Familiäre Hilfen für schwer erkrankte Menschen

Erkundet in der Hämatoonkologie


Diplomarbeit, 2004

213 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Schwerkranke Menschen und deren Familie
2.1. Untersuchungsanlass: unzureichende Klärung der Rolle der Familie von schwerkranken Menschen
2.1.1. Was ist Familie?
2.1.2. Was ist Gesundheit und was ist Krankheit?
2.2. Untersuchungsgegenstand: hämatoonkologisch erkrankte Menschen und deren Familie
2.3. Vorstellung der hämatoonkologischen Erkrankung: eine Einführung in Krankheitsbilder und Therapie
2.4. Eigenes Untersuchungsinteresse: Wie haben schwerkranke Menschen ihre Familie unterstützend erlebt?

3. Metaphern des Helfens
3.1. Scherpners Verständnis von Hilfe: Hilfe als Urform gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Lebens
3.2. Heideggers Verständnis von Fürsorge: Hilfe passiert durch die Sorge um den Mitmenschen
3.3. Psychologisches Verständnis von Hilfe: Hilfe in Form von altruistischem Verhalten

4. Einführung in die Methodik meiner Untersuchung
4.1. Überlegungen bei der Auswahl der Untersuchungsmethode
4.2. Untersuchungsschritte biographischer Forschung
4.3. Betrachtungen über mögliche Probleme bei meiner Untersuchung
4.4. Wissenschaftsverständnis von biographischer Forschung

5. Beschreibung des Untersuchungsverlaufs
5.1. Vorbereitung der Interviews
5.1.1. Erstellung einer Studienaufklärung und Einverständniserklärung
5.1.2. Anfertigung eines Interviewleitfadens
5.2. Durchführung eines Probeinterviews
5.3. Auswahl der Untersuchungsteilnehmer
5.4. Durchführung der Interviews
5.5. Transkription der Interviews
5.6. Analyse und Interpretation der Interviews
5.7. Forschungstagebuch

6. Erfassen der Interviews
6.1. Familie Preußen
6.2. Familie Regen
6.3. Familie Mund
6.4. Familie Staubhuber

7. Ergebnisse der Untersuchung
7.1. Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei den befragten Patienten und deren Familien
7.2. Familienverhältnisse und das Verständnis von Familie bei den Interviewpartnern
7.3. Reichweite von familiärer Hilfe bei den einzelnen Familien
7.4. Merkmale familiärer Hilfen für schwer erkrankte Menschen
7.4.1. Familiäre Hilfe aufgezeigt durch geleisteten Beistand von den Angehörigen
7.4.2. Familiäre Hilfe hervorgerufen durch die Sorge um Angehörige
7.4.3. Familiäre Hilfe durch die Verbundenheit der Menschen, die sich lieben

8. Schlussbetrachtung

Anlagen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die politische Diskussion um das deutsche Gesundheitswesen macht einmal mehr deutlich, wie stark die Blickrichtung sowohl der Kritiker als auch der „Reformer“ auf die humanmedizinische Versorgung von Patienten ausgerichtet ist. Von explodierenden Kosten bei der ärztlichen Behandlung ist die Rede, von notwendigen drastischen Einsparungen bei den Therapieangeboten und einer Distanzierung von nicht wissenschaftlich belegten Therapien.[1]

Ob dies wirklich der richtige Weg ist, bei der politischen Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit stets ökonomische Aspekte einzuschließen und sich allein auf die humanmedizinische Versorgung zu stützen bleibt fraglich. Ich plädiere eher dafür, bei dieser Überlegung den Patienten, den Menschen und sein Lebensumfeld in den Vordergrund zu stellen.

Ich möchte in dieser Arbeit versuchen herauszufinden, was das „Menschliche“ beim Umgang mit Patienten ist und zeigen, wie schwerkranke Menschen eine soziale Gruppe - wie die Familie - hilfreich erlebt.

Die Medizin beschäftigte sich zunächst mit der Frage, ob ein Zusammenhang zwischen familiärer Einflussnahme und der Entstehung von Krebs[2] besteht. Die Vermutung, dass gewisse Einflüsse aus und durch die Familie die Bildung einer malignen[3] Erkrankung fördern, hat sich lange in der Wissenschaft gehalten. Die Forscher waren der Ansicht, mit Untersuchungen darlegen zu können, dass ein Zusammenhang bestehe, in der Art und Weise wie ein Kind in der Familie erzogen werde und wie es seine emotionalen Bedürfnisse befriedigen könne. „Wer später an Krebs erkrankt, hatte meistens als Kind ein kaltes, abstoßendes Elternhaus erlebt, in dem äußerliche Perfektion und Scheinfrieden mehr galt, als spontane Herzlichkeit. Oder aber es gab einen übertrieben liebevollen Elternteil, der dem Kind gegenüber perfektionistische Ansprüche stellte.“[4]

Vergleichende Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen, bei denen Tumorpatienten angaben, ihre Eltern bzw. ein Elternteil als wenig liebevoll und wenig „schutzgefühlvermittelnd“ empfunden zu haben.[5]

Ich bin davon überzeugt, dass bei den genannten Thesen große Skepsis angebracht ist - alle neueren Untersuchungen halten der Ansicht nicht stand, dass die Familie verantwortlich für eine Krebserkrankung ist und auch die Definition und Etikettierung einer „Krebspersönlichkeit,“[6] wie sie von Wissenschaftlern beschrieben wurde, nicht weiter aufrecht zu halten[7] ist - abgesehen von der Frage, welchen Nutzen Krebspatienten von solchen Feststellungen haben.

Weitere Untersuchungen haben sich über Faktoren, die für erkrankte Menschen Hilfe bieten könnten Gedanken gemacht, insbesondere zu Coping-[8] und Krankheitsbewältigungsstrategien.[9]

Bei der Erforschung wie krebskranke Menschen ihrer Krankheit begegnen um diese zu bewältigen, wurde neben den Patienten selbst auch deren Umfeld mit einbezogen. Dabei wurde dokumentiert, dass die Familie eine wichtige Funktion bei der Unterstützung des Erkrankten einnimmt.[10]

Durch meine mehrjährige Tätigkeit als Krankenpfleger auf einer Station für Knochenmarktransplantation formte sich mein Bild über die Wichtigkeit der familiären Hilfe.

Ich arbeitete damals mit Patienten, die an einer hämatoonkologischen[11] Erkrankung wie Leukämie erkrankt waren, welche als überwindbare, lebenslange oder auch mit dem Tode endende Krankheit von Betroffenen und deren Familie erlebt wurde. In dieser Zeit habe ich Patienten mit zahlreichen Problemen und ihren jeweiligen Bewältigungsstrategien kennen gelernt. Die Menschen mussten sich an ein völlig verändertes Leben anpassen, wenn z. B. Nahrungsaufnahme und Leistungsfähigkeit in Folge einer Chemotherapie beeinträchtigt war und sie in eine Abhängigkeit - durch fortwährende Untersuchungen und der ständigen Verabreichung von Medikamenten - der medizinischen Versorgung gerieten. Es entwickelten sich vielfältige psychische Belastungen wie Depressionen und Zukunftsängste, wenn z. B. materielle Konsequenzen durch den Verlust des Arbeitsplatzes auf Grund einer entstandenen Erwerbsunfähigkeit drohten.

Die betroffenen Menschen hatten meist ganz unterschiedliche Wahrnehmungen über das was ihnen ihrer Meinung nach geholfen hat mit den Problemen zurechtzukommen. Auffällig war, dass sie neben der medizinischen und pflegerischen Betreuung oft die Familie als wichtigste Ressource[12] bei der Überwindung ihrer Ausnahmesituation erwähnten.

Die Ausgangsthese meiner Arbeit ist, dass Familie von einem schwerkranken Menschen als hilfreich erlebt wird. Um zu versuchen diese Mutmaßung zu belegen, möchte ich zunächst herausfinden, wie bei schwerkranken Menschen Familie erlebt wird und was genau die Familienmitglieder machen, was als Unterstützung von den erkrankten Menschen gewertet wird.

Bei dieser Untersuchung geht es nicht um verallgemeinerbare theoretische Aussagen, da vermutlich die Familie ganz unterschiedlich als förderlich wahrgenommen wird sondern um die Beschreibung von Phänomenen wie Familie anhand einiger beschriebener Modelle unterstützend erlebt werden kann.

Mein methodisches[13] Vorgehen orientiert sich an der Arbeitsweise der Biographieforschung, welche in der Arbeit genauer erläutert wird.

Das eingesetzte Erhebungsinstrument Biographiearbeit scheint für mich bei dieser Arbeit besonders geeignet, da es in der Lage ist detail- und facettenreich die Lebenssituation eines Menschen darzustellen.

Die Ergebnisse von Interviews, durchgeführt mit hämatoonkologisch erkrankten Patienten und deren Familien, sind der in dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Untersuchungsgegenstand.

Mit Patienten sind in meiner Arbeit die Personen gemeint, die in ihrem Leben an einer hämatoonkologischen Erkrankung gelitten haben, oder die zu dem Zeitpunkt der Untersuchung noch erkrankt sind.

Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit der Untersuchungsanlass und der Untersuchungsgegenstand beschrieben, mein eigenes Untersuchungsinteresse vorgestellt, so wie die Entwicklung der Leitfrage meiner Erkundung. Da ich den Strukturen auf den Grund gehen möchte, die familiäre Hilfe bei schwer erkrankten Menschen bedingen, beinhaltet dieses Kapitel eine Auseinadersetzung mit dem Begriff Familie und der Betrachtung der Definition von Gesundheit und Krankheit.

Im Kapitel drei der Arbeit befasse ich mich mit der Darstellung verschiedener Begriffe der Hilfe. Ausgangspunkt ist die Frage, wie familiäre Hilfe definiert werden kann, und welche Stellung Hilfe im Leben in einer Gesellschaft einnimmt. Dem vorausgehend stellt sich die Frage nach der Idee der Hilfe - welche ich in diesem Kapitel genauer entwickeln werde.

Das Kapitel vier beginnt mit der Überlegung zur Auswahl meiner Untersuchungsmethode. Anschließend wird in die Methode der Biographieforschung kurz eingeführt, das Wissenschaftsverständnis von biographischer Forschung erläutert und Überlegungen über mögliche Probleme, die während des Gesprächs auftauchen können, wiedergegeben.

Im Kapitel fünf wird der genaue Verlauf meiner Untersuchung in einzelnen Schritten beschrieben, wie z. B. Vorbereitung, Auswahl der Untersuchungsteilnehmer und der jeweilige Interviewverlauf. Des Weiteren werden eigene Überlegungen meiner methodischen Vorgehensweise der Untersuchung erläutert und begründet.

Das Kapitel sechs gibt einen Überblick über den Inhalt der geführten Interviews, strukturiert nach festgelegten Kriterien.

Im Kapitel sieben werden die Gesprächsergebnisse dargestellt, welche die Untersuchung erbracht hat. Dabei steht die Beschreibung im Mittelpunkt, wie die einzelnen Patienten ihren Krankheitsverlauf und welche Form der Hilfe sie erlebt haben.

Das Kapitel acht beinhaltet eine Zusammenfassung meiner Arbeit und einen Ausblick auf mögliche Anschlussprojekte.

Mein Vorgehen versteht sich nicht als Verlaufsstudie,[14] die theoretisch Modelle nachprüft - die Arbeit kann eher als experimentelle Untersuchung mit Erkundungscharakter gesehen werden, die keine allgemeingültigen Aussagen trifft - und schon gar nicht Handlungsanweisungen an die Hand gibt. Diese Diplomarbeit kann jedoch die Aufmerksamkeit auf die Komplexität der Probleme lenken, die für einen an Leukämie Erkrankten und dessen Familie entsteht.

Die gesamte Arbeit ist in der rein männlichen Form verfasst, um Wortanhängsel zu vermeiden, die meiner Meinung nach den Lesefluss beinträchtigen würden. Dennoch möchte ich betonen, bei meinen Gedanken beide Geschlechter gleichermaßen zu vertreten.

Fachbegriffe werden bei der ersten Nennung erklärt, eigene Hervorhebungen erscheinen im Text kursiv gedruckt oder in „Anführungszeichen“ gesetzt.

Mein Dank gilt Prof. Dr. Hiddemann dem Chefarzt der Medizinischen Klinik III des Klinikums Großhadern und Prof. Dr. Kolb, Oberarzt und Leiter der Abteilung für Knochenmarktransplantation am Klinikums Großhadern für ihre Bereitschaft die Erkundung zu ermöglichen, Frau Dr. Tanja Vollmer, die den Gedanken dieser Untersuchung mitgetragen hat und mir auf vielfältige Weise mit Wissen und Ermunterungen zur Seite stand so wie Frau Dunja Kohls und Frau Margarethe Roth für ihre Unterstützung bei der Suche nach Interviewpartnern.

Ausdrücklich danke ich meinen Interviewpartnern, die mir ihre Zeit und Erfahrung zur Verfügung gestellt haben, ferner Herrn Prof. Dr. Terhorst für die Betreuung meiner Diplomarbeit - für seine kritischen und förderlichen Hinweise.

Widmen möchte ich diese Arbeit allen Menschen, die in einer Lebenskrise Halt von ihrer Familie fanden: Mögen deren Bemühungen erfolgreich sein.

2. Schwerkranke Menschen und deren Familie

In diesem Kapitel möchte ich erörtern, wie es zu meinem Anliegen kam, nach der Bedeutung der Familie bei schwerkranken Menschen zu fragen.

Ich werde kurz den Untersuchungsanlass darlegen, eingebunden mit der Behandlung der Fragen: Was ist Familie? Was ist Gesundheit und Krankheit? Des Weiteren werde ich den Untersuchungsgegenstand verbunden mit einer Einführung in die hämatoonkologische Erkrankung und mein Untersuchungsinteresse beschreiben.

2.1. Untersuchungsanlass: unzureichende Klärung der Rolle der Familie von schwerkranken Menschen

Bei der Suche nach besseren Behandlungsmöglichkeiten von kranken Menschen hat man sich meiner Meinung nach lange Zeit fast ausschließlich auf die rein medizinische Betrachtungsweise beschränkt. Inzwischen scheint es mir sehr anerkannt zu sein, auch in der Medizin das Lebensumfeld der erkrankten Menschen bei ihrer jeweiligen Behandlung mit zu berücksichtigen. Ich kann mich erinnern, dass z. B. während meiner Berufstätigkeit als Krankenpfleger eine Organtransplantation nicht aus medizinischen Gründen abgelehnt wurde, sondern weil die Nachbetreuung - durch Angehörige - nicht gesichert war. Denn ein langfristiger Erfolg dieser Therapie ist sehr stark abhängig von einer intensiven Unterstützung des Patienten nach seinem Klinikaufenthalt. Diese ist meist nur bei Personen gegeben, die in einem sozialen Netz – meist in die Familie – gut eingebettet sind.

Ausgangspunkt meiner Überlegung waren die Fragen: Welche Bedeutung hat die Familie für schwerkranke Menschen, wie wird Familie erlebt und welche Art von Unterstützung ein erkrankter Mensch von ihr erfährt.

Mein Gedanke, dass Familie für einen kranken Menschen sehr wichtig ist, wurde durch Ergebnisse von Studien getragen, die sich mit der Frage beschäftigten: was Patienten als hilfreich während ihrer Erkrankung erlebt haben. Hierbei wurde mehrheitlich die Familie als ein großer unterstützender Faktor genannt.[15]

Doch was genau macht die Familie aus, dass sie als so wichtig für die Patienten erscheint?

Ich möchte in dieser Arbeit die Art und Weise der Hilfe, die ein schwerkranker Mensch erfährt herausfinden und beschreiben, welche Rolle die Familie dabei einnimmt.

2.1.1. Was ist Familie?

Um die Rolle, die eine Familie bei schwerkranken Menschen hat, zu beschreiben, bedarf es meiner Ansicht nach eine Klärung der Frage: Was ist Familie? – Sofern eine grundlegende Klärung bei dieser Frage möglich ist.

Familie ist für die meisten Menschen vermutlich etwas unmittelbar Erlebtes. Sie gehört meiner Ansicht nach zu einer der ursprünglichsten Formen sozialer Zusammengehörigkeit und deswegen haben sich Prozesse menschlicher Vergesellschaftung immer wieder am Vorbild der Familie orientiert und ausgerichtet.[16]

Die Familie wurde in vielen Gesellschaften die bedeutendste soziale Lebensform und ist zunächst als eine historisch gebundene Lebensform zu verstehen. Der Begriff „Familie“[17] hat erst am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der deutschen Alltagssprache Eingang gefunden. Vor dieser Zeit gab es nur Umschreibungen, wie z. B. „mit Weib und Kind.“[18]

Die traditionelle Familie wie wir sie in unserem Kulturkreis kennzeichnen erhielt ihre Legalität durch die Eheschließung, eine monogame Lebensweise, die Kontinuität („bis das der Tod euch scheidet“) und die biologische Elternschaft.[19]

Was heißt Familie heute? „Ausgehend von dem heutigen Verständnis des Wortes „Familie“, bezieht sich der Terminus im Wesentlichen auf die in einem Haushalt zusammenwohnenden, miteinander verwandten Personen, heute also fast durchweg nur Eltern oder Elternteile mit ihren noch nicht verheirateten oder nicht selbständigen Kindern.“[20] Diese Haushaltsfamilie ist meist genau abgrenzbar, sie ist durch einen gemeinsamen Haushalt vereint. Die in auf- oder absteigender Linie verlaufende Verwandtschaft ist im heutigen Wortgebrauch von Familie durchaus mitgedacht, aber wird nur im weitläufigen Sinn in das Bild von Familie mit einbezogen. Grundlage für eine Familie ist weiterhin, dass die einzelnen Mitglieder durch Interaktion und Kommunikation miteinander verbunden sind.

Quer durch alle Schichten scheint die Familie als höchstes Lebensideal überlebt zu haben. Den zahlreichen Diskussionen – geführt von der Gesellschaftspolitik, der Kirche und den Medien - die eine Auflösung der Familie erkennen, möchte ich den Wandel der familiären Lebensformen klar entgegensetzen. Für mich ist eine Entwicklung eingetreten, die eine Trennung von biologischen und sozialen Eltern entstehen lässt - sich Patchworkfamilien[21] bilden. Alleinerziehende Mütter und Väter oder homosexuelle Eltern sind nicht mehr als eine abweichende Lebensform zu deuten, sondern haben meiner Ansicht nach durchaus den Status einer familiären Lebensform.

So oft der große Stellenwert der Familie in der und für die Gesellschaft öffentlich betont wird, so wenig findet dieser seine Beachtung in wichtigen Belangen wie der Medizin - wenn z. B. bei der Beschreibung einer Krankheitsgeschichte nur auf die personenzentrierten Fakten geachtet und nur diese genannt werden. Klassisch lautet die erste Frage des Arztes nach der Begrüßung: „Wann hatten sie diese Beschwerden das erste Mal und beschreiben sie diese bitte genauer?“ Der Arzt beginnt die Angaben des Kranken zu interpretieren und stellt aus der „Krankheitsgeschichte“ eine Diagnose und überlegt sich eine konvenable Therapie. (Dies setzt beim Arzt Verstehensbereitschaft und die Verstehensfähigkeit voraus - beides ist auf Grund der Zeitnot beim Kontakt mit den Patienten und der naturwissenschaftlich orientierten Ausbildung des Arztes oft nicht gegeben).

Die Frage nach der bisherigen Lebensweise des Patienten und seiner individuellen Einstellung zu der Erkrankung bleibt meist unberücksichtigt. Die Konzentration richtet sich meist nur auf den Patienten, wogegen Eltern, Partner, Geschwister und Kinder selten mit einbezogen werden - wären diese Angaben nicht nur für eine umfassende Anamnese[22] sondern auch für eine geschlossene[23] Behandlung hilfreich.

2.1.2. Was ist Gesundheit und was ist Krankheit?

Um das Thema meiner Untersuchung – familiärer Hilfe bei schwerkranken Menschen - noch genauer zu fassen, möchte ich vorab eine Einführung zu der Frage geben: was ist Gesundheit und was ist Krankheit. Ein allgemeingültiger Begriff von Krankheit wurde in der europäischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte bislang ebenso wenig gewonnen wie ein allgemeingültiger Gesundheitsbegriff. Es gibt die Gesundheitsdefinition von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die international beachtet wird: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen.“[24]

Anerkennend an dieser Definition ist meines Erachtens, dass Gesundheit nicht als reine Negation von Krankheit bestimmt wird, sondern dass Gesundheit auch auf soziale und geistige Bereiche bezogen wird. Der Mangel an dieser Definition liegt meiner Meinung nach aber in der übertriebenen Hochschätzung von Gesundheit und der starken Begrenzung, wer sich bei dieser Definition als gesund betrachten darf. Gesundheit kann ebenso als Fähigkeit bezeichnet werden, mit Behinderungen und Schädigungen leben zu können.

[...]


[1] Siehe Broschüre: Die Gesundheitsreform: Eine gesunde Entscheidung für alle! Herausgegeben vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung 2003

[2] Der Begründer des Begriffes carciaoma (gr. Karkinos - Krebs. gr. nomao - zerfressen) war vermutlich Hippokrates. Er wollte damit eine bösartige Krankheit kennzeichnen, die sich über de ganze Körper ausbreitet und den Tod zur Folge hat. Vgl. Schwarz, Reinhold: Die Krebspersönlichkeit. Mythos und klinische Realität 1994

[3] bösartig (z. B. von Gewebeveränderungen) Duden Band 5: Das Fremdwörterbuch. 2003a

[4] Lermer, Stephan: Krebs und Psyche, Selbsthilfe als Medizin 1982 S. 58

[5] Vgl. Helmkamp, Michael: Psychosomatische Krebsforschung 1984 S. 46; Langenmayr, Arnold: Familienkonstellation, Persönlichkeitsentwicklung, Neurosenentstehung 1978; Langenmayr, Arnold: Krankheit als psychosoziales Phänomen. Eine Einführung für Mediziner, Psychologen, Soziologen und Berater 1980

[6] Bereits Hippokrates und Galenus vermuteten schon vor ca. 2000 Jahren, dass emotionale Aspekte bei der Entstehung einer Krebserkrankung beteiligt sind. Verschiedene Autoren nahmen den Gedanken auf und sind (weiterhin) der Ansicht, in ihren Untersuchungen hervorstechende Merkmale im Charakter von Krebspatienten entdeckt zu haben, die die Entstehung der Erkrankung begünstigen. Dazu sollen gehören: angepasster Lebensstil, Tendenz zur Selbstaufopferung, schwaches Selbstbewusstsein, mangelndes Durchsetzungsvermögen, Abschiebung von Konflikten, Veranlagung zu depressiven Stimmungen, mangelndes Ausdrucksvermögen von Bedürfnissen und Gefühlen, reduzierte Aufmerksamkeit gegenüber körperlichen Symptomen. Vgl. Schwarz 1994

[7] Vgl. Fegg, Martin, Frick E. In: Manual Psychoonkologie. (Hrsg.) Tumorzentrum 2002

[8] Strategien und Verhaltensweisen zur Stressbewältigung erforscht von R. Lazerus. Siehe Schmidt, L. In: Dorsch, Friedrich (Hrsg.). Psychologisches Wörterbuch 1994

[9] Strategie zur Vermeidung bzw. Überwindung von Krankheiten z. B. bei Patienten, die unter einer Herzerkrankung leiden. Vgl. Kapitel: Selbstmanagement-Therapie nach Kanfer und das Ornish-Programm in Petermann, Franz (Hrsg.): Patientenschulung und Beratung - Ein Lehrbuch 1997

[10] Vgl. Helmkamp Michael: Psychosomatische Krebsforschung. 1984

[11] Hämatoonkologie: Teilgebiet der Medizin, das sich mit bösartigen Bluterkrankungen befasst, zusammengesetzt aus Hämatologie: Teilgebiet der Medizin, das sich mit Blut und Blutkrankheiten befasst und der Onkologie: Teilgebiet der Medizin, das sich mit der Entstehung u. Behandlung von Geschwülsten befasst. Duden 2003a

[12] Hilfsmittel, Hilfsquelle, Reserve; Geldmittel. Duden Band 8: Die Sinn- und Sachverwandten Wörter 2003b

[13] Mit Methode ist ein geregeltes, systematisches und planvolles Vorgehen gemeint, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Vgl. Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie 1994

[14] Auch Längsschnittuntersuchung. Untersuchungseinheiten werden zu verschiedenen Zeitpunkten beobachtet um eine Langzeitentwicklung zu prüfen. Vgl. Hillmann 1994

[15] Vgl. Borasio: Die amyotrophe Lateralsklerose: ein Paradigma. 2002 S. 105- 112;

[16] Vgl. Mitterauer, Michael, Sieder, Reinhard: Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie 1991 S. 14

[17] Entlehnt aus l. familia, zu l. famulus m. „Diener“. Das Wort bedeutet zunächst „Hausgenossenschaft (einschließlich der Sklaven), Gesinde“ und wird dann eingeengt. Adjektiv: familiär. Kluge - Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache 2002

[18] Vgl. Mitterauer, Sieder 1980 S. 19

[19] Vgl. Mitterauer, Sieder, 1991 S. 17f

[20] Mitterauer, Sieder 1980 S. 19

[21] 140.000 Kinder leben allein in Deutschland in familiaren Lebensformen die Patchworkfamilien, Stieffamilie, Zweitfamilie oder Fortsetzungsfamilie genannt werden - Gefüge, das entsteht, wenn Familien sich trennen und die Ehepartner neue Lebensgemeinschaften gründen. Encarta - Enzyklopädie Professional 2003

[22] Krankengeschichte Vgl. Pschyrembel - Klinisches Wörterbuch 257. Auflage 1994

[23] Ich vermeide das in letzter Zeit häufig, (meist leichtfertig) verwendete Wort ganzheitlich, welches sich von dem Begriff totalitär herleiten lässt. Siehe Duden 2003b

[24] Definition der WHO von 1948

Ende der Leseprobe aus 213 Seiten

Details

Titel
Familiäre Hilfen für schwer erkrankte Menschen
Untertitel
Erkundet in der Hämatoonkologie
Hochschule
Hochschule München
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
213
Katalognummer
V54383
ISBN (eBook)
9783638496049
ISBN (Buch)
9783638719520
Dateigröße
1134 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich möchte in dieser Arbeit versuchen herauszufinden, was das 'Menschliche' beim Umgang mit Patienten ist und zeigen, wie schwerkranke Menschen eine soziale Gruppe - wie die Familie - hilfreich erlebt. Die Ergebnisse von Interviews, durchgeführt mit hämatoonkologisch erkrankten Patienten und deren Familien, sind der in dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Untersuchungsgegenstand. Mein methodisches Vorgehen orientiert sich an der Arbeitsweise der Biographieforschung
Schlagworte
Familiäre, Hilfen, Menschen
Arbeit zitieren
Martin Hierl (Autor), 2004, Familiäre Hilfen für schwer erkrankte Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54383

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