Von Natur aus anders? Eine biologische und sozialpsychologische Betrachtung der Geschlechterdifferenz


Magisterarbeit, 2005

134 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Verlauf der Forschung
1.2 Warum ist der neue Biologismus so aktuell?

2 Präsentation der Textgrundlage
2.1 Allgemeine Daten zum Buch
2.2 Peases Thesen zur Geschlechterdifferenz
2.2.1 Geschlechterdifferenz steht nicht im Widerspruch zur Gleichberechtigung!
2.2.2 Unterschiede sind nicht mit psychologischen, sondern nur mit biologischen Theorien zu erklären!
2.2.3 Wir sind auch heute immer noch Steinzeitmenschen!
2.2.4 Wir sind unsere Hormone!
2.2.5 Wir sind unser Gehirn!
2.2.6 Wir wollen doch nur helfen!
2.3 Meine Kritikpunkte

3 Biologischer Blick auf die Geschlechterdifferenz
3.1 Diskussion der Theorien der Peases
3.1.1 Chromosomale Einflüsse
3.1.2 Vergleich zwischen Mensch und Tier
3.1.3 Evolutionsbiologische Theorien
3.1.4 Hormonelle Einflüsse
3.1.5 Gehirnspezifische Einflüsse
3.2 Unterschiede der Theorien der Peases zur Soziobiologie

4 Biologischer Blick auf das Geschlechtskontinuum
4.1 Physiologisches Kontinuum
4.2 Biologie der Anomalien

5 Sozialpsychologischer Blick auf die Geschlechterdifferenz
5.1 Einfluss der Umwelt
5.1.1 Wechselwirkung von Umwelt und biologischen Merkmalen
5.1.2 Konstruktionen
5.1.3 Schwierigkeiten des biologischen Determinismus
5.2 Reflexive Betrachtung
5.2.1 Verbindung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft
5.2.2 Androzentrismus
5.2.3 Unzulässige Datensammlung
5.2.4 Westliche Kultur und Oberschicht
5.2.5 Merkmalsmessung
5.2.6 Definition von Merkmalen
5.2.7 Momentaufnahme
5.2.8 Bildgebende Verfahren
5.3 Veränderungen in Partnerschaften

6 Sozialpsychologischer Blick auf das Geschlechtskontinuum
6.1 Psychologisches Kontinuum
6.2 Androgyniekonzept

7 Fazit
7.1 Unzureichende Darstellung der biologischen Ergebnisse
7.2 Geschlechterdifferenz oder Geschlechtskontinuum?
7.3 Biologische oder psychologische Ursachen?
7.4 Zusammenarbeit der Fachrichtungen

8 Ausblick

9 Literaturverzeichnis

10 Internetadressen

11 Anhang
11.1 Bücher der Peases
11.2 Seminarthemen der Peases
11.3 Tabelle
11.4 Biografie der Peases
11.5 Androzentrismus der Peases

1 Einleitung

„Männer sind anders. Frauen auch.“[1], „Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus.“[2], „66 Unterschiede zwischen Mann und Frau...“[3], „Anders von Anfang an“[4], „Why men and women think differently“[5] und dergleichen mehr wird in den Medien verkündet. Seien es nun Zeitschriftenartikel, Bestseller oder Fernsehsendungen, überall wird vermittelt: Frauen und Männer unterscheiden sich und dies liege vor allem an ihrer biologischen Beschaffenheit. Jeder Mensch wird unter diesem Aspekt erfasst und in ein binäres Klassifikationsmuster eingeordnet: es gibt im allgemeingültigen Denken nur die Kategorien „Mann“ und „Frau“. Die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht, was im Allgemeinen nur eine Abstraktion von biologischen Merkmalen[6] darstellt, beinhaltet immer ein Differenzbewusstsein zum anderen Geschlecht, das heißt Frau-Sein bedeutet zu jeder Zeit auch Nicht-Mann-Sein und umgekehrt.[7] „Die Frage 'Was ist ein Mann?' beziehungsweise 'Was ist eine Frau?' ist von zentraler Bedeutung für die Identität einer Person und dafür, wie jede Person ihren Platz in der Familie, im Arbeitsverhältnis, im sozialen Umfeld und innerhalb der Menschheit definiert.“[8]

Die vorliegende Arbeit setzt am Differenzgedanken des Geschlechts an. Dazu betrachte und diskutiere ich im Hauptteil meiner Ausarbeitung die Theorien von Allan und Barbara Pease, welche meiner Meinung nach ein sehr striktes Differenzdenken an biologische Theorien knüpfen. Differenz bedeutet: „eine Gesamtheit gliedert sich auf. Etwas entwickelt sich auseinander; in dem, was fest schien, logisch oder natürlich verbunden, zeigen sich Unterschiede.“[9] Bezüglich der Geschlechterdifferenz geht es um die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bzw. den Geschlechterrollen[10], also um die Frage, wie jeder Einzelne[11] sein Geschlecht nach außen hin repräsentiert. Die Biologen erfassen mit Geschlechterdifferenz aber nicht nur die Rollen der Geschlechter, sondern auch die im Körper begründeten Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Geschlechterdifferenz steht ebenfalls im Zusammenhang „mit der Definition von Geschlecht (sex/gender) und Geschlechterordnung, die nicht von der Gleichheit der Geschlechter ausgeht.“[12]

Aus diesem Grund werde ich der eigentlichen Diskussion um die Hypothesen der Peases einen kurzen Abriss über die Forschung zum sex/gender-Modell voranstellen, gerade weil ich der Auffassung bin, dass sich aktuell wieder ein Wandel zur meist einseitigen Betrachtung des Geschlechts vollzieht. Dies ist in vielen soziobiologischen Theorien und ebenfalls in den von mir vorgestellten Ansichten der Peases zu beobachten.

Überleitend zum Hauptteil stelle ich das Buch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (1998) von Allan und Barbara Pease vor, welches als Modell für heutige populärwissenschaftliche Ansichten und Untersuchungen über das Geschlecht dienen soll. Die soziobiologischen Auffassungen der Peases sind meiner Ansicht nach ein eindeutiges Beispiel für die Theorien des neuen Biologismus, der immer mehr Beachtung in den Medien und der Gesellschaft erfährt. Das Buch stellt laut der Verfasser eine Mischform zwischen Beziehungsratgeber und wissenschaftlicher Grundlagenlektüre dar. Da es viele umfangreiche Ansätze beinhaltet, beispielsweise für geschlechtsspezifische Unterschiede in Kommunikation, räumlichem Vorstellungsvermögen, Intelligenz, Sexualität usw., werde ich mich für die Diskussion nur auf eine Theorie beschränken, da sonst der Rahmen dieser Arbeit gesprengt werden würde. Der von mir diskutierte Aspekt wird die Grundannahme einer existierenden Geschlechterdifferenz sein. Ich möchte diese Meinung aufgreifen und anhand weiterer Theorien hierzu prüfen. Nur so ist es meiner Meinung nach möglich, sich angemessen in eine Diskussion der Aussagen der Peases zu begeben. Um nun aber zu einem vollständigen Überblick zu gelangen, werde ich einen Blick auf die Annahmen des Geschlechtskontinuums werfen. Ein Kontinuum „ist ein Objekt welches keine Risse, Brüche, Löcher, Hohlräume oder ähnliches innerhalb seiner Grenzen besitzt, sich also überall kontinuierlich fortsetzt.“[13] Geschlechtskontinuum bezeichnet in diesem Zusammenhang, dass das menschliche Verhalten, aber auch die biologischen Merkmale auf einer Skala zwischen den Extremen Männlich und Weiblich zu finden ist, was meiner Meinung nach im Gegensatz zum Bild der Geschlechterdifferenz steht. Jeder Mensch nimmt einen anderen Platz in diesem Kontinuum ein.

In dieser Ausarbeitung werde ich, neben dem gleichzeitigen Aufzeigen von Annahmen zur Geschlechterdifferenz und zu einem Geschlechtskontinuum, die Thesen der Peases aus zwei ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Ich werde zuerst aus rein biologischer und im Anschluss aus sozialpsychologischer Sicht argumentieren. Ich empfinde es als wichtig, selbst in dieser für das Fach Sozialpsychologie geschriebenen Arbeit, biologische Theorien miteinzubeziehen. Meiner Ansicht nach dürfen bestimmte Behauptungen nicht anhand einer grundsätzlich anderen Betrachtungsweise kritisiert werden, sondern es ist notwendig sich auch auf die Argumentationsweise selbst einzulassen. Dazu werde ich Thesen liefern, die ebenfalls auf naturwissenschaftlichen Forschungsgrundlagen beruhen. Vollständig wird diese Arbeit meiner Meinung nach aber erst durch das Einbeziehen der sozialwissenschaftlichen Begründungen.

Bevor ich mich aber im Detail der Annahmen der Peases zuwenden werde, möchte ich ein paar Fakten vorlegen, die zeigen, welch hohe Resonanz dieses Buch in der Gesellschaft gefunden hat.

Darauffolgend werde ich als ersten Blickwinkel die Ansichten der Geschlechterdifferenz unter biologischen Aspekten betrachten, das heißt, anhand verschiedener biologischer Ansichten diskutieren. Dabei biete ich Hypothesen der heute noch gültigen Wirkung von evolutionären Verhaltensmerkmalen an, ebenfalls werde ich Theorien um die Gene, Hormone und das Gehirn von Frauen und Männern anführen, die zum Teil helfen, die Annahmen der Peases kritisch zu beleuchten. In diesem Abschnitt werde ich ebenfalls untersuchen, inwiefern die Peases ihre soziobiologischen Wurzeln in der Theoriefindung ernst nehmen. Um die biologische Sichtweise zu vervollständigen, werde ich Gedanken zu Theorien über das Geschlechtskontinuum anführen. Dabei werde ich Ansichten zu einer Physiologie des Geschlechtskontinuums und der Biologie von Anomalien unterscheiden.

Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich die Theorien der Peases über die Geschlechterdifferenz aus Sicht der Sozialpsychologie betrachten. Ich werde mir die Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und biologischen Grundlagen anschauen. Ebenfalls werde ich in diesem Abschnitt eine Meta-Perspektive in Bezug auf die Forschungsmethode der Peases einnehmen und herausfinden, wie sie Männlichkeit und Weiblichkeit konstruieren und welche Aspekte ihre Forschung beeinflussen. Auch die sozialpsychologische Sichtweise ergänze ich mit Theorien eines Geschlechtskontinuums, welche ein psychologisches Kontinuum und das Androgynitätskonzept beinhalten wird. Im darauffolgenden Teil werde ich einige Ansichten zusammenfassen und ein Resümee ziehen. Im anschließenden Abschnitt werde ich meine eigene Begrifflichkeit in Frage stellen. Der letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit einigen Gedanken darüber, wie diese Theorien der Peases auf die Menschen wirken könnten.

1.1 Verlauf der Forschung

Das Geschlecht einer Person spielt, wie in der Einleitung angeführt, eine große Rolle sowohl im alltäglichen Umgang der Menschen miteinander als auch in der Identitätsbildung. Zusätzlich dazu beschäftigen sich auch verschiedene Wissenschaften schon seit langem mit dem Aspekt des Geschlechts.

Platon (427 – 347 v. Chr.) sah eine grundsätzliche Ähnlichkeit der Geschlechter, während die Frau jedoch eine schwächere Ausprägung der natürlichen Anlagen zeigte.

Sein Schüler Aristoteles (445 – 385 v.Chr.) formulierte seine Ansichten noch deutlicher. Er sah die Frau als defektes Wesen, dessen intellektuelle Kapazität mit der eines Sklaven zu vergleichen wäre.[14] „Von der Antike bis zur Aufklärung zieht sich durch Philosophien und Religionen die ungebrochene Tradition einer als natur- oder gottgegebenen vorausgesetzten Unterlegenheit der Frauen gegenüber dem Mann.“[15] Mann und Frau wurden in diesen früheren Ansichten als ein Geschlecht angesehen, wobei die Frau die mindere Form, sowohl in körperlichen, als auch in psychischen Merkmalen darstellte. Es bestand die Auffassung, dass in der gottgegebenen und unveränderlichen Weltordnung jedes Geschöpf einen bestimmten Platz inne hatte.[16] Die Aufgabe der Frau läge im Ernähren und Pflegen der Kinder, der Führung des Haushalts und vor allem dem Dienen des Mannes. Jean-Jacques Rousseau (1717 – 1778) beschrieb eine naturgegebene Aufgabenteilung, in welcher die Frau als passiv und emotional dargestellt wurde, während der Mann aktiv und intellektuell wäre.[17]

Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er behauptete, dass die Unterwerfung der Frau nicht nur Ausdruck ihrer Natur, sondern ihres eigentlichen Willens wäre. Ein berühmter Satz aus dieser Zeit stammt von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900): „Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück des Weibes heißt: er will.“[18] Die Frau wurde als zweitrangiges Geschlecht betrachtet, welches kaum in der Lage wäre, sich intellektuell weiterzuentwickeln. Gerade auch deshalb wurde es Frauen zu jener Zeit nicht gestattet zu studieren, alle Forschungen zum Thema Geschlecht wurden von Männern und an Männern durchgeführt.

Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte ein erster Umschwung im Denken über das Geschlecht. „An die Stelle von Mythologie, Religion, Philosophie und den sich aus ihnen ableitenden Naturtheorien treten die modernen Natur wissenschaften.“[19] Es erfolgten die ersten Untersuchungen an Frauen- und Männergehirnen. Gustave LeBon (1841 - 1959) war 1879 einer der Ersten, der das Gewicht der Gehirne maß und dabei große Gewichtsunterschiede zum Nachteil der Frauen fand. Er rückte deswegen Frauen in die Nähe von Tieren. Eine seiner Aussagen war: „Bei den intelligentesten Rassen, wie bei den Parisern, gibt es eine große Anzahl Frauen, deren Gehirn der Größe nach den Gorillas näher steht als den höchstentwickelten männlichen Hirnen.“[20] Neben LeBon vertraten zu dieser Zeit auch viele andere Anatomen diese Meinung, wie zum Beispiel Paul Broca (1824 - 1880)[21] und Theodor Ludwig von Bischoff (1807 - 1882)[22], die ebenfalls aus ihren Ergebnissen der absoluten Messungen des Gehirngewichtes, was ohne das Einbeziehen weiterer Merkmale meint, schlussfolgerten, dass Frauen aufgrund ihres geringeren Hirngewichtes auch dümmer wären als Männer. Aber nicht nur die Unfähigkeit zu denken, sondern auch Launenhaftigkeit, Sprunghaftigkeit, Gedankenarmut und ein Mangel an Logik wurden mit diesen Ergebnissen begründet.[23] 1900 beschränkte sich der Anatom Paul Julius Möbius (1853 - 1907) nicht mehr nur auf die Messung des Gehirngewichtes, sondern bezog auch die verschiedenen Strukturen des Gehirns in seine Messung mit ein. Seine Ergebnisse zeigten, dass „die für das geistige Leben außerordentlich wichtige[n] Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne und daß dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht.“[24] Möbius ging in der Interpretation der gewonnenen Daten noch einen Schritt weiter als seine Vorgänger. Er schrieb der Frau ebenfalls eine geringere Intelligenz zu und behauptete darüber hinaus, dass Denken für Frauen nicht nur ungebührlich, sondern sogar schädlich wäre.[25]

Die Mediziner und Biologen haben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen, ihre Haltung gegenüber Frauen an anatomischen und physiologischen Befunden festzumachen. Diese naturwissenschaftliche Sichtweise war lange Zeit die einzig Gültige. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstand eine dem rein biologischen Erklärungsmodell fast gegenläufige Bewegung, die sich in psychologisch und soziologisch orientierten Untersuchungen niederschlug. Neben reinen Messungen des anatomischen Unterschiedes wurden Sozialisation und die individuelle Prägung im Kleinkindalter als Ausgangspunkt unterschiedlicher Verhaltensweisen von Männern und Frauen mit in die Untersuchung einbezogen.[26]

Diese Entwicklung ging mit dem Aufkommen des Feminismus und der Forderung der Frauen nach Gleichberechtigung und Gleichstellung einher. Es gab schon immer Gegner des strikten Biologismus und der damit verbundenen Herabwürdigung der Frau. So sagte zum Beispiel die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach 1830: „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer.“[27]

Dennoch wurden erst in den 1960er/70er Jahre die Rufe laut, dass die männliche Hegemonie und die daraus resultierende Unterordnung der Frauen abgeschafft werden müsse. Neben diesen politischen Äußerungen hatte der Feminismus von nun an auch ein wissenschaftliches Interesse am Geschlechterverhältnis. „Die Frauenforschung hat vor allem in den Bereichen Sexualität, Körperlichkeit, Generativität und Arbeit Prozesse und Formen der Normierung und Geschlechtertypisierung untersucht.“[28] Dabei richtete sich die feministische Kritik vorrangig auf Phänomene von Macht, Herrschaft und Gewalt zwischen Männern und Frauen.[29] Mit ihren Forschungen wollten die Feministinnen weg vom stereotypen Bild der weiblichen Natur und der damit einhergehenden Festschreibung der Rolle der Frau im Alltagsbewusstsein. „Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und insbesondere die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen sollten als Ergebnis von Geschichte statt als Effekt natürlicher Unterschiede und damit als veränderbar begriffen werden.“[30]

Eine wichtige Unterteilung der Kategorie Geschlecht entstand im Zuge der medizinischen und psychiatrischen Diskussion um Transsexualität in den 1980er Jahren. Die Transsexuellen zeigten, dass nicht zwangsläufig das körperliche Geschlecht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmen muss.[31] Aber nicht nur die Studien zur Transsexualität haben das einseitig gedachte Geschlecht[32] in Frage gestellt. Diese Neuerung der Sichtweise wurde zusätzlich durch einige anthropologische Arbeiten unterstützt, die in nicht-westlichen Kulturen eine weniger strikt binär gedachte Geschlechterunterscheidung fanden. Ethnologen zeigten das Vorhandensein eines dritten Geschlechts in anderen Kulturen auf, wie zum Beispiel die Berdaches bei den Indianern, die Hijras in Indien, die Muxe und die Marimachas in Mexiko.[33] Diese Studien zeigten, dass es weitere Konzepte neben der Zweigeschlechtlichkeit geben kann, und dass nicht nur die Natur dahingehend einen Einfluss hat, sondern auch das soziale Umfeld.[34]

Das vormals einseitig gedachte Geschlecht wurde von nun an in zwei Aspekte unterteilt: das biologische Geschlecht („sex“) und das kulturelle Geschlecht („gender“). Dabei wurde das biologische Geschlecht als „unhintergehbare Voraussetzung und anatomische Gegebenheit“[35] angesehen. Das kulturelle Geschlecht galt als die soziale Geschlechterrolle. „Gender bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (z.B. Kleidung, Beruf usw.); es verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (Sex).“[36]

Die sozialwissenschaftliche Forschung hat sich, wie oben schon angedeutet, auf die zweite Komponente, das heißt auf die Kategorie gender als veränderbaren und variablen Aspekt konzentriert. Sex galt als unveränderbare Voraussetzung und wurde in den 1970er Jahren noch nicht mit in die Diskussionen integriert. So gab es zum Beispiel Untersuchungen, die nachwiesen, dass Jungen und Mädchen vom Augenblick der Geburt an unterschiedlich behandelt würden. Dieser geschlechtsspezifische Umgang veranlasse die Kinder zu stereotypen Verhaltensweisen.[37] Die Schlussfolgerung vieler Feministinnen war, dass man diese diskriminierende Einflussnahme auf Kinder aufdecken und reduzieren müsse, um geschlechtsspezifisches Verhalten abzuschwächen. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts stand vor allem die Gleichheit und Gleichstellung der Geschlechter zur Diskussion. Zum Teil wurden die Geschlechtsunterschiede geleugnet und „die Polarität von männlich und weiblich [sollte] zugunsten einer asexuellen Humanitätsvision am liebsten ganz aus der Welt“[38] geschafft werden. Diese Denkrichtung findet sich auch heute noch im modernen Feminismus wieder, der Diskurs hat sich aber in der jüngeren Vergangenheit verändert. Nun wurde hauptsächlich über die Differenz zwischen den Geschlechtern diskutiert.[39] Ende der 1980er Jahre wurde „stärker auf die Eigentätigkeit in der Aneignung von weiblicher oder männlicher Geschlechtsidentität geschaut.“[40] Die biologisch bedingten Geschlechtsunterschiede wurden nicht in Frage gestellt und zum Teil zur Diskriminierung der Männer benutzt.[41] So wird der Mann mittlerweile von verschiedenen Forschern als das schwache Geschlecht angesehen. Der Humangenetiker Bryan Sykes von der University of Oxford behauptet, dass das Y-Chromosom des Mannes im zunehmenden Tempo verfällt, weil dieses als einziges Chromosom beschädigte Gene nicht im Tausch mit anderen Chromosomen ersetzen kann. Fehler in der Erbinformation werden somit von den Vätern an ihre Söhne vererbt und häufen sich mit jeder neuen Männergeneration an.[42] Genau dies soll ein Grund für deren zunehmende Unfruchtbarkeit sein. Sykes erklärt, dass der Mann aufgrund neuer Methoden der Gentechnik, wie zum Beispiel das Klonen oder die Herstellung von Ersatzspermien aus weiblichem Gewebe, bald ersetzt werden könne.[43]

Neben diesen Forschungsrichtungen der Gleichheit der Geschlechter und anderseits der Beschreibung einer Geschlechterdifferenz entstand eine ganz neue, die mit einer Neuformulierung des sex/gender-Modells einherging. Der Entwurf dazu bestand in der binären Form nicht sehr lange. Schon Ende der achtziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts gab es Kritik an dieser Unterscheidung. Die Soziologin Carol Hagemann-White war eine der Ersten, die behauptete, „daß sich die Theorien der geschlechtsspezifischen Sozialisation nicht davon lösen, die Geschlechterverhältnisse als natürlich zu betrachten.“[44] Sie war der Auffassung, dass die von früheren Forschern aufgestellte sex/gender-Unterscheidung im Grunde biologistisch sei, „denn ein Teil der Geschlechtszuordnung wird als ‚Natur‘ festgeschrieben, um davon die bloß anerzogenen Eigenschaften und Erwartungen trennen zu können“[45]. Nicht nur, dass man dahingehend von einem verlagerten Biologismus sprach, vielmehr wurde der Gesamtkonstruktion des sex/gender-Modells ein Biologismus unterstellt. Dieser Entwurf geht von einer Parallelisierung des biologischen und kulturellen Geschlechts aus und zwar lediglich in der strikt binären Form.[46] „Given this perspective there are two sexes, male and female, and, correspondingly, two genders, maskuline and feminine“[47]

Neben Hagemann-White kritisierte in den 1990er Jahren vor allem die amerikanische Philosophin Judith Butler, die in ihren Theorien dem dekonstruktivistischen Feminismus zuzuordnen ist, jene als natürlich angenommene Komponente des sex. In Butlers 1991 erschienenen Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ setzte sie die Grenze zwischen sex und gender nicht mehr ohne Begründung voraus, sondern zeigte, „daß das Geschlecht (sex) definitionsgemäß immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen ist.“[48] Sex ist ihrer Auffassung nach schon immer mit einer kulturellen Bedeutung belegt und gilt als Ergebnis sozialer Herstellungsprozesse. Das Geschlecht ist nicht etwas Natürliches, sondern wird von der Gesellschaft konstruiert. Geschlecht wird als etwas gesehen, was der Einzelne nicht einfach hat, sondern als etwas, das zugeschrieben und dargestellt werden muss.[49] „Der Geschlechtsbegriff wird prozessualisiert, das ,Werden‘ bezieht sich auf alltägliche Zuschreibungs-, Wahrnehmung- und Darstellungsroutinen.“[50] Butler hat sich in ihren Überlegungen des Weiteren mit der Normvorstellung der Heterosexualität beschäftigt. Diese Auffassung sichert ihrer Meinung nach den binären Rahmen des Geschlechts.[51] Butlers beeinflusste die Geschlechterforschung, indem sie den Aspekt der Heteronormativität und die gegenseitige Abhängigkeit der Aspekte sex und gender zur Diskussion gestellt hat.

West und Zimmermann stellten Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein neues sex/gender-Modell auf. „Ihr Ansatz ist in dem Sinne ,distinctively sociological‘, als sie von der interaktiven Konstruktion der sozialen Wirklichkeit ausgehen und konsequenterweise auch ,Geschlecht‘ als soziale Konstruktion begreifen.“[52] West und Zimmermann sprechen von drei Faktoren: Zum einen sehen sie das körperliche Geschlecht (sex), welches bei der Geburt festgelegt wird. Neben dem Aspekt des sex nennen sie als zweiten Faktor den der sozialen Zuordnung zu einem Geschlecht (sex category). Diese Zuordnung erfolgt an den sozial akzeptierten Darstellungsweisen von Männern und Frauen. Den vormals gedachten Faktor des gender sehen sie ebenfalls detaillierter, sie beziehen den Gesichtspunkt der regelmäßigen Bestätigung des sozialen Geschlechts in Interaktionsprozessen mit ein. West und Zimmermann erkennen in der Beziehung zwischen diesen Aspekten einen reflexiven Prozess, „in dem [es] zur (situations-spezifischen immer neuen) Konstituierung einer geschlechtlich bestimmten Person in einem je spezifischen sozialen Kontext kommt [...].“[53]

Allen neueren Ansätzen zum sex/gender-Modell ist gemein, dass sie den Interaktionen des Menschen einen höheren Stellenwert zuschreiben als seiner Natur. „In gewissem Sinne sind es die Individuen, die das Geschlecht hervorbringen.“[54] Es hat sich der Begriff des „doing gender“ eingebürgert, welcher den Entstehungsprozess von Geschlecht umschreibt. Demzufolge entsteht Geschlecht erst in sozialer Interaktion, im Alltag, in dem bestimmte Handlungen, Tätigkeitsbereiche und sogar Gegenstände mit der Zuschreibung zu einem Geschlecht verbunden sind.

„Um es noch einmal zusammenzufassen: Geschlecht als Kategorie wird nur dann verstanden, wenn es als dreiteiliges Konzept begriffen wird, d.h. als individuelles Geschlecht auf der physiologischen und psychologischen Ebene, als soziales Geschlecht auf der Ebene der politischen und ökonomischen Organisation von Gesellschaft und schließlich drittens als symbolisches Geschlecht in der Dimension kultureller Konstruktionen.“[55]

Dieses Modell von Cornelia Klinger habe ich in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Dimensionen des Geschlechts nach Klinger 2002

Im Zuge dieser Diskussion sind einzelne Forscher zu der Auffassung gelangt, dass das Geschlecht aufgrund seiner sozialen Aneignung beeinflussbar sei. In früheren Theorien, die Geschlecht nur unter biologischen Gesichtspunkten betrachteten, war diese Schlussfolgerung kaum möglich. Auf der Basis dieser Ansichten ist der neue Forschungszweig der Dekonstruktivismus entstanden, der „den Herstellungsmodus der Differenz im einzelnen aufzuschlüsseln, ihn zu re-konstruieren“[56] versucht.

Parallel zum Konstruktivismus etablierte sich Anfang der 1980er Jahre in Deutschland eine weitere Forschungsrichtung. „Biopolitics, biokulturelle Forschung oder auch Soziobiologie genannt, versucht den Menschen und sein Verhalten weder rein von seiner biologischen noch von seiner alleinigen soziokulturellen Determination heraus zu erklären.“[57] Ein interdisziplinäres Symposium, das im Jahre 1948 in New York stattfand, war die Geburtsstunde der Soziobiologie. Zu diesem Zeitpunkt war das Ziel der Soziobiologie noch, für alle Lebewesen allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten zu finden.[58] Aktuell sind diese Ziele etwas konkreter gefasst. Es werden menschliche Verhaltensweisen, in Verbindung des sozialen Umfeld mit biologischen Gesetzmäßigkeiten, die aus der Genetik, Evolutionsbiologie, Endokrinologie und Neurobiologie abgeleitet sind, interpretiert.[59]

In den letzten 30 Jahren wurden insbesondere in der naturwissenschaftlichen Forschung immer bessere Techniken entwickelt, um Sachverhalte zu untersuchen. Neue Forschungsbereiche sind die Lateralisierung des Gehirns, die Verbindung beider Hirnhälften oder spezifische Zentren im Hirn. Des Weiteren erzeugen genetische Untersuchungen viele neue Ergebnisse und Spekulationen. Ebenso nehmen Untersuchungen über die geschlechtsspezifischen Hormone und evolutionsbiologische Theorien einen hohen Stellenwert ein.[60]

Die soziobiologische Sichtweise ist ein gutes Beispiel für das strikte Differenzdenken, welches im Alltagsverständnis einen großen Raum einnimmt. Frauen werden nicht mehr als mindere Version des Mannes angesehen, sondern man spricht vom Zwei-Geschlechter-Modell, nach welchem Frauen und Männer völlig verschieden sind, teilweise wird mittlerweile von zwei unterschiedlichen Arten ausgegangen.

Der Soziobiologie stehen viele Gegner, vor allem aus den Geistes- und Sozialwissenschaften gegenüber.[61] „Insbesondere unterstellt man der Soziobiologie häufig einen kruden Biologismus, das heißt die Auffassung, dass auch kulturelle Phänomene beim Menschen in bloßen Begriffen der Biologie beschrieben und erklärt werden können.“[62] Obwohl die Soziobiologie gerade in den Sozialwissenschaften einen schweren Stand hat, sind heute immer mehr Wissenschaftler, unabhängig von welcher Theorietradition kommend, der Meinung, „dass das soziale Umfeld nicht alle geschlechtsspezifischen Unterschiede erklären kann und dass trotz aller Schwierigkeiten und Kontroversen, die die Forschung belasten, der Weg zum Verständnis der Unterschiede durch die Entwicklung im Mutterleib geht.“[63] Die Peases sind Vertreter der soziobiologischen Theorien und ich werde im Teil „Präsentation der Textgrundlage“ auf ihre Argumentationen eingehen.

Insgesamt kann der geschichtliche Verlauf der Geschlechterforschung in Bezug auf die Biologisierung wie folgt beschrieben werden: Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele Forscher der Auffassung, dass die biologischen Gegebenheiten den Geschlechtscharakter bestimmen. Ein weiblicher Körper bedingt ein weibliches Verhalten und ein männlicher Körper bedingt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Sex/gender-Entwicklung im Zuge der sozialwissenschaftlichen Forschung

1.2 Warum ist der neue Biologismus so aktuell?

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Theorien der Peases stellt sich die Frage, warum der neue Biologismus, der mit soziobiologischen Ansichten einhergeht, so populär ist.

Biologismus ist eine Bezeichnung „für unterschiedliche philosophische Betrachtungsweisen, die eine Absolutsetzung des häufig von seinen individuellen Realisierungen getrennt betrachten organischen bzw. >plasmatischen< Lebens vornehmen. Zeitlicher Schwerpunkt biologistischer Auffassung sind das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts [...].“[65]

Diese Aussage kann noch um den Aspekt erweitert werden, dass sich der neue Biologismus auch in das 21. Jahrhundert hinein erstreckt. Meiner Meinung nach begründet sich der Aufschwung von biologischen Theorien in den großen Fortschritten, die in den letzten Jahren vor allem in der biologischen und medizinischen Forschung gemacht wurden. Allen voran ist dabei das Human-Genom-Projekt (HGP) zu nennen, welches sich die Entzifferung des menschlichen Erbguts zum Ziel setzte. Die Entschlüsselung ist 2003 erfolgreich beendet worden und nun bestehen die Aufgaben des HGP darin herauszufinden, welche Gene[66] für welche Merkmale verantwortlich sind.[67] Aber auch die täglichen Meldungen über neu entdeckte Gene, die bestimmte Verhaltensweisen steuern, die Detailforschung in bestimmten Gehirnbereichen und deren Einfluss auf das Verhalten, als auch die Debatte um Stammzellenforschung bringen biologische Themen immer wieder mit Nachdruck an die Öffentlichkeit.[68] All dies beinhaltet einerseits eine gewisse Verheißung, zum Beispiel Heilmittel für bestimmte Krankheiten zu finden, auf der anderen Seite aber auch die Angst, dass der Mensch immer mehr in der Lage sein wird die Natur zu kontrollieren.

„Biologie und insbesondere Genetik und Gentechnik sind im Moment der Inbegriff des Fortschritts. [...] Dieser Biotechnologismus führt (ganz unabhängig von den tatsächlichen Leistungen der Biotechnologie) dazu, dass Erklärungen, die auf biologische Studien zurückgreifen, aufgewertet werden.“[69]

Der neue Biologismus, der dazu tendiert, reale und vermeintliche Geschlechtsunterschiede und auch Unterschiede im Sexualverhalten mit rein biologischen Theorien zu erklären, ist ein Baustein der Modernisierung. Dieser neue biologische Determinismus ist heute schwerer zu erkennen als früher, denn viele der Gedanken, die durch den neuen Biologismus verbreitet werden, sind noch nicht diskreditiert worden.[70] „Er [der neue Biologismus] ist schwerer zu entlarven, denn wer kennt sich schon genug mit Enzymen, Hormonen und Eiweißen aus, um die neuesten wissenschaftliche Studien anzweifeln zu können?“[71] Obwohl die aktuelle Ergebnisse derart aufbereitet werden, dass jeder sie ohne Vorwissen verstehen kann, ist es den meisten Menschen jedoch kaum möglich, diese Schlüsse anzuzweifeln, gerade weil ihnen das Basiswissen fehlt und die Ergebnisse über das vermittelte Schulwissen hinausgehen. Es ist den Menschen also kaum möglich hinter die Vereinfachung der Schlüsse zu schauen und somit die Rohdaten der Forschung zu verstehen. Dieser Aspekt macht es den Peases leicht ihre Theorien als wissenschaftlich fundiert darzulegen.

Ein weitere Ursache des Auflebens des biologischen Determinismus sehe ich darin, dass viele Erkenntnisse aus der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung zu einer veränderten Erziehung geführt haben, bzw. dem Menschen viel mehr Einsichten in das Aufwachsen der Kinder und der immerwährenden Reproduktion der Differenz gegeben haben, aber Geschlechtsunterschiede dennoch weiterhin bestehen. Vieles hat sich verändert, nur die Differenz bleibt, und dies lässt eine genetische Disposition der Geschlechterdifferenz vermuten. Meiner Meinung nach haben die modernen Forschungen einige der alten Theorien über das Geschlecht widerlegt, aber gleichzeitig auch viele neue produziert, die ähnliche Züge eines Irrglaubens tragen. Der Wahrheitsgehalt der biologischen Untersuchungen erscheint immer noch sehr viel höher als der einer sozialwissenschaftlichen Forschung. Die alltäglich sichtbaren Beobachtungen, dass sich Jungen und Mädchen immer noch sehr unterschiedlich verhalten und, selbst wenn sie in einer geschlechtsunspezifischen Umgebung aufwachsen, immer noch die althergebrachten Verhaltensweisen an den Tag legen, können dazu geführt haben, dass sich die Menschen von den sozialwissenschaftlichen Theorien abgewandt und sich nun wieder den „harten Wissenschaften“[72] zugewandt haben. „Die biologische Erklärung wirkt deshalb auf viele Wissenschaftler weit überzeugender, weil sie klare, überprüfbare Voraussagen ermöglicht [...].“[73]

Der neue Biologismus bringt neben neuen Erkenntnissen auch viele neue ethische Fragen mit sich. „Wir wissen, dass wir mehr können als wir dürfen“[74] lautet eine der ethischen Bedenken im Zusammenhang mit dem neuen Biologismus. Die Entscheidung, wie dieses neue Wissen angewendet wird, darf nicht nur den Wissenschaftlern allein überlassen werden, denn das Problem solcher Untersuchungen besteht darin, dass der Mensch zugleich Objekt und Subjekt der neuen biologischen Forschung ist.[75]

„Aufgrund dessen, was die modernen Wissenschaften auf Basis ihrer instrumentellen Orientierung tatsächlich zu leisten vermögen, d.h. infolge der enormen wissenschaftlich-technischen Fortschritte, verschiebt sich die Grenze zwischen Natur und Gesellschaft zugunsten der letzteren. Immer weitere und größere Felder dessen, was einst als göttliche Setzung oder natürliche Bestimmung verhängt und determiniert war, rücken in den Bereich gesellschaftlicher Verfügbarkeit.“[76]

Eine weitere Wirkung der modernen Naturwissenschaften, insbesondere der Genforschung, besteht darin, dass diese eine große Freiheit verspricht.

„Die gelungene Kartierung und Sequenzierung des menschlichen Genoms nährt inzwischen Hoffnungen, gegenüber denen alle früheren Visionen sozialen und kulturellen Fortschritts blass erscheinen. Der neue Biologismus verweist die Autonomieansprüche des modernen Subjekts nicht mehr in seine Grenzen, sondern stellt ihnen zuvor ungeahnte Möglichkeiten in Aussicht.“[77]

Es gibt einige Forscher, die behaupten, dass die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu benutzt werden alt hergebrachte gesellschaftliche Strukturen zu legitimieren. Die Feministinnen Carol Tavris und Barbara Ehrenreich weisen darauf hin, „daß solche biologisch begründeten Postulate wieder einmal die Wahlmöglichkeiten von Frauen einschränken und sie möglicherweise eine Reaktion auf die sozialen Veränderungen sind, die die Frauen in den vergangenen 30 Jahren in Gang gebracht haben.“[78] So würde eine angebliche Prädisposition der Frauen auf die Hauhalts- und Kinderbetreuungsrolle wieder dazu führen, dass die Frauen aus der öffentlichen Arbeit gedrängt würden, weil diese einfach nicht ihrem Naturell entspräche.[79]

„Die modernen ,Bio‘-wissenschaften leisten einen wichtigen, wenn nicht überhaupt den entscheidenden Beitrag zur Legitimation der asymmetrischen und hierarchischen Geschlechterordnung der Gesellschaft, zur Rechtfertigung der Privilegierung des männlichen und zur Herabsetzung des weiblichen Geschlechts.“[80]

Der Biologismus naturalisiert Gesellschaftliches. „Eine solche Unsichtbarkeit des Gesellschaftlichen ist eine Stütze aller Unterdrückungsformen, von Sexismus[81], Rassismus[82] und Klassismus[83] usw. [...].“[84] Das Verführerische am Biologismus ist, dass dem Einzelnen Verantwortung für sein Verhalten und seine Eigenschaften abgenommen wird, denn er vermittelt, der einzelne Mensch könne aufgrund seiner biologischen Ausstattung nicht anders handeln kann und deshalb dürfe solch ein Verhalten nicht verurteilt werden.

2 Präsentation der Textgrundlage

Im Folgenden werde ich die Theorien der Peases vorstellen. Zunächst möchte ich aufzeigen, zu welcher Popularität ihr Buch gelangt ist. Ergänzend findet sich im Anhang eine Biografie der Peases.

2.1 Allgemeine Daten zum Buch

Das Buch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ ist das, was man einen Bestseller nennt. Das Werk ist seit dem Jahr 2000 im deutschen Buchhandel zu erwerben. Weltweit wurden bis April 2004 sechzehn Millionen Exemplare verkauft, davon allein fünf Millionen Bücher in Deutschland.[85] Heute, ein Jahr später, ist die Verkaufszahl wahrscheinlich schon auf sechs Millionen Exemplare angewachsen. Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass es in Deutschland ca. 39 Millionen Haushalte[86] gibt, findet sich in jedem sechsten Haushalt dieses Werk im Bücherregal. Obwohl es mittlerweile fünf Jahre auf dem deutschen Markt ist, steht es immer noch auf einigen Bestsellerlisten, zum Beispiel auf Platz 19 der Top-50-Liste der Taschenbuch-Sachbuch-Bestseller des Gong vom 2. Mai 2005. In der Aufstellung ist die Publikation der Peases schon seit 225 Wochen ununterbrochen vorhanden und belegte am 7. Oktober 2002 sogar Platz 1. Damit wird das Buch nur noch vom Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) mit 451 Wochen geschlagen.[87]

Die neusten Exemplare dieses Buches sind in der 28. Auflage im deutschen Buchhandel zu erwerben. Es wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Ihre Theorien aus „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ wurden mehrmals durch die großen Fernsehanstalten aufbereitet. Sechs Millionen deutsche Fernsehzuschauer sahen diese verschiedenen Sendungen. In England bekamen die Peases sogar eine eigene Science-Serie beim BBC, in denen sie ihre Theorien präsentierten.[88]

Obwohl diese Ratgeberliteratur, die die Unterschiede zwischen den Geschlechtern thematisiert, einen großen Marktanteil ausmacht, ist es verwunderlich, dass gerade dieses Buch so viel Anklang gefunden hat. Es unterscheidet sich von anderen Ratgeber, denn es führt sämtliche Unterschiede im Verhalten zwischen Mann und Frau auf die Macht der Gene und Hormone zurück. Damit unterscheidet sich dieses Werk grundlegend von typisch „psychologischen“ Ratgebern, die den Menschen als das Produkt von Erziehung und sozialer Umwelt verstehen. Genau diese Argumentationsweise bezüglich der Geschlechtsunterschiede stößt bei vielen Menschen auf Resonanz.

2.2 Peases Thesen zur Geschlechterdifferenz

Im Folgenden werde ich die Theorien der Peases bezogen auf die Geschlechterdifferenz darstellen. Die Peases haben drei Jahre lang an diesem Buch gearbeitet. Dazu haben sie Dokumente durchforscht, Experten interviewt und Seminare abgehalten.[89] „Wir haben uns eingehend mit den Ergebnissen führender Paläontologen, Ethnologen, Psychologen, Biologen und Neurowissenschaftlern beschäftigt.“[90] Sie betreiben damit eine beschreibende Wissenschaft, das heißt, dass sie Ergebnisse empirischer Studien nutzen, diese darstellen und mit Beispielen aus ihrem eigenen Leben, fiktiven Ereignissen aus dem Zusammenleben von Frauen und Männern oder auch von weiblichen und männlichen Tieren unterstützen. Die Darstellung wird durch Metaphern, Illustrationen oder Diagrammen zur Veranschaulichung aufgelockert. Mit dieser Art Forschung verbinden sie die Mikro- mit der Makro-Ebene, sie zeigen also individuelle Probleme zwischen Mann und Frau auf und verallgemeinern sie auf alle Männer und Frauen. Sie führen jedes Kapitel, sei es nun über Hormone, Gene oder Sexualität, mit der Beschreibung einer Alltagssituation zwischen Mann und Frau ein. Zusätzlich wird jeder Abschnitt mit einer Illustration eingeleitet, die die Stereotype des folgenden Kapitels bedient.

Mit ihren biologischen Theorien knüpfen die Peases an die Erkenntnisse der Soziobiologie an. In dieser Forschungsrichtung werden verschiedene Verhaltensmuster anhand der Gene, der Tierwelt und der Evolution erklärt.[91]

Die Autoren stellen dar, dass all ihre Argumente auf streng wissenschaftlichen Einsichten beruhen. „In diesem Buch berufen wir uns auf die neusten Erkenntnisse der Humanevolution und zeigen, wie sie auf die Beziehung zwischen Männern und Frauen angewandt werden können.“[92] Die Peases sehen ihre Aufgabe darin, eine Reihe von Konzepten, Methoden und Strategien darzustellen, die einerseits vollkommen wissenschaftlich sein sollen, andererseits so aufbereitet sind, dass jeder sie versteht.[93]

2.2.1 Geschlechterdifferenz steht nicht im Widerspruch zur Gleichberechtigung!

Die Grundaussage des Buches „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ von Allan und Barbara Pease ist, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind.[94] Die Peases gehen in ihren Untersuchungen immer vom Durchschnittsmann und der Durchschnittfrau aus. Sie befassen sich damit, „wie sich die meisten Frauen und Männer in den meisten Situationen verhalten beziehungsweise verhalten haben.“[95] Sie wollen diese Verschiedenheiten ohne eine Wertung darstellen, indem sie sagen, das eine Geschlecht sei nicht besser oder schlechter als das andere. Sie wollen mit ihren Theorien nicht die Gleichberechtigung anzweifeln, sehen aber dennoch große Differenzen zwischen den Geschlechtern. „Gleichberechtigung meint die Freiheit, das zu tun, wozu man sich berufen fühlt, und Unterschied heißt, dass frau oder man sich vielleicht nicht zu den gleiche Dingen berufen fühlt.“[96] Die Tatsache, dass Frauen und Männer nun einmal nicht gleich seien, für welche die Peases wissenschaftliche Beweise heranziehen, hat für sie nichts mit Sexismus zu tun, weil sie nicht behaupten Männer und Frauen seien nicht gleichwertig.[97]

„Die Fakten, die wir Ihnen in diesem Buch darlegen, zeigen, dass die Geschlechter zu ganz bestimmten Verhaltensmustern tendieren. Wir wollen damit allerdings nicht sagen, dass sich Frauen und Männer gezwungenermaßen auf die eine oder andere Weise verhalten beziehungsweise verhalten sollten.“[98]

Die Peases sehen die Gleichheit von Frauen und Männern nicht als biologische Frage, sondern eher als ethische oder politische Frage, deshalb klammern sie diese aus und befassen sich ausschließlich mit der biologischen Sichtweise. Sie sagen sogar, dass sich ausschließlich die Biologie mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern beschäftigen sollte.[99] Nach eigener Aussage wollen sie sich deshalb auch nicht darauf konzentrieren mit Vermutungen etwas zu erklären, sie wollen alles auf den Punkt und die vorliegenden Fakten bringen. So geben sie als Sinnbild dazu: „Wenn etwas wie eine Ente aussieht, wie ein Ente quakt und watschelt und es weitere Beweise dafür gibt, dass es sich um eine Ente handelt, dann werden wir es auch Ente nennen.“[100] Ebenfalls behaupten sie, dass die sozialwissenschaftliche Meinung von der Gleichheit der Geschlechter das sicherste Rezept dafür sei, „unglücklich, verwirrt und desillusioniert durchs Leben zu irren.“[101]

Die Peases sehen außerhalb der Tatsache, dass sowohl Männer als auch Frauen Menschen sind, keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern. Männer und Frauen „leben in unterschiedlichen Welten, haben andere Wertvorstellungen und gehorchen anderen Gesetzmäßigkeiten.“[102] Männer und Frauen denken, empfinden und handeln verschieden und gerade deshalb sei es so schwer für sie sich gegenseitig zu verstehen. Die Geschlechter verarbeiten, laut der Peases, Informationen auf ganz unterschiedliche Weise: „Ein Mann sieht Dinge und Gegenstände und ihre Beziehung zueinander durch die ,räumliche‘ Brille, also etwa so, als ob er die Teile eines Puzzles zusammenlegen würde.“[103] Männer wollen laut der Peases Macht und Status erreichen, dabei die Konkurrenz ausschalten und immer gleich zum Wesentlichen kommen.[104] „Das Bewusstsein der Frauen konzentriert sich mehr auf Kommunikation, Zusammenarbeit, Harmonie, Liebe, das Miteinander und die Beziehungen der Menschen untereinander.“[105] Im Gegensatz zur analytischen Wahrnehmung der Männer, werfen die Frauen einen emotionalen Blick auf ihre Umgebung.

In Tabelle 1 im Anhang findet sich eine Auflistung der Unterschiede zwischen Frauen und Männern, so wie sie die Peases propagieren.

2.2.2 Unterschiede sind nicht mit psychologischen, sondern nur mit biologischen Theorien zu erklären!

Die Peases zeigen die sozialwissenschaftlichen Vorstellungen des letzten Jahrhunderts zur Geschlechterdifferenz auf, indem sie sagen: „Im 20. Jahrhundert hat man diese Unterschiede zum größten Teil mit gesellschaftlicher Konditionierung erklärt, die besagt, daß wir das sind, was wir sind, weil wir das nachleben, was uns Eltern und Erzieher vorleben, was wiederum die Einstellung der Gesellschaft widerspiegelt, in der wir leben.“[106] Die Peases führen die Meinung der Sozialwissenschaftler an, dass das Neugeborene eine unbeschriebene Tafel sei und die Umwelt erst bestimmt, was auf dieser Tafel steht.[107] Ihrer Meinung und ihrer biologischen Auffassung nach entstehen die Geschlechtsunterschiede nicht durch Erziehung und Sozialisation, sondern sind tief in der menschlichen Natur verankert, also biologisch determiniert.

„In der heutigen Gesellschaft will man mit aller Macht daran glauben, dass Frauen und Männer genau die gleichen Fähigkeiten, Talente und Potentiale haben, und das ironischerweise zu einem Zeitpunkt, da Wissenschaftler die ersten unwiderlegbaren Beweise dafür gefunden haben, daß genau das Gegenteil der Fall ist.“[108]

Sie legen dafür die neusten biologischen Untersuchungen vor, die zeigen sollen, „daß hauptsächlich unsere Hormone und die Verkabelungen in unserem Gehirn für unsere Ansichten, Vorlieben und unser Verhalten verantwortlich sind.“[109] Sie sagen, dass es schon seit 1990 überzeugende Beweise dafür gebe, dass ein Neugeborenes nicht als leere Tafel, sondern mit einem vorprogrammierten Gehirn auf die Welt komme.[110] „Indem wir Mädchen Barbie-Puppen zum Spielen geben und Jungen Cowboy- oder Action-Figuren, verursachen wir [...] kein bestimmtes Verhalten, sondern fördern es lediglich.“[111] Die Peases schränken zwar ein, dass die Vorurteile, die in der Gesellschaft bezüglich des Geschlechts herrschen, stereotype Verhaltensweisen und somit auch Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen verstärken können. Die in der Gesellschaft herrschenden Vorurteile seien aber nicht die Ursache der geschlechtstypischen Verhaltensweisen.[112]

Andere sozialwissenschaftliche Forscher sind laut der Peases der Auffassung gewesen, dass man sich seines biologischen Erbes entledigen müsse. Nur so könne man die Unterdrückung der Frau, die sich durch die Geschichte zieht, verhindern. Frauen und Männer sind nach diesen Theorien gleich und sollen somit auch gleichberechtigt behandelt werden.[113] Die Peases kritisieren aber die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, welche ihrer Meinung nach von falschen Grundvoraussetzungen ausgehen. Sie sagen, dass die Beeinflussung durch die idealistische Philosophie, wonach Frauen und Männer gleich sind, der neutralen Forschung im Wege steht.[114] Sie führen folgendendes Argument an: Wie konnte es geschehen, dass Männer weltweit so stark dominieren, wenn doch Frauen und Männer, wie diese sozialwissenschaftlichen Forscher behaupten, gleich seien?[115] Die Peases sehen zwar den Einwand gegen dieses Argument, dass männliche Tyrannei die Frauen von vielen Tätigkeiten ferngehalten haben könnte, dennoch sagen sie:

„Doch sehen sie sich um, und sie werden feststellen, daß es in unserer Welt der Chancengleichheit nur sehr wenige Frauen gibt, die Männern in Tätigkeiten überlegen sind, für die ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen erforderlich ist. Der Grund hierfür ist, dass das weibliche Gehirn den Frauen einfach sagt, dass es viel wichtiger ist, das eigene Nest zu verteidigen, als andere Nester anzugreifen.“[116]

Gerade deshalb sind sie der Auffassung, dass nur die Biologie eine neutrale Forschung leisten könne und die Unterschiede aufzeigt, die ihrer Meinung nach nicht im Widerspruch zur Gleichstellung der Geschlechter stehen. Jeder sollte das tun, was er am besten kann. Als Beispiel dafür, dass sozialwissenschaftliche Theorien oft falsch seien, bringen sie die Untersuchungen des in der Dominikanischen Republik gefundenen genetischen Defekts an. Dieser führt dazu, dass biologische Jungen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen, welche aber in der Pubertät durch die Ausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale überlagert werden. „Die Tatsache, dass die meisten dieser ,Mädchen‘ den Rest ihres Lebens als ganz normale Männer verbrachten, beweist sehr anschaulich, dass der Einfluß des sozialen Umfelds und der Erziehung auf ihr Erwachsenenleben gering war.“[117]

Als zweites Beispiel führen sie das Kibbuz an. Dieses entstand schon in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, vorrangig mit der Intention die traditionelle Gesellschaftsordnung umzugestalten. Im Kibbuz gibt es kein persönliches Eigentum mehr. Familiäre Strukturen sollten ebenfalls aufgelöst werden, damit Frauen und Männer die gleichen Rechte und Pflichten erhalten. Kinder wurden gleich nach der Geburt in Kinderhäusern aufgezogen, damit Frauen auch gleichberechtigt arbeiten konnten. Die Kinder wuchsen in einer geschlechtsunspezifischen Umgebung auf.[118] Das Experiment erfüllte aber nicht die Utopie einer ungeschlechtlichen Gesellschaft.

„Die Enkelinnen der Gründer forderten nämlich ganz dezidiert das Recht zurück, für die eigene Familie selbst zu sorgen, ihre Kinder immer, vor allem auch nachts, bei sich zu haben und sie selbst aufzuziehen. Diese Frauen betonten ihr weibliches Aussehen, sie zeigten eine Vorliebe für frauliche Tätigkeiten wie Kochen, Backen und Sticken, wollten einen eigenen Haushalt führen und fanden Kinderbetreuung ausgesprochen befriedigend.“[119]

Die Peases argumentieren anhand dieser Ergebnisse, dass sich, obwohl die Kinder dort in einer geschlechtsneutralen Gesellschaft ohne starre Rollenschemata aufwuchsen, ähnliche Geschlechtsunterschiede herausbildeten wie in anderen Gesellschaftsformen.[120] Sie meinen mit dieser Darstellung belegen zu können, dass die Biologie eines Menschen einen größeren Einfluss auf die Verhaltensmerkmale habe als die Erziehung und somit als Grundlage zur Erklärung von Geschlechtsunterschieden heranzuziehen sei.

„Jungen und Mädchen, die auf einer verlassenen Insel ohne gesellschaftliche Organisation oder Eltern aufwüchsen, würden trotz allem dem bekannten Schema folgen. Die Mädchen wären verschmuster, würden stärker den Körperkontakt suchen, zwischenmenschliche Beziehungen anstreben und mit Puppen spielen. Die Jungen würden sich auf geistiger und körperlicher Ebene miteinander messen und Gruppen mit einer klaren Hierarchie bilden.“[121]

Die Peases argumentieren ebenfalls, dass Menschen im Grunde genommen Tiere seien und sich somit ähnlich verhalten würden. Sie sagen, dass 90 Prozent von dem, was den menschlichen Körper ausmache, sich auch in dem Körper eines Schweins oder eines Pferdes befindet.[122] „Wir unterscheiden uns einzig und allein dadurch von anderen Tieren, dass wir denken und Zukunftspläne schmieden können.“[123]

Insgesamt gesehen sind die Peases Vertreter einer strikt biologischen Sichtweise. Sie sehen die Grundlage aller Verhaltensweisen in den Genen: „Unsere Instinkte sind nichts anderes als Gene, die bestimmen, wie sich unser Körper in bestimmten Situationen verhalten wird.“[124] Ferner empfinden sie alle menschlichen Gefühle, Ansichten, Vorlieben und auch das Verhalten nur als biochemische Reaktion und als Wirkung auf eine bestimmte Anordnung verschiedener Nervenzellen und Hormonwirkungen.[125]

„Untersuchungen zeigen, daß wir in viel größerem Ausmaß ein Produkt unserer Biologie sind als Opfer von gesellschaftlichen Klischees. Wir sind unterschiedlich, weil unser Gehirn unterschiedlich aufgebaut ist. Dadurch erleben wir die Welt unterschiedlich, haben unterschiedliche Wertvorstellungen und setzen unterschiedliche Prioritäten. Nicht bessere oder schlechtere, sondern unterschiedliche.“[126]

2.2.3 Wir sind auch heute immer noch Steinzeitmenschen!

Neben dieser Begründung durch körperliche Gegebenheiten und die enge Verknüpfung mit den Tieren sagen die Autoren, dass die Grundlage der Geschlechtsunterschiede in den verschiedenen Lebensbedingungen der Männer und Frauen der Steinzeit läge. Sie seien Ergebnis einer zehntausend Jahre langen Entwicklungsgeschichte der Spezies Homo Sapiens. Männer waren Jäger und Beschützer, Frauen hingegen Sammlerinnen und Ernährerinnen der Familie. Aus diesem Grund haben sich ihre Körper und auch ihre Gehirne verschieden ausgebildet. Nur wegen dieser unterschiedlichen Entwicklung konnten beide überleben und ihre Gene in die nächste Generation tragen.[127] Um ihre Theorie zu belegen führen sie folgendes Beispiel an:

„Beinahe hundert Millionen Jahre vergingen, bis wir uns zu einer so fortschrittlichen Gesellschaft entwickelt hatten, daß wir einen Mann auf den Mond schießen konnten. Doch als er dann oben war, musste auch er, wie schon seine primitiven Vorfahren, irgendwann aufs Klo. Es gibt wohl kleinere Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen, die zugrunde liegenden biologischen Bedürfnisse und Ziele sind jedoch bei allen gleich.“[128]

Die Peases wollen damit aufzeigen, dass die geschlechtsspezifischen Verhaltensmerkmale vererbt werden, ohne dass dabei deutliche kulturelle und evolutionsbiologische Unterschiede aufgezeigt werden können.[129] Die Peases sehen ebenfalls, dass es aktuell noch einige Kulturen gibt, die wie die Steinzeitmenschen leben und viel zufriedener seien, weil sie nach traditionellen Verhaltensmustern leben. Jeder bringt seinen Beitrag für die Familie auf seine typisch weiblich oder typisch männlich Art und Weise. „Diese einfachen Rituale und Verhaltensmuster gibt es immer noch in einigen alten Kulturen auf Borneo, in Teilen von Afrika und Indonesien und bei gewissen Aborigine-Stämmen in Australien, bei den Maoris in Neuseeland und den Inuit in Kanada und Grönland.“[130] Weil die Menschen in der zivilisierten und modernen Welt nicht mehr auf diese Art leben, sind sie laut der Peases unzufrieden und verwirrt.[131]

[...]


[1] Gray 1993, Titel

[2] Evatt 2004, Titel

[3] Titel der Frauenzeitschrift marie claire 1992. Zit. n.: Hollstein 1993, S. 46

[4] Brinck 2005, Titel

[5] Titel der Newsweek vom 27.03.1995

[6] „Als Merkmale können gleichermaßen morphologische Strukturen, physiologische Prozesse, Verhaltensabläufe oder molekulare Muster dienen.“ (Wehner/Gehring 1995, S. 555)

[7] vgl. Gildemeister 1988, S. 496

[8] Pool 1995, S. 25

[9] Lautmann 2002, S. 12/13

[10] „Unter dem Begriff der Geschlechterrollen versteht man jene Einstellungen, Verhaltensweisen und Werte, die in einer bestimmten Gesellschaft jeweils der Frau und dem Mann zugewiesen werden.“ (Hollstein 1993, S. 27)

[11] Ich werde in dieser Arbeit zur Vereinfachung nur die männliche Form benutzen, schließe aber damit immer auch die weibliche Form mit ein.

[12] Kroll, 2002, S. 153

[13] http://de.wikipedia.org/wiki/Kontinuum (17.08.05)

[14] vgl. Henn 2004, S. 86

[15] ebd., S. 86

[16] vgl. Klinger 2002, S. 16

[17] vgl. Henn 2004, S. 87

[18] ebd., S. 87

[19] Klinger 2000, S. 87

[20] Le Bon, Gustave, 1879: Recherches anatomiques et mathémathiques sur les lois des variations du volume du cerveau et sur leurs relations avec I´intelligence. Zit. n.: Riedl/Schweder 1997, S. 35

[21] vgl. Broca, Paul, 1861: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races. Zit. n.: Riedl/Schweder 1997, S. 12

[22] vgl. Von Bischoff, TWL, 1872: Das Studium und die Ausübung der Medizin durch Frauen.. Zit. n.: Henn 2004, S. 90

[23] vgl. Broca, Paul, 1861: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races. Zit. n.: Riedl/Schweder 1997, S. 35

[24] Möbius, Paul Julius, 1900: Über den Physiologischen Schwachsinn des Weibes. Zit. n.: Riedl/Schweder 1997, S. 12

[25] vgl. Henn 2004, S. 90

[26] vgl. www.susas.de/geschlechterrollen/geschlechterrollen_01.htm (28.12.04)

[27] Ebner-Eschenbach, Marie v., 1930 In: Feyl, Renate (Hg.), 1991: Sein ist das Weib, Denken der Mann. Zit. n.: Riedl/Schweder 1997, S. 13

[28] Knapp 1995, S. 164

[29] vgl. Becker-Schmidt/Knapp 2000, S. 65

[30] Gildemeister/Wetterer 1992, S. 205

[31] vgl. Knapp 2004, S. 38/39

[32] Mit „einseitig gedachtes Geschlecht“ ist das rein biologisch gedachte Geschlecht gemeint.

[33] vgl. Hertzer 1999, S. 72

[34] vgl. Knapp 2000, S. 68

[35] Krauß 2001, S. 9

[36] http://de.wikipedia.org/wiki/Gender (08.05.05)

[37] vgl. Pool 1995, S. 15

[38] Bischof-Köhler 2002, S. 171

[39] vgl. Hollstein 1993, S. 46

[40] Hagemann-White 1995, S. 182

[41] vgl. Bischof-Köhler 2002, S. 171/172

[42] vgl. Sykes 2003, S. 349

[43] vgl. ebd., S. 364/365

[44] http://www.linksnet.de/artikel.php?id=563 (16.08.04) nach Hagemann-White 1988, S. 230

[45] http://www.linksnet.de/artikel.php?id=563 (16.08.04)

[46] vgl. Gildemeister/Wetterer 1992, S. 207/208

[47] Kessler/McKenna 1978, S. 7. Zit. n.: Gildemeister/Wetterer 1992, S. 208

[48] Butler 1991, S. 26

[49] vgl. Krauß 2001, S. 18

[50] Knapp 1998, S. 171

[51] vgl. Knapp 2004, S. 41

[52] Gildemeister/Wetterer 1992, S. 212

[53] Gildemeister/Wetterer 1992, S. 212

[54] West/Zimmermann 1991, S. 14. Zit. n.: Gildemeister/Wetterer, 1992, S. 236

[55] Klinger 2002, S. 15

[56] Gildemeister/Wetterer, 1992, S. 246

[57] www.susas.de/geschlechterrollen/geschlechterrollen_01.htm (28.12.04)

[58] vgl. Wuketits 2002, S. 11

[59] vgl. www.susas.de/geschlechterrollen/geschlechterrollen_01.htm (28.12.04)

[60] Auf diese Resultate werde ich im Teil „Biologischer Blick auf die Geschlechterdifferenz“ eingehen.

[61] vgl. Wuketits 2002, S. 12

[62] ebd., S. 13

[63] Pool 1995, S. 15

[64] vgl. Klinger 2002, S. 15

[65] Brockhaus Band 3, 1992, S. 345

[66] Ein Gen ist die „kleinste Funktionseinheit des Genoms, bestehend aus DNA-Abschnitten, die die Informationen für die Synthese einzelner Polypeptidketten enthalten.“ (Wehner/Gehring 1995, S. 801)

[67] vgl. http:://phaidon.philo.at/~anthro/Zeittafel2.htm (08.05.05)

[68] vgl. www.wienerzeitung.at/frameless/lexikon.htm?ID=10595 (12.12.04)

[69] www.etuxx.com/diskussionen/f00160.php3 (28.12.04)

[70] vgl. ebd.

[71] http://www.etuxx.com/diskussionen/foo160.php3 (06.06.05)

[72] Mit den harten Wissenschaften werden vorrangig die auf Faktenwissen beruhende Naturwissenschaften bezeichnet. (vgl. Klinger 2002, S. 6)

[73] Pool 1995, S. 164

[74] Henn 2004, S. 7

[75] vgl. ebd., S. 7

[76] Klinger 2002, S.100

[77] literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=3938&ausgabe=200107 (28.12.04)

[78] Evatt 2004, S. 10

[79] Dazu werde ich mich im Abschnitt „Sozialpsychologischer Blick auf die Geschlechterdifferenz“ ausführlicher äußern.

[80] Klinger 2002, S. 13

[81] Sexismus ist die Bezeichnung „für jede Art von Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts sowie für die Ideologie, die dem zugrunde liegt.“ (Brockhaus Band 20, 1992, S. 175)

[82] Rassismus bezeichnet sowohl Einstellungen als auch Handlungen, die Verachtung, Benachteiligung, Ausgrenzung und Unterdrückung durch eine Zusammenstellung von körperlichen Merkmalen unter „Rassenmerkmalen“ legitimieren. (vgl. Brockhaus Band 18, 1992, S. 69)

[83] „Klassismus meint mehr als Ausbeutung durch das Kapital. Zusätzlich hierzu sind mit Klassismus all die subtilen Verletzungen, die Minderwertigkeitsgefühle von Leuten aus der unteren Klasse und die ausgrenzenden Institutionen gemeint.“

(http://www.attac.de/sommerakademie2003/sommerakademie/www/index.php?locid=145&Sem_Id=7 (20.08.05))

[84] www.etuxx.com/diskussionen/f00160.php3 (28.12.04)

[85] vgl. Spiegel 04/2004

[86] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Privathaushalt (29.04.05)

[87] vgl. http://harenberg.de.synkron.corpex-net.de/sw1301.asp (02.05.05)

[88] vgl. www.peaseinternational.com (29.04.05)

[89] vgl. Pease, Allan & Barbara 1998, S. 20/21

[90] ebd., S. 31

[91] vgl. ebd., S. 36

[92] ebd., S. 20

[93] vgl. ebd., S. 36

[94] vgl. Pease, Allan & Barbara 1998, S. 20

[95] ebd., S. 31

[96] ebd., S. 32

[97] vgl. ebd., S. 31/32

[98] ebd., S. 33

[99] vgl. ebd., S. 30

[100] ebd., S. 32/33

[101] Pease, Allan & Barbara 1998, S. 28

[102] ebd., S. 25

[103] ebd., S. 204

[104] vgl. ebd., S.204/205

[105] ebd., S. 205

[106] ebd., S. 28

[107] vgl. ebd., S. 29

[108] Pease, Allan & Barbara 1998, S. 20

[109] ebd., S. 29

[110] vgl. ebd., S. 34

[111] ebd., S. 34

[112] vgl. ebd., S. 196

[113] vgl. ebd., S. 30

[114] vgl. ebd., S. 32

[115] vgl. ebd., S. 30

[116] Pease, Allan & Barbara 1998, S. 192

[117] ebd., S. 269

[118] vgl. Bischof-Köhler 2002, S. 183

[119] ebd., S. 185

[120] vgl. Pease, Allan & Barbara 1998, S. 384/385

[121] Pease, Allan & Barbara 1998, S. 29

[122] vgl. ebd., S. 41/42

[123] ebd., S. 42

[124] ebd., S. 29/30

[125] vgl. ebd., S. 29 und 244

[126] ebd., S. 35

[127] vgl. Pease, Allan & Barbara 1998, S. 27

[128] ebd., S. 37

[129] vgl. ebd., S. 37

[130] ebd., S. 40

[131] vgl. ebd., S. 40

Ende der Leseprobe aus 134 Seiten

Details

Titel
Von Natur aus anders? Eine biologische und sozialpsychologische Betrachtung der Geschlechterdifferenz
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Sozialpsychologisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
134
Katalognummer
V55080
ISBN (eBook)
9783638501255
ISBN (Buch)
9783656812777
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Eine, Betrachtung, Geschlechterdifferenz
Arbeit zitieren
Arite Heuck (Autor:in), 2005, Von Natur aus anders? Eine biologische und sozialpsychologische Betrachtung der Geschlechterdifferenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55080

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