Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein hat Hamlet hauptsächlich fasziniert. „Mit rund 4000 Zeilen, von denen 40 Prozent auf die Titelgestalt entfallen, ist Hamlet Shakespeares längstes Drama. Zugleich ist es das problematischste. Es hat zahllose Deutungen erfahren und fordert noch immer zu neuen Interpretationsversuchen heraus.“ (Kindlers 1995, S. 298) Für dieses Drama trifft in erhöhtem Maße zu, dass jeder einzelne und jede Epoche in der Interpretation Shakespeares zugleich das eigene Portrait mitentwirft. „Der Zuschauer ist darüber hinaus vom Dramatiker zum `Mehrwissenden` gemacht, er kann Gesichtspunkte wahrnehmen“ und sieht das Stück in Dimensionen (Klose 1969, 1990, S. 132).
Dies gilt verstärkt für den Leser, denn der Zuschnitt des Dramas macht es recht schwer, alle Gesichtspunkte und Dimensionen unter dem Eindruck einer Aufführung zu bewahren oder gar durchzusetzen.
Wie andere populäre Dramatiker der Zeit schrieb Shakespeare direkt für die Bühne, nicht für ein Lesepublikum. Der Theaterbetrieb war hektisch, es musste rasch gearbeitet werden, größere oder kleinere Widersprüche und Unklarheiten wurden nicht so ernst genommen und vom Publikum (im Gegensatz zum gründlichen Leser späterer Jahrhunderte) wohl nicht einmal bemerkt. Shakespeare ist, was man im Roman einen `verlässlichen` Erzähler nennen würde. Er hat (ebenso wie alle anderen Eigenschaften des Textes) diese Grundanlage des Stücks bestimmt, kaum in der Erwartung, dass sie unterlaufen oder umgangen werde, sondern, dass sie als Leitlinie diene. Hamlet ist „ein extremer Fall einer generellen Tendenz traditioneller Tragödienkritik, die Gestalt des tragischen Helden überzubetonen und zu isoliert zu betrachten“ Hamlet ist ein Schlüsseltext der modernen abendländischen Kultur. Das Besondere an Hamlet ist, dass er Generationen von Theaterzuschauern, vor allem aber von Lesern, den Eindruck einer beispiellosen Nähe, Gleichgestimmtheit und Seelenverwandtschaft vermittelte; dass er mehr als irgendeine andere literarische Figur zum Spiegel seiner Betrachter wurde. „Hamlet, dieses Sprachkonstrukt und Gebilde aus `words, words, words`, lockt mit einem schier unwiderstehlichen Identifikationsversprechen: Erkenne dich in mir und erkenne damit, was Menschsein heißt.“
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ZIEL- UND AUFGABENSTELLUNG
3. MATERIALGRUNDLAGE
4. METHODOLOGISCHES VORGEHEN
5. THEORETISCHE AUSGANGSPOSITION
5.1 Das Übersetzen
5.2 Die Problematik des Übersetzens englischsprachiger Literatur
5.3 Die Problematik des Übersetzens szenischer Texte
5.4 Die Problematik des deutschen Shakespeare-Texts
5.5 Sprache in der Literatur
5.5.1 Die Sprache Shakespeares
5.5.1.1 Redeformen
5.5.1.2 Sprachstil
5.5.1.2.1 Sinnfiguren
5.5.1.2.2 Klangfiguren
5.6 Grundsätzliches zu Übersetzungsvergleichen
6. BESCHREIBUNG DES KLASSIFIZIERTEN MATERIALS
6.1 Bibliographische Daten William Shakespeares
6.2 Entstehungsgeschichte
6.3 Inhaltsangabe
6.4 Die Spezifika der Stoffgattung des Werks
6.4.1 Das Drama
6.4.2 Die Tragödie
6.5 Die Übersetzer und ihre Übersetzungsstrategien
6.6 Der Übersetzungsprozess
6.6.1 Kulturspezifische Übersetzungsprobleme
6.6.1.1 Anredeformen
6.6.1.2 Namen
6.6.1.3 Anspielungen
6.6.1.4 Fremdwörter
6.6.2 Sprachenpaarspezifische Übersetzungsprobleme
6.6.2.1 Metapher
6.6.2.2 Neologismus
6.6.2.3 Poetische Diktion
6.6.2.4 Reim und Metrum
6.6.2.5 Syntax
6.6.2.6 Typographie (Gestaltung des Schriftsatzes)
6.6.3 Strategiebedingte Modifikationen
6.6.3.1 Auslassungen
6.6.3.2 Hinzufügungen
6.6.4 Wortspiele zur Erzielung der künstlerischen Wirkung
6.6.5 Fehlübersetzungen
7. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE DER ARBEIT
8. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND OFFENE FRAGEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Vergleichs des ersten Akts zweier verschiedener Übersetzungen von William Shakespeares "Hamlet" die Wechselwirkungen diverser Einflussgrößen im Übersetzungsprozess und deren Auswirkungen auf die Gestaltung des Zieltextes sowie die übersetzungskritische Bewertung.
- Vergleichende Analyse der Übersetzungsstrategien von August Wilhelm von Schlegel und Frank Günther.
- Kategorisierung von Übersetzungsproblemen (kulturspezifisch, sprachenpaarspezifisch).
- Untersuchung von Modifikationen wie Auslassungen, Hinzufügungen und Strategieänderungen.
- Bewertung der künstlerischen Wirkung und der Informationsübertragung auf den Zieltext-Rezipienten.
- Ableitung von Anforderungen an das literarische Übersetzen.
Auszug aus dem Buch
1. EINLEITUNG
Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein hat Hamlet hauptsächlich fasziniert. „Mit rund 4000 Zeilen, von denen 40 Prozent auf die Titelgestalt entfallen, ist Hamlet Shakespeares längstes Drama. Zugleich ist es das problematischste. Es hat zahllose Deutungen erfahren und fordert noch immer zu neuen Interpretationsversuchen heraus.“ (Kindlers 1995, S. 298)
Für dieses Drama trifft in erhöhtem Maße zu, dass jeder einzelne und jede Epoche in der Interpretation Shakespeares zugleich das eigene Portrait mitentwirft. „Der Zuschauer ist darüber hinaus vom Dramatiker zum `Mehrwissenden` gemacht, er kann Gesichtspunkte wahrnehmen“ und sieht das Stück in Dimensionen (Klose 1969, 1990, S. 132).
Dies gilt verstärkt für den Leser, denn der Zuschnitt des Dramas macht es recht schwer, alle Gesichtspunkte und Dimensionen unter dem Eindruck einer Aufführung zu bewahren oder gar durchzusetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Faszination von "Hamlet", seine Komplexität als "problematischstes" Drama Shakespeares und die Herausforderungen bei dessen Interpretation.
2. ZIEL- UND AUFGABENSTELLUNG: In diesem Kapitel wird das Vorhaben definiert, die Übersetzungsstrategien von Schlegel und Günther im I. Akt anhand von Einflussgrößen qualitativ und quantitativ zu vergleichen.
3. MATERIALGRUNDLAGE: Hier werden die verwendeten Ausgaben spezifiziert: der Originaltext in der zweisprachigen DTV-Ausgabe sowie die Übersetzungen von Frank Günther und August Wilhelm von Schlegel.
4. METHODOLOGISCHES VORGEHEN: Das methodische Vorgehen umfasst die parallele Lektüre, die Kategorisierung von Textmodifikationen und die anschließende theoretische sowie praktische Auswertung.
5. THEORETISCHE AUSGANGSPOSITION: Dieses Kapitel erörtert die Grundlagen des Übersetzens, die Problematik englischsprachiger und szenischer Texte sowie die Bedeutung der Sprache in der Literatur.
6. BESCHREIBUNG DES KLASSIFIZIERTEN MATERIALS: Das Kapitel bietet eine chronologische Übersicht zu Shakespeares Leben und Werk, eine Inhaltsangabe sowie eine detaillierte Analyse spezifischer Übersetzungsprobleme.
7. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE DER ARBEIT: Hier werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und die Schlussfolgerungen hinsichtlich der angewandten Übersetzungsstrategien dargelegt.
8. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND OFFENE FRAGEN: Das Fazit reflektiert die Bedeutung der identifizierten Einflussgrößen und schlägt Ansätze für weiterführende Forschungen vor.
Schlüsselwörter
Hamlet, William Shakespeare, Literaturübersetzen, Übersetzungsstrategie, August Wilhelm von Schlegel, Frank Günther, Übersetzungsprobleme, Textmodifikation, Kulturspezifika, literarische Wirkung, Äquivalenz, Rezepient, Übersetzungskritik, Dramenübersetzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht zwei literarische Übersetzungen von William Shakespeares "Hamlet" – die von August Wilhelm von Schlegel und die von Frank Günther – um Übersetzungsprozesse und -strategien besser zu verstehen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kategorisierung von Übersetzungsproblemen, die Analyse von Modifikationen (wie Auslassungen oder Hinzufügungen) und die Untersuchung der künstlerischen Wirkung auf den Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Wechselwirkungen verschiedener Einflussgrößen im Übersetzungsprozess aufzuzeigen und zu untersuchen, wie sich diese auf die Gestaltung des Zieltextes auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende Analyse, bei der die beiden Übersetzungen parallel zum Original gelesen, Textmodifikationen notiert, kategorisiert und qualitativ sowie quantitativ ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Ausgangsposition, eine Beschreibung des Materials und eine detaillierte Untersuchung des Übersetzungsprozesses anhand spezifischer Kategorien wie Anredeformen, Metaphern und Wortspielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hamlet, Übersetzungsstrategie, literarische Wirkung, Übersetzungskritik und Äquivalenz charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Strategie von Schlegel von der Günthers?
Schlegel tendiert zur ausgangstextorientierten Strategie mit Fokus auf formaler und inhaltlicher Treue, während Günther stärker zieltextorientiert arbeitet, um das Werk für ein modernes Publikum zugänglich zu machen.
Welche Rolle spielen Wortspiele in der Analyse?
Wortspiele gelten als wichtiges stilistisches Merkmal; ihre Bewahrung oder Veränderung im Zieltext dient als Indikator für die Qualität und Strategie der jeweiligen Übersetzung.
- Quote paper
- Melanie Zwadlo (Author), 2005, Hamlet - Vergleich zweier literarischer Übersetzungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55435