1. Einleitung
Im Jahr 1983 begann in Argentinien ein neues Zeitalter - das Zeitalter der Demokratie. Nach über sieben Jahren der Militärdiktatur wurde mit Raúl Alfonsín erstmals wieder ein demokratischer Präsident gewählt und eine wahre Demokratieeuphorie machte sich breit. Dies beschönigte allerdings nicht die Tatsache, dass die junge Demokratie auf wackeligen Füßen stand. Die Militärs hatten das Land in einem katastrophalen Zustand hinterlassen, was sich bald in ernstzunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen bemerkbar machte. Die Regierung Alfonsín scheiterte an der Bewältigung dieser Krise und die argentinische Demokratie stand vor einer Zerreißprobe.
1989 trat Alfonsíns Nachfolger Carlos Menem das Präsidentenamt an und begann sogleich mit einer radikalen marktwirtschaftlichen Umstrukturierung der Wirtschaft. Diese implementierte er größtenteils per Dekret, was ihm einen sehr zweifelhaften Ruf einbrachte und nicht zuletzt eine hitzige Debatte in der politischen Wissenschaft anregte. Ich möchte mich in dieser Arbeit mit den konstitutionellen Kompetenzen der Exekutive in Präsidialdemokratien beschäftigen. Diese werde ich zunächst theoretisch und dann anhand der Präsidentschaft Menems zwischen 1989 und 1994 erläutern. Dieser Fall ist deshalb besonders interessant, weil sich der Präsident Kompetenzen angeeignete, die zu einer Umgehung der Legislative und einer Machtkonzentration in der Exekutive führten. Ich möchte die Hintergründe dieses decretazos beleuchten und herausfinden, welche Vorraussetzungen diese Umverteilung der Macht ermöglichten und einschätzen, inwieweit sie angesichts der Lage gerechtfertigt war. Dabei richte ich besonderes Augenmerk auf die beiden anderen Gewalten und darauf, welche Rolle sie beim menemistischen Dekretismus spielten. Agierten sie als Gegengewicht zum Präsidenten oder tolerierten sie dessen Entscheidungsmonopol in gewisser Weise sogar?
Der decretazo ist sehr kontrovers diskutiert worden. Während einige Autoren die Position einnehmen, das Regieren per Dekret sei bar jeder konstitutionellen Legitimation und schlicht illegal, behaupten andere, angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Umstände sei es die einzige Lösung gewesen.
Ich selber habe während eines einjährigen Aufenthalts in Argentinien oftmals hasserfüllte Reaktionen der Menschen auf die Person Menems und seine neoliberale Politik erlebt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1. Legislative Kompetenzen der Exekutive
2.2. Reactive powers – Veto-Recht
2.3. Proactive powers - Dekretrecht
2.4. Legislative Zustimmungserfordernisse
2.5. Legislative Toleranz gegenüber exekutiven Dekreten
2.6. Starkes Dekret / schwaches Dekret
3. Fallbeispiel Argentinien unter Carlos Menem (1989-1994)
3.1. Politischer Hintergrund
3.2. Der decretazo
3.3. Die Verfassungsreform 1994
4. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die konstitutionellen Kompetenzen der Exekutive in Präsidialdemokratien am Beispiel der argentinischen Präsidentschaft von Carlos Menem (1989-1994). Im Zentrum steht die Forschungsfrage, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Folgen der Präsident durch den extensiven Einsatz von Notverordnungen (decretazos) die Legislative umging und eine Machtkonzentration in der Exekutive herbeiführte.
- Theoretische Grundlagen der exekutiven Kompetenzen (proactive vs. reactive powers)
- Machtakkumulation durch decretos de necesidad y urgencia (DNUs)
- Die Rolle von Parteidisziplin und Veto-Rechten im legislativen Prozess
- Interaktion zwischen Exekutive, Legislative und Judikative in Argentinien
- Auswirkungen der Verfassungsreform von 1994 auf das Dekretrecht
Auszug aus dem Buch
2.2. Der decretazo
Die argentinische Verfassung von 1853 gestand dem Präsidenten gewisse legislative Kompetenzen zu: Erstens durfte er selber eine Gesetzesinitiative zur Abstimmung im Kongress einbringen, zweitens besaß er das Veto-Recht, drittens durfte er per Dekret regieren, wenn ihm der Kongress dieses Recht explizit delegierte (DDA). Des Weiteren durfte sich der Präsident in einer Ausnahmesituation der emergency powers bedienen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Der Gebrauch von DNUs war jedoch in keiner Weise durch die Verfassung legitimiert.
DNUs sind Notverordnungen, durch die sich die Exekutive legislative Kompetenzbereiche unter der Vorraussetzung des staatlichen Notstandes ohne eine vorherige Delegierung durch die Legislative zueigen macht. Dies ging im Fall des decretazos allerdings so weit, dass es auch in der Alltagspolitik mittels DNUs zu einer Umgehung der Legislative führte. Damit fallen DNUs bis zu ihrer formalen Legalisierung im Rahmen der Verfassungsreform 1994 nach der Definition von Shugart und Carey unter die Kategorie der paraconstitutional initiatives.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die demokratische Ausgangslage Argentiniens nach der Militärdiktatur ein und skizziert die Problematik des Regierens per Dekret während der Ära Menem.
2. Theorie: Dieses Kapitel erläutert die verfassungsrechtlichen Machtinstrumente der Exekutive, insbesondere die Unterscheidung zwischen reaktiven und proaktiven Befugnissen sowie die Bedeutung legislativer Zustimmungserfordernisse.
3. Fallbeispiel Argentinien unter Carlos Menem (1989-1994): Der Hauptteil analysiert die historische und politische Situation Argentiniens, den massiven Gebrauch von Notverordnungen durch Menem und den Kontext der Verfassungsreform 1994.
4. Schluss: Das Fazit bewertet die Auswirkungen des Hyperpräsidentialismus auf die argentinische Demokratie und diskutiert, ob diese trotz der Aushöhlung der Gewaltenteilung als stabil gelten kann.
Schlüsselwörter
Präsidentialismus, Argentinien, Carlos Menem, Dekretmacht, decretazo, Gewaltenteilung, Legislative, Exekutive, Verfassungsreform 1994, Notverordnungen, DNU, Delegative Demokratie, Hyperpräsidentialismus, politische Institutionen, Parteidisziplin
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie der argentinische Präsident Carlos Menem während seiner ersten Amtszeit durch den massiven Einsatz von Notverordnungen das politische System beeinflusste und die Legislative umging.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Theorie der exekutiven Macht, die institutionelle Praxis des präsidentiellen Regierens in Argentinien und die Auswirkungen dieser Machtkonzentration auf die Gewaltenteilung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, welche Faktoren die Machtkonzentration in der Exekutive ermöglichten, welche Rolle die anderen Gewalten dabei spielten und inwieweit das Regieren per Dekret legitimiert war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Fallstudienanalyse, die theoretische Konzepte der Gewaltenteilung und Dekretmacht auf das empirische Beispiel Argentiniens unter Carlos Menem anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den politischen Hintergründen der argentinischen Krise, der konkreten Praxis der decretos de necesidad y urgencia (DNUs) sowie der Verfassungsreform von 1994.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Präsidentialismus, Dekretmacht, Gewaltenteilung, DNU, Delegative Demokratie und Hyperpräsidentialismus.
Was unterscheidet DDA von CDA in der Theorie?
DDA (Delegated Decree Authority) beschreibt die vom Parlament delegierte Befugnis zur Gesetzgebung, während CDA (Constitutional Decree Authority) eine verfassungsrechtlich direkt verankerte Kompetenz der Exekutive zum Erlass von Dekreten ist.
Welche Rolle spielte die Verfassungsreform von 1994 für die DNUs?
Die Reform legitimierte die Notverordnungen (DNUs) verfassungsrechtlich, indem sie diese in das Regelwerk integrierte, allerdings unter Auflagen für Ausnahmesituationen, um den Missbrauch einzudämmen.
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- Lisa Rauschenberger (Author), 2006, Wenn der Notfall zur Regel wird - Exekutive Dekretmacht am Beispiel des decretazos während der ersten Präsidentschaft Carlos Menems (1989-1994), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54289