Die vorliegende Abschlussarbeit des Lehramtsstudiengangs für die Primarstufe soll Aufschluss darüber geben, welche wissenschaftlich-theoretischen Erkenntnisse über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) bestehen und wie unmittelbar Betroffene dieses Phänomen im Alltag wahrnehmen.
Die Aufmerksamkeitsstörung bei Kindern ist keineswegs ein Problem der heutigen Zeit, sondern sie wurde schon im 19. Jahrhundert von dem Kinderpsychiater Dr. Heinrich Hoffmann in der Geschichte vom „Struwwelpeter“ thematisiert. Seine Schilderungen von einem sehr temperamentvollen, und vor Energie strotzenden Kind spiegeln die Merkmale einer ADS wider. Galt das Verhalten damals noch als ungewöhnlich, aber nicht als „krankhaft“, ist es mittlerweile als wesentliche Störung anerkannt, die in der Öffentlichkeit heftig, kontrovers und überaus emotional diskutiert wird. Es hat den Anschein, dass sich inzwischen bei manchen Menschen ein vermeintlich nur „außergewöhnlicher Wesenszug“ etabliert hat, der in Wirklichkeit aber ihre Fähigkeiten beeinträchtigt, und dass vor allem die Anzahl der ADS-Kinder stetig anwächst.
Mir bot sich im Rahmen meines Studiums die Möglichkeit, an einer Selbsthilfegruppe für Eltern von ADS- Kindern teilzunehmen. Dabei hatte ich das erste Mal die Gelegenheit, im direkten Kontakt mit betroffenen Eltern mehr über ihre Sorgen und Probleme zu erfahren. Der Fragebogen für Lehrer und Eltern, den ich für diese Studie entwickelt habe, wird daher die Probleme dieser beteiligten Personen intensiv berücksichtigen.
Um eine empirische Untersuchung durchzuführen, der eine Befragung vorausgeht, stellen die theoretischen Grundlagen eine Basis dar. Aus diesem Grunde werde ich nach Klärung von Begrifflichkeiten eine Übersicht über die theoretischen Grundlagen geben. Hier wird genau beschrieben, wie sich die Störung bei den Kindern zeigt, wie sie festzustellen ist und wie sie zustande kommen kann. Im Anschluss werde ich auf ausgewählte Therapiemöglichkeiten und konkrete Interventionen in der Primarstufe eingehen; die Präsentation der Interventionsformen soll möglichst kritisch erfolgen und Möglichkeiten sowie Grenzen aufzeigen.
Abgerundet wird die Arbeit durch eine empirische Untersuchung zur Wahrnehmung einer ADS in der Grundschule, dabei werden, unter Wahrung der Anonymität und des Datenschutzes, die Erfahrungen/Meinungen der Lehrer und Eltern, die sie durch Beantwortung eines Fragebogens mitteilen, ausgewertet und kritisch interpretiert.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1. ADS- Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom/ Störung
1.1 Definitionen
1.1.1 Der Begriff der Aufmerksamkeit
1.1.2 Der Begriff der Wahrnehmung
1.1.3 Die Begriffe der Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörung
1.1.4 Die Begriffe des Symptoms und des Syndroms
1.2 Der Stellenwert von Aufmerksamkeit und Wachheit im kindlichen Lernprozess
1.3 Terminologie und Prävalenz einer ADS
1.4 Entwicklungspsychologische Aspekte einer ADS
2. Theoretische Grundlagen des ADS
2.1 Das Erscheinungsbild
2.1.1 Primärsymptome des ADS
2.1.2 Komorbiditäten
2.1.3 Fallbeispiel aus der Grundschule
2.2 Die Diagnose
2.2.1 Diagnostische Kriterien der DSM IV und ICD 10
2.2.2 Differentialdiagnostik
2.2.3 Problemanalyse aus Eltern- und Lehrersicht
2.3 Hypothesen bezüglich der Ursachen einer ADS
2.3.1 Biologisch-somatische Faktoren
2.3.2 Psychosoziale Faktoren
2.3.3 Biopsychosoziales Modell von Döpfner
2.3.4 Jäger- Sammler- Modell von Hartmann
3. Ausgewählte Therapiemöglichkeiten für ADS-Kinder
3.1 Zielführende Behandlung des ADS durch fünf Säulen nach Barkley
3.2 Pharmakotherapie
3.2.1 Verordnungs- und Produktionszahlen
3.2.2 Die Wirkung von Stimulanzien auf das Kind
3.2.3 Nebenwirkungen
3.3 Psychotherapie
3.4 Psychotherapie in Korrelation mit Pharmakotherapie
3.5 Psychomotorik
3.6 Elterntraining/Elternarbeit
4. Ausgewählte Interventionsmöglichkeiten zur Erhöhung schulischer Aufmerksamkeit
4.1 Token- System
4.2 Reiz- Reduktionskonzept nach Cruickshank
4.3 Regeln für den Unterricht nach Krowatschek
4.4 Selbstinstruktionstherapie nach Meichenbaum
4.5 Aufmerksamkeitstraining nach Lauth und Schlottke
5. Eine empirische Studie zur Wahrnehmung einer ADS in der Primarstufe
5.1 Die Problematik und die Rahmenbedingungen
5.2 Die Methode
5.2.1 Der Fragebogen als Messinstrument einer empirischen Studie
5.2.2 Die Struktur des Fragebogens
5.2.3 Geäußerte Meinungen und tatsächliches Verhalten
5.3 Annahmen und Erwartungen
5.4 Analyse und Interpretation der Antworten von Eltern
5.4.1 Persönliche Merkmale der Probanden
5.4.2 Symptome
5.4.3 Therapien
5.4.4 Familiäre „Leidensgeschichten“
5.4.5 Eigenverarbeitungsstrategien der Eltern
5.4.6 Eltern und Lehrer
5.5 Analyse und Interpretation der Antworten von Lehrern
5.5.1 Persönliche Merkmale der Probanden
5.5.2 Symptome
5.5.3 Therapien
5.5.4 Schulische ADS- Strategien
5.5.5 Lehrer und Eltern
5.6 Ergebnisse und Folgen
6. Theorie und Praxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, wissenschaftlich-theoretische Erkenntnisse über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) zusammenzufassen und zu untersuchen, wie unmittelbar betroffene Eltern und Lehrer das Phänomen im Alltag der Primarstufe wahrnehmen.
- Theoretische Fundierung des ADS-Störungsbildes und deren Ursachenforschung.
- Darstellung und kritische Evaluation gängiger Therapiemöglichkeiten und schulischer Interventionen.
- Empirische Erfassung von Erfahrungen und Meinungen betroffener Eltern und Lehrer.
- Analyse der Zusammenarbeit und Kooperationsschwierigkeiten zwischen Elternhaus und Schule.
- Reflexion der psychosozialen Belastung für Familien und betroffene Kinder.
Auszug aus dem Buch
2.1.3. Fallbeispiel aus der Grundschule
Das folgende Fallbeispiel veranschaulicht das Zusammenspiel vieler typischer Merkmale des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms:
„Zum Beispiel Nicolas: Nicolas ist sieben Jahre alt. Er redet während des Unterrichts ständig dazwischen, patzt mit seiner Antwort heraus, wenn ein anderes Kind an der Reihe ist, zappelt ständig herum, wippt auf seinem Stuhl, bis er umkippt (zum großen Vergnügen seiner Mitschüler), oder er sitzt einfach nur da und schaut träumerisch zum Fenster hinaus.
Es kann auch sein, dass er plötzlich aufsteht und in der Klasse herumrennt. Wenn ihn die Lehrerin ermahnt, gibt er patzige Antworten oder ignoriert ihre Aufforderungen.
Auch zu Hause gibt es Probleme. Besondere „Nervenkriege“ sind die Hausaufgaben. Er ist nur mit Mühe dazu zu bringen, dass er überhaupt damit anfängt. Seine Bereitschaft, sich anzustrengen, ist aber schon bei der ersten Hürde am Ende und er bemüht sich nicht einmal, die gestellte Aufgabe richtig zu verstehen. Wenn die Mutter ihm helfen will, wird er wütend und über kurz oder lang wirft er den Bleistift oder das Heft auf den Boden. Nur mit Androhung von Strafen bringt sie ihn wieder dazu, es wenigstens noch einmal zu probieren.
Nicolas hat wenige Freunde. Er lernt zwar immer wieder Kinder kennen, aber es geht beim gemeinsamen Spielen nie lange gut. Schnell kommt es zum Streit, z.B. wegen der Spielregeln. Die anderen Kinder meiden ihn deshalb. Sie sagen, dass Nicolas so viel „Mist baut“ und man nicht gut mit ihm zurechtkommt.
Mittlerweile hat sich Nicolas mit jüngeren Kindern aus der Nachbarschaft zusammengetan. Er führt hier das große Wort und bestimmt, wo es langgeht. Zwar kommt es auch mit diesen Kindern öfter zu Streitereien, Nicolas ist ihnen aber körperlich überlegen und kann sich deshalb immer wieder durchsetzten. Den Eltern von Nicolas ist dieser Umgang nicht recht. Sie denken, dass diese Freundschaften einfach nicht angemessen sind.
Nicolas hat bereits im Kindergarten große Probleme. Er konnte schon damals nicht gut mit anderen Kindern spielen. Schon nach kurzer Zeit fing er an, ihre Bauten zu zerstören, schüttete Sand über andere Kinder oder schlug einfach zu, wenn er von einem anderen Kind etwas haben wollte. Bei Kreisspielen oder beim Basteln wollte er überhaupt nicht mitmachen, und nicht einmal beim Geschichtenvorlesen blieb er ein paar Minuten ruhig sitzen.“ (aus: Lauth, Schlottke, 2002a, 17 )
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung definiert das ADS-Störungsbild, beleuchtet dessen historische Einordnung und begründet die Relevanz der vorliegenden Studie für den Lehramtsbereich.
1. ADS- Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom/ Störung: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Begriffe wie Aufmerksamkeit und Wahrnehmung und setzt diese in den Kontext schulischer Lernprozesse.
2. Theoretische Grundlagen des ADS: Hier werden Symptomatik, diagnostische Standards (DSM-IV, ICD-10) und Ursachenmodelle (genetische, biologische, psychosoziale) wissenschaftlich dargelegt.
3. Ausgewählte Therapiemöglichkeiten für ADS-Kinder: Es werden verschiedene Behandlungsansätze von Pharmakotherapie bis Psychomotorik und Elterntraining im Hinblick auf ihre Wirksamkeit kritisch analysiert.
4. Ausgewählte Interventionsmöglichkeiten zur Erhöhung schulischer Aufmerksamkeit: Dieses Kapitel fokussiert pädagogische Konzepte wie Token-Systeme und Selbstinstruktionstherapie zur Unterstützung von ADS-Kindern im Unterricht.
5. Eine empirische Studie zur Wahrnehmung einer ADS in der Primarstufe: Die empirische Kernstudie wertet Fragebögen von Eltern und Lehrern aus, um deren Perspektiven auf Symptome, Therapieerfahrungen und die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus zu vergleichen.
6. Theorie und Praxis: Das abschließende Kapitel reflektiert die persönlichen Beobachtungen des Autors im Unterricht sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse über die Belastung durch das ADS-Phänomen.
Schlüsselwörter
ADS, ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, Primarstufe, Grundschule, Symptomatik, Pharmakotherapie, Ritalin, Verhaltenstherapie, Elterntraining, schulische Aufmerksamkeit, Lernstörungen, Komorbidität, Diagnose, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) aus einer theoretischen Perspektive und kombiniert diese mit einer empirischen Studie, die auf Befragungen von Eltern und Lehrern in der Primarstufe basiert.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition und Diagnose des ADS, den Ursachenhypothesen, verschiedenen Therapiemöglichkeiten sowie den Herausforderungen in der schulischen und familiären Interaktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse über ADS mit der alltäglichen Wahrnehmung der direkt Betroffenen (Eltern und Lehrer) abzugleichen, um ein besseres Verständnis für die Problematik im schulischen Alltag der Primarstufe zu gewinnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Neben einer umfassenden Literaturanalyse zur Theorie des ADS wurde eine empirische Untersuchung durchgeführt, die eine qualitative Auswertung von schriftlichen Fragebögen bei Eltern und Lehrern umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Darstellung therapeutischer und schulischer Interventionsmöglichkeiten sowie die detaillierte Auswertung der eigenen empirischen Erhebung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind ADS, Aufmerksamkeitsstörung, schulische Interventionen, Pharmakotherapie, Eltern-Lehrer-Kooperation und diagnostische Kriterien.
Wie bewerten die befragten Eltern und Lehrer die medikamentöse Behandlung?
Beide Gruppen stehen der Pharmakotherapie (insbesondere Ritalin) mehrheitlich positiv gegenüber, da sie eine deutliche Linderung der Kernsymptome und damit eine bessere schulische Teilhabe ermöglichen, äußern jedoch gleichzeitig Sorge hinsichtlich möglicher Langzeitfolgen.
Welche Rolle spielt die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus für den Lernerfolg?
Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wird als entscheidender Eckpfeiler angesehen. Die Arbeit verdeutlicht jedoch, dass in der Realität oft unterschiedliche Erwartungshaltungen bestehen, die häufig zu Konflikten führen, anstatt das betroffene Kind optimal zu unterstützen.
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- Michael Ant (Author), 2005, ADS - Eine theoretische und empirische Studie über die Wahrnehmung dieser Störung in der Primarstufe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55440