Der Freundeskampf zwischen Iwein und Gawein im "Iwein" von Hartmann von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

34 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Vorwort

2. Der Freundeskampf innerhalb der Artusepik

3. Die Beziehung zwischen Iwein und Gawein

4. Der Freundeskampf zwischen Iwein und Gawein
4.1 Einordnung der Kampfszene in den Text und Bezug zum Artusroman
4.2 Das Verkennen als Ausgangssituation beim Kampfbeginn
4.3 Die Allegorie von minne und haz
4.3.1 Die Freundschaft zwischen Iwein und Gawein als Parallele zu Iwein und
Laudine
4.3.2 Rhetorik und Antithetik der Allegorie
4.4 Die Beschreibung des Kampfes
4.5 Das Erkennen nach dem Kampf
4.5.1 Iweins und Gaweins Stellung zum Recht
4.5.2 Kritik am Artushof
4.6 Die Folgen des Kampfes für Iwein und das Artusreich

5. Zusammenfassung der Ergebnisse für Iwein

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Der Kampf zwischen Freunden, der in der Literatur bis 1300 immer wieder auftaucht, hat in der Forschung bisher kaum Interesse geweckt, obwohl er vor allem in der Heldendichtung um Artus durchaus ein bedeutendes literarisches Motiv darstellt. Das bemängelte schon Wolfgang Harms bei seiner Untersuchung „Der Kampf mit dem Freund oder Verwandten in der deutschen Literatur bis 1300“. Im großen und ganzen gehe ich in meiner folgenden Analyse mit Harms Theorien konform, möchte aber kritisch vorausschicken, dass sich weder vor noch nach Harms jemand mit dem Freundeskampf auseinandergesetzt hat, so dass das vorliegende Material recht einseitig war. Alle Veröffentlichungen, die nach dem Erscheinen von Harms Werk veröffentlicht worden sind, erwähnen Harms zwar kurz, setzen sich aber nicht kritisch mit ihm auseinander oder erweitern die Thematik des Freundeskampfes.

Aus diesem Grund baue ich auf Harms sozusagen den Grundstock der Arbeit auf; die im Literaturverzeichnis angeführten Titel waren nur bedingt in einzelnen Abschnitten hilfreich, in denen ich auf detailliertere Aspekte eingehe, die Harms wegen der Vielzahl der untersuchten mittelhochdeutschen Texte oft vernachlässigen muss.

Die besonderen Funktionen, die der Freundeskampf im allgemeinen in der Artusepik erfüllt und seine Eigenheiten, wie z.B. das Verkennen oder Erkennen, erläutere ich nach Harms gleich zu Beginn, werde aber natürlich immer wieder darauf zurückkommen. Um die Bedeutung des Kampfes zwischen den Freunden Iwein und Gawein zu unterstreichen, erhelle ich noch ihre Beziehung vor dem Kampf bzw. wie eine „typische“ Ritterfreundschaft aussieht. Den besonderen Aspekt der Freundschaft zwischen Iwein und Gawein hat Sonja von Ertzdorff untersucht, auf die ich mich stütze.

Das Kampfgeschehen an sich analysiere ich ausführlicher als Harms. Zur Erleichterung des Verständnisses ordne ich die Szene in das Geschehen und die Abfolge der einzelnen Aventiuren ein, damit man auch die Artusferne, in der Iwein sich einige Zeit befindet, im Kontext zu seiner ‘Löwenritterschaft’ und zur vollständigen Rehabilitation durch den Freundeskampf mit Gawein nachvollziehen kann.

Im Kapitel über das Verkennen erläutere ich zunächst die Bedeutung seiner Existenz als Löwenritter, die größtenteils ausschlaggebend dafür ist, dass Gawein seinen Freund Iwein nicht erkennt.

Hartmann läßt sich in Exkursen und Reflexionen immer wieder über die ‘verzwickte’ Situation aus, während das eigentliche Kampfgeschehen in den Hintergrund rückt. Diese Passagen, die von Kritikern oft als „langatmig“ charakterisiert wurden, untersuche ich auch im rhetorischen, weil sie für die Gesamtdarstellung durchaus von Bedeutung sind. So z. B. die Allegorie von minne und haz, die den Höhepunkt in Hartmanns Klagen über das Verkennen des Freundes darstellt. An dieser Stelle gehe ich auch auf eine Theorie ein, die von Beate Henning stammt und von Norbert Sieverding weiterverfolgt wurde. Sie sehen in der Freundschaft zwischen Iwein und Gawein, deren Kampf und Verkennen als Bedrohung - aber auch Bewährung - ihrer Freundschaft, eine Parallele zur Beziehung zwischen Iwein und Laudine.

Die sprachliche Gestaltung der ‘minne und haz - Allegorie’ untersuche ich in Anlehnung an Gertrud Jaron Lewis, die die Passage auch für die gesamte Problematik des Freundeskampfes relativ fruchtbar macht.

In der Beschreibung des Kampfes gehe ich dann auf die weitere Kampfschilderung Hartmanns ein, die wiederum von einem Exkurs vom Borgen und Zurückzahlen durchzogen ist, dessen Funktion ich ebenfalls erläutere. Das Erkennen des Gegenübers nach dem Kampf, der wegen der hereinbrechenden Dunkelheit abgebrochen wird, ist ein wichtiger Aspekt, der eine Wende herbeiführt. Im Gespräch, das zum Erkennen führt, wird auf den eigentlichen Zweck des Kampfes eingegangen, nämlich die Klärung der Rechtsfrage zwischen den zwei Töchtern des Grafen vom Schwarzen Dorn. An Iweins und Gaweins Stellung zum Recht läßt sich - unter anderem - die Bewährung Iweins darlegen. Iwein kann sich über Gawein, den Idealritter, erheben, indem er auf der rechten Seite steht und sich auch kämpferisch mit Gawein messen kann. Dass Gawein sich für die unrechte Seite einsetzt, hat auch für die Stellung des Artushofes kritische Folgen. Die Konsequenzen des Kampfes zwischen Iwein und Gawein sind für Iwein und auch für die Artuswelt erheblich.

2. Der Freundeskampf innerhalb der Artusepik

Bevor ich nun gleich in medias res gehe, möchte ich noch kurz die allgemeingültigen Charakteristika nach Harms für einen Freundeskampf erläutern, die sich in der gesamtem Artusepik herauskristallisieren lassen und sich auch im ‘Iwein’ wiederfinden.

Der Kampf ist eine Schlüsselszene der gesamten Handlung, was man auch schon an seiner Stellung innerhalb der Artusepik im Allgemeinen erkennen kann. So erklärt Harms, dass der deutsche Artusroman, der in der Tradition der französischen Ritterdichtung stehe, den Kampf zwischen Freunden eigentlich zu verhindern suche. „Der Freundeskampf steht (...) in einer Tradition, die die Integrität von Freundschaft (...) achtet. Um so bedeutsamer muss der Grund sein, wenn diese Dichtungen solche Integrität bedroht werden lassen.“[1] Anhand der unerwarteten Situation eines Kampfes zwischen zwei Freunden wird erst das gesamte Ausmaß der Katastrophe des Helden und die Entfernung vom Artushof verdeutlicht. Außerdem wird „(das) Wesen der Beteiligten und die Stärke ihrer Bindung (...) (geprüft).“[2]

Der Freundeskampf hat in der Gattung der höfischen Romane eine positive Funktion: „Im Erkennen des Freundes findet der Held an sein Ziel, den Artushof als Zentrum der ihn bestimmenden höfischen Welt.“[3]

Die Freundschaft zwischen den Helden ist eine feste Bindung, die auch in der Kampfszene ihre unbestrittene Verbindlichkeit bewahrt, wie es auch zwischen Iwein und Gawein der Fall ist.

Ein weiteres Charakteristikum für den Kampf zwischen Freunden ist laut Harms das private Geschehen, für das gekämpft wird. „Die Suche nach dem Freunde (...) (hat ) in diesem (Sinn) privaten Charakter. Nicht jeder Auftrag zum Kampf von seiten eines Dritten verlegt den Anlaß eines Verwandten- oder Freundeskampfes außerhalb des privaten Handlungsraumes: Iwein und Gawein z. B. kämpfen im Dienste zweier Damen, sehen aber schließlich den höheren Sinn dieser Begegnung in ihrem Erkennen als Freunde; (...) Nie wird ein (...) Freundeskampf einer anderen Handlung, die nicht von dieser (...) Freundschaft mitbestimmt ist, so sehr untergeordnet, dass sein Anlaß jenseits des privaten Geschehens läge.“[4]

Man kann den Freundeskampf auch als den Sonderfall einer Suche auffassen, deren Ziel die Integration und Rehabilitation am Artushof ist, der geistiger Mittelpunkt des Handlungsraumes ist. Die Bedeutung der Kampfszene liegt darin, dass der Protagonist „(...) die Grenze vom Leben in Isolierung zum Leben in vorbildlicher Gemeinschaft zu überschreiten fähig und würdig ist.“[5]

Die Bewährung für die Integration zurück in die Gemeinschaft um Artus wird zeichenhaft über das Erkennen des Gegenübers und der Freundschaft erreicht.

Im Allgemeinen verbindet der (...) Freundeskampf (...) Eigenschaften der Kampf- und der Gesprächssituation.“[6] So auch im ‘Iwein’: Der Gerichtskampf muss aufgrund der anbrechenden Nacht auf den nächsten Morgen verschoben werden und so kommen Iwein und Gawein miteinander ins Gespräch, weil sie sich bewundern und den Namen des anderen erfahren wollen. Beide stehen vor der Aufgabe, die verborgene Wahrheit der Situation zu erkennen und den Schein zu überwinden.

Ein weiterer Punkt, der für den Freundeskampf im Artusroman typisch ist und auch im ‘Iwein’ zu tragen kommt, ist der Katastrophencharakter, der auch oben schon angesprochen wurde: „unter dem Zwang des existenzbedrohenden Kampfgeschehens wird jeder der Beteiligten - ihm selbst verborgen - vor die Entscheidung gestellt, sein Verhältnis zu seinem (...) befreundeten Gegner und damit sich selbst zu erkennen (...).“[7]

Dabei ist speziell im Iwein aber schon vor dem Kampf ein ganz entscheidender Schritt zur Erkenntnis gegeben: Schon vor dem Kampf lebt Iwein als Löwenritter nach höfischen Werten und Normen wie der êre, triuwe und baermde, aber von der Gesellschaft ist er noch nicht als Iwein erkannt. Im Kampf kann Iwein sich dann im letzten Schritt bewähren und findet sozusagen die letzte Erkenntnis in der Freundschaft zu Gawein und in sich selbst. Das Erkennen an sich vollzieht sich als spontanes Ereignis und wird in letzter Instanz durch die Nennung des Namens herbeigeführt. Das Nennen des Namens als Gnorisma führt im allgemeinen zu einem umfassenden Erkennen des Gegenübers, das aber erst dann vollendet ist, wenn Iwein als Artusritter und als Ritter mit dem Löwen identifiziert ist.

3. Die Beziehung zwischen Iwein und Gawein

Bevor ich näher auf den Kampf zwischen Iwein und Gawein eingehe, möchte ich die Freundschaft zwischen ihnen vorerst noch genauer spezifizieren, zumal die Bedeutungen für den Begriff „Freundschaft“ im Mittelhochdeutschen vielfältiger akzentuiert sind, als es im heutigen Sprachgebrauch üblich ist und es für das weitere Durchleuchten des Freundeskampfes zwischen den beiden durchaus sinnvoll ist, ihr Verhältnis vor dem Kampf zu analysieren.

In den klassischen Artusromanen sind die Ritter um König Artus traditionell durch ein Gelöbnis ritterlicher gesellekeit miteinander verbunden. Nach der üblichen Konstellation sind mitunter zwei Ritter enger miteinander verbunden bzw. befreundet; im Falle von Hartmanns ‘Iwein’ sind es Iwein und Gawein. Ihre Freundschaft stellt eine Steigerung der gesellekeit dar. Schon zu Beginn der Handlung erfährt der Rezipient, dass sie sich einander sehr nah fühlen: Herr Gawein als der Ältere und der Erfahrenere gibt Iwein den freundschaftlichen Rat, seine Frau Laudine für eine Zeit zu verlassen, um auf Aventiure zu gehen und sein Ansehen zu vermehren, wie vor allem in den Versen 2899 bis 2912 zu lesen ist:

„Ir hât alsô gelebet unz her / daz ichs an iu niht wandel ger, / nâch êren als ein guot kneht: / nû hât ir des êrste reht / daz sich iuwer êre / breite unde mêre. / irte iuch etewenne daz guot / michels harter dan der muot, / nû muget ir mit dem guote / volziehen dem muote. / nû sît biderbe und wol gemuot: / sô wirt diu rîterschaft noch guot / in manegem lande von uns zwein. / des volget mir, her îwein.“[8]

Prinzipiell „(...) erwächst die ritterliche Freundschaft der Heldenepik (...) aus der ständisch bestimmten Kampfgemeinschaft, die zu gegenseitigem Rat und Beistand verpflichtet und deren Glieder, wenn auch durch Alter, Herkunft und Tapferkeit verschieden, als compaignon / gesellen in gleicher Achtung und Ehrerbietung einander begegnen.“[9] In Hartmann von Aues ‘Iwein’ geht der Begriff der Freundschaft, wie oben schon angedeutet, über den der typisch höfischen Freundschaft hinaus. So werden im ‘Iwein’ zusätzlich liebevolle Gefühle der Zuneigung betont, wie unter anderem folgende Textpassage zeigt.

Iwein hilft den Verwandten Gaweins und erschlägt den Riesen; den Dank dafür schlägt er aber als selbstverständlich aus: „und sult im des genâde sagen / swes ich iu hie gedienet hân: / wan daz hân ich durch in getân.“ (5120ff)[10]

Für diese Hilfe bedankt sich Gawein später in den Versen 7745ff. Durch das beherzte Eingreifen zugunsten der Nächsten beweist Iwein ihm seine Zuneigung und freundschaftliche Verbundenheit. Iwein betont, dass er für Gawein, seinen Freund, so gehandelt hätte.

Sogar der Aspekt der Minne wird in die Beziehung zwischen Iwein und Gawein eingeflochten: „mînen hern Gâwein minn ich: / ich weiz wol, alsô tuot er mich: / ist unser minne âne kraft, / sone wart nie guot geselleschaft.“ (5107ff) [11]

Besonders augenscheinlich belegt dies natürlich der in den Kampf eingeschobene Exkurs über minne und haz (7015ff), auf den später noch genauer einzugehen sein wird.

Sonja von Ertzdorff betont in ihrer Theorie von der höfischen Freundschaft noch ein weiteres Moment, das zwischen Iwein und Gawein zu tragen kommt und die persönliche Zuneigung erst ermöglicht: „(...) die gegenseitige Ergebenheit, Dienstbereitschaft und der tatsächlich geleistete Beistand. Die Bereitschaft zum dienest (...).“[12]

Bei Hartmann bedingt die persönliche Zuneigung und die Liebe Iweins zu Gawein als Handlungsmotiv das dienen, wie Sonja von Ertzdorff betont:

[...]


[1] Harms, Wolfgang: Der Kampf mit dem Freund oder Verwandten in der deutschen Literatur bis um 1300. München: Eidos 1963 (=Medium aevum. Philologische Studien. Bd. 1), S. 122

[2] Ebd. S. 122

[3] Ebd. S. 202

[4] Harms: S. 202f

[5] Harms: S. 203

[6] Ebd. S. 204

[7] Ebd. S. 205

[8] Hartmann von Aue: Iwein. Text der 7. Ausg. von G. F. Benecke. Übers. u. Anm. von Thomas Cramer.3., durchges. u. erg. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter 1981; S. 57

[9] von Ertzdorff, Sonja: Höfische Freundschaft. In: Der Deutschunterricht 14 (1962) Heft 6, S. 35 -51, hier: S. 37

[10] Iwein: S. 100

[11] Iwein: S. 100

[12] Ertzdorff: S. 40

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Freundeskampf zwischen Iwein und Gawein im "Iwein" von Hartmann von Aue
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Hauptseminar: Hartmann von Aue, ‘Iwein’
Note
1,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
34
Katalognummer
V54757
ISBN (eBook)
9783638498791
ISBN (Buch)
9783638663526
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freundeskampf, Iwein, Gawein, Iwein, Hartmann, Hartmann
Arbeit zitieren
MA Ulrike Ziegler (Autor), 2000, Der Freundeskampf zwischen Iwein und Gawein im "Iwein" von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54757

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