Der Leib als Ausgangspunkt aller Erfahrungen ist das Zentrum aller Sinneswahrnehmungen und Tätigkeiten. Er beherbergt die Sinnesorgane und dient als Ganzes der Eigen- und Weltwahrnehmung. Die ersten Erfahrungen mit seiner individuellen Leiblichkeit macht das Kind durch Gefühle wie hungrig und satt sein, lustvolles und schmerzhaftes Erleben, Geborgenheit und Angst fühlen und im spielerischen Spüren und Entdecken seines Körpers.
Sich in Einklang befinden mit seiner Leiblichkeit, sich in seinem Körper wohl – zu Hause – zu fühlen, sind zentrale Grundvoraussetzungen für die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes. Sind diese Voraussetzungen beeinträchtigt, ist auch eine erschwerte Selbstwahrnehmung zu erwarten.
Diese Arbeit zeigt auf, wie das Phänomen der Leiblichkeit die Basis bildet für die Anerkennung eines Menschen in seinem einzigartigen und unverkennbaren Person-Sein. Es wird eine Form heilpädagogischer Arbeit skizziert, die immer auch an der Beziehung interessiert und dialogisch orientiert ist.
So fühlt sich die betreffende Person Ernst genommen und akzeptiert, so, wie sie ist, und mit allen ihren (für andere oft unverständlichen) Eigenschaften. Der Ausspruch Sokrates’ – ich weiss, dass ich nichts weiss – ist in einem solchen Setting wegleitend, um – vielleicht – mit der Zeit in die Lage zu kommen, etwas von dem verstehen zu können, was der Partner oder die Partnerin selber durch leibliches Verhalten mitteilt.
Eine Vertiefung in dieses grundlegenden Konzepte lohnt sich für alle, die auf der Basis einer leiborientierten Pädagogik partnerschaftliches Lehren und Lernen von und mit Menschen mit schweren Behinderungen praktizieren wollen!
Inhaltsverzeichnis
1. Begründung der Themenwahl
2. Hinwendung zum Thema: Leiblichkeit als Konstante menschlichen Seins
3. Konsequenzen – Gedanken zur heilpädagogischen Praxis
4. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Grundphänomen der Leiblichkeit innerhalb der Heilpädagogik, insbesondere im Kontext der Arbeit mit Menschen mit schweren geistigen Behinderungen. Ziel ist es, den menschlichen Körper nicht als defizitäres Objekt, sondern als fundamentale Basis für Beziehung, Kommunikation und Anerkennung von Personsein zu begreifen und eine dialogische Haltung in der heilpädagogischen Praxis zu fördern.
- Bedeutung der Leiblichkeit als verbindendes Element des Menschseins.
- Kritische Auseinandersetzung mit defizitorientierten Definitionen von Behinderung.
- Die Rolle der dialogischen Begegnung in der pädagogischen Arbeit.
- Verbindung von Basaler Stimulation und Basaler Kommunikation mit dem Leib-Konzept.
- Plädoyer für eine wertschätzende, nicht-normative heilpädagogische Grundhaltung.
Auszug aus dem Buch
3. Konsequenzen – Gedanken zur heilpädagogischen Praxis
Die Frage von Behinderung wird durch das dargestellte Konzept der Leiblichkeit radikal umgekehrt, und die Beweislast liegt plötzlich beim sogenannt Nichtbehinderten, bei mir: Verfüge ich über die notwendigen Fähigkeiten, um in meinem Gegenüber – wie es sich auch immer darzustellen vermag – einen Menschen zu sehen und mit ihm in den Dialog zu treten? In diesem Sinne ist auch die Frage zu verstehen, die anlässlich einer Diskussionsveranstaltung an P. Singer gestellt wurde: „Wenn Sie, Herr Singer, einem Menschen mit Down-Syndrom begegnen - begegnen sie einem Menschen, dessen geistige Fähigkeiten begrenzt sind, oder begegnen Sie den Grenzen Ihrer Möglichkeiten, diesen Menschen zu verstehen?" (Kürten, 1996, S. 452). Es geht also um meine begrenzten Möglichkeiten, einen andern Menschen verstehen zu können, und ich bin aufgefordert, meine Beschränkungen zu erkennen und zu versuchen, die Grenzen so weit wie möglich zu verschieben, hin zu einer gemeinsamen, dialogischen Daseinsgestaltung.
Dazu muss ich auch meine Sichtweise von Gesundheit und Krankheit erweitern. Ein Versuch dazu hat zwar bereits die WHO (Weltgesundheitsorganisation) gemacht, indem sie mit nachfolgender Definition auf ein auf breiteres Verständnis hinweist:
Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung. (Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, 1946)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begründung der Themenwahl: Der Autor reflektiert seinen persönlichen Zugang zum Thema und beschreibt, wie seine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung sein Verständnis von Leiblichkeit als Ausdrucksmedium prägte.
2. Hinwendung zum Thema: Leiblichkeit als Konstante menschlichen Seins: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen des Leibbegriffs und kritisiert die gesellschaftliche Tendenz, Menschen über rationale Leistungskriterien zu definieren und auszugrenzen.
3. Konsequenzen – Gedanken zur heilpädagogischen Praxis: Hier werden praktische Implikationen abgeleitet, wobei die heilpädagogische Fachkraft dazu angehalten wird, den Fokus auf die dialogische Begegnung und die eigene Wahrnehmungsfähigkeit zu legen.
4. Schlussbetrachtungen: Der Autor resümiert, dass technische Konzepte wie die Basale Stimulation nur dann sinnvoll sind, wenn sie auf einer wertschätzenden, leiborientierten Haltung gegenüber dem Individuum gründen.
Schlüsselwörter
Leiblichkeit, Heilpädagogik, geistige Behinderung, dialogische Existenz, Basale Stimulation, Menschenbild, Inklusion, Wahrnehmung, Kommunikation, Integration, Subjektivität, Ethik, Körperlichkeit, Beziehungsgestaltung, Personsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die philosophische und heilpädagogische Bedeutung der Leiblichkeit im Umgang mit Menschen mit schweren geistigen Behinderungen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die kritische Reflexion von Normvorstellungen, das Konzept der leiborientierten Pädagogik und die dialogische Beziehungsgestaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine leiborientierte Sichtweise dazu beitragen kann, behinderte Menschen jenseits von Defizitzuschreibungen als gleichwertige Partner zu begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-reflexive Auseinandersetzung, die auf Literaturstudium, philosophischen anthropologischen Konzepten und der Reflexion eigener Praxiserfahrungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Ausgrenzung durch normatives Denken und kontrastiert dies mit dem Verständnis von Leiblichkeit als Ort der Begegnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Leiblichkeit, Heilpädagogik, Dialog, Personsein, Inklusion und die Überwindung defizitorientierter Sichtweisen.
Warum ist der Leibbegriff für die Arbeit mit Schwerstbehinderten so wichtig?
Weil der Leib den fundamentale Ort der Beziehung bildet, besonders wenn konventionelle sprachliche Kommunikation nicht oder nur rudimentär möglich ist.
Wie steht der Autor zur "Basalen Stimulation"?
Der Autor schätzt solche Konzepte, betont jedoch, dass sie wertlos sind, wenn sie nur als rein technische Handgriffe ohne zugrundeliegende ethische Haltung angewendet werden.
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- Kurt Hemmann (Author), 2006, Leiblichkeit und Interaktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54369