Unser Erleben von Geschwindigkeit hat sich seit der Hochindustrialisierung im 19. Jahrhundert und der Entstehung der neuen Medien im 20. Jahrhundert grundlegend verändert. Die Welt wird mit einer anderen, beschleunigten Geschwindigkeit wahrgenommen. So ist der Blick aus einem fahrenden Zug für uns heute eine ästhetische Alltäglichkeit, führte aber zu Beginn der Eisenbahnfahrten im letzte Jahrhundert zu Irritationen bei verschiedenen Teilen der Bevölkerung. Der Blick - vom Seheindruck der letzten Jahrhunderte (!), ohne wesentliche Beschleunigungen - veränderte sich zu einem sekundenhaften, sich gleich wieder verflüchtigen Eindruck der durchfahrenden Landschaft. Diese momenthaften, anfänglich als Schock bezeichneten Eindrücke sollten die Ästhetik und mit ihr die ganze Kunst neu bestimmen und ihr eine neue Richtung in der sich ankündigenden Moderne geben. Veränderungen in der Wahrnehmung hatten vor allem Einfluß auf künstlerische Werke, die diese Eindrücke unmittelbarer beschreiben und in ihren Werken umsetzen sollten.
Gliederung
1. Einleitung
2.1. Zeit
2.2. Paul Virilio – Zeitalter der Geschwindigkeiten
2.3. Revolutionen der Geschwindigkeit
2.3.1. Erste Veränderungen – Bewegung und Stillstand
2.3.2. Gefahr für die Demokratie? Virilios Zukunftsvisionen der Demokratie
2.4. Die letzte Revolution
2.5. Ästhetik des Verschwindens
2.6. Kritik an Virilio
3. Marshall McLuhan
3.1. Understanding Media
3.2. Extension of men – Ausweitung des Menschen
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Mensch und Technik anhand der Theorien von Paul Virilio und Marshall McLuhan. Dabei wird analysiert, wie moderne Technologien die menschliche Wahrnehmung, Zeit- und Raumerfahrung sowie politische Entscheidungsprozesse grundlegend verändern.
- Die Dromologie als Lehre von der Geschwindigkeit bei Paul Virilio.
- Die Auswirkungen technischer Beschleunigung auf die Demokratie und den Körper.
- Marshall McLuhans Medienkonzept als "Ausweitung des Menschen".
- Kritische Gegenüberstellung beider Ansätze hinsichtlich ihrer Technikbewertung.
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Erste Veränderungen – Bewegung und Stillstand
Die modernen Kommunikations- und Unterhaltungsmedien wie Telefon oder optische Telegrafie (TV, Video, Internet usw.) und ihre Beschleunigungsprozesse bringen – so Virilios These – den Körper und die materiellen Dinge zum Verschwinden. Der geographische Raum löst sich unter der Beschleunigung scheinbar auf und „treibt uns in einen endgültigen Stillstand“29. So läßt beispielsweise die Nutzung des Telefons anhand der sinnlich wahrgenommenen Stimme keine Verortung der Gesprächsteilnehmer im geographischen Raum mehr zu, vielmehr wird dadurch eine große Intimität suggeriert. Das gesprochene Wort wird mit Schallgeschwindigkeit übertragen (Echtzeit) aber die reale Anwesenheit des menschlichen Körpers am Gesprächsort des anderen wird dank der Technik überflüssig, kann der jeweilige Gesprächsteilnehmer sich doch an jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit befinden. Nicht nur der Raum und seine Wahrnehmung verändern sich, sondern auch der Zeithorizont des Menschen, der nun ausgedehnt wird.
Die bisher gültigen Parameter von Raum und Zeit werden durch die Technik und die von ihnen hervorgerufene Beschleunigung transformiert und in einen Zustand von Deterritorialisierung und Detemporarisierung gebracht. Der menschliche Körper ruht – nach Virilio - in einem Zustand der „absoluten Trägheit“30, des „absoluten Stillstands“31, in der Bewegungslosigkeit. Virilio bezeichnet diesen Zustand der menschlichen Trägheit als den letzten Triumph der Seßhaftigkeit. Hierin liegt ein Paradox der Moderne, denn einerseits postuliert sie für alle Lebensbereich das Paradigma der Beschleunigung bzw. der beschleunigten Bewegung (Mobilität, Flexibilität als ihre Verwandten), wie beispielsweise Live-Übertragungen, Videokonferenzen, Datenübertragung per Internet usw., aber der moderne Mensch selbst kommt zum Stillstand. Trotz der ermöglichten Mobilität durch die Technik ist der Mensch von ihr in seiner Mobilität eingeschränkt und zum Stillstand, zur Bewegungslosigkeit vor dem Bildschirm verdammt. Virilio nennt diesen Zustand auch Tele-Aktion.32
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, die das veränderte Verhältnis von Mensch und Technik im Zuge der Beschleunigung durch moderne Medien thematisiert.
2.1. Zeit: Erläuterung der Bedeutung der Uhr und der Zeitmessung als sozialer Disziplinierungsfaktor in der Moderne.
2.2. Paul Virilio – Zeitalter der Geschwindigkeiten: Einführung in die Theorie der Dromologie, welche die Gesellschaft als von der Geschwindigkeit strukturiert betrachtet.
2.3. Revolutionen der Geschwindigkeit: Kategorisierung der Geschwindigkeitsereignisse in drei Phasen, vom Transportwesen bis zur heutigen Informationsgesellschaft.
2.3.1. Erste Veränderungen – Bewegung und Stillstand: Analyse der paradoxen Situation, dass moderne Technik einerseits Mobilität ermöglicht und andererseits den Menschen zur Bewegungslosigkeit führt.
2.3.2. Gefahr für die Demokratie? Virilios Zukunftsvisionen der Demokratie: Untersuchung der These, dass absolute Geschwindigkeit zu einer Automatisierung von Politik führt und die Machtteilung gefährdet.
2.4. Die letzte Revolution: Ausblick auf die Transplantationstechnik als finale Kolonisierung des menschlichen Körpers.
2.5. Ästhetik des Verschwindens: Beschreibung der Verschiebung von natürlicher Wahrnehmung hin zu technischer Visualisierung durch Medien wie Fotografie und Film.
2.6. Kritik an Virilio: Auseinandersetzung mit der methodischen Unschärfe und dem pessimistischen Menschenbild Virilios auf Basis von Kay Kirchmanns Analysen.
3. Marshall McLuhan: Darstellung der medientheoretischen Position von McLuhan, bei dem Medien als primäre Gestalter des "medialen Klimas" fungieren.
3.1. Understanding Media: Erörterung der These "The medium is the message" und der Ablösung des Leitmediums Buch durch elektronische Medien.
3.2. Extension of men – Ausweitung des Menschen: Deutung von Technik als prothetische Ausweitung des menschlichen Körpers und Sinnesorgans.
4. Zusammenfassung: Synthese der beiden Theorien und Fazit zur unterschiedlichen Sichtweise auf Mensch und Technik.
Schlüsselwörter
Geschwindigkeit, Technik, Dromologie, Marshall McLuhan, Paul Virilio, Wahrnehmung, Medien, Zeiterfahrung, Raum, Automatisierung, Tele-Aktion, Entfremdung, Prothesengott, Beschleunigung, Macht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Mensch und Technik anhand der medienphilosophischen Ansätze von Paul Virilio und Marshall McLuhan.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Geschwindigkeit (Dromologie) und der Medientechnik als Erweiterung des menschlichen Körpers sowie deren Einfluss auf die Wahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unterschiedlichen theoretischen Auffassungen beider Philosophen darzustellen und kritisch zu analysieren, wie sie moderne Technik und deren Folgen für den Menschen bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der die Konzepte von Virilio und McLuhan mittels Fachliteratur, insbesondere der Kritik von Kay Kirchmann, kontrastiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Virilios Geschwindigkeits-Theorien und Demokratiekritik sowie McLuhans Ansätze zur Medienwirkung und zur Körper-Technik-Relation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Dromologie, absolute Geschwindigkeit, Tele-Aktion, die Ausweitung des Menschen und die Medientheorie.
Warum sieht Virilio eine Gefahr für die Demokratie?
Virilio argumentiert, dass politische Entscheidungen in Echtzeit durch die Technik automatisiert werden, was die traditionelle Machtteilung und den demokratischen Diskurs untergräbt.
Was meint McLuhan mit "Ausweitung des Menschen"?
McLuhan sieht jede neue Erfindung als prothetische Erweiterung eines menschlichen Sinns oder Körperegels, um eine Überlastung des Nervensystems auszugleichen.
Wie unterscheidet sich die Bewertung der Technik bei beiden Autoren?
Während Virilio eine technikfeindliche, kulturpessimistische Haltung einnimmt, betrachtet McLuhan die Verbindung von Technik und Mensch als anthropologische Tatsache ohne von vornherein negative Konsequenzen.
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- Manuela Lück (Author), 2003, Zum Verhältnis von Technik und Mensch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54865