muslimischen Jungen
Arbeit zitieren
Gudrun Haep (Autor), 2019, Gewalt als Jungenproblem. Ein kritischer Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542849

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gewalt als Jungenproblem. Ein kritischer Diskurs



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden