Selbstverstärkungseffekte der Bush- Administration in Bezug Irak-Krieg


Hausarbeit, 2006
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretischer Vorbau

2. Die Bush-Doktrin
2.1 Historisch gewachsenes Selbstverständnis, american exceptionalism und der Kampf gegen den Terror
2.2 Die Ideologie des american exceptionalism

3. Unsicherheitsabsorption der

4. Bush-Administration
4.1 Risiko/Gefahr, Entscheider/Betroffene und das Friedens-Paradox
4.2 Unsicherheitsabsorption der Bush-Administration

5. Die Zeit nach der Entscheidung

Fazit

Literatur

Einleitung

In dieser Arbeit wird die Entscheidung der Bush-Administration für den Irak-Krieg unter dem Gesichtspunkt von Selbstverstärkungsprozessen untersucht. Was die Entscheidung für den Irak-Krieg betrifft, so ist ihr das Problem der Ungewissheit anhänglich. Die zentrale Frage wird sein, wie die Bush-Administration mit dem Risiko der Entscheidung und der Ungewissheit über die Folgen der Entscheidung umgeht. Dabei stehen Unterscheidungen wie Risiko/Gefahr, Entscheider/Betroffene, Rationalität/Irrationalität, Sicherheit/Unsicherheit bzw. die Unterscheidungen der Bush-Administration als Beobachter erster Ordnung im Vordergrund.

Des Weiteren stellt sich die Frage, wie die Bush-Administration als Organisationen, deren elementare Operationen aus Entscheidungen bestehen, eine stringente Entscheidungssicherheit trotz Unsicherheit im Irak-Konflikt aufbaut. Welche Rolle dabei Informationen aus der Umwelt spielen oder welche Bedeutung die Identität und die Abgrenzung der Organisation von ihrer Umwelt hat, wird näher analysiert.

Schließlich wird die von vielen Beobachtern als chaotisch beschriebene Situation im Irak drei Jahre nach dem Einmarsch der Koalitions-Truppen aufgezeigt. Im Zusammenhang damit wird erörtert, wie sich die Bush-Administration kommunikativ darauf einstellt. Die Frage ist, wie die Organisation mit den negativen Entscheidungsfolgen umgeht und dabei ihre elementaren Operationen trotz Misserfolg sichert.

1 Theoretischer Vorbau

Zu Vorderst müssen für eine Analyse dieser Entscheidung einige Unterscheidungen getroffen werden. Erstens betrachtet diese Arbeit das Thema Irak-Krieg aus systemtheoretischer Perspektive im Unterschied zu handlungs- oder akteurstheoretischen Ansätzen. Zweitens ist zu beachten, dass dies keine rein politikwissenschaftliche Arbeit bzw. Analyse der internationalen Beziehungen ist, sondern den Beobachterstandpunkt der Politikwissenschaften insofern verlässt, als dass hier nicht den Fragen der Gerechtigkeit des Krieges, des Imperialismus oder der Hegemonie der USA nachgegangen wird. Vielmehr wird hier die Bush-Administration als soziales Kommunikations-System bzw. Organisation betrachtet, die eine Entscheidung unter Ungewissheit trifft.

In dem vorliegenden Fall wird die Bush-Administration als Organisation betrachtet. Die grundlegenden Operationen einer Organisation sind Entscheidungen. Besonders in schwierigen Entscheidungssituationen benötigen Entscheidungen andere Gründe als Kalkulation. Entscheiden mit Rationalität bietet sich hier nicht an, weil es kein geeignetes Kriterium für den Umgang mit einer komplexen, ungewissen Welt gibt, die mit intransparenten und kontingenten Alternativen aufwartet (Luhmann 1991 S. 21). Rational durchkalkulierende Methoden entsprechen bei Brunsson (1985) der Entscheidungsrationalität. Sie ist unproduktiv, benötigt viel Zeit, Informationsverarbeitungsressourcen und steigert dadurch nur die Unsicherheit für verbindliches Entscheiden. Die Zukunft kann nur über Entscheiden unter Ungewissheit erschlossen werden (Japp 2000 S. 12-13, 20ff). Unter diesen Umständen gilt jede Entscheidung bzw. jede kommunikative Festlegung als riskant, auch z. B. die zu Heiraten oder mit dem Auto zu fahren, erst recht die Entscheidung einen Krieg zu beginnen. Jede Entscheidung ist riskant insofern, als dass die Festlegung (das Entscheidungshandeln) in einer komplexen und intransparenten Welt als selektiv und kontingent gelten muss. Die zukünftigen Folgen einer Entscheidung sind somit ungewiss.

Folglich ist es für Organisationen wie die Bush-Administration wichtig trotz der Kontingenz Entscheidungen, eben dann Entscheidungen unter Ungewissheit, treffen zu können, ansonsten wäre sie handlungsunfähig. Auf dieses Problem bezieht sich die Unsicherheitsabsorption. Sie ermöglicht Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Um Unsicherheit zu absorbieren rechnet die Kommunikation im System auf Motivation, Erfolgserwartung und Wertbindung zu (Brunsson 1985 und Japp 1996). In Folge dessen kommt es zu einem asymmetrischen Systemvertrauen in motivationale aber auch ideologische und Erfolgs- Erwartungen, was die Schließung des Entscheidungsprozesses erlaubt. Der Verzicht auf kognitive Verarbeitung von Information ist die Rationalität der Irrationalität und Normativität. Durch den Verzicht auf Information und rationales durchkalkulieren von Alternativen von Entscheidungen gelingt daher die Herstellung kommunikativer Sicherheit. Die Lösung mittels Unsicherheitsabsorption gestaltet sic, bezogen auf die Kommunikation als Operation, zweigliedrig[1] (Japp 1996 S. 49ff). Bei konstruierten Unsicherheitsabsorptionen wird das Mitteilungsverhalten gegenüber der Information hervorgehoben. Mitteilung betont die Sozialdimension, was eine normative Risikoeinstellung vorgibt (wer sagt Etwas, wie sagt jemand Etwas). Information betont im Gegensatz dazu die Sachdimension (was ist das Thema) und eher kognitiven bzw. entscheidungsrationale Risikoeinstellungen. Der verminderte Informationsgehalt zur Folgenkontrolle macht die Immunisierung gegenüber Folgenunsicherheit möglich. Faktisch hat dadurch jede normativ handelnde Organisation dadurch einen selbstreferenziellen Bias. ideologische Motivationen und persönliche Darstellung sind wichtiger als potenziell kognitiv zu verarbeitende Informationen. Die Ungewissheit einer Entscheidung trägt folglich entscheidend dazu bei, dass es in einem System zu einer Selbstbindung durch Bindung der Entscheidungshandlung an die Motivationskomponente kommt. Die kommunikative Sicherheit hat jedoch einen blinden Fleck: Das Paradox, dass die Kontingenz bzw. die Unsicherheit der kommunikativ sicheren Entscheidung weiter fortbesteht. Unsicherheitsabsorption offenbaren für einen Beobachter zweiter Ordnung somit Unsicherheiten Gefahren für die Umwelt.

Greift man die Begriffe Irrationalität und Normativität auf, so muss man anfügen, dass Erwartungen auf irrationales oder normatives Verhalten aufbauen und somit die Auswahl von Möglichkeiten selektieren. Erwartungen beziehen sich beispielsweise auf die Anwendung einer Ideologie (z. B. Liberalismus), die gleichzeitig ganz bestimmte Handlungsschritte vorgibt (z. B. Demokratisierung). Dies dient damit der Orientierung des Systems. Erwartungen können Druck erzeugen, sich so oder so, konform oder abweichend zu verhalten. „Sie reduzieren dadurch den Rationalitätsbedarf von Entscheidungen und tragen so zu deren Ermöglichung bei“ (Japp 1992 S. 32). Zeitlich gesehen helfen Normen auch Diskontinuitäten in der Umwelt zu überwinden. So zum Beispiel, wenn Abweichendes geschieht. Es wird als Störung betrachtet. Ein kognitiv arbeitendes System, dass sich auf die Verarbeitung von Informationen stützte würde in diesem Fall lernen und sich in den Zustand der Irritation versetzten. Den Vorliegende Fall der Bush-Administration, wie unten noch gezeigt wird, bezeichnet man als ein sich selbst verstärkendes System, dass an Erwartungen trotz Enttäuschungen festhält, sich selbst folglich an die Entscheidungsfolgen der Entscheidung normativ und selbstreferenziell bindet. (Luhmann 1984 S. 396ff). Diskontinuitäten in der Umwelt können so überwunden werden.

Ein sich selbst an Entscheidungen und dessen Folgeentscheidungen bindendes System wird an Normen kontrafaktisch auch nach einer Enttäuschung festhalten. Das System mag die negativen Entscheidungsfolgen sich selbst als Entscheider zurechnen und damit riskant handeln. Oder es mag die Entscheidung anderen zurechnen und sich damit als (diffus) betroffenes System bezeichnen. Eine Bezeichnung der Betroffenheit als Betroffenheit der negativen Folgeerscheinungen eigener Entscheidungen (eine Fremdzurechnung eigener Entscheidungsfolgen) gleicht einer Immunisierung für den Handlungsablauf (Japp 1996 S. 68). Dies dient darüber hinaus der Herstellung kommunikativer Sicherheit und Unsicherheitsabsorption (s. o.). Das resultiert aus der Selbstbindung an Entscheidungen unter Ungewissheit, die einer hohen Erwartungshaltung, Motivation und Wertbindung bedürfen.

Wie eben erwähnt haben Erwartungen die Funktion trotz der Kontingenz der Welt das System in seinen Operationen zu stabilisieren. Erwartungen sind die Selektion von beschränkten Möglichkeiten. Erwartungen können aber auch (und das werden sie in einer kontingenten Welt häufig) enttäuscht werden. Normative Erwartungen (in Form von Ideologien) verhindern dann Lernen trotz Misserfolg. Daraus resultiert auch, dass die Selbstbindung zu retrospektive Rechterfertigung trotz Misserfolg führt. Das System lässt sich so nicht überraschen, nicht enttäuschen und tut so als ob es schon vorher über die möglichen Misserfolge bescheid gewusst habe (Japp 1992 S. 42). So wird klar, dass der Selbstbindungseffekt im Zuge des Aufkommens von Entscheidungsfolgen potenzielle Selbstverstärkungsprozesse produziert. Damit befindet sich das System immer auf der normativ, selbstreferenziellen Seite der Gewissheit, Japp nennt dies auch die Gewissheitsfalle (Japp 1992). Das Paradox, dass für andere Beobachter sichtbare Gefahren für das fokale System entstehen, ist nur dem Beobachter zweier Ordnung erkenntlich. Der Erfolg, Entscheidungen unter Unsicherheit zu tätigen, beruht auf vorurteilsbehafteten Ideologien und irrationaler Handlungsrationalität. Dies ist für das Aufrechterhalten von Entscheidungsfähigkeit einer Organisation in einer komplexen Umwelt wichtig, aber auch gefährlich.

Schließlich soll hier auf die Unterscheidung von Risiko und Gefahr hingewiesen sein. Die Wahrnehmung eines Risikos hängt in der Sozialdimension von der Zuschreibung der Verantwortung bzw. von der Beobachtbarkeit der Entscheidung ab. Die Entscheidung kann sowohl im eigenen System, als auch bei anderen Systemen beobachtet werden. Je nachdem rechnet das System sich selbst das Risiko einer Entscheidung zu oder wähnt sich bei Fremdzurechnung einer Gefahr potenzieller Schäden ausgesetzt, die auf Entscheidungen der Umwelt zurückzuführen sind. Im letzten Fall ist das Beobachtende System das betroffene System.

Jedes Risiko bzw. jede Entscheidung führt dazu neue Risiken zu produzieren. Damit wird Sicherheit obsolet, weil auch nicht-entscheiden Entscheiden und somit riskant ist. Wenn alles riskant ist, dann ist Risiko in der Sachdimension beliebig generalisiert. In der Zeitdimension werden künftige Zustände an gegenwärtige Entscheidungen gebunden und später auf diese wiederum zurückgerechnet.

2 Die Bush-Doktrin

2.1 Historisch gewachsenes Selbstverständnis, american exceptionalism und der Kampf gegen den Terror

Um die Entscheidung der Bush-Administration als Selbstverstärkungseffekt zu untersuchen bedarf es einer Erklärung des Begriffs der Bush-Doktrin als ideologischen Unterbau für die Motivations- und Erwartungsstruktur der Organisation. Die Bush-Doktrin baut auf das historisch gewachsene und gegenwärtige Selbstverständnis der USA, das in die politisch-militärische Strategie der Bush-Administration integriert ist (McCartney 2004). Erstens ein historisch gewachsenes Selbstverständnis der USA. Zweitens ein liberales selbstreferenzielles Sendungsbewusstsein angereichert mit einem theologischen Imperativ, auch american exceptionalism genannt (McCarntey 2004) und drittens spielt der Kampf gegen der Terror im Kontext des 9. September 2001 und der Bedrohung durch Weapons of Mass Destruction (WMD) eine grundlegende Rolle.

Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass die historisch Substanzgebenden Ereignisse der Bürgerkrieg (1861-1865) und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) waren (McCartney 2004 S. 402). Ebenfalls als starkes Element ist die „Wilsonian foreign policy“ anzusehen. Sie ist zurückzuführen auf den Amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der die USA in den Ersten Weltkrieg führte und für eine liberal-imperialistische Politik der Demokratieverbreitung und des Anti-isolationismus steht (Cole 1999). Aus diesen verwachsenen Ideen kommt es zweitens zu einem selbstreferenziellen und auch tautologischen Selbstverständnis der US-Außenpolitik. Selbstreferenziell deswegen, weil das nationale Interesse Amerikas und das Gute für die Menschheit als Eins angesehen wird (McCartney 2004 S. 402-403). In den Politikwissenschaften wird dies auch der american exceptionalism genannt (McCartney 2004). Daraus resultieren das starke kreuzzugartige[2] Sendungsbewusstsein und die vorliebe für arrogante Lösungen in der Außenpolitik. Die Aufklärung brachte nicht nur die Aufnahme einer liberalen Regierungsreform, sondern auch die missionarische Dimension des Liberalismus (McCartney 2004 S. 405). Außerdem wird die Selbstbeschreibung der Bush-Administration durch eine imaginäre Konsistenz zwischen politischen Präferenzen und einem theologischen Imperativ angereichert (McCartney 2004 S. 404). So kann Bush die patriotischen Empfindungen der Amerikaner in seinen Reden auch in religiöser Sprache ausdrücken. Ohne diese Punkte wäre das Eintreten der USA in den ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die Politik des Kalten Krieges nicht zu erklären. Liberalismus in Form von Freiheit,[3] Freihandel[4] und Demokratie gelten als universell zu erreichende Prinzipien und werden wie religiöse Ziele propagiert.[5] “Americans are a free people, who know that freedom is the right of every person and the future of every nation. The liberty we prize is not America's gift to the world, it is God's gift to humanity” (The White House Press Release 2002e). Die Strategie, den Liberalismus in die Welt zu tragen verspricht dabei eine neue demokratisierende Ära (McCartney 2004 S. 417). Besonders auf den letzten Punkt bezogen zeigt sich die amerikanische Außenpolitik als (aus Sicht der Amerikaner) altruistisch. Sie opfern sich für die demokratischen Strukturen anderer Staaten auf, wollen andere befreien. Darauf basiert der paradoxe Anspruch, dass Krieg dem Frieden dient. Frieden ist somit Krieg bzw. erobern ist befreien bzw. Altruismus, ohne altruistisch sein zu müssen.

[...]


[1] Kommunikation ist in der Systemtheorie die tripatische Einheit von Mitteilung, Information und Verstehen (Luhmann 1984).

[2] Kreuzzug hier gemeint als offensiver Feldzug oder militärische Strategie, nicht als religiös motivierter oder missionarisch-kriegerischer Akt.

[3] Meint hier vor allem die freie Selbstbestimmtheit des Menschen (Wahlrecht, Menschenrecht).

[4] Meint hier vor allem den freien Welthandel, verkörpert durch die Ziele der Welthandelsorganisation (WTO).

[5] Bis zum Ersten Weltkrieg war diese Doktrin der US-Außenpolitik unklar und teilweise strittig, konnte sich dann aber vollends gegen eine nach innen gewandte Politik durchsetzen.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Selbstverstärkungseffekte der Bush- Administration in Bezug Irak-Krieg
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Risikoverarbeitung in politischen Organisationen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V54493
ISBN (eBook)
9783638496834
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird die Entscheidung der Bush-Administration für den Irak-Krieg unter dem Gesichtspunkt von Selbstverstärkungsprozessen untersucht. Was die Entscheidung für den Irak-Krieg betrifft, so ist ihr das Problem der Ungewissheit anhänglich. Diese Hausarbeit zeigt, wie die Bush-Administration mit dem Risiko der Entscheidung und der Ungewissheit über die Folgen der Entscheidung umgeht und ihre Operationsfähigkeit trotz Misserfolg sichert.
Schlagworte
Selbstverstärkungseffekte, Bush-, Administration, Bezug, Irak-Krieg, Risikoverarbeitung, Organisationen
Arbeit zitieren
Markus Kühbauch (Autor), 2006, Selbstverstärkungseffekte der Bush- Administration in Bezug Irak-Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54493

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