In der frühen Moderne tritt eine Reihe von Prosatexten auf, in denen Verbrechen und Krankheit als tragende Motive erkennbar sind. Die Literatur auf diesem Gebiet ist reichhaltig; seien es die ganz frühen Texte wie etwa Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel" (1888), Theodor Storms „Ein Bekenntnis" (1887), die „Venus im Pelz" (1870) des Leopold von Sacher-Masochs oder die späteren wie Franz Jungs „Der Fall Gross" (1920). All diese Texte spiegeln eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Frage der Schuldfähigkeit eines psychopathischen oder pathologischen Täters.
Gleichzeitg weisen psychologische und juristische Schriften der frühen Moderne ebenso auf eine analytische Diskussion der Grenzen und Konsequenzen von Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit. So etwa Franz von Liszt mit „Die strafrechtliche Unzurechnungsfähigkeit" (1896), Max Nordau mit „Entartung" (1892) und natürlich auch Erich Wulffen mit seiner „Kriminalpsychologie. Psychologie des Täters" (1926) u.a.
Hermann Hesse bearbeitet mit „Klein und Wagner" ein kapitalverbrechen, mit historischem, seinerzeit aktuellem, Hintergrund. Der Schriftsteller geht in seiner Novelle zwar nicht explizit mit der Frage der Schuldfähigkeit um. Einsichten in die Welt der Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Intuition Friedrich Kleins, der Hauptfigur der Erzählung, werden dafür umso mehr gewährt.
Von welchem Konflikt handelt die oft bloß als Kriminalgeschichte verstandene Novelle „Klein und Wagner"? Was ist das Motiv für die überraschende Tat Kleins? Welche Funktion übernimmt der historische Fall Wagner für die Erzählung? Impliziert die Darstellung der Ereignisse einen bestimmten Umgang mit Straftätern und trägt Hesse so seinen Teil zur Diskussion über strafrechtliche Belangbarkeit bei? Diesen Fragen werden in der vorliegenden Arbeit untersucht.
Zunächst erhalten Sie einen Überblick über Stationen und Zeugnisse aus Hermann Hesses Biographie, die unmittelbar auf die Erzählung "Klein nd Wagner" bezogen werden können. Darauf folgt eine Inhaltsangabe und eine kurze Analyse der relevanten formalen Aspekte. Die anschließende inhaltliche Analyse setzt sich mit dem Charakter Friedrich Klein sowie der Figur Wagner auseinander. Nachdem auf einige Verbindungen zwischen Klein, Wagner und dem Autor Hermann Hesse selbst hingewiesen wird, werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und auf die genannten Fragen hin geordnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Hinführung zum Thema
2. Biographische Hinweise zu Hermann Hesse
3. Kurze Inhaltsangabe der Novelle „Klein und Wagner“
4. Analyse von „Klein und Wagner“
4.1. Formale Aspekte
4.2. Inhaltliche Aspekte
4.2.1. Der Charakter Friedrich Klein
4.2.1.1. Der kleinbürgerliche Beamte Friedrich Klein
4.2.1.2. Der unkonventionelle Verbrecher Friedrich Klein
4.2.2. Die Figur Wagner
4.2.3. Verbindungen zwischen Klein, Wagner und Hesse
5. Ergebnisse
5.1. Die Funktion des Falles Wagner
5.2. Der Konflikt
5.3. Das Motiv
5.4. „Klein und Wagner“ als Beitrag zur Diskussion um strafrechtliche Belangbarkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Konstruktion von Verbrechen und Krankheit in Hermann Hesses Novelle „Klein und Wagner“ unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen und sozialen Konflikte der Hauptfigur sowie der Verflechtung mit der Biografie des Autors.
- Analyse der formalen Erzählstruktur und deren Wirkung auf den Leser.
- Untersuchung des inneren Konflikts zwischen bürgerlichen Normen und individuellem Freiheitsdrang.
- Psychologische Deutung der Figur Wagner als Projektion und Symbol für Unterdrücktes.
- Aufzeigen autobiografischer Parallelen zwischen Klein, Wagner und Hesse.
- Reflektion über gesellschaftliche Mitverantwortung bei der Entstehung von Verbrechen.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Der Charakter Friedrich Klein
Friedrich Klein ist einer Wandlung unterworfen, die durch zwei Zustände besonders deutlich wird. Zum einen ist er der kleinbürgerliche Bankbeamte, der streng den Vorgaben der Gesellschaft folgt, zum anderen ist er der freiheitsliebende Kriminelle, der stark von den eigenen Bedürfnissen geleitet wird.
Klein selber beschreibt die beiden Seiten metaphorisch mit den Worten: “Mit mir [Klein] steht es so, daß ich nach einem langen braven und fleißigen Leben eines Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt muß ich untergehen oder fliegen lernen“ (S.87) Das Nest steht hier für ein behütetes, geregeltes, bürgerliches Leben mit seinen einschränkenden Normen und Gesetzen, die einem manche Entscheidung abnehmen bzw. erleichtern können, wenigstens aber einen festen Leitfaden für die Lebensführung abgeben. Das Fliegen dagegen ist ein Bild für ein unabhängiges, auf sich selbst gestelltes und vom eigenem Urteil und Urteilsvermögen abhängiges, ungebundenes und freies Leben.
Man kann also von zwei verschiedenen Friedrich Kleins sprechen. Einerseits von dem, der vor allem die Meinung seines Verstandes und Gewissens gelten läßt, andererseits von dem, der vor allem die Stimme seines Herzens und Wollens gelten läßt. „Es waren immer zwei Friedrich Klein dagewesen, ein sichtbarer und ein heimlicher, ein Beamter und ein Verbrecher, ein Familienvater und ein Mörder.“ (S.62)
Diese beiden Seiten, die den zentralen inneren Konflikt der Erzählung ausmachen, näher zu betrachten und stärker auszuleuchten ist für das Verständnis der Novelle jenseits einer einfachen Kriminalgeschichte von großer Hilfe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Hinführung zum Thema: Die Einleitung bettet das Werk in den Kontext der frühen Moderne ein und stellt die Auseinandersetzung mit Schuldfähigkeit und psychischen Abweichungen dar.
2. Biographische Hinweise zu Hermann Hesse: Dieser Abschnitt beleuchtet die persönlichen Krisen und Entwicklungsschritte des Autors, die maßgeblich in die Erzählung eingeflossen sind.
3. Kurze Inhaltsangabe der Novelle „Klein und Wagner“: Es folgt eine prägnante Zusammenfassung der Handlung, von der Flucht Kleins bis zu seinem Suizid.
4. Analyse von „Klein und Wagner“: Dieser Teil analysiert die erzähltechnischen Mittel, den Charakter des Protagonisten, die symbolische Funktion der Wagner-Figur und die autobiografischen Verbindungen.
5. Ergebnisse: Das Fazit führt die Analyseschritte zusammen und bewertet die Novelle als Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion über die Verantwortung von Erziehung und Normen.
Schlüsselwörter
Hermann Hesse, Klein und Wagner, Kriminalgeschichte, Schuldfähigkeit, Psychologie, frühe Moderne, bürgerliche Normen, Identität, Selbstverwirklichung, Projektion, autobiografisches Werk, innerer Konflikt, Ernst Wagner, Individualität, Unterdrückung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse von Hermann Hesses Novelle „Klein und Wagner“ und untersucht, wie der Autor das Verhältnis von Verbrechen, Krankheit und individueller Identität darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der Konflikt zwischen bürgerlichen Erwartungen und dem inneren Selbst, die Bedeutung der Figur Wagner als Symbol für unterdrückte Triebe sowie die autobiografische Dimension des Werks.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Beweggründe für die Handlungen der Hauptfigur Friedrich Klein zu deuten und aufzuzeigen, wie das Werk als kritischer Beitrag zur Diskussion über strafrechtliche Belangbarkeit und gesellschaftliche Verantwortung fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl formale Aspekte (wie Erzählperspektive und Sprachrhythmus) als auch inhaltliche Motive untersucht und durch biographische Bezüge zu Hermann Hesse ergänzt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse des Textes sowie eine detaillierte inhaltliche Untersuchung der beiden Identitäten Kleins und der symbolischen Mehrschichtigkeit der Figur Wagner.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Entfremdung, psychologische Projektion, gesellschaftliche Normierung, der Wunsch nach individueller Freiheit und die Schnittstelle zwischen Literatur und Lebensgeschichte.
Warum spielt der Name „Wagner“ eine so zentrale Rolle im Text?
Der Name steht für eine dreifache Projektion: Er erinnert an den Komponisten Richard Wagner, den realen Mörder Ernst Wagner und fungiert schließlich als Spiegel für Kleins eigenes, unterdrücktes Ich.
Wie bewertet die Arbeit die Schuld des Protagonisten?
Die Arbeit argumentiert, dass Klein nicht aus einer verbrecherischen Absicht handelt, sondern unter einem enormen psychologischen Druck steht, der durch ein als „Korsett“ empfundenes bürgerliches Leben ausgelöst wurde.
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- M. A. Patrick Schinowski (Author), 2001, Untersuchungen im Zusammenhang mit Verbrechen und Krankheit in Hermann Hesses 'Klein und Wagner', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54430