Die Darstellung der Scholaren in der Authentica Habita

Quorum scientia mundus illuminatur


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Forschungsstand und Quellenlage

2. Das Scholarenprivileg von 1155
2.1 Entstehung und Überlieferung.
2.2 Form des Scholarenprivilegs.
2.3 Inhalt des Scholarenprivilegs.

3. Die Darstellung der Scholaren in derAuthentica Habita

4. Interpretation des Urkundeninhaltes
4.1 Wanderschaft unter Lebensgefahr
4.2 Das Göttliche und Heilige Recht
4.3 Wissenschaft erleuchtet die Welt und macht das Leben der Untergebenen gebildet
4.4 Liebe zur Wissenschaft
4.5 Armut

5. Fazit

6. Anhang. Quelltexte nach Stelzer und MGH

7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen.
7.2 Literatur

1. Einleitung

Die KönigsurkundeAuthentica Habita, auch bekannt als Scholarenprivileg Friedrich Barbarossas, markiert einen großen Schritt für die Entwicklung der europäischen Universitäten im europäischen Mittelalter. Die konkreten Auswirkungen für die Studenten des Deutschen Reiches, die sogenannten Scholaren, waren weitreichend und von existenzieller Bedeutung. Außerdem beschreibt die Urkunde Lebensumstände und Motive der Scholaren in besonderer Weise. Diese Arbeit setzt sich mit genau dieser Beschreibung des Scholarenstandes in derAuthentica Habitaauseinander. Im ersten Abschnitt über die Quelle, wird deren Entstehung und Überlieferung herausgearbeitet, ihre Form betrachtet, und der Inhalt wiedergegeben. Anschließend wird das Bild des Scholarenstandes in der Urkunde nachgezeichnet und abschließend mit der historischen Hermeneutik interpretiert. Dabei wird deutlich werden, wie stark die Urkunde von der Autorenschaft der Bologneser Rechtsgelehrten geprägt ist, die mit derAuthentica Habitavor allem ihr eigenes Selbstbild verewigt haben. Weiterhin wird herausgearbeitet, an welchen Stellen dieses Selbstbild nicht in vollem Umfang den zeitgenössischen Gegenheiten entsprach, und dass manche Aussagen der Urkunde durchaus in Zweifel zu ziehen sind.

1.1 Fragestellung

Diese Arbeit interpretiert die Darstellung der Scholaren in der Authetica Habita. Zuerst werden die Merkmale herausgearbeitet, welche die Urkunde den Scholaren ihrer Zeit zuschreibt. Anschließend folgt die Interpretation dieser Aussagen anhand der Fachliteratur. Unter Berücksichtigung des historischen Kontextes, ökonomischer und sozialer Strukturen und des Forschungsstandes zur Urkunde werden ausgewählte Merkmale beurteilt.

1.2 Forschungsstand und Quellenlage

Als Bestandteil des Codex Iustitianus sind von derAuthentica Habitaviele Abschriften erhalten. Für die Wissensschaft von hohem Interesse sind allerdings möglichst alte Abschriften der Urkunde. Ausgangspunkt für die meiste Literatur und auch diese Arbeit ist der Quelltext der MGH von 1979. Ebenso wie diese Bearbeitung ist auch tiefergehende Literatur zurAuthentica Habitainzwischen nicht mehr die Jüngste. Als zentral zu bezeichnen, ist hier die Arbeit von Stelzer von 1978. Er setzt sich noch einmal sehr grundsätzlich mit der Urkunde auseinander, und editiert auch den ältesten heute bekannten Quelltext neu. Fast alle neuere Literatur baut auf der Arbeit Stelzers auf und nennt ihn als Referenz.

2. Das Scholarenprivileg von 1155

Das Scholarenprivileg ist eine Königsurkunde von 1155. Ältere Literatur datiert die Urkunde relativ häufig auf 1158, was inzwischen als widerlegt angesehen werden kann1. Ursprünglich wurde die Urkunde dem Reichstag von Roncaglia zugeordnet, so betitelt Weinrich diese 1977 nach Rüthing noch als „Ronkalische Scholarenkonstitution“2.

Nach den ersten Worten der Urkunde lautet das IncipitHabita super hoc, vielfach wird die Urkunde alsAuthentica Habitabezeichnet. Diese Bezeichnung wird auch in der vorliegende Bearbeitung verwendet. Der BegriffAuthenticaklassifiziert das Dokument als eine nachträgliche Änderung an bestehendem Kaiserrecht im Codex Iustinianus3, wo es gemäß dem Schlusssatz der Urkunde eingefügt worden ist.

2.1Entstehung und Überlieferung

Im Rahmen seines ersten Italienzuges empfing Friedrich Barbarossa im Mai 1155 eine Gesandtschaft von führenden Bologneser Rechtsgelehrten, den sogenannten Vier Doktoren (quattour doctores), die um die Erteilung des Scholarenprivileges baten4. Friedrich gewährte ihnen das Privileg. Beim Reichstag von Roncaglia ließ er sich drei Jahre später von denselben Vier Doktoren beraten5, und erwirkte so – vermutlich im Gegenzug – ein „mehr als kaiserfreundlich[es]“6Ergebnis.

Stelzer erklärt, dass dieAuthentica Habitaaufgrund ihrer allgemeinen Formulierung von den Studierenden des römischen-, auch auf die Studierenden des kanonischen (kirchlichen) Rechts ausgeweitet wurde. Über die Dekretsammlungen der Päpste kam sie dadurch weiter in Umlauf. So fand dieAuthentica Habitaauch Aufnahme in Codices, die in keinem Zusammenhang mit dem Corpus iuris civiles, also der Gesetzessammlung des weltlichen Rechts, stehen, sondern ausschließlich in kanonischen Sammlungen überliefert sind7.

Stelzer schließt weiterhin, dass das Scholarenprivileg weite Verbreitung erfuhr, weil „man es bereitwillig als Allgemeingut aufgriff, sich umgehend einen Text zu verschaffen wußte [sic!] und für dessen Verbreitung sorgte“8. Auf den ersten Blick paradox, führte dies in der Folge zu einergeringerenMenge an Abschriften, begründet durch die subjektive Unnötigkeit, etwas allgemein Bekanntes schriftlich zu fixieren. Hier schließt sich Stelzer der Argumentation von Emil Seckel an: Laut Stelzer schlussfolgerte dieser, dass ein überlieferter Volltext derAuthentica Habitain einem Werk voller abgekürzter Texte, vor allem dafür spräche, dass der Text nicht allgemein zugänglich war, und der Schreiber einen Bedarf wegen Mangels erkannt hätte.9Zusätzlich schien den Zeitgenossen eine Abschrift derAuthentica Habitaim Codex Iuris Civiles wenig sinnvoll, immerhin war diese auch Teil des Codex Iustinianus10. Von diesen Codices existieren laut Stelzer über 300 katalogisierte Handschriften, von denen er glaubt, dass „die überwiegende Mehrzahl“11dieAuthetica Habitaenthält. Insgesamt kann man die inhaltliche Überlieferung derAuthetica Habitaallein aufgrund der Quellenquantität als relativ sicher betrachten. Berücksichtigen muss man allerdings Unregelmäßigkeiten, die durch Lese- und Schreibfehler (Korruptelen), Materialverlust oder bewusste Veränderung entstehen, sodass ein quantitatives Mehr an späten Kopien keinen Erkenntnisgewinn verspricht, und die Aufmerksamkeit auf möglichst alte Exemplare richtet.

Der älteste überlieferte Text befindet sich auf einer Abschrift des späten 12. Jh. im Ms. 64, Harvard Law School Library, Cambridge Mass., auf der Rückseite des vorletzten Blattes (B). Stelzer gibt diese Quelle als Grundlage seiner Arbeit an und hängt seine Edition des Textes als Abschluss an seinen Aufsatz an12. Die Edition der MGH bezieht sich auf den gleichen Quelltext unterscheidet sich aber geringfügig: So fehlt ihr die Titulatio „Imperator Federicus universis sui regni fidelibus“. Beim Befehl, die Urkunde in den Codex Iustinianus einzufügen, gibt Stelzer in seiner Edition „sub titulo 'ne alius pro alio conveniatur' inseri“ an. Hier entscheidet sich die MGH für die Variante „sub titulo 'ne filius pro patre etc.‘ inseri“, und nennt die – laut Stelzer ursprünglichere – Abweichung in den Fußnoten.

2.2 Form des Scholarenprivilegs

Formal weicht die Urkunde auf den ersten Blick vom traditionellen Formular einer Kaiserurkunde ab. Härtel beschreibt folgenden formalen Aufbau als Standard für Kaiserurkunden13.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der gesamte Urkundenabschnitt, der dem Eingangsprotokoll („Protokoll“) zuzurechnen ist, fehlt in der Urkunde. Stattdessen beginnt sie im Kontext mit der Publicatio, also der Verkündigungsformel: „verleihen Wir allen Scholaren [...] dieses Vorrecht Unserer Huld, daß sie [...] unbehelligt reisen und dort wohnen dürfen“14. Eine mögliche Ursache ist, „daß [sic!] rechtlich unerhebliche Teile der Kaiserurkunde bei der Eintragung in den Codex weggelassen wurden“15. Es folgt die Narratio, welche das Schaffen der Scholaren auffallend positiv bewertet, worauf später noch eingegangen wird. Abgesehen von der Arenga ist der Kontext vollständig, wohingegen das gesamte Schlussprotokoll („Eschatokoll“) fehlt, wahrscheinlich, weil das Dokument außerhalb der Kanzlei erstellt wurde16.

2.3 Inhalt des Scholarenprivilegs

Mit dem Scholarenprivileg erhalten die Scholaren und Professoren einen besonderen Rechtsstatus, und die Magister die Erlaubnis, rechtskräftig über ihre Scholaren zu richten. Diese sind dafür der lokalen Gerichtsbarkeit entzogen. Die Regesta Imperii gibt den Inhalt der Urkunde folgendermaßen wieder:

Friedrich nimmt nach eingehender Beratung mit den Bischöfen, Äbten, Herzogen, Richtern und Großen des Hofes die Scholaren und besonders die Professoren der Rechte (divinarum atque sacrarum legum) auf ihren Reisen und an ihren Studienorten in seinen Schutz, verbietet, sie für Schulden von Landsleuten haftbar zu machen, und bestimmt ausschließlich ihre magistri bzw. den jeweiligen Bischof zu ihren Richtern. Weiters ordnet er an, das Gesetz den kaiserlichen Erlässen unter dem Titel Ne filius pro patre einzuverleiben. - Außerhalb der Kanzlei verfaßt und vermutlich auch geschrieben. Habita super hoc .[17]

Inhaltlich lehnt sich das Dokument an eine Kaiserurkunde Iustinians an, welche die Gerichtsbarkeit über die Schüler der Rechtsschule von Berytos ebenfalls auf deren Bischoff und Professoren überträgt18. Damit wird die Form „einer spätantikenlex generalis19präzise eingehalten und Friedrich Barbarossa urkundlich in eine Reihe mit den antiken, römischen Kaisern gestellt. Den abschließenden Kaiserbefehl am Schluss der Urkunde, der das Einordnen nach dem ErlassNe filius pro patrebestimmt, und der in der ältesten Abschrift abweicht20, hält Walther für einen Zusatz der Bologneser Rechtsgelehrten, denn „Barbarossa und die Beamten seiner Hofkanzlei kannten natürlich keineswegs die noch junge Bologneser Praxis der Einteilung der Bücher des Corpus Juris Civilis.“21Walther geht sogar so weit, den Professoren aus Bologna die Ausformulierung des gesamten Textes zuzuschreiben22. Er begründet dies mit der Ähnlichkeit zur bereits erwähnten Urkunde Iustinians über Berytos, und den überschwänglich lobenden Worten für die Leistungen der Scholaren und Rechtsgelehrten23.

Beide Argumente sind überzeugend, sodass sich folglich die Frage nach den jeweiligen Motivationen von Friedrich Barbarossa und den Bologneser Rechtsgelehrten aufdrängt.

Für die Universitätsprofessoren und deren Scholaren bringt das Privileg inhaltlich offensichtliche Vorteile. Sie profitieren vom freien Zugangs-, Abgangs-, und Wohnrecht24, ebenso war für die Scholaren möglicherweise von existenzieller Bedeutung, vor den Forderungen einheimischer Gläubiger geschützt zu sein. Das Einfordern von Schulden bei unbeteiligten Landsleuten der Schuldner war immerhin „damals in den italienischen Städten recht verbreitet; nicht selten eröffneten sie den Gläubigern den einzigen Weg, zu ihrem Geld zu kommen“25. Darüber hinaus können die Bologneser ihr nahezu selbstherrlich scheinendes Selbstbild in einer Kaiserurkunde verschriftlichen, und mit der Bestätigung des Kaisers zur gültigen Tatsache erklären lassen.

Friedrich Barbarossas Motive hingegen gehen zumindest aus dem Inhalt des Scholarenprivilegs nicht hervor. Man darf aber annehmen, dass Friedrich Barbarossa durchaus ein Interesse daran gehabt hat, sich in seiner Position als König, und zu diesem Zeitpunkt designierter Kaiser, in die Traditionslinie der antiken, römischen Kaiser einzugliedern. Da er in einer Gesellschaft regiert, in welcher tradiertem, alten Recht grundsätzlich der Vorzug gegenüber neuem Recht gegeben wird, kann er dadurch am meisten Legitimation generieren. Indem die Bologneser Juristen für Friedrich Barbarossa eine Urkunde abfassen, welche in ihrer Form einerlex generalisentspricht, machen sie ihn zumindest auf dem Papier zum Nachfolger des römischen Kaisers, und verfügen als Schule für römisches Recht auch viel eher über die nötigen Kenntnisse und Vorlagen als beispielsweise die Beamten Friedrichs. Der urkundliche Rechtsakt und Friedrich Barbarossa verschaffen einander somit gegenseitig zusätzliche Legitimation, wie auch Ehlers erwähnt26.

[...]


1RI IV,2,1 n. 300, Verbesserungen und Zusätze (2011).

2Weinrich 1977, S. 259.

3Vgl. MGH, DD F I 243,

4Stelzer 1978, S.123.

5Vgl. Weimar, Sp. 376.

6Walther 1986, S. 152.

7Stelzer 1978, S.133.

8Stelzer 1978, S.132.

9Stelzer 1978, S.134, bezugnehmend auf Emil Seckel, Quellenfunde zum lombardischen Lehenrecht, insbesondere zu den Extravaganten-Sammlungen, Breslau 1910.

10Stelzer 1978, S.135.

11ebd. Stelzer 1978, S.135.

12Im Anhang, Quelltexte.

13Härtel 2011, S.36-38.

14Authentica Habitanach Weinrich 1977, S.259.

15Vgl. MGH, DD F I 243, S.37.

16Vgl. MGH, DD F I 243, S.38.

17RI IV,2,1 n. 300.

18Vgl. MGH, DD F I 243, S.38.

19Walther 1986, S. 150.

20Vgl. MGH, DD F I 243, S.37 und Stelzer 1978, S. 130.

21Walther 1986, S. 150.

22Ebenso Weimar 1983, Sp.377.

23Vgl. Walther 1986, S. 151.

24Vgl. ebd. Walther 1986, S. 151.

25MGH, DD F I 243, S.38.

26Ehlers 2003, S. 237.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Scholaren in der Authentica Habita
Untertitel
Quorum scientia mundus illuminatur
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich 5 - Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V544622
ISBN (eBook)
9783346162649
ISBN (Buch)
9783346162656
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Authentica Habita Scholar Scholarenprivileg Friedrich I. Barbarossa
Arbeit zitieren
Marius Gerstel (Autor:in), 2019, Die Darstellung der Scholaren in der Authentica Habita, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/544622

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