Luftkrieg und Tagebuch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

34 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Darstellbar oder nicht?

III. Warum Tagebücher?

IV.a. Die Tagebücher Missie Vassiltchikovs und Ursula von Kardorffs
IV.b. Tagebücher als Selbsttherapie
IV.c. Schuld und Verantwortung

V. Schluss

VI. Literatur

I. Einleitung

Noch nicht lange hat das Thema Bombenkrieg gegen deutsche Städte in den Medien Konjunktur. 1995, als sich das Kriegsende zum 50. Mal jährte, wurden (wie Klaus Neumann dargestellt hat[1]) die Erlebnisse der deutschen Stadtbevölkerung noch eher zaghaft und unsicher diskutiert. Noch 50 Jahre nach den Ereignissen gab es keinen Konsens des Gedenkens, kein gefestigtes Geschichtsbild. Es wurde schnell deutlich, dass die Zeit, in der der Krieg aus den fernen Ländern in die Heimat kam, keinen festen Platz im kulturellen Gedächtnis der Deutschen hatte. Und so war diese erstmalige Diskussion des Luftkriegs gegen deutsche Zivilisten ein Wagnis. Denn die Bahnen, in denen sie verlaufen würde und die Erinnerungen, die zutage treten würden, waren weitgehend unbekannt. Vielleicht aus der Erkenntnis, nicht mehr lange diese Möglichkeit zu haben, wurden in diesen Wochen viele Zeitzeugen angehört und lebendige Erinnerungen festgehalten. Für viele der Betroffenen war dies eine ungeahnte Aufwertung und erstmalige gesellschaftliche Anerkennung ihrer Erinnerungen, denn zum ersten mal seit Bestehen der Bundesrepublik (in der DDR war an eine ehrliche Debatte über dieses Thema gar nicht zu denken) wurde plötzlich über den Luftkrieg – und auch über mögliche Gründe für das lange Schweigen darüber - gesprochen.[2]

Die Präsenz des Themas in den Medien mag ein Anlass für den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald gewesen sein, eine von ihm schon 1982 zum ersten mal geäußerte[3] und damals kaum wahrgenommene These wieder aufzugreifen und 1997 in einer dreiteiligen Zürcher Universitätsvorlesung weiterzuentwickeln: Die These vom Versagen der gesamten deutschen Literatur vor dem Luftkrieg gegen deutsche Städte. Die Bombennächte und –tage seien, geradezu von einem Tabu belegt, in der deutschsprachigen Literatur nie angemessen zur Sprache gekommen, so Sebald.

Nun – in den Jahren nach 1997 - schien die Zeit für eine breite Diskussion dieser These endlich gekommen. Zunächst fand sie im deutschsprachigen Feuilleton und nach Veröffentlichung der Vorlesung als Essay im Jahre 1999[4] auch in einigen wissenschaftlichen Untersuchungen statt.

Weitgehend missachtet oder gar ignoriert wurde in der Diskussion um die Fragen, welche literarischen Zeugnisse des Luftkriegs es gibt und wie Literatur überhaupt reagieren kann auf solch ein kollektives Trauma, das eigentlich Naheliegendste: die dokumentarische und insbesondere die Tagebuchliteratur derer, die dabei waren

II. Darstellbar oder nicht?

Allen voran nahm sich der Spiegel -Redakteur Volker Hage dem Thema an und wies 2003 in einer detaillierten Fleißarbeit nach, dass es sehr wohl literarische Zeugen der Zerstörung – und deren Zeugnisse - gibt.[5] Schon vor dieser Veröffentlichung hatte Hage insbesondere auf den bis dahin in Vergessenheit geratenen Autor Gert Ledig und dessen zweiten Roman Vergeltung[6] aus dem Jahre 1956 aufmerksam gemacht. Immerhin fand Ledigs Werk daraufhin in der Buchfassung der Sebaldschen Vorlesungen Erwähnung – wenn auch keine besonders freundliche: Zwar bescheinigt Sebald manchem an diesem Buch „erstaunliche Präzision“, anderes aber findet er „unbeholfen und überdreht“[7]. Im Folgenden stilisiert er Ledig zu „einer Art maverick “, der bewusst darauf aus gewesen sei, „Abscheu und Ekel“ zu erzeugen[8]. Als eindrucksvolle Studie eines Augenzeugen aus dem Innern einer deutschen Großstadt, der Ledig seit seiner Kriegsverletzung war, lässt Sebald Ledigs Vergeltung nicht gelten. Aber immerhin verhalf diese Diskussion dem Roman 1999 zu einer Neuauflage.

Viele weitere Hinweise – nicht nur jene von Hage – wurden von Sebald unter dem Hinweis mangelnder literarischer Qualität oder Bedeutung nicht weiter beachtet oder schon in seiner Vorlesung rasch beiseite gewischt. Die Radikalität und Absolutheit der Sebaldschen Ablehnung von allen literarische Werken, die das Thema Luftkrieg berühren, war so groß, dass nicht nur Volker Hage vermutete, dass Sebald das „was er angeblich suchte, eigentlich gar nicht finden wollte, schon weil es im Grunde gar nicht existieren konnte“[9]. Auch Andreas Huyssen vermutet ein persönliches Anliegen Sebalds und attestiert ihm „transgenerational traumatization“[10] – ohne Nationalsozialismus und Krieg selbst erlebt zu haben, leide er also an einem Kriegstrauma. Und zwar vielleicht gerade weil er, als 1944 geborener der ersten Nachkriegsgeneration angehörig, keine eigene Erinnerung an den Luftkrieg hat. Die vehementen Attacken auf die Autoren der Zeitzeugen-Generation seien, so Huyssen, eine Kompensation dafür, keinen anderen Zugang zu dem Thema zu haben, als ihre Texte mit ihren eigenen Herangehensweisen.[11] Und tatsächlich muten Sebalds Erzählungen von seinen Spaziergängen über die stillgelegten airfields in seiner englischen Heimat so etwas wie eine merkwürdige Trauer darüber an, dass sich ein solches Ereignis wie der Luftkrieg – eine „in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion“[12] - niemals durch Literatur nachempfinden lässt.

Es ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass man mit dem quantitativen Argument gegen Sebald recht gut gewappnet gewesen wäre – es gibt zahlreiche literarische Werke, die den Luftkrieg zum Thema haben oder in denen er zumindest erwähnt wird. Das Bezeichnende dabei ist, dass wohl kaum jemandem diese Werke auf Anhieb geläufig waren. Vergessene Texte mussten erst in teilweise mühevoller Recherche-Arbeit zu Tage gefördert werden. Vielleicht rührte daher die spontane Zustimmung zu Sebalds Thesen in den Monaten nach ihrem Bekanntwerden. Das Problem scheint also weniger die Existenz solcher Texte zu sein, als ihre mangelnde Bekanntheit. Und dies ist der zweite Teil der sebaldschen Argumentation: der Luftkrieg sei in der Literatur tabuisiert und als eine Art tabuisiertes „Familiengeheimnis“ behandelt worden[13].

Über die Gründe für diese bislang mangelhafte Rezeption von Luftkriegs-Texten kann viel spekuliert werden: Saß die Nazi-Propaganda, die die wahren Ausmaße des Bombenkriegs gegen deutsche Städte bis zum Schluss leugnete, so tief, dass es in der Bevölkerung auch nach 1945 keine verbindliche Auffassung des Luftkriegs als Teil des Krieges gab?[14] Liegt es an der von Margarete und Alexander Mitscherlich diagnostizierten deutschen „Unfähigkeit zu Trauern“, daran, dass die Deutschen sich sofort nach der Niederlage und Kapitulation von der Vergangenheit abwenden und dem Wiederaufbau und dem Erwirtschaften von Wohlstand widmen wollten[15] ? Lag es an dem patriarchalisch geprägten kulturellen Gedächtnis, das den Daheimgebliebenen – in aller Regel also den Frauen, Kindern und Alten – eine echte Kriegserfahrung, vergleichbar mit den Fronterlebnissen des soldatischen Mannes, absprach[16] ?

Unterstützend für diese These liest sich der Werdegang Gert Ledigs. Als er 1955 den Roman Die Stalinorgel über seine Kriegserlebnisse an der Ostfront veröffentlichte, war sein Erfolg bei Lesern wie Kritikern, national wie international groß. Befeuert von diesem Zuspruch, legte Ledig nur ein Jahr später Vergeltung nach, eine brutal verdichtete Schilderung eines einzigen, 70-minütigen Luftangriffs auf eine namenlose deutsche Großstadt. Die Resonanz auf dieses Buch wiederum war so vernichtend, dass Ledig – wiederum nur ein Jahr später - gerade noch mit Faustrecht, einem Roman über die unmittelbare Nachkriegszeit, seine Trilogie beenden konnte, bevor er dem Schriftstellerberuf für immer den Rücken kehrte.

Eine gewichtige Rolle beim Verdrängen der Luftkriegs-Literatur spielte darüber hinaus die Tatsache, dass das Sprechen über den Luftkrieg unausweichlich an den Diskurs gebunden schien, der die Deutschen zu Opfern stilisiert. Damit schien die Gefahr groß, der Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts nahe zu kommen. Noch heute hat dieses Argument nicht seine gesamte Überzeugungskraft eingebüßt. Klaus Harpprecht antwortete auf Sebald mit der mittlerweile weithin bekannten Sentenz: „Das Schweigen verbarg vielleicht eine Scham, die kostbarer ist als alle Literatur.“[17] (Und zuverlässig gibt es Protestveranstaltungen von linksgerichteten Gruppen gegen das Gedenken an die Zerstörung deutscher Städte – so z.B. am 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens) Dass diese politisch-moralische Begründung als Erklärung nicht nur zutrifft, sondern auch die größte Rolle bei der konsequenten Nicht-Beachtung der Luftkriegs-Literatur spielt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Bombenkrieg gegen deutsche Städte nicht nur in seiner literarischen Verarbeitung weitgehend unbekannt ist, sondern bis vor wenigen Jahren auch als historisches Ereignis kaum Beachtung fand. So musste bis zum Jahre 2002, als Jörg Friedrichs Der Brand erschien, auf eine umfassende historische Untersuchung des Bombenkriegs gewartet werden.

Es bleibt die - natürlich hypothetische - Frage, ob ein wirklich überzeugendes Stück Literatur (weniger radikal und verstörend als Gert Ledigs Vergeltung, erzählerischer als Hans Erich Nossacks Der Untergang[18] und sprachkräftiger und in größerer Verdichtung als Dieter Fortes Romantrilogie Das Haus auf meinen Schultern[19]) es nicht trotz all dieser Hindernisse geschafft hätte, zu einer allseits anerkannten Chiffre für den Bombenkrieg zu werden. (So wie Das Tagebuch der Anne Frank als populäres literarisches Zeugnis der Judenverfolgung gilt.) Volker Hage weist darauf hin, dass es in Japan, dem einzigen Land mit einer einigermaßen vergleichbaren Bombenkriegs-Erfahrung wie Deutschland, sehr wohl einen solchen Text gibt[20]: Akiyuki Nosakas Erzählung Das Grab der Leuchtkäfer[21]. Aber natürlich besteht der gewaltige Unterschied, dass Japan, wenn auch mit eigenen Kriegsverbrechen, so doch nicht mit so etwas wie dem deutschen Holocaust umzugehen hat. Außerdem wurde der Abwurf der Atombomben auf japanische Städte schon früh von vielen verurteilt und die japanische Zivilbevölkerung als Opfer einer schrecklichen militärischen Verfehlung gesehen.

Man muss Sebald aber wohl in der Feststellung folgen, dass sich in der mittlerweile großen, von Hage und anderen Kritikern Sebalds zusammengetragenen Materialsammlung nur sehr wenige wirklich überzeugende und ästhetisch geglückte Werke finden. Es sei dabei wieder verwiesen auf die bereits erwähnten Ledig, Nossack oder vielleicht Forte, denen es – auf vollkommen unterschiedliche Weise – geglückt ist, eine dem Horror der Luftangriffe angemessene und vor allem unpathetische Sprache zu finden. Als Negativbeispiele seien hier der bereits von Sebald erwähnte Peter de Mendelssohn mit Die Kathedrale[22] oder Hermann Kasacks Roman Die Stadt hinter dem Strom[23] genannt. Beide Werke wirken aus heutiger Perspektive geradezu peinlich in dem Versuch, den Leiden der Bevölkerung einen Sinn zu geben und sie pathetisch zu erhöhen. Haben sich also die wirklich „großen“ Autoren von vornherein von dem Thema ferngehalten – in dem Wissen, an dem Thema scheitern zu müssen? Auffällig ist jedenfalls, dass in den Werken nicht weniger der deutschen Autoren, die heute als „groß“ gelten, das Thema überhaupt nicht oder nur am Rande vorkommt. (Ausnahmen sind Günther Grass und Heinrich Böll, dessen Roman Der Engel schwieg allerdings erst 1992, fast 50 Jahre nach seiner Entstehung erschien.)

So kommt man zu der Frage, ob es vielleicht Themen gibt, die Autoren meiden sollten - nicht weil sie politisch oder kommerziell unerwünscht wären, sondern weil ihnen mit der Literatur ganz einfach nicht beizukommen ist. Das ist sicher eine Frage, die Autoren und der Mehrheit der Literaturwissenschaftler widernatürlich scheint. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki antwortet darauf: „Die Literatur ist allen Themen gewachsen, nur viele Schriftsteller sind manchem Thema nicht gewachsen. Aber wenn viele dem nicht gewachsen sind, kann ja immer noch einer kommen, der dem dann doch gewachsen ist. Ich glaube nicht, dass irgend etwas geschehen ist, was nicht literarisch dargestellt werden könnte.“[24] Aber auch Reich-Ranicki nennt über Gert Ledig hinaus keinen weiteren Autor, der dem Thema gewachsen gewesen wäre.

Man braucht gar nicht die moralische und kulturapokalyptische Ebene des berühmten Ausspruch Adornos, demzufolge es „barbarisch“ sei, nach Auschwitz Lyrik zu verfassen. Vielleicht verträgt ein Erlebnis wie das Durchleben eines Feuersturms in einer bombardierten deutschen Stadt ästhetisch keine künstlerische Verdichtung, Verfremdung oder ein noch so geschicktes Arrangement. Noch viel weniger verträgt ein solches Thema den bemühten Versuch, die realen Geschehnisse in irgendeiner Weise durch die Phantasie zu „übertreffen“. Das zeigen die beiden oben genannten Peter de Mendelssohn und Hermann Kasack deutlich

III. Warum Tagebücher?

Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, hat des Öfteren erklärt, über einen besonders schweren Luftangriff auf seine Heimatstadt Hamburg im Sommer 1943 könne er einen Roman schreiben – wenn er einen Roman schreiben könnte. Im Gespräch erzählt Biermann daraufhin ausführlich, (im Buch nimmt diese Schilderung über acht Seiten ein) wie er als damals Sechsjähriger gemeinsam mit seiner Mutter den Bomben und Bränden entkam und sich schließlich gemeinsam mit anderen Überlebenden auf die Hamburger Moorweide retten konnte. Nur zwei Jahre zuvor hatten sich auf dieser Wiese die Juden von Hamburg – darunter viele Verwandte Biermanns – versammeln müssen, um in die Todeslager im Osten abtransportiert zu werden.[25]

Beim Lesen von Texten wie diesem, die die Ereignisse einfach dokumentieren, fragt man sich, wozu die Literatur zu diesem Thema die Phantasie oder das künstlerische Arrangement eines Romanschriftstellers noch brauchen sollte. Kein Roman – sollte Wolf Biermann doch noch einmal einen schreiben – könnte ergreifender sein als diese acht Seiten simpler Dokumentation des Gewesenen.

Nathalie Sarraute fragte, welche Fiktion denn schon „mit den Berichten aus den Konzentrationslagern oder von der Schlacht um Stalingrad“ zu vergleichen sei. „Aus sehr guten Gründen also zieht der Leser heute den Tatsachenbericht oder doch zumindest das, was einen ähnlich vertrauenerweckenden Eindruck macht, dem Roman vor.“[26]

Nicht nur brauchen solche realen Geschehnisse keine Phantasie oder Zuspitzung. Es ist, in den Worten Reich-Ranickis, „nicht leicht erträglich, wenn schreckliche Dinge, Vorfälle, die geschehen sind, dann in der Literatur poetisiert oder sagen wir ästhetisiert werden“[27]. Hinzu kommt das in Berichten von Zeitzeugen immer wieder auftauchende Bekenntnis, angesichts des Grauens der Bombardierungen zu verstummen und ganz einfach keine Worte zu finden, um das Erlebte literarisch wiederzugeben. Diese Unfähigkeit gibt der Erzähl- oder vielleicht eher der Literarisierungs-Skepsis Adornos eine weitere Bedeutungsebene: Es ist nicht nur barbarisch, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, es ist auch unmöglich, über Auschwitz Gedichte zu schreiben. (Oder über das Erleben eines schweren Bombenangriffs mit folgendem Feuersturm – wenn das Parallelsetzen dieser Erfahrungen vielleicht in dieser – literarischen - Hinsicht möglich ist.)

Es ist auffällig, dass die beiden deutsche Autoren, die literarisch vielleicht am meisten mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland in Verbindung gebracht werden, nämlich Walter Kempowski und Alexander Kluge, an die Schule der dokumentarischen Literatur angeknüpft haben. Beide arbeiten mit realen Berichten, Tagebucheinträgen oder anderen Zitaten und verfolgen mit deren Arrangement (und im Falle von Kluge mit deren Verfremdung und Zuspitzung) das Ziel eines umfassenden Bildes der Zeit und der Geschehnisse. Kempowski arbeitet seit Jahren an dem Mammut-Projekt Das Echolot. Im Zuge der Arbeit daran entstand das größte Archiv realer privater Dokumente – vor allem Tagebücher – aus der Zeit des Nationalsozialismus. Im Vorwort zum ersten Teil von Das Echolot schrieb Kempowski 1993: "Seit langem bin ich besessen von der Aufgabe zu retten, was zu retten ist", und: „ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe aufgesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet." Die Luftangriffe auf deutsche Städte sieht Kempowski als kollektive Erfahrung der Daheimgebliebenen und ist deshalb getrieben von der Idee, ein kollektives Tagebuch zu erstellen – vielleicht sogar als Basisarbeit, als Steinbruch für zukünftige Romanschriftsteller zu dem Thema. Dabei ist Kempowski natürlich viel präsenter in dem Text und damit viel weniger objektiv als er vielleicht zugeben würde. Alleine durch die Auswahl der oft sehr kurzen Textstellen schafft er auch eine Interpretation der Wirklichkeit.

Alexander Kluge thematisiert den Bombenkrieg u.a. in dem erst 1977 erschienenen Text Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Der Text beruht auch auf Kluges eigener Zeitzeugenschaft: „Die Form des Einschlags einer Sprengbombe ist einprägsam. Sie enthält eine Verkürzung. Ich war dabei, als am 8. April 1945 in 10 Meter Entfernung so etwas einschlug.“[28] Zwar spricht sich Kluge dagegen aus, nur mit realen Augenzeugenberichten zu arbeiten, so wie Kempowski das tut. Er beklagt vor allem deren stereotype Ausdrucksweisen und Vermeidungsstrategien. Doch nicht zufällig erwähnt W.G. Sebald gerade Kluges Arbeit mit ihrer Mischung aus Erzählerischem, zumindest pseudo-Dokumentarischem und Diskursivem als positives Beispiel für eine geglückte literarische Verarbeitung des Luftkriegs.[29] Auffällig ist, dass Sebald auch Nossacks Der Untergang hervorhebt – ebenfalls ein stark autobiographisches und in gewisser Weise dokumentarisches Werk. So heißt es dort: „Ich habe viele Hunderte von denen gesprochen, die dabei gewesen sind, Männer und Frauen; was sie erzählten, wenn sie überhaupt davon sprechen, ist so unvorstellbar grauenhaft, daß es nicht zu begreifen ist, wie sie es bestehen konnten.“[30] Und weiter, Kempowskis Gedanken geradezu vorwegnehmend: „Ich fühle mich beauftragt, darüber Rechenschaft abzulegen. Es soll mich niemand fragen, warum ich so vermessen von einem Auftrag rede: ich kann ihm nicht darauf antworten. Ich habe das Gefühl, daß mir der Mund für alle Zeiten verschlossen bleiben würde, wenn ich nicht dies zuvor erledigte.“[31] Nossack bleibt in der Rolle des Zuschauers, die es ihm erlaubt, scheinbar objektiv seine Beobachtungen zu dokumentieren. Der Untergang ist eine sachliche Bestandsaufnahme ohne jede Form von Ausschmückung.

Große Ähnlichkeiten kann man auch zwischen der Montagetechnik Kempowskis mit ihren schnellen, geradezu filmischen Schnitten nach teilweise nur kurzen Textbausteinen und der Erzähltechnik Gert Ledigs in Vergeltung feststellen, wo in schwindligem Wechsel der Perspektiven verschiedene Positionen in einem Luftangriff betrachtet werden, die jedoch alle demselben entgegensehen: dem Tod.

Schließlich kann man sogar an der Buchfassung der Sebaldschen Vorträge Ähnlichkeiten besonders zu Kluges Arbeit feststellen: Auch Sebald arbeitet mit Photographien um das Grauen zu dokumentieren und fügt immer wieder dokumentarische Passagen ein. („Aus den Strategic Bombing Surveys der Alliierten, aus den Erhebungen des Bundesamts für Statistik und anderen offiziellen Quellen geht hervor, dass allein die Royal Air Force in 400 000 Flügen eine Million Tonnen Bomben über dem gegnerischen Gebiet abgeworfen hat…“[32], „Im Hochsommer 1943, während einer lang anhaltenden Hitzeperiode, flog die Royal Air Force, unterstützt von der 8. amerikanischen Luftflotte, eine Reihe von Angriffen auf Hamburg.“[33] )

Umso überraschender scheint es nach all diesen Beobachtungen, dass Sebald die Tagebuchliteratur im Zusammenhang mit dem Luftkrieg offenbar so gering schätzt, dass sie in seiner Arbeit kaum Erwähnung findet. Wo sie es doch tut, begegnet Sebald ihr mit einem besonderen Misstrauen: „Das anscheinend unbeschadete Weiterfunktionieren der Normalsprache in den meisten Augenzeugenberichten ruft Zweifel herauf an der Authentizität der in ihr aufgehobenen Erfahrung.“ Ohnehin sei es unwahrscheinlich, dass jemand mit einer solchen Erfahrung „davongekommen sein soll mit ungetrübtem Verstand“.[34] Die Berichte von Augenzeugen seien daher „nur von bedingtem Wert“.[35]

[...]


[1] Neumann, Klaus, Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse, Hamburg 1998, S. 33-72

[2] Ebda.

[3] Sebald, W.G.,

[4] Sebald, W.G., Luftkrieg und Literatur, München 1999 (zitiert nach der Ausgabe Frankfurt am Main 2001)

[5] Hage, Volker, Zeugen der Zerstörung. Die Literaten und der Luftkrieg, Frankfurt am Main 2003

[6] Ledig, Gert, Vergeltung, Frankfurt am Main 1999

[7] Sebald, Luftkrieg und Literatur, S. 101

[8] Ebda. S. 101f.

[9] Hage, S. 124

[10] Huyssen, Andreas, On Rewritings and new Beginnings. W.G. Sebald and the Literature about the Luftkrieg, S. 83, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Jahrgang 31, Heft 124, S. 72-90

[11] Huyssens, On Rewritings and New Beginnings, S. 84

[12] Sebald, Luftkrieg und Literatur, S. 11

[13] Ebda., S. 17

[14] Heukenkamp, Ursula, Gestörte Erinnerung. Erzählungen vom Luftkrieg, S. 473, in: Heukenkamp, Ursula (Hrsg.), Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Band 50: Schuld und Sühne. Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit, Amsterdam 2001, S. 469-492 Daraus sei Fassungslosigkeit und Ablehnung der eigenen Erinnerung erwachsen.

[15] „Werktätigkeit und ihr Erfolg verdeckten bald die offenen Wunden, die aus der Vergangenheit geblieben waren. Wo aufgebaut und ausgebaut wurde, geschah es fast buchstäblich auf den Fundamenten, aber kaum noch in einem durchdachten Zusammenhang mit der Tradition. (…) Auch die Millionenverluste des vergangenen Krieges, auch die Millionen getöteter Juden können nicht daran hindern, dass man es satt hat, sich an die Vergangenheit erinnern zu lassen.“ Aus: Mitscherlich, Alexander und Margarete, Die Unfähigkeit zu Trauern, München 1968

[16] vgl. Heukenkamp, Ursula, Gestörte Erinnerung, S. 491

[17] Harpprecht, Klaus, Stille, schicksalslose. Warum die Nachkriegsliteratur von vielem geschwiegen hat, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Januar 1998

[18] Nossack, Hans Erich, Der Untergang, Hamburg 1948

[19] Forte, Dieter, Das Haus auf meinen Schultern, Frankfurt am Main 1999

[20] Hage, Volker, Zeugen der Zerstörung, S. 114

[21] Nosaka, Akiyuki, Das Grab der Leuchtkäfer, Reinbek 1990

[22] De Mendelssohn, Peter, Die Kathedrale. Eine Sommernachtsmahr, Hamburg 1983

[23] Kasack, Hermann, Die Stadt hinter dem Strom, Frankfurt 1996

[24] im Interview mit Volker Hage in dessen Buch Zeugen der Zerstörung, S. 243

[25] im Gespräch mit Volker Hage in dessen Zeugen der Zerstörung, S. 144

[26] Sarraute, Nathalie, Zeitalter des Argwohns, Köln 1963, S. 50, zit. nach: Hage, Zeugen der Zerstörung, S. 72

[27] Ebda., S. 244

[28] Kluge, Alexander, Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945, in: Chronik der Gefühle, Frankfurt am Main 2000

[29] Sebald, Luftkrieg und Literatur, S. 31f.

[30] Nossack, Der Untergang, S.7

[31] Ebda.

[32] Sebald, Luftkrieg und Literatur, S. 11

[33] Ebda., S. 33

[34] Ebda., S. 32

[35] Ebda., S. 33

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Luftkrieg und Tagebuch
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Berlin-Bilder der 30er und 40er Jahre
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V55299
ISBN (eBook)
9783638502948
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luftkrieg, Tagebuch, Hauptseminar, Berlin-Bilder, Jahre
Arbeit zitieren
Malte Conradi (Autor), 2006, Luftkrieg und Tagebuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55299

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