Klettern als Schulsport. Eine pädagogische Analyse trainings- und bewegungswissenschaftlicher Aspekte


Examensarbeit, 2005

74 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

PROBLEMSTELLUNG UND GANG DER UNTERSUCHUNG

I. LEISTUNGSDETERMINIERENDE FAKTOREN EINER KLETTERHANDLUNG
1. DIE BEDEUTUNG DER MOTORIK
2. BEWEGLICHKEIT
2.1. GRUNDLAGEN
2.2 KLETTERSPEZIFISCHE ANFORDERUNGEN
3. MOTORISCHE KRAFTFÄHIGKEITEN
3.1 MAXIMALKRAFT
3.2 SCHNELLKRAFT
3.3 KRAFTAUSDAUER
3.4 KLETTERSPEZIFISCHE FOLGERUNGEN
4. DIE NEURONALE AKTIVIERUNG DER MUSKELFASER
4.1 INTRAMUSKULÄRE KOORDINATION
4.2 INTERMUSKULÄRE KOORDINATION

II. ZUSAMMENHÄNGE ZWISCHEN MOTORIK UND WAHRNEHMUNG
1. BEDINGUNGEN UND PHASEN MOTORISCHEN LERNENS
1.1 GRUNDLAGEN
1.2 DIE BEDEUTUNG KOORDINATIVER FÄHIGKEITEN
1.3 DAS ERLERNEN MOTORISCHER PROZESSE BEIM KLETTERN
1.3.1 PHASE DER GROBKOORDINATION
1.3.2 PHASE DER FEINKOORDINATION
1.3.3 PHASE DER STABILISIERUNG UND VARIABLEN VERFÜGBARKEIT
2. WAHRNEHMUNGSLERNEN BEIM KLETTERN
2.1 SELBST- UND FREMDWAHRNEHMUNG
2.2 KLETTERBEWEGUNG UND KÖRPERWAHRNEHMUNG
2.3 ZUSAMMENFASSUNG

III. SOZIAL-AFFEKTIVE ASPEKTE DES KLETTERNS
1. DER SOZIALISIERUNGSEFFEKT DES KLETTERSPORTS
1.1 WAS BEDEUTET „SOZIALES LERNEN“?
1.2 DER ERWERB SOZIALER HANDLUNGSKOMPETENZEN
1.3 SOZIALES LERNEN BEIM KLETTERN
2. KOMPONENTEN DER PERSÖNLICHKEITSFÖRDERUNG
2.1 BEGRIFFSBESTIMMUNG VON PERSÖNLICHKEIT
2.2 SPORT UND PERSÖNLICHKEIT
2.3 KLETTERN UND PERSÖNLCHKEIT
3. ABENTEUER UND RISIKO BEIM KLETTERN - DAS ERLEBNIS SPORT
3.1 DER WANDEL ZUM ERLEBNISORIENIERTEN SPORTUNTERRICHT
3.1.1 ERLEBNISPÄDAGOGIK HEUTE
3.1.2 MOTIVATION UND EMOTION
3.2 DAS WAGNIS BEIM KLETTERN
3.3 DIE BEDEUTUNG GEMEINSCHAFTLICHER ERLEBNISSE

IV. DIE UMSETZUNG VON KLETTERN IM BAYERISCHEN SPORTLEHRPLAN
1. KLETTERN IM LEHRPLAN
1.1 GESUNDHEIT
1.2 FAIRNESS UND KOOPERATION
1.3 LEISTEN, SPIELEN, GESTALTEN
1.4 UMWELT
2. EXKURS: SPORTFÖRDERUNTERRICHT AM BEISPIEL KLETTERN
SCHLUSSBEMERKUNG
LITERATURVERZEICHNIS
ERKLÄRUNG

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Spektrum kletterspezifischer Wirkdimensionen

Abb. 2: Dehnübung

Abb. 3: Faktoren einer sportlichen Leistung

Abb. 4: Grundlagen der Beweglichkeit

Abb. 5: Zusammenhang zwischen zeitlicher Dauer der Kletterbelastung und konditioneller Beanspruchung

Abb. 6: Informationsfluss im motorischen Prozess

Abb. 7: Zusammenhang zwischen Bewegungssteuerung und koordinativen Fähigkeiten

Abb. 8: Vergleich Einsteiger - Könner

Abb. 9: Modalitäten von Persönlichkeitsmerkmalen

Abb. 10: Hierarchie der Motivgruppen

PROBLEMSTELLUNG UND GANG DER UNTERSUCHUNG

Klettern gehört zu den elementaren Bewegungsfeldern eines Menschen und zählt bereits zu den Grundbedürfnissen eines Kleinkindes, das seine Umwelt kletternd erforscht. Dieser Vorgang beginnt beim Erlernen der ersten Schritte, da es sich anfangs noch an diversen Gegenständen hochzieht, um seinen Körper in die Vertikale zu befördern.

An Spielplätzen oder Freizeitanlagen kann man schon seit langer Zeit Klettergelegenheiten finden. Seit einigen Jahren entdeckt auch der wirtschaftliche und kulturelle Bereich die Attraktivität des Kletterns für sich. Der Aufbau von künstlichen Kletterwänden bei öffentlichen Ereignissen ist immer häufiger zu sehen. Auch der Schulsport bietet eine Reihe diverser Handlungsmöglichkeiten, bei denen das Klettern als ganzheitliche Bewegungsform zu verstehen ist.[1]

Die Problematik dieser Arbeit liegt dabei in der Anordnung der sich teilweise überschneidenden Gliederungspunkte, da die Bearbeitung dieser Thematik verschiedene Positionen umfasst. Die Literaturrecherche ergibt zunächst die Existenz zweier verschiedener pädagogischer Positionen, einer sportartnormierenden und einer bewegungspädagogischen. Erstere orientiert sich vermehrt an sportartspezifischen Handlungsbedingungen und Bewegungsanforderungen. Für den Schulsport zeigt sich jedoch die bewegungspädagogische Position von weit größerer Bedeutung. Dementsprechende Veröffentlichungen setzen sich für eine erfahrungsgeleitete Vermittlung ein. Im Mittelpunkt stehen dabei das Annehmen motorischer Herausforderungen sowie individuelle Grenzerfahrungen. Das Erleben von Raum, Schwerkraft und Gleichgewicht in Verbindung mit der doch atypischen vertikalen Bewegungsrichtung eröffnet den Schülern ungeahnte Erfahrungsmöglichkeiten. Die Verwirklichung verschiedener pädagogischer Wirkungsdimensionen fordert vom Schüler die Erkenntnis, dass die Befriedigung individueller Bedürfnisse nur in enger Verbundenheit und Zusammenarbeit mit dem Kletterpartner und unter der Berücksichtigung seiner eigenen Bedürfnisse gewährleistet werden kann. Dazu zählen Faktoren wie Nervenkitzel, Grenzerfahrungen oder die Verbesserung der eigenen Leistungsvoraussetzungen. Die Leistungsorientierung tritt bei der bewegungspädagogischen Position in den Hintergrund. Beide Positionen kommen allerdings zu dem Schluss, dass die Tätigkeit Klettern bei den Akteuren unterschiedliche Eindrücke hervorruft.[2] Die Tabelle in Abbildung eins zeigt das vielseitige Spektrum kletterspezifischer Wirkdimensionen.

Abb. 1: Spektrum kletterspezifischer Wirkdimensionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Schulsport fordert daher eine Behandlung dieser Thematik unter Anschauung mehrerer Perspektiven. In der Literatur sind dazu vier verschiedene Ansätze zu finden. Der Bayerische Lehrplan Sportklettern für den differenzierten Sportunterricht stellt seine Anforderungen in den Bereichen Gesundheit, Fairness/ Kooperation, Leisten/ Spiele/ Gestalten und Umwelt. Bei WINTER wird nach Leistung, Gesundheit, Spannung, Miteinander, Eindruck und Ausdruck unterteilt. Auch ULLMANN sieht Klettern unter verschiedenen Gesichtspunkten. Er verfasste eine Abhandlung zu Thema „Klettern in der Schule“ für das Land Hessen und setzt als Schwerpunkte Könnens- und Leistungserfahrungen, Wohlbefinden, Bewegungsgestaltung/ Ästhetik, Körper-/ Umwelterfahrungen, Abenteuer/ Grenzerfahrungen, gemeinsames Handeln/ soziales Wohlbefinden, Verstehen/ Verstanden werden, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsbereitschaft.

Die Einteilung von NEUMANN P. und SCHÄDLE-SCHARDT ähnelt dabei derjenigen von WINTER. Sie beziehen sich auf die Aspekte Wagnis, Kooperation, Vertrauen, Leistung, Innensicht und Variation.[3]

Da sich die Inhalte der eben genannten Ansätze teils überschneiden aber auch ergänzen, wird eine umfassende Darstellung unter Miteinbeziehung aller genannten Aspekte gegeben. Dennoch werden sich geringfügige Überschneidungen diverser Bereiche oder die Wiederholung bestimmter Faktoren aufgrund der Komplexität dieser Thematik nicht vermeiden lassen. Der Bereich „Kognition“ ist meist Teil der einzelnen Punkte und wird deshalb nicht als eigenständiger Gliederungspunkt aufgeführt. Da gewisse Bezugspunkte jedoch signifikante Zusammenhänge aufweisen, ist diese Arbeit in vier Teilbereiche untergliedert, von denen jeder mehrere Punkte umfasst:

Der erste Teilbereich beschäftigt sich mit leistungsdeterminierenden Faktoren einer Kletterhandlung unter bewegungs- und trainingswissenschaftlichen Gesichtspunkten. In Teil zwei werden Zusammenhänge zwischen motorischen Komponenten, insbesondere motorisches Lernen, und Wahrnehmungsvorgängen im Körper erläutert. Teil drei befasst sich vor allem mit dem Umfeld, in dem Klettern stattfindet, und den damit einhergehenden sozialen, affektiven und persönlichkeitsrelevanten Kriterien. Dazu gehören auch die Komponenten Abenteuer, Wagnis und Risiko. Bezug zum Fachlehrplan wird im letzten Abschnitt genommen.

Auf eine Erläuterung der verschiedenen Begehungsstile sowie der Klettertechnik selbst wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet. Auch Methodik und Didaktik werden nur am Rande behandelt.

I. LEISTUNGSDETERMINIERENDE FAKTOREN EINER KLETTERHANDLUNG

1. DIE BEDEUTUNG DER MOTORIK

Bei gesunden Kindern sollte Bewegung eigentlich als Lebenselement gelten. Doch sind Bewegung und Betätigung nicht nur ein effektorisches Geschehen ohne Ergebnis oder ein Funktionieren des Körpers wegen. Kinder lernen durch Bewegung ihre Umwelt kennen und setzten sich mit ihr auseinander. Bereits frühkindliche Bewegungen dienen der Lösung bestimmter Aufgaben und werden dadurch zum Ausgangspunkt kognitiver Prozesse. Sinnliche Erfahrungen sind dabei mit der Bewegungshandlung verbunden und stellen die Grundlagen für die Gestaltung der Wahrnehmungswelt dar. Dieser Vorgang bildet die Basis für die spätere Sprach- und Denkentwicklung. Im Laufe des Kindes- und Jugendalters muss gelernt werden, die motorischen Anlagen und Fähigkeiten den Anforderungen der Umwelt anzupassen und zusätzliche motorische Fertigkeiten zu üben und zu verfestigen.[4]

Motorisches Lernen ist ein aktiver Prozess, der mit dem Heranwachsen des jungen Menschen auch an Qualität zunimmt. Im Sport hat motorisches Lernen einen sehr komplexen Charakter inne und sollte daher nicht unter einem einzigen Aspekt betrachtet werden. Als integrierter Bestandteil der körperlichen Entwicklung und Vervollkommnung ist motorisches Lernen auch als ein Faktor der Persönlichkeitsentwicklung anzusehen. Von Beginn an ist der Lernprozess einer Handlung vom Grad der motorischen und intellektuellen Fähigkeiten beeinflusst. Ebenso große Bedeutung kommt bereits vorhandenen Fertigkeiten zu. Die Entwicklung motorischen Lernens fungiert als Basis bei der Aneignung sportlicher Tätigkeiten und besteht aus dem Erwerben, Verfeinern und Stabilisieren motorischer Handlungen. Damit verbunden sind zugleich die Aneignung von spezifischen Kenntnissen und die Ausbildung konditioneller sowie koordinativer Fähigkeiten. Neben Entwicklung, Anpassung und Vervollkommnung diverser Verhaltensweisen ist die Bewegungsleistung selbst Hauptinhalt motorischen Lernens und macht eine Ausbildung motorischer Fertigkeiten erst möglich.[5]

Demzufolge erhält auch das motorische Ausgangsniveau eine besondere Bedeutung. Es bestimmt nicht wenig, wie schnell ein Lernprozess von statten geht. In diesem Sinne sei vor allem auf das Niveau der konditionellen und koordinativen Voraussetzungen zu achten. Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer besitzen einen bedeutenden Voraussetzungswert in diesem Lernprozess. Das Niveau der koordinativen Voraussetzungen wird in bereits vorhandenen motorischen Fertigkeiten ersichtlich. Ein ebenso maßgeblicher Einfluss kommt der Beweglichkeit zu, da eine unzureichende Beweglichkeit den Lernerfolg in der Regel erschwert oder, in bestimmten Fällen, ganz unmöglich macht.[6]

Das klettertypische Streben in die Höhe steht in Verbindung mit dem Streben nach Leistungsverbesserung und gleichzeitig mit dem Austesten eigener körperlicher Grenzen. WINTER[7] legt außerdem auf den persönlichkeitsbildenden Aspekt der Leistung großen Wert. Durch die Stellung in der Gemeinschaft wird das Selbstwertgefühl in Abhängigkeit vom persönlichen Können definiert. Aus diesem Grund sollten auch geringe Verbesserungen leistungsschwacher Schüler besonders geschätzt werden. Auf der anderen Seite sollen die Schüler selbst sowohl die eigene Leistung als auch die Leistung ihrer Mitschüler zu respektieren lernen.

Mit der Entwicklung der kletterspezifischen Bewegungskoordination geht eine Verbesserung der Alltagsmotorik und der Sportmotorik einher. Die immerwährende Anpassung an neue Situationen schult zudem Körper- und Bewegungsgefühl.[8] Die Kletterleistung ist somit abhängig von diversen konditionellen und koordinativen Faktoren. Um das Zusammenspiel und die Einflussnahme auf die Leistung verstehen zu können, muss man zunächst über einige Grundlagen bescheid wissen. Die bedeutendsten werden im Folgenden erklärt und zugleich ihr Bezug zum Klettern hergestellt. Da manche aufeinander aufbauen oder auch miteinander in Wechselwirkung stehen, können einzelne Aspekte nicht ausgegrenzt werden. Dies erklärt auch die Zugehörigkeit des Wahrnehmungslernens zum Bereich der Motorik.

2. BEWEGLICHKEIT

2.1. GRUNDLAGEN

Abb. 2: Dehnübung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Neumann (2001), S. 149.

SCHNABEL et al.[9] definieren die Beweglichkeit als eine motorische Fähigkeit, welche als Basis für große Amplituden bei Gelenkbewegungen oder der Einnahme bestimmter Haltungen fungiert. Obwohl sie als allgemeine motorische Fähigkeit gesehen wird, kann die Beweglichkeit in den einzelnen Gelenken unterschiedlich stark ausgeprägt sein.[10] Jeder Mensch besitzt im Kindesalter eine ausgeprägte Beweglichkeit und Dehnbarkeit der Sehnen, Bänder und Gelenke, da diese im jungen Alter noch nicht gefestigt sind.[11] Aufgrund mangelnder Anforderung verkümmert diese Beweglichkeit jedoch zusehends. Die größte Einflussmöglichkeit auf die Förderung und Erhaltung der Beweglichkeit besteht im Kindes- und Jugendalter. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Spanne zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr ein. Als Ziel wird sowohl die Verbesserung der Dehnfähigkeit der Muskulatur als auch eine Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit angestrebt Der Maximalwert der Beweglichkeit ist im späten Schulkindalter erreicht. Bei unzureichendem Training nimmt sie darauf jedoch schnell wieder ab. Unterschieden wird in erster Linie zwischen:

- allgemeiner und spezieller Beweglichkeit
- aktiver und passiver Beweglichkeit
- statischer und dynamischer Beweglichkeit

Die allgemeine Beweglichkeit beschreibt das Durchschnittsniveau im Hinblick auf die wichtigsten Gelenksysteme. Die für eine Sportart gesonderten Anforderungen bezeichnen die spezielle Beweglichkeit, bei der auch überdurchschnittliche Bewegungsamplituden zu erkennen sind.[12] Die passive oder auch fremdgesteuerte Beweglichkeit beschreibt das „höchstmögliche durch externe Unterstützung erreichbare Bewegungsausmaß in einem Gelenk oder einer Gelenkkette.“[13]

Eine wichtigere Rolle kommt beim Klettern jedoch der aktiven, selbstgesteuerten Beweglichkeit zu. Sie ermöglicht uns, das ganze durch eigene Muskelkraft erreichbare Bewegungsausmaß zu nutzen.[14]. Statisch und dynamisch beschreiben lediglich, ob die Dehnstellung über einen gewissen Zeitraum gehalten werden muss oder nur kurzfristig andauert.[15] Folgende Abbildung zeigt die einzelnen Komponenten, die eine sportliche Leistung bedingen:

Abb. 3: Faktoren einer sportlichen Leistung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schnabel et al. (1994), S. 207.

Die Beweglichkeit ist weder eindeutig konditionell noch koordinativ determiniert und stellt eine sehr universelle Leistungseigenschaft dar. Demnach enthält sie sehr vielfältige Erscheinungsformen.[16]

Als Grundlagen der Beweglichkeit sind folgende Aspekte in Betracht zu ziehen:

Abb. 4: Grundlagen der Beweglichkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schnabel et al. (1994), S. 148.

In der Sportliteratur wird Beweglichkeit des Öfteren auch mit Dehnfähigkeit oder Gelenkigkeit umschrieben. Im Gegensatz zu manch anderen Sportarten, beispielsweise Turnen, ist beim Klettern keine überdurchschnittliche Beweglichkeit notwendig. Nichtsdestotrotz werden die Schüler veranlasst, ihre Beweglichkeit zu verbessern. Sie erkennen schnell, dass sie so Kraft einsparen können und ihnen auch schwierigere Passagen einfacher gelingen.

Die Schüler sollen lernen zu verstehen, dass für die aktive Beweglichkeit nicht nur der gedehnte Muskel verantwortlich ist, sondern dass dem Erfolg dieser Bewegung immer ein Zusammenspiel von Agonist und Antagonist zu Grunde liegt. Letzterer muss den Widerstand des Agonisten überwinden.[17] Eine Leistungsverbesserung wird beim Kletteranfänger nicht durch eine Verbesserung der Finger- und Armkraft erreicht, sondern durch eine harmonische, geschmeidigere Bewegungsausführung.[18]

Damit einhergehende positive Begleiterscheinungen sollen den Schülern zeigen, welche Bedeutung eine gut ausgebildete Beweglichkeit im täglichen Leben einnimmt:

- Beweglichkeit trägt zu einer effektiven Aneignung und Vervollkommnung der Bewegung bei
- Sie fördert die Bewegungsgenauigkeit im Sinne des zielsicheren Antretens und Greifens der Griffe
- Beweglichkeit gestattet einen optimalen Krafteinsatz, da die Kräfte optimal wirken können
- Beweglichkeit verbessert die Bewegungsschnelligkeit
- Beweglichkeit beinhaltet eine präventive Wirkung, da sie Verletzungen der Sehnen, Bänder und Gelenke mindert.[19]

Der Schulsport sollte sich den veränderten Gegebenheiten anpassen, diese Gefahren einbeziehen und ihnen entgegenwirken. Um Kinder und Jugendliche aus ihrer Bewegungsunlust zu locken, bedarf es eines Trainings, das in seinem Wesen nicht einer physiotherapeutischen Behandlung ähnelt, sondern spielerisch diesen Zweck erfüllt. Die Schüler sollen Spaß daran haben, ihren Bewegungsumfang zu erweitern. Beim Klettern gelingt dies auf spielerische Art und Weise. Im Wetteifer mit ihren Klassenkameraden versuchen sie, ihre Bewegungen zu optimieren und erkennen dabei schnell den Nutzen einer gut ausgebildeten Beweglichkeit.

2.2 KLETTERSPEZIFISCHE ANFORDERUNGEN

Klettern kann zur Erhaltung und Förderung der Beweglichkeit einen großen Beitrag leisten. Man sollte den Schülern möglichst bald diesen Unterschied verdeutlichen und sie individuelle Erfahrungen sammeln lassen. Im Klettern gilt die aktive Beweglichkeit als Grundlage für kraftsparendes, elegantes Klettern. Sie wirkt sich besonders auf das Bewegungsrepertoire und die Bewegungsökonomie eines Kletterers aus. Dabei kommt es darauf an, den Körperschwerpunkt möglichst nah an der Wand zu halten, um Kraft einsparen zu können.

NEUMANN U.[20] sieht in folgenden Gründen den Nutzen einer gut ausgebildeten Beweglichkeit für das Klettern:

- um in Verschneidungen hoch antreten und ausspreizen zu können, da dies die Gewichtsverlagerung erleichtert
- um den Körperschwerpunkt nah am Fels halten zu können
- um taktische Ruhepunkte gut ausnützen zu können
- zur Vermeidung von Verletzungen

Eine ausgeprägte Beweglichkeit im Schulter-Hüft-Bereich erleichtert zudem das Verwringen der Schultern und des Rumpfes.[21] Die Dehnfähigkeit der Beine lässt auch ein Belasten höher liegender Tritte zu, ohne dabei mit dem Oberkörper ausweichen zu müssen[22] Beweglichkeit im Beckenbereich erleichtert das Halten des Gleichgewichts und spart somit ebenfalls Kraft.[23]

Klettern bietet den entschiedenen Vorteil, dass die aktive Beweglichkeit bereits über das Erlernen der einzelnen Klettertechniken verbessert wird. Dieser Effekt erstreckt sich sogar auf die Alltagsmotorik. In dieser Hinsicht anzumerken, dass Frauen generell über eine bessere passive Beweglichkeit verfügen als Männer. Ausgeglichen wird dieser Vorteil durch das Mehr, dass Männer an Kraft aufweisen können. Der Trainingsschwerpunkt sollte bei Frauen daher mehr auf der Verbesserung der aktiven Beweglichkeit und bei Männern mehr auf der Verbesserung der passiven Beweglichkeit liegen.[24]

3. MOTORISCHE KRAFTFÄHIGKEITEN

Neben neuronalen und energetischen Aspekten beeinflussen auch psychische und sportartspezifische Größen die Kraftfähigkeit eines Menschen. Eine explosiv erfolgende Muskelspannung erfordert die volle Konzentration des Kletterers auf die motorische Handlung, da nur auf diesem Weg die nötige Kraft für die bestimmenden Phase einer Kraftanstrengung mobilisiert werden kann. Willenskraft und motivationale Aspekte (z. B. Konkurrenzdenken) können sich ebenfalls positiv oder negativ die Kraftentfaltung auswirken.

Gute Kenntnisse des Kletterers über die Zusammenhänge einer spezifischen Kraftentwicklung und der Qualität der Lösung der Bewegungsaufgabe stellen ebenfalls eine wichtige Voraussetzung für eine möglichst hohe Effizienz dar. Da es gerade Kindern und Jugendlichen an einem uneingeschränkten Verständnis dieser Zusammenhänge mangelt, kommt dem Lehrer die Rolle des Vermittlers dieser Materie zu. Die Vermittlung der jeweiligen Zusammenhänge sollte dabei dem Alter angemessen und dementsprechend spielerisch gestaltet sein. Nicht zuletzt kann ein vorhandenes Kraftpotential nur durch die Beherrschung der Technik optimal umgesetzt werden.[25] BAUMANN/ REIM unterscheiden zwischen drei Arten von Kraft, die bei sportlicher Betätigung gefordert werden: Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer.

3.1 MAXIMALKRAFT

Die Maximalkraft kann in statische und dynamische Maximalkraft unterteilt werden. Unter statischer Maximalkraft wird die höchst mögliche Kraft verstanden, die gegen einen unüberwindbaren Widerstand ausgeübt werden kann. Die Kraft, die das Nerv-Muskelsystem innerhalb eines Bewegungsablaufs realisieren kann, nennt man dynamische Maximalkraft. Folgende Faktoren wirken auf die Maximalkraft beeinflussend:

- Muskelquerschnitt
- intramuskuläre Koordination[26]
- intermuskuläre Koordination[27]

Durch ein entsprechendes Training der genannten Faktoren lässt sich auch die Maximalkraft verbessern.[28] Wenig Maximalkraft in den Fingern rächt sich beim Halten kleiner Griffe. Dies wird oft durch ein Anwinkeln des Armes zu kompensieren versucht. Dadurch wird allerdings insgesamt mehr Kraft benötigt; es kommt eher zu Ermüdungserscheinungen. Bei bestimmten Klettertechniken reicht die Maximalkraft allein nicht aus.

3.2 SCHNELLKRAFT

Unter Schnellkraft versteht man die Fähigkeit, die Muskelkraft bei willkürlicher Kontraktion schnell zu mobilisieren und ein Kraftmaximum in möglichst kurzer Zeit erreichen zu können. Im Gegensatz zu Maximalkraft und Kraftausdauer kann sie nur dynamisch angewendet werden. Beeinflusst wird die Schnellkraft von folgenden Größen:

- Muskelquerschnitt
- Kontraktionsgeschwindigkeit der aktivierten Muskulatur
- intramuskuläre Koordination[29]

Zu denen Komponenten der Schnellkraftfähigkeit zählen die Explosivkraftfähigkeit und die Startkraftfähigkeit. Diese beiden Begriffe sind sowohl auf die sehr häufige explosionsartige Verkürzung der Muskulatur zurückzuführen als auch auf den hohen Kraftanstieg in der Anfangsphase der Muskelanspannung.[30]

Die Schnellkraft bestimmt in diesem Fall darüber, wie schnell an dem Zielgriff Kraft aufgebaut werden kann.[31]

3.3 KRAFTAUSDAUER

Kraftausdauer wird als die Fähigkeit der Muskulatur definiert, bei länger andauernden Kraftleistungen einer Ermüdung zu widerstehen. Beeinflussend wirken dabei die Dauer der Belastung (Reizumfang) und die Intensität der Belastung (Reizstärke).

Man unterscheidet zwischen:

- allgemeiner Kraftausdauer (Einsatz von mehr als 1/6 der Skelettmuskulatur)
- lokaler Kraftausdauer (Einsatz von weniger als 1/6 der Skelettmuskulatur)
- dynamischer Kraftausdauer
- statischer Kraftausdauer[32]

Vor allem bei längeren Kletterrouten erweist sich eine gut ausgebildete Kraftausdauer vorteilhaft. NEUMANN U. nennt hier speziell noch die für das Klettern wichtige lokale Ausdauer. Da diese eigentlich nur bei längeren Seillängen oder bei alpinen Mehrseillängenrouten in Erscheinung tritt und sich deshalb für den Schulsport als irrelevant darstellt, wird auf genauere Ausführungen verzichtet.[33]

3.4 KLETTERSPEZIFISCHE FOLGERUNGEN

Wie in nahezu allen Sportarten stellt die Beziehung zwischen Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit der Muskulatur auch beim Klettern einen leistungsbeschränkenden Faktor dar. Erst ein gezieltes Zusammenwirken der einzelnen Komponenten führt zu einer Leistungssteigerung. All diese Komponenten stehen in einem Gleichgewicht zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb ist es wichtig, sich beim Training nicht auf eines zu spezifizieren, sondern alle Aspekte einzubeziehen. Es liegt dabei am Lehrer, den Schülern die Grundlagen für die Entstehung von Kraft zu vermitteln und ihnen zu verdeutlichen, warum zum Klettern ein gewisses Maß an Kraft benötigt wird. So lassen sich die Auswirkungen mangelnden Trainings auch leichter verdeutlichen.

Je höher die Wand ist desto länger werden Kondition und Ausdauer des Kletterers beansprucht. Dabei entscheidet die Höhe der Route darüber, ob vermehrt Kraftausdauer oder Maximalkraft vom Kletternden verlangt wird. In kürzeren Routen treten bei gleichem Schwierigkeitsgrad häufig schwerere Züge auf, die vor allem an die Maximalkraft höhere Anforderungen stellen[34]. Folgende Abbildung verbildlicht diesen Zusammenhang:

Abb. 5: Zusammenhang zwischen zeitlicher Dauer der Kletterbelastung und konditioneller Beanspruchung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schmied/ Schweinheim (1996), S.26.

Die Art der beteiligten Muskulatur ist dabei von Geländeform und Klettertechnik abhängig. Schon bei der Wahl der Kletterwand können die Schüler deshalb einschätzen, welche Belastungen auf sie zukommen werden. Der Energieaufwand für eine Kletterroute ist also von der Bewegungsökonomieabhängig, was bedeutet, nicht mehr Energie für die Durchsteigung der Route aufzuwenden als unbedingt notwendig ist. Eine gezielte Bewegungskoordination kann dabei viel Kraft einsparen. Beim Klettern wird vorwiegend die Muskulatur der oberen und unteren Extremitäten sowie der Schultern und des Rumpfes trainiert. Im geneigten Gelände werden besonders Rumpf-, Hüft-, und Beinmuskulatur beansprucht. Mit zunehmender Wandneigung oder im Überhang verlagert sich diese Beanspruchung auf die Finger, Arme, Schultern, Rücken und Brust.[35]

4. DIE NEURONALE AKTIVIERUNG DER MUSKELFASER

Häufig lassen sich gerade zu Beginn des Krafttrainings unabhängig von einer Vergrößerung der Muskels sehr hohe Steigerungsraten der Kraftentwicklung beobachten. Diese Tatsache ist maßgeblich auf die intra- und intermuskuläre Koordination zurückführen.[36] Eine Hypertrophie der Muskulatur ist bei Kindern vor dem Einsetzen der Pubertät nur geringfügig trainierbar. Dies führt zu der Annahme, dass intra- und intermuskulären Koordinationsprozessen gerade bei der Steigerung der kindlichen Kraftfähigkeit eine besondere Bedeutung zukommt.

4.1 INTRAMUSKULÄRE KOORDINATION

Eine Kraftzunahme ohne gleichzeitige Querschnitts- und Gewichtszunahme wird durch die intramuskuläre Koordination möglich.[37] Mit einer verbesserten Innervation geht auch die Steigerung der intramuskulären Koordination einher. Die intramuskuläre Koordination ist in drei Komponenten gegliedert:

- Rekrutierung:
Abstufung der Muskelkraft durch Aktivierung und Deaktivierung motorischer Einheiten
- Sychronisation:
Eine im gewissen Sinne gleichzeitige Aktivierung motorischer Einheiten
- Frequenzierung:
Bedingt eine Veränderung der Entladefrequenz der motorischen Einheiten.

Alle drei Mechanismen basieren auf der Existenz motorischer Einheiten und stehen in einer hierarchischen Beziehung zueinander. Unter einer motorischen Einheit ist die kleinste Funktionseinheit des neuromuskulären Systems zu verstehen. Wenn alle motorischen Einheiten eines Muskels aktiv sind (Rekrutierung), kann eine Kraftsteigerung nur durch eine Erhöhung der Innervationsfrequenz (Frequenzierung) erreicht werden. Prinzipiell arbeiten die an einer Krafterzeugung beteiligten motorischen Einheiten asynchron. Die Synchronisation, als letzter Faktor, sorgt für einen maximalen Kraftoutput. Rekrutierungs- und Synchronisationsschwächen gehen im Regelfall mit dem Verlust von Kraft einher. Dieser Prozess kann durch spezifische Trainingsverfahren vermieden werden.[38]

[...]


[1] vgl. Witzel (1998), S. 132 ff.

[2] vgl. Köstermeyer et al. (2001), S. 7 ff.

[3] vgl. Köstermeyer et al. (2001), S. 7 ff.

[4] vgl. Meinel/ Schnabel (2004), S. 4 f.

[5] vgl. Meinel/ Schnabel (2004), S. 4 f.

[6] vgl. Meinel/ Schnabel (2004), S. 157 f.

[7] vgl. Winter (2000), S. 22.

[8] vgl. Kumin et al. (1997), S. 9.

[9] vgl. Schnabel et al. (1994), S. 148.

[10] vgl. Schnabel et al. (1994), S. 146.

[11] vgl. Baumann/ Reim (1994), S. 120.

[12] vgl. Mühlfriedel (1994), S. 143.

[13] Neumann (2001), 160.

[14] vgl. Schnabel et al. (1994), S.147 f.

[15] vgl. Roth/ Willimczik (2003), S. 256 f.

[16] vgl. Schnabel et al. (1994), S. 206.

[17] vgl. Neumann (2001), S. 160.

[18] vgl. Köstermeyer et al. (2001), S. 11.

[19] vgl. Baumann/ Reim (1994), S. 122 ff.

[20] vgl. Neumann (2001), S. 159.

[21] vgl. Neumann (2001), S. 159.

[22] vgl. Schmied/ Schweinheim (1996),S. 28 f.

[23] vgl. o.V. (2001), S. 176.

[24] vgl. Neumann (2001), S. 162.

[25] vgl. Schnabel et al. (1994), S. 166.

[26] siehe 4.1.

[27] siehe 4.2.

[28] vgl. Baumann/ Reim (1994), S. 110 und Schnabel et al. (1994), S. 160 f.

[29] vgl. Baumann/ Reim (1994), S. 111.

[30] vgl. Schnabel et al. (1994), S. 163.

[31] vgl. Neumann (2001), S. 129.

[32] vgl. Baumann/ Reim (1994), S. 111.

[33] vgl. Neumann (2001), S. 133.

[34] vgl. Schmied/ Schweinheim (1996), S.26.

[35] vgl. Schmied/ Schweinheim (1996), S. 26 f.

[36] vgl. Weineck (2000), S. 238.

[37] vgl. Weineck (2000), S. 238.

[38] vgl. Schnabel et al (1994), S. 165 f.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Klettern als Schulsport. Eine pädagogische Analyse trainings- und bewegungswissenschaftlicher Aspekte
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
74
Katalognummer
V55434
ISBN (eBook)
9783638503792
Dateigröße
1573 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Greift auch Aspekte der Trainings- und Bewegungswissenschaften auf.
Schlagworte
Klettern, Schulsport, Eine, Analyse, Miteinbeziehung, Aspekte
Arbeit zitieren
Petra Fasan (Autor), 2005, Klettern als Schulsport. Eine pädagogische Analyse trainings- und bewegungswissenschaftlicher Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55434

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