Der protestantische Fundamentalismus in den USA (1910 - 1928)


Seminararbeit, 2003
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BEGRIFFLICHE KLÄRUNG

3. DIE WURZELN DES FUNDAMENTALISMUS
3.1 GESCHICHTE DER EVANGELIKALEN BEWEGUNG IN DEN USA
3.2 PRÄMILLENNIALISMUS
3.3 DISPENSATIONALISMUS
3.4 NEUE ANTWORTEN AUF NEUE HERAUS-
FORDERUNGEN

4. THE FIVE POINTS OF FUNDAMENTALISM

5. THE FUNDAMENTALS: A TESTIMONY TO THE TRUTH
5.1 DIE BIBEL
5.2 GLAUBE UND NATURWISSENSCHAFT
5.3 BEURTEILUNG DER SCHRIFTENREIHE

6. FUNDAMENTALISMUS ALS ERKENNTNISTHEORIE

7. FUNDAMENTALISMUS CONTRA MODERNISMUS
7.1 DIE FUNDAMENTALISTISCHE OFFENSIVE
7.2 DIE IDEOLOGIE DES PROTESTANTISCHEN
FUNDAMENTALISMUS
7.3 DIE TRÄGHERSCHAFT DES PROTESTANTISCHEN
FUNDAMENTALISMUS
7.4 DER KREUZZUG GEGEN DIE EVOLUTION

8. GEGNER DES FUNDAMENTALISMUS

9. NACHBETRACHTUNG

10. LITERATURVERZEICHNIS

1. einleitung

„Die ‚Weltbilder’, welche durch ‚Ideen’ geschaffen

werden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen

bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das

Handeln fortbewegt.“

(Weber 1988, 252)

Fundamentalismus! Das Wort hat in den letzten 30 Jahren einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Was früher nur eine Bezeichnung für eine Gruppe von konservativen protestantischen Christen in den USA war, ist heute darüber hinaus zum Synonym für Rückständigkeit, Intoleranz und sogar für physische Gewalt geworden. In der vorliegenden Seminararbeit soll der Fundamentalismus betrachtet werden, der diesen Begriff in die Welt gesetzt hat. Dabei spielen mehrere historische Faktoren eine Rolle, die zur Entstehung beigetragen haben.

Für das Christentum aus der Reformation hat die Heilige Schrift einen besonders hohen Stellenwert als Urkunde von Glauben und Glaubenserkenntnis. Die rechte Auslegung der Bibel war und ist eine fundamentale Forderung. Aber die Auslegung geriet im Lauf der Moderne ins Wanken. Vor allem die sogenannte historisch-kritische Exegese schien die herkömmlichen Auffassungen in Frage zu stellen. Dagegen protestierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts amerikanische Protestanten. Eine weitere Vorraussetzung für die Entstehung des Fundamentalismus war die evangelikale Bewegung des 19. Jahrhunderts in den USA. Dieser Bewegung ging es vor allem um die Rettung der Seelen durch Evangelisation und Erweckung. Zunächst zeichnete die Evangelikalen ein Fortschrittsoptimismus aus. Sie erwarteten, dass bald das Tausendjährige Reich und die Apokalypse in Amerika hereinbrechen werden. Dann aber folgte eine radikale Kehrtwendung gegen die neue Zeit und der Kampf gegen den Modernismus wurde aufgenommen.

Es sind rund 90 Jahre vergangen, seit in den USA eine Schriftenreihe mit dem Titel The Fundamentals erschienen ist. Diese Broschüren beinhalteten Aufsätze, mit deren Inhalt grundsätzliche Werte des christlichen Glaubens hochgehalten wurden. Der Inhalt dieser Schriften war eine Reaktion auf den theologischen Modernismus, der mit seiner Kritik an der Bibel und ihrer Autorität ins Gerede gekommen war. Die Heilige Schrift gilt für die Fundamentalisten als unfehlbares, direktes und wörtlich zu verstehendes Gotteswort. Die Haltung zur Bibel ist auch das eigentliche Markenzeichen des protestantischen Fundamentalismus.

In den 20er Jahren konzentrierte sich der Kampf vor allem auf die damals in die amerikanischen Schulen eindringenden naturwissenschaftlichen Theorien von der Evolution und von der Abstammung des Menschen. Berühmt wurde die fundamentalistische Bewegung in den USA durch den sogenannten „Affenprozess“ im Jahre 1925. Dieser Pyrrhussieg der Fundamentalisten machte sie in der Öffentlichkeit lächerlich und zum Gespött einer ganzen Nation. Viele Fundamentalisten zogen sich nach dem „Affenprozess“ in die innere Emigration zurück, weil sie in der Öffentlichkeit durch ihre schlechte Argumentation als Ewiggestrige angesehen wurden. Nach dem Niedergang in der zweiten Hälfte der 20er Jahre und in den 30er Jahren folgte ab 1940 wieder ein Aufschwung des protestantischen Fundamentalismus.

2. begriffliche klärung

Wer sind die protestantischen Fundamentalisten? „Informiert man sich bei dem fleißigen Religionsstatistiker David Barratt, dann findet man Kategorien, die anleiten und vielleicht weiterhelfen können. Barratt verortet den Fundamentalismus innerhalb der ‚Evangelikalen’, wobei er zwischen den ‚konservativen Evangelikalen’, den ‚konziliaren Evangelikalen’ und den ‚Fundamentalisten’ unterscheidet.“ (Geldbach 2001, 14) Der Fundamentalismus stellt eine Art Unterkategorie des Evangelikalismus dar. „Man könnte dann auch sagen, dass alle Fundamentalisten Evangelikale sind, aber nicht alle Evangelikale sind Fundamentalisten.“ (Geldbach 2001, 14) George Marsden hat auch Fundamentalismus und Evangelikalismus eng aufeinander bezogen. Dabei hat er eine Lang- und eine Kurzdefinition eines Fundamentalisten geliefert: „A fundamentalist is an evangelical who is angry about something.“ (Marsden 1996. 1) Der Fundamentalismus ist demnach eine Spielart des Evangelikalismus. „Nach Marsden kommt zum Evangelikalismus das ‚ angry -Sein’ hinzu. Erst das zeichnet einen Fundamentalisten aus. Ein über etwas entsetzter, wütender Evangelikaler ist ein Fundamentalist.“ (Geldbach 2001, 15) Die Langdefinition lautet: „An American fundamentalist is an evangelical who is militant in opposition to liberal theology in the churches or to changes in cultural values or mores, such as those associated with ‚secular humanism’.” (Marsden 1996, 1) Auch hier ist der Fundamentalist ein Subtyp des Evangelikalismus. Dazu kommt noch die Militanz gegen die liberale Theologie einerseits und die Veränderungen bei kulturellen Werten und Sitten („Säkulare Humanismus“) andererseits. Dazu gesellt sich noch ein weiteres Kennzeichen. „Zum amerikanischen Fundamentalismus gehört die Tendenz, sich über den innerkirchlich evangelikalen Bereich hinaus zu einer Bewegung konservativ politischer Überzeugungen zu entwickeln, die schließlich versucht, ihren Willen organisiert und politisch-institutionell durchzusetzen.“ (Kienzler 2002, 29) In der Gegenwart sind dies folgende Bewegungen wie zum Beispiel Moral Majority, Liberty Federation, American Coalition for Traditional Values, u. a. „Ihr Themenkatalog umfasst die Stichpunkte: Schutz der Familie, Kampf gegen Feminismus und Gleichberechtigung der Frau, Pornographie-Verbot, strafrechtliche Verfolgung der Homosexuellen, Durchsetzung der Todesstrafe, Brand- und Bombenanschläge gegen Abtreibungskliniken etc.“ (Kienzler 2002, 34)

3. die wurzeln des fundamentalismus

Keine religiöse oder politische Bewegung entstand aus dem Nichts. Es gibt immer Vorläuferbewegungen oder mehrere historische Wurzeln auf die eine Bewegung zurückgreift. Dies ist auch beim amerikanischen Fundamentalismus der Fall. Eine dieser Wurzeln ist der Evangelikalismus in den USA.

3.1 GESCHICHTE DER EVANGELIKALEN BEWEGUNG IN DEN USA:

Als evangelikal bezeichnet man eine Haltung, die an der unbedingten Autorität der Bibel festhalten möchte. Sie vertreten dabei die unbedingte Autorität des Evangeliums. Das Evangelium meint natürlich die ganze Bibel. In des USA wird Evangelikalismus als der theologisch-konservative Protestantismus beschrieben. Es gibt innerhalb des Evangelikalismus unterschiedliche Strömungen, wobei der rechte Flügel als Fundamentalisten bezeichnet wird. „Das Wort evangelikal ist ein seit 1966 gebräulicher Neologismus. Er ist aus der englischen Sprache entlehnt, wo das Wort bereist im 16. Jahrhundert vorkommt und nichts anderes bedeutet als ‚evangelisch’.“ (Geldbach 1984, 52) Damit wurde in England die neue reformierte Religion bezeichnet, die vom Kontinent stammt. „Das deutsche Wort evangelisch ist im Englischen seit dieser Zeit bis in die Gegenwart sehr häufig durch ‚ evangelical ’ wiedergegeben worden, wenn man nicht das Wort ‚ Protestant ’ benutzt hat.“ (Geldbach 1984, 52) Das Wort evangelikal hat daher im Deutschen Sprachgebrauch zwei Bedeutungen: einerseits wird damit die deutsche Erweckungs- und Gemeinschaftsbewegung bezeichnet und andererseits amerikanische Einflüsse.

„Fundamentalism is a historical movement closely related to evangelicalism. It may be understood as a subset or extremist element of evangelicalism.” (Harris 1998, 1) Wie kam es dazu, und woher kam die Evangelikale Bewegung? In England wurde das Wort evangelical im 18. Jahrhundert fast synonym mit methodistisch verwendet. „Die Konnotation des Wortes mit ‚erwecklich’ hielt sich bis in das 19. Jahrhundert als Bezeichnung für die erwecklichen Kräfte in der Kirche von England – die sog. Low Chruch – aber auch in den anderen Denominationen.“ (Geldbach 1984, 55) Die Religion spielte bei der Gründung von Kolonien in Amerika eine wichtige Rolle, da viele Immigranten aus religiösen Gründen aus England auswandern mussten. Das puritanische Lebensgefühl prägte die Kolonien Neuenglands und drückte ihnen seinen Stempel auf. In den Mittleren Kolonien brachten spätere Kontinentaleuropäische Siedler die pietistische Frömmigkeit mit und in den südlichen Kolonien herrschte die anglikanische Kirche vor.

Auf diesem Boden blühte in den 1740er Jahren eine große religiöse Erweckung, die sogenannte „Great Awakening“. Hier sind die Ursprünge der evangelikalen Bewegung in den USA anzusetzen. Diese Große Erweckung war mit den Namen Jonathan Edwards und George Whitefield verbunden. „Jonathan Edwards, einen kongregationalistischen Pfarrer in Northampton, Massachusetts, bewegte zutiefst die Heiligkeit Gottes, die Sündhaftigkeit aller Menschen und unsere völlige Abhängigkeit von der göttlichen Erlösung.“ (Tidball 1999, 108) Die anfänglichen lokalen Erweckungen erfassten nun die ganzen Kolonien. „Das Erweckungsfeuer hielt nicht lange an; zuerst verlöschte es in Neuengland und schließlich um 1750 auch an den anderen Orten. Doch es hatte sich weit ausgebreitet und spürbare Wirkungen erzielt. Es war eine Erweckung der Erfahrungsfrömmigkeit, durch die Tausende, vielleicht Hunderttausende zur Bekehrung geführt wurden.“ (Tidball 1999, 109) Der Predigtstil hatte sich gewandelt und neue Autoritätspersonen, die Reiseprediger, waren in Erscheinung getreten. Dadurch wurde die alte Autorität der institutionellen Kirche geschwächt.

„Als wichtige Nachwirkung der Erweckung kann die Tatsache gelten, dass der englische Puritanismus vom amerikanischen Evangelikalismus mit seiner stärkeren Betonung des Einzelnen abgelöst wurde. […] Doch es ist zutreffend, dass die Erweckung mit ihrem Pochen auf eine persönliche Antwort auf die Gnade Gottes besser die Gemütslage von damals traf als die puritanische Lehre [...]. Seitdem ist der Individualismus und die Betonung des Einzelnen ein Markenzeichen der Evangelikalen Bewegung geblieben.“ (Tidball 1999, 110)

Die Große Erweckung hatte dann auch große Auswirkungen auf die Zukunft der seit 1776 unabhängigen USA. Der christliche Glaube war durch die Erweckungen etwas Freiwilliges geworden „Das Freiwilligkeitsprinzip in der Kirche vermischte sich mit dem demokratischen Prinzip in der Gesellschaft, und daraus entstand eine explosive revolutionäre Stimmungslage. Keine Kirche konnte sich in den Vereinigten Staaten als Staatskirche einrichten.“ (Tidball 1999, 111) Am Ende des 18. Jahrhunderts begann die zweite große Welle der Erweckungen. Erweckungen waren wegen einer völlig neuartigen kirchengeschichtlichen Entwicklung seit der Gründung der USA geradezu nötig. Denn wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat waren die Kirchen, wenn sie weiterbestehen wollten, auf das missionarische Zeugnis und das „Eingemeinden“ neuer Mitglieder angewiesen. „Keine Gruppierung konnte ihren Anspruch, im alleinigen Besitz des Wegs zur Erlösung zu sein, legitimieren oder gar durchsetzten. Die verschiedenen Konfessionen (innerhalb des Protestantismus ‚Denominationen’ genannt) strebten in der frühen politischen und gesellschaftlichen Organisationsform Amerikas nach der Kontrolle gesamter Bereiche des sozialen Lebens, die nicht der staatlichen Hoheit unterlagen: Erziehung sowie Moral in Gesellschaft und Familie.“ (Birnbaum 1989, 122) Das Verfassungsgebot der Religionsfreiheit und die kirchlichen Versuche, Erweckungen herbeizuführen gehen also Hand in Hand bzw. sind wie zwei Seiten einer Münze.

„Die Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch eben dieses: revivals, Erweckungen, Evangelisationen, freiwillige Gesellschaften, die sich aus christlicher Verantwortung gegen alle möglichen Übel auflehnen.“ (Geldbach 1984, 58) Der erfolgreichste Weg zur Gewinnung neuer Mitglieder war die Evangelisation. „Der ehemalige Rechtsanwalt Charles Grandison Finney (1792 – 1876) hatte neue Erweckungstechniken wie die Bußbank, Hausgebetskreise, Hausbesuche, [...] allabendliche Versammlungen und darin eine zum Zuge kommende, [...] ungewohnte bildreiche und drastische Rhetorik entwickelt [...]. Finney wurde vielfach kopiert, so vor allem von Erweckungspredigern wie Dwight L. Moody (1837 – 1899) und seinem Sänger Ira D. Sankey (1840 – 1908) oder Reuben A. Torrey (1856 – 1928) und später von dem ehemaligen Baseball-Spieler Billy Sunday (1862 – 1935).“ (Geldbach 2001, 24) Die Erweckten traten zum Sturm gegen alle möglichen Übel in der Gesellschaft an: gegen Alkohol, gegen die Sklaverei, für den Frieden, für eine Gefängnisreform, für die Zulassung der Frauen und der Schwarzen zum Studium, etc.

Die Zeit vor dem Bürgerkrieg (1861 – 1865) war eine Zeit des Fortschrittsoptimismus unter den Evangelikalen. „Das Tausendjährige Reich wird angesichts der herausragenden Entwicklungen auf dem amerikanischen Kontinent in Bälde anbrechen und danach wird dann Christus seine Herrschaft antreten. Dies war die Vorstellung einer endzeitlichen Herrschaft Christi, die nach dem Tausendjährigen Reich eintreten werde. Dieser sogenannte Postmillennialismus blickte voller Optimismus in die Zukunft; denn diese war machbar.“ (Geldbach 2001, 25) Der äußere Fortschritt der Technik und Zivilisation vollziehen sich zeitgleich mit dem Fortschritt in der Religion „Den letzteren kann man aus der Statistik ablesen: die Erweckungen und die neuen Erweckungstechniken (revival techniques) bringen immer mehr Menschen in die Gottesdienste und in die Kirchen, so dass alle Zeichen der Zeit drauf deuten, dass das Reich Gottes, wohl wie schon Jonathan Edwards gesagt hatte, in Amerika anbrechen wird.“ (Geldbach 1984, 59)

3.2 PRÄMILLENNIALISMUS:

Um 1870 kam es zu einer Abkehr vom bisherigen Optimismus. Durch den Bürgerkrieg und die Zeit der Rekonstruktion war es zu einer wirtschaftlichen Krise gekommen. Die Herausforderung durch die ständig fortschreitende Säkularisierung rief nach neunen Antwortversuchen. Die Predigt des Evangeliums allein schien in der sich anbahnenden modernen Industriegesellschaft nicht mehr zu reichen. „Viele wählten einen Weg, der schließlich von den Evangelikalen verworfen wurde: Man wollte das Evangelium in ein soziales Evangelium verwandeln. Obwohl das Interesse an sozialen Fragen ursprünglich eng mit der Evangelikalen Bewegung verbunden war, wurde die Bewegung des sozialen Evangeliums als liberal eingestuft.“ (Tidball 1999, 120) Angesichts der negativen Folgeerscheinungen des Kapitalismus und angesichts neuer Probleme im Zusammenhang mit der Umschichtung der Bevölkerung vom Land in die Städte ab den 1870er Jahren versuchten einige das Evangelium auf die Sozialordnung anzuwenden. Washington Gadden (Kongregationalist) und Walter Rauschenbusch (Baptist) waren die Hauptvertreter dieser sozial-evangelikalen Bewegung.

„Die Evangelikalen reagierten auf das soziale Evangelium, indem sie sich aus sozialen Projekten zurückzogen und ihre Kräfte in dreierlei Weise einsetzten: Sie schlossen sich der prämillennialistischen Lehre an, unterstützten die Heiligungslehre und sympathisierten mit der wachsenden Pfingstbewegung.“ (Tidball 1999, 120) Die Richtung der Heiligungs- und Pfingstbewegung entwickelte sich nach 1870. „Heiligung wurde als zweiter Schritt nach der Rechtfertigung oder als zweite Gnade aufgefasst, gelegentlich auch als einen Weg zum Perfektionismus. In Amerika hat die übernatürliche Erneuerung des Individuums durch die Macht des Heiligen Geistes nicht zur Absonderung von der Welt geführt, sondern auch zur Taufe mit dem Heiligen Geist, was dann zu Etablierung eigener Pfingstkirchen um die Jahrhundertwende führte.“ (Geldbach 1984, 60) Daraus entwickelte sich der charismatisch-evangelikale Typ der Pfingst- und Heiligungsbewegung.

Die dritte Gruppe entwickelte sich um den Erweckungsprediger Dwight Moody in Chicago. Die prämillennialistische Lehre war schon einmal im 19. Jahrhundert aufgetreten. „Doch da sie mit einer schwärmerischen Bewegung unter der Führung von William Miller in Verbindung stand, der Christi Wiederkunft für das Jahr 1843 angekündigt hatte, war sie bisher nur die Sicht einer evangelikalen Minderheit gewesen.“ (Tidball 1999, 120) Nun aber fielen einige Faktoren zusammen, die dem Prämillennialismus starken Auftrieb gaben. „Die Postmillenarier halten die Errichtung des Millenniums durch die Christenheit für möglich und erwarten die Wiederkunft Christi am Ende des Millenniums. Die Prämillenarier glauben dagegen an die zunehmende Dekadenz der Welt und sehen den Anbruch des Millenniums in der kurz bevorstehenden Rückkehr des Messias.“ (Riesebrodt 1990, 74) Angesichts des Bürgerkrieges und der zunehmenden Urbanisierung brach der Optimismus des Postmillennialismus zusammen. Zudem ließen sich die optimistischen Ansichten des Postmillennialismus besser mit den liberalen Ideen des sozialen Evangeliums verbinden.

Der Prämillennialismus sorgte für eine neue Faszination an der Zukunft und für Interesse an den Juden. Im Prämillennialismus „wird das Tausendjährige Reich nicht mehr als geschichtliche Epoche gedeutet, die in Kürze anbricht und an deren Ende die Wiederkunft Jesu Christi steht, sondern diese Wiederkunft geschieht vor dem tausendjährigen Reich.“ (Geldbach 1984, 61) Doch ließ sich mit dem Prämillennialismus der Verlauf der Geschichte leicht erklären, da es mit der Welt vor dem Kommen Christi nicht besser werde. „Ferner brauchte man eine buchstäbliche Schriftauslegung, die sich auf die neuen Einsichten über Beweise und Tatsachen beziehen ließ, wie sie die moderne Wissenschaft lieferte. Diese fand sich in der Schottischen Aufklärungsphilosophie, die diesem Denken zugrunde lag: Die Wörter mussten genau das bedeuten, was sie sagten.“ (Tidball 1999, 121) Deshalb ist die Bibel ein Buch der Tatsachen und sie enthüllte genau den Zeitplan. „Die Geschichte und die Zukunft konnte man aufteilen und klassifizieren in Form von bestimmten Glaubenssystemen, wie dies ein Naturwissenschaftler tun würde. Der Supranaturalismus machte zusammen mit der modernen Wissenschaft den Prämillennialismus populär.“ (Tidball 1999, 121) Der Prämillennialismus wurde vor allem von Moody und seinen Mitarbeitern (R. A. Torrey, u. a.) vertreten. „Die Lehre wurde im Moody Bibelinstitut und im BIOLA, dem Bibleinstitut von Los Angeles, zum festen Bestandteil der Unterweisung. Der Prämillennialismus wurde geradezu zur neuen evangelikalen Orthodoxie.“ (Tidball 1999, 121)

[...]

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Details

Titel
Der protestantische Fundamentalismus in den USA (1910 - 1928)
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
SE Fundamentalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
31
Katalognummer
V54844
ISBN (eBook)
9783638499545
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Historische Darstellung des protestantischen Fundamentalismus in den USA von 1910 bis 1928 (u. a. mit dem berühmten "Affenprozess")
Schlagworte
Fundamentalismus
Arbeit zitieren
Othmar Kolp (Autor), 2003, Der protestantische Fundamentalismus in den USA (1910 - 1928), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54844

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