Die Medienwahl. Agenda-Setting Effekte bei der Bundestagswahl 2002


Hausarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Agenda-Setting Ansatz

3. Die Rolle der Medien im Wahlkampf

4. Die Medien-Agenda der Bundestagswahl 2002
4.1. Die Elbe-Flut
4.2. Die Irak-Krise
4.3. Die Fernsehduelle

5. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Bundestagswahlen finden in der Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Gründung 1949 statt. Doch selten war ein Ergebnis so knapp wie bei der Wahl zum fünfzehnten Deutschen Bundestag im Jahre 2002. Nur eine Mehrheit von neun Parlamentssitzen konnte die Regierungskoalition von SPD und Bündnis 90: Die Grünen gegenüber der CDU/CSU erlangen. Nicht zuletzt deshalb gibt es in Hinblick auf den Ausgang der Bundestagswahl 2002 etliche Spekulationen über die wahlentscheidenden Einflüsse.

Den Massenmedien wird in Wahlkämpfen eine immer größer werdende Bedeutung beigemessen. Das ist zum einen durch ihre weite Verbreitung, zum anderen dadurch begründet, dass immer mehr Menschen ihr politisches Wissen aus ihnen beziehen. „Nur wenige Menschen verschaffen sich unmittelbare Eindrücke von den Kandidaten und den Parteien. Ihre Wahrnehmungen beruhen also nicht auf direkten, sondern auf vermittelten Eindrücken.“[1] Diese Arbeit untersucht die Wirkung der Medien auf die Meinungsbildung und die Wahlabsichten der wahlberechtigten Bevölkerung. Im Vordergrund der Untersuchung steht hier das Konzept des Agenda-Settings. Dieses Konzept postuliert einen Zusammenhang zwischen Themenauswahl der Medien und der Themenpräferenz der Rezipienten. Je häufiger und ausführlicher über ein Thema berichtet wird, umso eher wird der Rezipient es als bedeutsam einstufen.

Im Folgenden sollen die Fragen beantwortet werden:

Gab es Agenda-Setting Effekte im Wahlkampf 2002 und haben diese Effekte eine Auswirkung auf das Wahlergebnis gehabt?

Diese Arbeit gliedert sich in folgende Abschnitte:

Der zweite Abschnitt gibt einen Einblick in den theoretischen Ansatz des Agenda-Settings, sowie einen kurzen Überblick zum Forschungsstand. Bei der Bearbeitung dieses Abschnittes waren besonders das Werk Agenda-Setting von James Dearing und Everett Rogers von Bedeutung. Frank Brettschneiders Aufsatz Agenda-Setting. Forschungsstand und politische Konsequenzen fand ebenfalls starke Berücksichtigung. Der dritte Abschnitt gibt einen Überblick über die Rolle der Medien und die herausragende Stellung des Fernsehens im Wahlkampf. Für die Bearbeitung dieses Abschnittes war neben dem Aufsatz Warum die Macht der Fernsehbilder wächst. Verbale und visuelle Informationen in den Fernsehnachrichten vor den Bundestagswahlen 1998 und 2002 von Marcus Maurer und Hans Mathias Kepplinger auch das Werk Verlorene Meinungsführerschaft. Wie das Fernsehen die Rolle der persönlichen Kommunikation im Wahlkampf verändert von Elisabeth Noelle-Neumann und Thomas Petersen von großer Bedeutung. Der vierte Abschnitt behandelt die Themenauswahl der Medien in der heißen Phase des Wahlkampfes und stellt ihr das Meinungsklima innerhalb der Bevölkerung gegenüber, um mögliche Agenda-Setting Effekte aufzuzeigen. Die beiden Fernsehduelle werden hier nur am Rande thematisiert, da sich die vorliegende Arbeit auf die beiden Medienereignisse Elbe-Hochwasser und Irak-Konflikt konzentriert. Bei der Bearbeitung dieses Abschnittes fanden neben zahlreichen Umfrageergebnissen von Meinungsforschungsinstituten vor allem das Werk Agenda-Setting, Agenda-Cutting, Agenda-Surfing. Themenmanagement bei der Bundestagswahl 2002 von Frank Brettschneider, sowie diverse Werke von Elisabeth Noelle-Neuman Berücksichtigung. Im letzten Abschnitt werden die aufgeworfenen Fragen vor dem Hintergrund der vorangegangenen Analyse näher beleuchtet und beantwortet.

2. Der Agenda-Setting Ansatz

Die Funktion der Medien im „politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess wird seit jeher heftig und in der Regel kontrovers diskutiert.“[2] Ebenso werden Wirkung und manipulative Effekte der Medien vielseitig erörtert. Die Existenz eines Agenda-Setting Effekts der Medien war lange Zeit nicht unumstritten. Erste Analysen und Beobachtungen wiesen durchaus Defizite im Forschungsdesign auf.[3] Nach zahlreichen Untersuchungen zum Agenda-Setting Effekt der Massenmedien, kann laut Brettschneider allerdings von einer „starken empirischen Evidenz“[4] eines derartigen Effekts gesprochen werden. Jäckel bestätigt diese Beobachtung.[5] Der Forschungsstand erlaubt daher, einen bedeutenden Einfluss der Medienberichterstattung auf die Bevölkerungsrangordnung der Wichtigkeit politischer Themen anzunehmen.

Agenda-Setting ist eines der Hauptkonzepte der Medienwirkungsforschung. Es beschreibt einen „fortlaufenden Wettbewerb von Themen um die Aufmerksamkeit von Journalisten, Öffentlichkeit und politischen Eliten.“[6] Agenda-Setting umspannt so die „gesamte Triade zwischen Wählern, Politik und Medien.“[7] Schon 1972 stellten McCombs und Shaw in ihrer Pionierstudie fest: „In choosing and displaying news, editors, newsroom staff, and broadcasters play an important part in shaping political reality.“[8] Die Massenmedien bestimmen durch Publikationshäufigkeit und Aufmachung bestimmter Themen und Nachrichten, welche „Probleme in einer Gesellschaft als besonders wichtig und daher lösungsbedürftig angesehen werden und welche Probleme vernachlässigt werden.“[9] Das Agenda-Setting der Medien, also die Themenauswahl, das Hochspielen einiger Themen und die Vernachlässigung anderer, beeinflusst die öffentliche Meinung. Die Medien bestimmen, welche Themen von der Bevölkerung wahrgenommen werden und somit, welche Gewichtung sie erlangen. Cohen formuliert den Agenda-Setting Effekt der Medien so: „The press… may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling people what to think about.“[10] Er begreift den Agenda-Setting Effekt demnach als rein kognitive Größe, die einzig das verfügbare Wissen, nicht aber die Einstellung des Rezipienten beeinflussen kann. Diese These ist allerdings nicht haltbar.[11] Durch die Themenauswahl „formen die Massenmedien ›the pictures in our heads‹ darüber was wichtig und was unwichtig ist.“[12] Die als wichtig empfundenen Themen können dann die Einstellungen innerhalb der Bevölkerung ändern. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, dass die Medien den Rezipienten von einer bestimmten Meinung überzeugen. Es reicht vielmehr aus, einige Sachverhalte als Problem darzustellen und andere nicht.[13] Eine Trennung von Themen und Einstellungen erscheint daher als nicht realitätsgerecht. Lang und Lang konstatieren in diesem Zusammenhang: „What people think may not be as easily separable from what they think about. Many differences of opinion originate from the different weights people attach to elements in complex situation.“[14] Indem Massenmedien beeinflussen, worüber wir nachdenken, können sie also indirekt auch beeinflussen, was wir denken.

Dieser Effekt verstärkt sich, wenn die Bevölkerung die Realität nicht direkt wahrnehmen kann und auf die Medienberichterstattung angewiesen ist. „Die Bevölkerung kann sich einen Eindruck vom politischen Geschehen selten ›aus erster Hand‹ verschaffen, also durch direkte, unmittelbare Umweltwahrnehmung. Und dies kann sie umso weniger, je komplexer politische Strukturen, Prozesse und Politikinhalte werden. Folglich ist sie auf indirekte Umweltwahrnehmung angewiesen, beispielsweise auf Gespräche mit anderen Menschen, vor allem aber auf die Massenmedien.“[15]

Diese Aussage unterstreicht nochmals die Bedeutung und die mögliche Einflussnahme der Medien auf die Meinungsbildung der Öffentlichkeit. Diese geben die Realität nicht spiegelbildlich, sondern gefiltert und geformt wieder und haben so die Möglichkeit, unterschiedlichste Perspektiven auf die Wirklichkeit zu eröffnen.

Neben dem Einfluss der Medien auf Themen und Inhalte haben sie in ähnlicher Weise auch Einfluss darauf, welche Bilder sich die Bevölkerung von Politikern macht. Die Präsenz bestimmter Politiker in den Medien, also die Häufigkeit und die Art der Berichterstattung über einzelne Politiker, bestimmen darüber, welche Politiker überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.[16] Daneben können aber auch Themen auf die öffentliche Meinung über Politikern einwirken. Wenn bestimmten Ereignissen bzw. Themen eine besondere Medienpriorität zuteil wird, können sich die Bewertungsmaßstäbe der Bevölkerung gegenüber Politikern ändern, da Individuen zur Bewertung von Politikern nicht alle vorhandenen Informationen, sondern hauptsächlich solche heranziehen, die gerade verfügbar sind.[17] Diese Verfügbarkeit kann durch die Berichterstattung der Medien stark beeinflusst werden. Dominieren beispielsweise sicherheitspolitische Themen, werden Bewertungen von Politikern in hohem Maße unter Berücksichtigung dieser Aspekte erfolgen. Diesen Effekt bezeichnet man als Priming. Erfolgreiches Priming von bestimmten Themen verändert demnach die Gesichtspunkte, unter denen Politiker in den Medien wahrgenommen und von der Bevölkerung bewertet werden.

Die Präsenz und ihre Darstellung in den Massenmedien sind daher für Politiker – besonders in Wahlkampfzeiten – von enormer Bedeutung.

[...]


[1] Brettschneider, Frank: Die Medienwahl 2002: Themenmanagement und Berichterstattung. In: Aus

Politik und Zeitgeschichte B 49-50/2002, S. 36-37.

[2] Brettschneider, Frank: Agenda-Setting. Forschungsstand und politische Konsequenzen. In: Jäckel,

Michael/ Winterhoff-Spurk, Peter: Politik und Medien. Analysen zur Entwicklung der politischen

Kommunikation. Berlin 1994, S. 211.

[3] Vgl. Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. Wiesbaden 2005, S. 159 ff.

[4] Brettschneider 1994, S. 225.

[5] Vgl. Jäckel 2005, S. 163.

[6] Dearing, James W./ Rogers, M. Everett: Agenda-Setting. Thousand Oaks 1996, S. 1.

[7] Adam, Silke: Wahlen in der Mediendemokratie. Die Präsidentschaftswahl 2000 in den USA. Stuttgart

2002, S. 92.

[8] McCombs Maxwell E./ Shaw Donald L.: The Agenda-Setting Function of Mass Media. In: The Public

Opinion Quarterly, 1972, Vol. 36 No. 2, S. 176.

[9] Brettschneider 1994, S. 225.

[10] Cohen, Bernard C.: The Press and Foreign Policy. Princton 1963, S. 13.

[11] Vgl. etwa: Adam 2002, S. 93; Brettschneider 1994, S. 226.

[12] Brettschneider 1994, S. 226. (Hervorhebung im Original).

[13] Vgl. ebd., S. 226.

[14] Lang, Gladys Engel/ Lang, Kurt: Watergate: An Exploration of the Agenda-Building Process. In:

Wilhoit, G. Cleveland/ DeBock, Harold: Mass Communication Review Yearbook 2, Thousand Oaks 1981, S. 449.

[15] Brettschneider 1994, S. 211. (Hervorhebung im Original).

[16] Vgl. ebd., S. 213.

[17] Vgl. Jäckel 2005, S. 175.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Medienwahl. Agenda-Setting Effekte bei der Bundestagswahl 2002
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs: Einführung in den Vergleich westlicher Regierungssysteme
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V54644
ISBN (eBook)
9783638497961
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwahl, Agenda-Setting, Effekte, Bundestagswahl, Grundkurs, Einführung, Vergleich, Regierungssysteme
Arbeit zitieren
Sebastian Meyer (Autor), 2006, Die Medienwahl. Agenda-Setting Effekte bei der Bundestagswahl 2002, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54644

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