"Die andere Erinnerung" - Der Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945


Hausarbeit, 2006

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Überblick der Identitäten
2.1 Die Deutsch-deutsche Identität
2.2 Die Deutsch-jüdische Identität

3. Forschungsüberblick – „Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur“

4. Zwischenbilanz

5. „Sprache der Täter“

6. Problematisierung 2./ 3. Generation

7. Zusammenfassung

8. Literatur

1. Einleitung

Betrachtet man die Geschichte der Literatur nach 1945 im Hinblick auf jüdische Autoren so stellt man doch sehr schnell fest, dass es eine solche kaum gibt. Die deutsche Nachkriegsliteratur ist geprägt durch Problematisierungen des Zweiten Weltkrieges, Heimkehrer und das deutsche Volk in seinem ‚Opfer-Sein’. Dies sind aber nur deutsch-deutsche Themen ohne die jüdischen je anzusprechen. Denn die deutsche Nachkriegsliteratur identifizierte sich ohne die jüdische Vergangenheit und Historiographie und eben darum auch ohne die Thematisierung des Holocaust.

Insofern gilt es festzustellen, wie der Holocaust thematisiert wurde und vor Allem wie mit jüdischen Schriftstellern und ihren spezifischen Themen in der deutschen Literatur nach 1945 umgegangen wurde.

Die Arbeit stützt sich grundlegend auf Stephan Braeses Buch: „Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der deutschen Nachkriegsliteratur“:

„Bestimmend für den spezifischen, den eigentümlichen Ort jüdischer Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur ist vielmehr ein einziger sozialgeschichtlicher Sachverhalt: ihre Nicht-Teilhabe an der kollektiven Erfahrung der Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1945 sowie deren subjektgeschichtliche Aufzeichnung - der anderen Erinnerung.“[1]

Wer oder was also wird in diesem Zitat thematisiert? Der Erinnerungsraum der jüdischen Autoren in der Nicht-Teilhabe der deutschen Erfahrung? Westdeutsche Nachkriegsliteratur? Kollektive Erfahrung der deutschen Mehrheitsgesellschaft? Was wird nicht gesagt? Inwiefern unterscheiden sich diese unterschiedlichen Erinnerungen?

In welcher Erinnerung identifiziert sich die deutsch-jüdische Gemeinschaft und welche Erinnerung ist die Basis der deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft und damit auch deren Identitäten?

2. Überblick der Identitäten

Um diese Fragen zu beantworten, ist ein Abriss der jeweiligen Identitäten, deutsch-deutsche und deutsch-jüdische Identität, vonnöten. Zunächst zur Begriffsbestimmung Identität:

Helene Schruff beantwortet die Identitätsfrage folgendermaßen: “Die Identität ist zum einen die Identifikation mit sich selbst und zum anderen die mit anderen Menschen und ihren Gruppenzielen.”[2] “Ebenso ist auch als eine subjektive Konstruktion eines Individuums über die eigene Person zu definieren, die dazu dient, die Fülle der individuellen Erfahrungen kohärent zu organisieren und der individuellen Biographie Kontinuität und Einzigartigkeit zu verleihen.”[3]

Wir bewegen uns in einem Feld aus Mehrheits- und Minderheitsidentitäten. Zu welchem Teil die jeweilig beschriebene Identität gehört, liegt auf der Hand.

2.1 Die Deutsch-deutsche Identität

Die deutsch-deutsche Identität und ihre Haltung zum Holocaust werden als homogen und bekannt angenommen. Wir sind Deutsche, wir haben die ganzen Diskussionen erlebt, wir wissen, was wir vom Holocaust und Auschwitz halten. Dass die deutsche Vergangenheit im 20. Jahrhundert aus zwei Staaten besteht und damit zwei Geschichtsschreibungen beinhaltet, wird genauso häufig verdrängt, wie es vermieden wird über das Thema Holocaust eingehend nachzudenken, eigene Positionen außerhalb von vorgegebenen Floskeln zu entwickeln.

Braese formuliert das folgendermaßen: “Die Erfahrung der im Exil, in der in den Lagern oder im Untergrund Überlebenden blieben geschieden von denen der “Mehrheit der Deutschen” - so sehr, dass es in der historischen Perspektive “das eine Jahr 1945 nicht gibt.”[4] Den so genannten ‘Nullpunkt‘ hat es demnach für die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit ihren unterschiedlichen Erfahrungsgruppen nie gegeben.

Eine wichtige Auseinandersetzung in der deutsch-deutschen Erinnerung wird bei Wolfgang Borchert deutlich: „’Wir sind eine Generation ohne Abschied, die sich davonstiehlt wie Diebe, weil sie Angst hat vor dem Schrei ihres Herzens. Wir sind eine Generation ohne Heimkehr, denn wir haben nichts, zu dem wir heimkehren könnten, und wir haben keinen, bei dem unser Herz aufgehoben wäre - … wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört.`“[5] In diesem Zitat wird das Opfer-Sein deutscher sowie junger Kriegsheimkehrer sehr deutlich hervorgehoben. Die Zentrierung auf die eigenen Erfahrungen in der deutschen Literatur nach 1945 ließ kaum Raum für die Anteilnahme anderer Erinnerungen.

Es war keine Bereitschaft zum Dialog seit 1945 und den folgenden Jahren spürbar. Alfred Andersch sagte in seinem Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung 1948: „Geehrt seien die Emigranten, dass sei alles sehr schön und anständig, aber leider, leider habe der Widerstand die Kraft der alten Literatur verzehrt, so dass nur die junge Generation vor einer ‚Tabula rasa’ stehe, ‚vor der Notwendigkeit, in einem originalen Schöpfungsakt eine Erneuerung des deutschen geistigen Lebens zu vollbringe.’ Zack! Radikaler und gnadenloser hat noch keine junge Generation alle vorangehenden abgeräumt. (…) Etwas lief schief bei der Gründung der neuesten deutschen Literatur nach dem Krieg.“[6] „Die sozialgeschichtliche Gestalt des Faktums, dass “Juden in der deutschen Literatur nach 1945 ‘eigentlich nicht’ vorkommen, hat hier einen seiner entschiedenen Quellpunkte“[7]

Dazu Alfred Polgar:

„Die Menschen sind ihm unheimlich: ‚Hinter ihrer Freundlichkeit lauert fühlbar die Tücke’, sie seien feindselig gegenüber Remigranten, und über die Stadt Salzburg schreibt er mit bitterem Spott: ‚Hier gibt es mehr Nazis als Einwohner.’ (…) Von der neusten deutschen Literatur hält er gar nichts, sie sei ‚einfach unlesbar, verqualmt, absichtlich nebulos, noch ärger als die deutsche Abreagier-Literatur nach dem ersten Weltkrieg.’“[8]

Das spiegelt sich in der Auseinandersetzung der Inneren Emigration mit den Exilanten wieder.[9]

2.2 Die Deutsch-jüdische Identität

Dieter Lamping äußert sich dazu folgendermaßen:

"Identität wäre ein Gefühl gemeinsamer Herkunft, erstens in der Verbundenheit durch den Glauben, zweitens in der Orientierung auf ein gemeinsames Land und drittens in der Identifizierung mit einer besonderen Geschichte."[10]

"Zu den Folgen der Shoah zählt nicht zuletzt die Notwendigkeit einer neuen Auseinandersetzung vieler Juden mit ihrer Identität."[11]

Daraus ergibt sich gleichsam folgende Fragestellung, die nach einer Antwort sucht:

"Frage: Wie nach Auschwitz leben? Wie kann ich Auschwitz in mein jüdisches In-der Welt-sein einbauen? Dass die Erfahrung des Holocaust die Identität von Juden und jüdische Identität [weniger individuelle personale, als kulturelle Identität] verändert liegt auf der Hand."[12]

Dazu verwendet André Neher ein schönes sprachliches Bild:

"Um eine Tür zu öffnen, halte ich ein ganzes Schlüsselbund in Händen. Die Tür springt nur nach dem gleichzeitigen Umdrehen aller Schlüssel auf."[13]

Doch es drängt sich dabei immer mehr die Frage auf: Wer aber ist Jude? Wer nicht? Was sind die Merkmale des „Jude-Seins“? Kann man eigentlich überhaupt von Merkmalen sprechen?

Wir möchten fünf verschiedene individuelle Identifikationsversuche vorschlagen:

1. Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, beantwortet diese Frage ganz eindeutig: „Jude ist, wer eine jüdische Mutter sein eigen nennt. Dieses Faktum zwingt den einen, Jude zu sein, schließt den anderen - die andere - hingegen aus. Es ist eine Bestimmung, welche von nicht religiös bestimmten Juden ignoriert wird, zumal sie nur in einer Mischehe, die ohnehin nicht vorgesehen ist, wirksam werden kann.“[14]
2. Heinrich Böll meint [...]: „Jude sei für ihn letzten Endes, der sich als solcher bekennt.“[15]
3. Jurek Becker sagt: "Ich weiß wohl, dass man nicht nur der ist, der zu sein einem vorschwebt, sondern, dass man wohl oder übel auch der zu sein hat, für den die anderen einen halten. Und so gesehen, " fährt Becker fort, "bin ich in drei Teufels Namen der, der ich nach dem Urteil vieler gefälligst zu sein habe: Jude"[16]
4. Hilde Domin formuliert in diesem Zusammenhang ihre "Minimaldefintion": "Jude ist, wen Hitler dazu erklärt hat!"[17]
5. Jean Amery beschreibt den äußerst schmerzhaften Prozesswerdung seiner 'Jude-Werdung' in "Jenseits von Schuld und Sühne" so: "Für sie, für mich, heißt Jude sein die Tragödie von gestern in sich lasten spüren. Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitznummer; die liest sich kürzer als das Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründliche Auskunft. Sie ist auch verbindlicher als Grundformel jüdischer Existenz. Wenn ich mir und der Welt sage: Ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitznummer zusammengefassten Wirklichkeiten und Möglichkeiten."[18]

Doch was ergibt sich daraus für die deutsch-jüdische Literatur? Was sind ihre Aspekte?

Bis 1933 gab es drei wichtige Gemeinsamkeiten: "Wenn der Autor jüdischer Herkunft war und sich dazu bekannte, in seinen Werken das Leben von Juden in Deutschland beschrieb und dabei Positionen und Probleme der jüdischen Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft thematisierte, dann konnte man von einer deutsch-jüdischen Literatur sprechen.“[19]

[...]


[1] Braese, Stephan: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der deutschen Nachkriegsliteratur. Berlin u.a.: Philo 2001, S. 30

[2] Schruff, Helene: Wechselbeziehungen. Deutsch-jüdische Identität in erzählender Prosa der „Zweiten Generation“. Hildesheim u.a.: Georg Olms, 2000, S. 33

[3] ebd.: S. 36

[4] Braese, Stephan: Die andere Erinnerung. S. 8

[5] Borchert, Wolfgang: Generation ohne Abschied. In: Weidermann, Volker: Lichtjahre. S. 34

[6] Andersch, Alfred: Deutsche Literatur in der Entscheidung. In: Weidermann, Volker: Lichtjahre. S. 53

[7] Andersch, Alfred: Deutsche Literatur in der Entscheidung. In: Weidermann, Volker: Lichtjahre. S. 9

[8] Weidermann, Volker: Lichtjahre. S. 26

[9] vgl. Braese, Stephan: Die andere Erinnerung. S.33ff

[10] Lamping, Dieter: Identität und Gedächtnis in der jüdischen Literatur nach 1945, S. 11

[11] Ebd., S. 10

[12] Ebd., S. 10

[13] zit. aus Schruff, Helene: Wechselwirkungen, S. 36

[14] Loewy, Ernst: Mein Judentum, S. 69

[15] Ebd., S. 69

[16] Ebd., S. 69

[17] Ebd., S. 70

[18] Schruff, Helena: Wechselwirkungen, S. 44

[19] Ebd., S. 23

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Die andere Erinnerung" - Der Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Holocaust Literatur als Kanon in der deutschen Nachkriegsliteratur
Note
1,7
Autoren
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V55416
ISBN (eBook)
9783638503648
ISBN (Buch)
9783638773416
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung, Holocaust, Literatur, Holocaust, Literatur, Kanon, Nachkriegsliteratur
Arbeit zitieren
Katja Born (Autor)Katja Kahle (Autor), 2006, "Die andere Erinnerung" - Der Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55416

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