Der Außenseiter als Beobachter. Franz Hessels Roman Der Kramladen des Glücks. Erzählformen und ihre Wirkung auf die Rezeption.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor und die Münchner Moderne

3. Erzähltheoretische Aspekte und ihre Wirkung auf die Rezeption
3.1 Aufbau/ Tektonik
3.2 Erzählverfahren/ Erzählsystem
3.2.1 Der kindliche Beobachter: Erzählform, -verhalten und -perspektive
3.3 Darbietungsweise

4. Die doppelte Identitätslosigkeit: Autobiographische Einflüsse S.

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Der Autor Franz Hessel gilt als relativ wenig erforscht, sein Stellenwert in der deutschen Literaturlandschaft ist noch umstritten. Erst in jüngerer Zeit wird sein Werk verstärkt von der Literaturwissenschaft wahrgenommen.

Die vorliegende Arbeit untersucht Hessels Erstlingsroman „Der Kramladen des Glücks“[1] auf die Relation zwischen formaler und inhaltlicher Ebene, und die Wirkung, die die angewandten Erzähltechniken auf die Rezeption haben. Gerade bei diesem Roman eröffnet diese Herangehensweise interessante Perspektiven, da das Werk hinsichtlich der Korrelation von formaler und inhaltlicher Ebene, welche nie vollständig getrennt voneinander zu betrachten sind, eine auffallend durchdachte Konstruiertheit aufweist, was im Laufe der Arbeit anhand von Textbeispielen erläutert werden soll. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auch den autobiographischen Zügen des Romans gewidmet.

Die vorhandene Forschungsliteratur zu Hessels Werken ist sehr spärlich. Neben der Werkausgabe „Das Leben in Schrift verwandelt. Franz Hessels Romantetralogie.“, herausgegeben von Bernd Witte[2], dienten mir unter anderem das Ausstellungsbuch „Nur was uns anschaut, sehen wir“ von Herbert Wiesner[3], das Nachwort von Bernd Witte zum Roman „Der Kramladen des Glücks“[4] und das von Andreas B. Kilcher herausgegebene „Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart.“[5] als Sekundärliteratur. Die formalen Definitionen orientieren sich größtenteils am Standardwerk „Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch.“.[6] Den Hauptteil bildet die Arbeit am Primärtext.

2. Der Autor und die Münchner Moderne

„Aus der Erinnerung an kindliche Lektüren speist sich die Welt des Autors Franz Hessel. Seine Außenseiterrolle ist die des Kindes, das mit staunenden Augen die Welt sieht und in ihr die Frauen als den anderen, ewig unbegreiflichen, aber ewig angebeteten Teil der Menschheit.“[7] Die von Bernd Witte angesprochene Perspektive des Kindes wird besonders deutlich in Franz Hessels Erstlingsroman „Der Kramladen des Glücks“ von 1913 und weist bereits auf die Nähe hin, die zwischen dem Protagonisten des Romans, Gustav Behrend, und dem Autor besteht. Nun stellt die Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler und die Gefahr der unreflektierten Gleichsetzung dieser zwei Instanzen ein besonderes Problem- und Arbeitsfeld in der Literaturwissenschaft dar. Die Biographie des Autors Franz Hessel findet in dieser Arbeit dennoch besondere Erwähnung, da sie sich in seinem Werk, im Besonderen im untersuchten Roman, unzweifelhaft wieder spiegelt. Lebensumstände, persönliche Probleme und Weggefährten Hessels erleben ihre künstlerische Reinkarnation im „Kramladen des Glücks“, natürlich unter der Einschränkung der literarischen Verfremdung und Aufbereitung mit den Mitteln der Erzähltechnik, auf die in Kapitel 3 gesondert eingegangen wird.

Franz Hessel wurde am 21.11.1880 in Stettin geboren, sein erster Roman „Der Kramladen des Glücks“ von 1913 ist wie seine späteren Werke deutlich autobiographisch gefärbt. Es folgten die Romane „Pariser Romanze“ von 1920, „Heimliches Berlin“ aus dem Jahre 1927 und das Fragment „Alter Mann“, welches aber erst 1987 aus seinem Nachlass veröffentlicht wurde.[8]

Seine Studentenzeit verbrachte Hessel in München, wo er zunächst Literaturgeschichte studierte und sich der literarischen Boheme anschloss, in dessen Zentrum der esoterische Kreis um Stefan George stand.[9] Berlin, München und Wien galten um 1900 als die Hauptorte der Moderne.[10] Die meisten einflussreichen Autoren der Moderne, wie die Hessel-Vertrauten Stefan George und Franziska zu Reventlow, sind jedoch keine gebürtigen Münchner, sondern zugereist, wie auch der aus Stettin stammende Hessel selbst.[11]

Der Stadtteil Schwabing bildete im München um die Jahrhundertwende eine Art „Künstlerviertel“ und war Anziehungspunkt sowohl für das Münchner Kleinbürgertum, das wohlhabende Bildungsbürgertum und die Boheme. Dieses Klima der gegensätzlichen Milieus, das in diesem Viertel um 1900 zur Entfaltung kam, umschrieb Franziska zu Reventlow mit dem Begriff „Wahn-Moching“ in ihrem für diese Epoche prägenden Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“. Sie beschreibt damit die „Symbiose von Wahnhaft-Utopischem und Bodenständig-Münchnerischem“,[12] die sich im Schwabing der Jahrhundertwende manifestierte.

Eine wichtige geistige Strömung innerhalb dieses literarischen und spirituellen Mikrokosmos bildete der erwähnte George-Kreis, dem neben Karl Wolfskehl als wichtigstem Anhänger auch Franz Hessel angehörte.[13]

George wollte durch Ausbildung der „dichterischen erziehung und des geschmackes“ ein „höheres leben“ vorbereiten, wobei er selbst als eine Art „Dichterfürst“ fungierte, der Kreis um ihn wurde immer hierarchischer, die Jünger scharten sich um den „Meister“ George.[14]

Die „Kosmiker“ um Ludwig Klages und Alfred Schuler verfolgten in diesem Umfeld eigene Ziele, sie hatten die „Abkehr von der Rationalität der modernen Zivilisation zum Ursprünglichen“ als Anliegen; 1904 kam es schließlich zum Bruch des George-Kreises mit den „Kosmikern“, zu gegensätzlich und in gewisser Hinsicht konkurrierend sind die beiden „Lebens- und Denkentwürfe“ geworden.[15]

Schwabing war von einem regelrechten Mythos umgeben, der die „paradiesische Unbekümmertheit gegenüber einer materialistischen Gesellschaft, eines ungezwungenen Bohemetums oder gemütlichen Volkslebens, der erotischen Freiheit, des Faschings und der Festesfreude“ umfasst.[16] Das Künstlerviertel schien eine Atmosphäre der geistigen Freiheit und Experimentierfreude auszustrahlen.[17] Neben den erwähnten Kreisen fanden auch zahlreiche andere mystische Zirkel reichlich Nährboden in Schwabing.[18] Der auch den „Kosmikern“ zugetane Hessel hatte in diesen Kreisen eher den für ihn symptomatischen Status des Außenseiters inne, der sich, wie später gezeigt, als ein zentrales Thema in seinen Büchern wieder spiegelt, nur mit Karl Wolfskehl verband ihn eine engere Freundschaft.[19] Hessel war dabei stets auf der Suche nach der Geborgenheit einer Familie, und als sein Vater 1900 starb, wurde Wolfskehl zu einer Art Vaterersatz und die Gräfin Franziska zu Reventlow zu einer Ersatzmutter.[20] Seit 1903 lebte er mit ihr, ihrem Liebhaber und ihrem Sohn in einem Haus in der Kaulbachstrasse. Hessel war dabei für die Gelder zuständig, da er seit dem Tod seines Vaters finanziell unabhängig war.[21]

Von 1903 bis Januar 1904 studierte Hessel deutsche Philologie, dann Orientalistik und Hebräisch. Ab 1904 gab er mit Franziska zu Reventlow den „Schwabinger Beobachter“ heraus, der das Treiben der „Georgianer“ und „Kosmiker“ satirisch kommentierte.

Doch sein Leben in München hinterließ auch über die Literaturlandschaft hinaus Spuren: Seine Freundschaft mit Henri-Pierre Roché und seine Liebe zu Helen Grund, die er im Juni 1913 heiratete, wurden 1953 in Rochés Roman „Jules et Jim“ verarbeitet, der Vorlage für den berühmten gleichnamigen Film von Francois Truffaut von 1961.[22]

Seit 1906 lebte Hessel in Paris und befreite sich als welterfahrener Spaziergänger aus den ökonomischen und gesellschaftlichen Zwängen des Alltags, er blieb in seinem Leben stets der Rolle des Träumers und Beobachters treu, die er in der Kunst des Flanierens zur Vollendung brachte.[23] Er wurde vom „Berliner Spaziergänger“ zum „Pariser Flaneur“.[24]

In den zwanziger Jahren arbeitete Hessel als Lektor und Autor des Rowohlt-Verlages in Berlin. Zeugnisse seines durchaus reichhaltigen literarischen Schaffens sind Romane, Gedichte, Dramen, Kritiken, Übersetzungen, die Herausgabe der Zeitschrift „Vers und Prosa“ und kleine Prosatexte, die er in diversen Zeitungen und Zeitschriften publizierte (zum Beispiel „Teigwaren, leicht gefärbt“ 1926; „Nachfeier“ 1929; „Ermunterungen zum Genuß“ 1933).[25]

Im Dritten Reich erhielt er Publikationsverbot durch die Nazis, nach 1933 veröffentlichte er nichts mehr,[26] lebte aber noch jahrelang verborgen in Berlin, wo er weiterhin lektorisch und übersetzerisch für Rowohlt tätig war, bis er im November 1938, auf das Drängen seiner Frau Helen, nach Frankreich emigrierte. Zuvor hatte er sich lange gegen ein Leben im Exil gewehrt, da er sich, wie er zu Freunden sagte, „nicht dazu berechtigt gesehen habe, als ein Bevorzugter dem Schicksal der Juden zu entgehen.“[27] Eine Aussage, die von später Solidarität und vielleicht auch innerer Versöhnung mit seiner Identität als Jude, mit der er sich lange schwer getan hatte, zeugt. Er veröffentlichte unter dem biblischen Pseudonym „Hesekiel“ noch einige Prosastücke in der Pariser Tageszeitung und zog schließlich 1940 mit Frau und ältestem Sohn Ulrich ins Exil nach Sanary-sur-Mer, wo viele deutsche Emigranten lebten.[28]

Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich wurde Hessel im Lager von Les Milles interniert, kehrte im Juli 1940 völlig erschöpft nach Sanary zurück und starb dort am 6. Januar 1941 nach kurzer fiebriger Krankheit.[29] Viele Aspekte dieser Biographie lassen sich im „Kramladen des Glücks“ wieder entdecken (siehe Kap.3 und 4).

[...]


[1] Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks. In: Sämtliche Werke. Band I. Romane. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1999. S.12-185.

[2] Bernd Witte: Das Leben in Schrift verwandelt. Franz Hessels Romantetralogie. In: Franz Hessel: Sämtliche Werke. Band I. Romane. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1999.

[3] Herbert Wiesner (Hg.): Franz Hessel. Nur was uns anschaut, sehen wir. Ausstellungsbuch. Erarbeitet von Ernest Wichner und Herbert Wiesner. Literaturhaus Berlin. Berlin 1998.

[4] Bernd Witte: Nachwort. In: Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983. S.245-254.

[5] Andreas B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart /Weimar 2000.

[6] Dieter Gutzen, Norbert Oellers, Jürgen H.Petersen (Hg.): Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch. 6., neugefaßte Auflage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1989.

[7] Witte: Das Leben in Schrift verwandelt. S.441.

[8] Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon. S.235.

[9] Witte: Nachwort. S.249.

[10] Walter Schmitz (Hg.): Die Münchner Moderne. Die literarische Szene in der „Kunststadt“ um die Jahrhundertwende. Mit 48 Abbildungen. Philipp Reclam Jun., Stuttgart 1990. S.15.

[11] Schmitz (Hg.): Die Münchner Moderne. S.16/17.

[12] Schmitz (Hg.): Die Münchner Moderne. S.473.

[13] Ebd.: S.458.

[14] Ebd.: S.460/461.

[15] Ebd.: S.459/460.

[16] Ebd.: S.438.

[17] Ebd.: S.468.

[18] Es bildeten sich diverse spiritistische Kreise, deren Vorreiter Ende der 1870er Jahre die „Psychologische Gesellschaft“ um Carl du Prel war. (Schmitz (Hg.): Die Münchner Moderne. S.486-488).

[19] Witte: Nachwort. S.249.

[20] Witte: Nachwort. S.249.

[21] Witte: Nachwort. S.249.

[22] Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon. S.236.

[23] Witte: Nachwort. S.253.

[24] Wiesner (Hg.): Franz Hessel. Nur was uns anschaut, sehen wir. S.6.

[25] Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon. S.236.

[26] Witte: Nachwort. S.254.

[27] Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon. S.237.

[28] Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon. S.237.

[29] Ebd.: S.237.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Außenseiter als Beobachter. Franz Hessels Roman Der Kramladen des Glücks. Erzählformen und ihre Wirkung auf die Rezeption.
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Münchner Moderne.
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V55049
ISBN (eBook)
9783638500982
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Außenseiter, Beobachter, Franz, Hessels, Roman, Kramladen, Glücks, Erzählformen, Wirkung, Rezeption, Münchner, Moderne
Arbeit zitieren
Jan Wirschal (Autor), 2004, Der Außenseiter als Beobachter. Franz Hessels Roman Der Kramladen des Glücks. Erzählformen und ihre Wirkung auf die Rezeption. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55049

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