Betrachtet man die Geschichte der Literatur nach 1945 im Hinblick auf jüdische Autoren so stellt man doch sehr schnell fest, dass es eine solche kaum gibt. Die deutsche Nachkriegsliteratur ist geprägt durch Problematisierungen des Zweiten Weltkrieges, Heimkehrer und das deutsche Volk in seinem ‚Opfer-Sein’. Dies sind aber nur deutschdeutsche Themen ohne die jüdischen je anzusprechen. Denn die deutsche Nachkriegsliteratur identifizierte sich ohne die jüdische Vergangenheit und Historiographie und eben darum auch ohne die Thematisierung des Holocaust.
Insofern gilt es festzustellen, wie der Holocaust thematisiert wurde und vor Allem wie mit jüdischen Schriftstellern und ihren spezifischen Themen in der deutschen Literatur nach 1945 umgegangen wurde. Die Arbeit stützt sich grundlegend auf Stephan Braeses Buch: „Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der deutschen Nachkriegsliteratur“:
„Bestimmend für den spezifischen, den eigentümlichen Ort jüdischer Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur ist vielmehr ein einziger sozialgeschichtlicher Sachverhalt: ihre Nicht-Teilhabe an der kollektiven Erfahrung der Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1945 sowie deren subjektgeschichtliche Aufzeichnung - der anderen Erinnerung.“
Wer oder was also wird in diesem Zitat thematisiert? Der Erinnerungsraum der jüdischen Autoren in der Nicht-Teilhabe der deutschen Erfahrung? Westdeutsche Nachkriegsliteratur? Kollektive Erfahrung der deutschen Mehrheitsgesellschaft? Was wird nicht gesagt? Inwiefern unterscheiden sich diese unterschiedlichen Erinnerungen? In welcher Erinnerung identifiziert sich die deutsch-jüdische Gemeinschaft und welche Erinnerung ist die Basis der deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft und damit auch deren Identitäten?
zitiert nacht: Braese, Stephan: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der deutschen Nachkriegsliteratur. Berlin u.a.: Philo 2001, S. 30
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überblick der Identitäten
2.1 Die Deutsch-deutsche Identität
2.2 Die Deutsch-jüdische Identität
3. Forschungsüberblick – „Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur“
4. Zwischenbilanz
5. „Sprache der Täter“
6. Problematisierung 2./ 3. Generation
7. Zusammenfassung
8. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Repräsentation des Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 und analysiert kritisch das Verhältnis von jüdischen Autoren zur deutschen Mehrheitsgesellschaft sowie die Rolle der deutschen Sprache als Erinnerungsmedium. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Identitätssuche und den verschiedenen Erinnerungshorizonten zwischen Tätern, Opfern und der nachfolgenden Generation.
- Die Nicht-Teilhabe jüdischer Autoren an der kollektiven deutschen Erfahrung.
- Die Definition und Problematik von deutsch-jüdischer Identität.
- Die deutsche Sprache als „Sprache der Täter“ und ihre Bedeutung für die literarische Erinnerung.
- Die spezifischen Herausforderungen der zweiten und dritten Generation in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.
- Die kritische Reflexion über den offiziellen Literaturkanon in Deutschland.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Deutsch-deutsche Identität
Die deutsch-deutsche Identität und ihre Haltung zum Holocaust werden als homogen und bekannt angenommen. Wir sind Deutsche, wir haben die ganzen Diskussionen erlebt, wir wissen, was wir vom Holocaust und Auschwitz halten. Dass die deutsche Vergangenheit im 20. Jahrhundert aus zwei Staaten besteht und damit zwei Geschichtsschreibungen beinhaltet, wird genauso häufig verdrängt, wie es vermieden wird über das Thema Holocaust eingehend nachzudenken, eigene Positionen außerhalb von vorgegebenen Floskeln zu entwickeln.
Braese formuliert das folgendermaßen: “Die Erfahrung der im Exil, in der in den Lagern oder im Untergrund Überlebenden blieben geschieden von denen der “Mehrheit der Deutschen” - so sehr, dass es in der historischen Perspektive “das eine Jahr 1945 nicht gibt.” Den so genannten ‘Nullpunkt‘ hat es demnach für die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit ihren unterschiedlichen Erfahrungsgruppen nie gegeben.
Eine wichtige Auseinandersetzung in der deutsch-deutschen Erinnerung wird bei Wolfgang Borchert deutlich: „’Wir sind eine Generation ohne Abschied, die sich davonstiehlt wie Diebe, weil sie Angst hat vor dem Schrei ihres Herzens. Wir sind eine Generation ohne Heimkehr, denn wir haben nichts, zu dem wir heimkehren könnten, und wir haben keinen, bei dem unser Herz aufgehoben wäre - … wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört.`“ In diesem Zitat wird das Opfer-Sein deutscher sowie junger Kriegsheimkehrer sehr deutlich hervorgehoben. Die Zentrierung auf die eigenen Erfahrungen in der deutschen Literatur nach 1945 ließ kaum Raum für die Anteilnahme anderer Erinnerungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die mangelnde Thematisierung des Holocaust in der frühen deutschen Nachkriegsliteratur und stellt den Fokus auf die spezifische Erfahrung jüdischer Autoren heraus.
2. Überblick der Identitäten: Dieses Kapitel definiert theoretisch die Begriffe Identität sowie deutsch-deutsche und deutsch-jüdische Identitätskonzepte.
2.1 Die Deutsch-deutsche Identität: Es wird die homogene Wahrnehmung der deutschen Identität kritisiert und die Verdrängung der NS-Vergangenheit durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft aufgezeigt.
2.2 Die Deutsch-jüdische Identität: Dieses Kapitel erörtert die komplexen Fragen jüdischer Identität nach Auschwitz und stellt unterschiedliche Definitionsansätze für das "Jude-Sein" gegenüber.
3. Forschungsüberblick – „Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur“: Hier wird der Forschungsstand zur jüdischen Literatur nach 1945 und deren Rezeption in der deutschen Germanistik systematisch dargestellt.
4. Zwischenbilanz: Die Zwischenbilanz fasst den bisherigen Stand der Auseinandersetzung zusammen und identifiziert offene Fragen hinsichtlich der Vernachlässigung jüdischer Autoren.
5. „Sprache der Täter“: Dieses Kapitel problematisiert die deutsche Sprache als sprachliches Erbe des Nationalsozialismus und ihre Verwendung durch jüdische Schriftsteller.
6. Problematisierung 2./ 3. Generation: Hier wird untersucht, wie nachfolgende Generationen jüdischer und nicht-jüdischer Deutscher mit der Last der Vergangenheit und der Shoah umgehen.
7. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Notwendigkeit einer integrativen Perspektive auf die Holocaust-Literatur im literarischen Kanon.
8. Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Holocaust, deutsche Nachkriegsliteratur, jüdische Autoren, Identität, Erinnerung, Sprache der Täter, Shoah, Gegengedächtnis, deutsch-jüdische Identität, Generationen, Literaturkanon, Verdrängung, Erinnerungskultur, Identifikationsversuche, NS-Vergangenheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie der Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 dargestellt wurde und welche Rolle jüdische Autoren dabei spielten, die aufgrund ihrer spezifischen Geschichte oft an den Rand des literarischen Kanons gedrängt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die deutsch-deutsche und deutsch-jüdische Identität, der Umgang mit der NS-Vergangenheit, die deutsche Sprache als Tätermedium sowie die unterschiedlichen Perspektiven der Generationen nach 1945.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die „andere Erinnerung“ jüdischer Autoren sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen, wie diese alternative Stimme in den dominierenden deutschen Literaturkanon integriert werden könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die sich primär auf die Forschungsarbeit von Stephan Braese stützt und durch aktuelle Theorien aus der Exilforschung sowie Identitätsstudien ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Identitätskonzepte erläutert, die Forschungshistorie zur jüdischen Nachkriegsliteratur aufgearbeitet, die Problematik der deutschen Sprache als „Sprache der Täter“ debattiert und die generationsübergreifende Verarbeitung der Shoah untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Holocaust, deutsch-jüdische Literatur, Identitätskonstruktion, Gegengedächtnis und die Rolle der nachgeborenen Generationen.
Wie unterscheidet sich die deutsch-jüdische Identität von der deutsch-deutschen?
Laut Arbeit zeichnet sich die deutsch-jüdische Identität durch eine Nicht-Teilhabe an der kollektiven deutschen Erfahrung der Jahre 1933–1945 aus, während die deutsch-deutsche Identität oft von Verdrängung und einer homogenen Opfer-Täter-Projektion geprägt war.
Welche Bedeutung hat das „Gegengedächtnis“ in dieser Arbeit?
Das Gegengedächtnis dient laut Foucault und den Autoren dazu, die offiziellen, staatlich sanktionierten Erinnerungsversionen der Mehrheitsgesellschaft zu unterminieren und eigene, marginalisierte Erfahrungen in den Diskurs einzubringen.
Warum wird die deutsche Sprache als „Sprache der Täter“ bezeichnet?
Da die deutsche Sprache das Medium war, in dem die Vernichtungspolitik geplant und durchgeführt wurde, stellt ihre Nutzung durch jüdische Schriftsteller ein Paradoxon dar; sie müssen sie nutzen, um über die Verbrechen zu sprechen, auch wenn sie belastet ist.
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- Katja Born (Author), Katja Kahle (Author), 2006, "Die andere Erinnerung" - Der Holocaust in der deutschsprachigen Literatur nach 1945, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55416