Machiavelli und der humanistische Tugendkatalog


Essay, 2006
13 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Zur Charakterisierung der persönlichen Situation und Umstände Machiavellis zur Zeit des Anfangs seiner schriftstellerischen Tätigkeit wurde oft sein Brief aus dem Exil in San Casciano vom Dezember 1513 an Francesco Vettori herangezogen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Machiavelli schon seit beinahe einem Jahr ohne nennenswerten politischen Einfluss und bemühte sich vergeblich, die Gunst der neuen florentinischen Herrscher, der Medici, zu erlangen. Vettori versuchte vergeblich, die Medici an die diplomatischen Begabungen seines Freundes zu erinnern. Machiavelli fiel anscheinend die Rolle des Sündenbocks, der für das Vergehen des vormaligen Regimes verantwortlich war, zu und er konnte trotz aller Bemühungen die sehnlich erwartete Anstellung nicht bekommen. In dieser Situation griff er zur Feder und versuchte, die Unmöglichkeit der aktiven Partizipation im politischen Geschehen mit der Abfassung seiner Reflexionen über jenes zu kompensieren. Obwohl durch die gewissermaßen erzwungene schriftstellerische Tätigkeit ein neuer Aspekt in Machiavellis Leben gelangte, war sie für ihn kein Neuland. Er genoss eine humanistische Ausbildung, die in der damaligen Zeit nahezu notwendige Bedingung war, wollte man sich auch nur irgendwie im Bereich von Machiavellis Interesse betätigen. Er zeigte eine ausgesprochene Vorliebe für die klassischen Denker, wie Herodot, Aristoteles, Polibius, Livius, Sallustius, Caesar, Ovidius oder Horatius. Mit Plutarchs Schriften befasste er sich während seiner diplomatischen Missionen und beschäftigte sich vor allem während des Aufenthalts in Cesare Borgias mit ihnen. Den humanistischen Hintergrund Machiavellis Schaffens beleuchtet ein Fragment des oben erwähnten Briefes an Vettori eindrücklich, in dem er den gewöhnlichen Alltagstätigkeiten die abendliche intellektuelle Arbeit gegenüberstellte: „Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe ins Arbeitszimmer [...] und, angemessen angekleidet, begebe ich mich in die Säulenhallen der großen Alten. Freundlich von ihnen aufgenommen, nähre ich mich da mit der Speise, die allein die meinige ist, für die ich geboren ward. Da hält mich die Scham nicht zurück, mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen, und ihre Menschlichkeit macht, dass sie mir antworten. [...] Weil Dante sagt, es gebe keine Wissenschaft, ohne das Gehörte zu behalten, habe ich aufgeschrieben, was ich durch ihre Unterhaltung gelernt, und ein Werkchen De principatibus geschrieben, worin ich die Fragen über diesen Gegenstand ergründe, so tief ich kann, betrachtend, was ein Fürstentum ist, wie viele Gattungen es gibt, wie man sie erwirbt, wie man sie erhält, warum man sie verliert“[1]. So entstand also das berühmteste und immer noch Kontroversen hinsichtlich der Interpretation auslösende Werk Machiavellis, Il Principe (Der Fürst). Die langjährigen Erfahrungen mit Politik, untermauert von der tiefen Analyse des aus den antiken Werken gezogenen Wissens, führten zur Entstehung eines im Vergleich zu den Zeitgenossen außergewöhnlichen Menschen- und insbesondere Fürstenbildes.

Worin besteht diese Besonderheit Machiavellis? Warum fand er zahlreiche Nachfolger und sogar einige Nachahmer[2], noch mehr aber strenge Kritiker? Bevor ich zur Antwort auf diese Frage komme, muss ich zusammenfassend den Hintergrund seiner Wirkung skizzieren. Im XV. Jahrhundert ging die humanistische Welle aus Italien auf ganz Europa nieder und überschwemmte nicht mehr nur den Bereich von Kunst und Literatur. Es bildete sich ein neues Weltbild, in dem der Partikularismus der Nationalstaaten eine dominierende Rolle zu spielen anfing und den christlichen Universalismus verdrängte. Der Staat gewann im Renaissancehumanismus die Bedeutung eines Kunstwerkes[3]. Der Staat wurde vom Wesen her zum ersten Mal als ein autonomes souveränes Objekt, in seiner natürlichen Vollständigkeit, aber auch in seiner Existenz als Summe der Einwirkungen seiner Bürger, aufgefasst. Für den Bürger wird die Politik das, was für den Menschen als Individuum die Ethik, für den Christen die Religion ist, die seit diesem Zeitpunkt anfing, dem Prozess der „Privatisierung“ zu unterliegen. "Von den Moralwissenschaften, die den Mensch beschäftigen und erziehen den höchsten Platz unbestritten diese belegen, die die Staaten und ihre Herrscher betreffen, denn die gerade sich die Sicherung der menschlichen Glücklichkeit zum Ziel setzen. Nämlich, wenn es eine lobenswerte Tat ist, einen Mensch zu beseligen, wie viel lobenswerter ist es, einen ganzen Staat glücklich zu machen"[4]. Der "vollständige Mensch" realisiert sich also als ein aristotelisches zoon politicon.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich die meisten Philosophen und Staatstheoretiker der Renaissance, zu denen auch Machiavelli zugeordnet werden kann, sehr von ihren mittelalterlichen Vorgängern. Die nämlich, indem sie versuchten die ideale Widerspiegelung des göttlichen Willens auf der Erde zu erschaffen, formulierten moralisierende Abhandlungen, in denen sie das ethische Idealbild des Christen kreierten. Mit einer besonderen Vorliebe wurden von den weisen Männern des Mittelalters die Herrscher belehrt. In ihren Diatriben präsentierten sie eine Darstellung des Fürsten, der die aus der göttlichen Salbung resultierenden Verpflichtungen vollständig erfüllte. Die tatsächlichen Monarchen sollten sich, nach Intention der Autoren, mit diesem Vorbild vergleichen, sich in ihm wie in einem Spiegel betrachten, um beurteilen zu können, an welchen Stellen ihre Haltung dem Ideal nicht entspräche. In Hinsicht dieser Absicht wurde diese Abhandlungsgattung „Fürstenspiegel“ (speculum principis) genannt . Einige Ursprünge dieses Genres sind schon im Schrifttum des antiken Orients und -wesentlich offensichtlicher- im frühen griechischen Altertum[5] wahrzunehmen. Sensu stricte wurde aber diese Gattung erst im 5.-4. Jahrhundert vor Christus von Xenophon und Isokrates entwickelt und die Bezeichnung „Fürstenspiegel“ scheint erst im Mittelalter[6] entstanden und bekannt geworden zu sein[7].

In Anbetracht des zuvor dargestellten Verhältnisses der Humanisten zum Mittelalter scheint diese Schreibart in der Renaissance eine sekundäre Rolle gespielt zu haben. Jedoch setzten einige Autoren der frühen Neuzeit, wie Erasmus von Rotterdam, Francesco Patrizi oder Antonio de Guevara diese Tradition fort. Machiavelli, indem er Der Fürst schrieb, scheint auch zu diesem Kreis zu gehören. Für Allan H. Gilbert repräsentiert sein Buch einen typischen Fürstenspiegel, in dem mehrere deutliche Entlehnungen aus den Schriften seiner Vorgänger zu sehen sind. Er sei zwar talentierter und angeblich auch einflussreicher als sie, sein Werk weiche aber von den früheren weder in der Form noch im Inhalt und der Intention ab. Diese Ansicht zieht in mancherlei Hinsicht berechtigt Parallelen. Als eine zentrale Analogie zu den zeitgenössischen Fürstenspiegeln könnte der für die Renaissance symptomatische Rückbezug auf die Antike in Augenschein genommen werden. Das Altertum ist allerdings nicht homogen und wie in jeder anderen Epoche der Weltgeschichte finden sich in ihr zahlreiche sich gegenseitig widersprechende Beispiele des menschlichen Verhaltens. Zudem zeigt eine Analyse dieser Rückbezüge, dass während für Machiavelli als Hauptbezugspunkt das antike Rom fungierte, die meisten Humanisten seiner Zeit lieber auf Griechenland zurückgriffen. Während Erasmus der platonischen Erziehung des Königs-Philosophen, indem er schreibt, dass „wer kein Philosoph gewesen ist, kann kein Herrscher sondern nur ein Tyrann sein[8], ergeben war, lobt Machiavelli Catos Beschluss, dass kein Philosoph in Rom aufgenommen werden sollte[9]. Auch, wenn sowohl Machiavelli als auch Erasmus oder Guevara[10] auf Aristoteles und Plutarch zurückgreifen, liegen diesen Bezügen verschiedene Intentionen zugrunde und wurden dementsprechend verschieden interpretiert.

[...]


[1] Der Brief an Francesco Vettori (10.12.1513), in: Niccolo Machiavelli Politische Schriften, Hrsg. Von Herfried Münkler

[2] z. B. Augustus Niphus, noch vor der Publikation von Der Fürst, veröffentlichte er im Buch De regnandi perita -als seine eigenen ausgewiesen- die Theorien von Machiavelli (Grundlage: Antonina Kłoskowska, Machiavelli jako humanista na tle włoskiego odrodzenia, Zakład imienia Ossolińskich we Wrocławiu, Łódź 1954 )

[3] Jacob Burckhardt Państwo jako dzieło sztuki, [w:] Kultura Odrodzenia we Włoszech, PIW, Warszawa 1991

[4] Das Vorwort zur Leonardo Brunis Übersetzung von Aristoteles’ Politik (zitiert nach: B. Suchodolski, I. Wojnar, Humanizm i edukacja humanistyczna. Wybór tekstów, Warszawa 1988)

[5] Homer und Hesiod ,IX-VIII Jahrhundert vor Christus

[6] z.B. Agapetus, Scheda Regia (527 n.Chr.), Thomas von Aquin De regimine principum ad regem Cypri (1271-73 oder 1265-67), Aegidius Romanus, De regimine principum libri III ad Francorum Regem Philippum IIII Cognomento Pulchrum (13/14 Jrh.),

[7] Obwohl die angeblich erste Verwendung des Spiegelmotivs in diesem Zusammenhang in der Schrift De Clementia, die Seneca Kaiser Nero widmete, zu finden ist: „Über die Milde habe ich mir vorgenommen zu schreiben, um Dir, Nero Cesar, Deinen Aufstieg zur größten Zierde des Gemeinwesens gewissermaßen im Spiegel zeigen zu können“ (zitiert nach: Fürstenspiegel der Frühen Neuzeit, hrsg. H. Maier, M. Stolleis, Insel Verlag 1997)

[8] Erasmus von Rotterdam, Institutio Principis Christiani (Auszüge) in: Politische Testamente und andere Quellen zum Fürstenethos der frühern Neuzeit, hrsg. Heinz Duchhardt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1987

[9] Niccolo Machiavelli, Geschichte von Florenz, Fünftes Buch, in: Niccolo Machiavelli Politische Schriften,

[10] Obwohl der größte Teil seiner Zitate von ihm selbst verfasst wurde und nur antiken Autoren zugeschrieben wird.

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Details

Titel
Machiavelli und der humanistische Tugendkatalog
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Machiavellis politische Theorie
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V54365
ISBN (eBook)
9783638495905
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Tugendkatalog, Machiavellis, Theorie
Arbeit zitieren
Agnieszka Walorska (Autor), 2006, Machiavelli und der humanistische Tugendkatalog, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54365

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