Das Kreuz mit der EU Auswirkungen der Europäischen Integration auf die Verbindung von Katholizismus und nationaler Identität in Polen


Hausarbeit, 2005
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Religion und nationale Identität in Polen

Die säkulare Kultur der Europäischen Union

Polens Katholizismus und die europäische Integration

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die am 1. Mai 2004 der Europäischen Union beigetretenen mittel- und osteuropäischen Staaten sind auf verschiedenen Ebenen Europäisierungsprozessen unterworfen. Die Europäisierung geht einerseits als „hard transfer“ vonstatten, also auf Weg der Übertragung von gemeinschaftlichen rechtlichen Rahmenbedingungen wie dem acquis communautaire in das nationale Recht. Andererseits lässt sich ein so genannter „soft transfer“ von Normen und politischen Gepflogenheiten identifizieren. In letzteren Bereich fallen auch die Europäisierungseffekte auf kollektive Identitäten in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern. Ziel dieser Arbeit ist nun, am Beispiel Polens den Einfluss der Europäischen Union auf nationale Identitätskonstrukte zu untersuchen. Konkret geht es um die Fragestellung, ob der Katholizismus als entscheidende Markierung der polnischen Identität durch die europäische Integration an Bedeutung verloren hat und welche Folgen eine veränderte Rolle der katholischen Kirche im gesellschaftlichen Leben für die polnische Selbstdefinition hat.

Um nationale Identitäten wissenschaftlich zu betrachten, muss man sie als Ergebnis eines Konstruktionsprozesses verstehen, als „variabel konfigurierte und permanent umstrittene politische Felder, gedeutet und besetzt von politischen Akteuren, die konkurrierende Interessen vertreten und ihre Politik symbolisch inszenieren“[1]. Charles Taylor sieht nationale Identität als „politische Identität“, die ein „unumgängliches Element der modernen Welt“ sei.[2] Alle auf Volkssouveränität begründeten Regierungsformen bedürften einer solchen politischen Identität, um die Einheit zu gewährleisten, die zuvor beispielsweise der König als oberster Souverän garantierte. Politische Identität stütze sich dabei auf zwei Komponenten: einerseits auf eine dem Konzept des „civic nationalism“ entsprechende republikanische, staatsbürgerliche Komponente, andererseits auf eine an den „ethic nationalism“ angelehnte historisch, kulturell oder sprachlich partikulare Komponente.

Diese Hausarbeit ist folgendermaßen aufgebaut: In einem ersten Teil wird näher auf die entscheidende Rolle eingegangen, die der Katholizismus bei der Konstruktion polnischer Identität innehat. Anschließend wird ein Schlaglicht auf die säkulare Kultur in vielen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union geworfen, die der traditionellen Religionsausübung in Polen entgegensteht. Schließlich wird untersucht, ob die im polnischen Katholizismus weit verbreitete Angst vor einer Säkularisierung durch die Europäische Integration berechtigt ist und dies Auswirkungen auf die polnische Identitätskonstruktion zeitigt. Das Kernargument des Beitrags lautet dabei, dass man in der Tat eine gewisse Entkopplung von Katholizismus und polnischer Identität festzustellen kann, diese jedoch nicht primär dem europäischen Integrationsprozess zuzuschreiben ist.

Religion und nationale Identität in Polen

Religion als integratives Wertesystem basierend auf gemeinsamen rituellen Praktiken und einem gemeinsamen Glauben kann eine wichtige Markierung für nationale Identitäten sein. Einerseits kann Religion als Teil des kulturellen und historischen Erbes die Identität bestimmen. Dies ist häufig in Ländern der Fall, dessen nationale Identität der Konzeption des „ethic nationalism“ entspricht, also gemeinsame Vorfahren und kulturelle Wurzeln entscheidende integrative Faktoren sind. In diesem Fall gilt die eigene Religion dann zugleich als Abgrenzung gegenüber religiös anders geprägten Gesellschaften.

Charles Taylor[3] schreibt, dass Religion bei der Bestimmung nationaler Identität aber auch eine andere Rolle übernehmen kann: nämlich die Grundlage universeller, ethischer und konstitutioneller Prinzipien zu liefern. Diese Variante entspricht eher der Konzeption des „civic nationalism“, der bürgergesellschaftliche und politische Elemente in den Mittelpunkt stellt. Hier ist als Beispiel Amerikas zu nennen. Die demokratische, rechtsstaatliche, bürgergesellschaftliche Nation und ihre Institutionen als gemeinsamer Bezugspunkt nationaler Selbstdefinition basieren dort auf der Idee eines göttlichen Naturrechts, dass also alle Menschen vom Schöpfer mit gleichen Rechten ausgestattet seien. Anders als beim ersten Fall bezieht sich diese Verbindung von Religion und nationaler Identität allenfalls das Religiöse an sich, stellt aber nicht eine bestimmte Religion oder Konfession heraus.

Die Verbindung von Religion und nationaler Identität lässt sich im Fall Polens klar im Bereich der ersten Variante verorten. Aufgrund Jahrhunderte langer Fremdherrschaft ist Polen wie viele Länder Ostmitteleuropas ethnoreligiös geprägt[4], wobei der polnische Katholzismus als Ersatz für einheitliches nationales Staatsgebilde fungierte. „Poland [...] has lost its statehood three times, and the Catholic Church remained the only unifying force during the periods of partition. Thus the identification of Polishness and Catholicism was historically grounded.”[5]

[...]


[1] Brusis, Martin: Zwischen europäischer und nationaler Identität. Zum Diskurs über die Osterweiterung der EU., in: Klein, Ansgar et al. (Hrsg.): Bürgerschaft, Öffentlichkeit und Demokratie in Europa. Opladen: Leske und Budrich, 2003, S. 255.

[2] Taylor, Charles: Religion, Politische Identität und Europäische Integration. In: Transit 26 (Winter 2003/2004), S. 167.

[3] Taylor, Charles: Religion, Politische Identität und Europäische Integration. In: Transit 26 (Winter 2003/2004), S. 166-186.

[4] Vgl. Martin, David: Integration und Fragmentierung. Religionsmuster in Europa. In: Transit 26 (Winter 2003/2004), S. 130.

[5] Varga, Ivan: Churches, Politics and Society in Postcommunist East Central Europe. In: William H. Swatos (Hrsg.): Politics and Religion in Central and Eastern Europe: Traditions and Transitions. Praeger, 1994, S. 104.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Kreuz mit der EU Auswirkungen der Europäischen Integration auf die Verbindung von Katholizismus und nationaler Identität in Polen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Die Europäisierung mittel- und osteuropäischer Staaten
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V54671
ISBN (eBook)
9783638498166
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit untersucht, welche Auswirkungen die Integration in die EU auf die polnische Symbiose von Katholizismus und nationaler Identität haben könnte. Wird sich Polen dem säkularen europäischen Trend anpassen?
Schlagworte
Kreuz, Auswirkungen, Europäischen, Integration, Verbindung, Katholizismus, Identität, Polen, Europäisierung, Staaten
Arbeit zitieren
Gregor Waschinski (Autor), 2005, Das Kreuz mit der EU Auswirkungen der Europäischen Integration auf die Verbindung von Katholizismus und nationaler Identität in Polen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54671

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