Die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen die NS-Diktatur in den Schulbüchern der BRD von 1950 bis heute


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
38 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Analyse der Schulbücher
1. Die Qualitativen Analysen
a. Die fünfziger Jahre
b. Die sechziger Jahre
c. Die siebziger Jahre
d. Die achtziger Jahre
e. Aktuelle Schulbücher
2. Die Quantitative Analyse
a. Anteil des Widerstands insgesamt
b. Anteile der einzelnen Gruppen
3. Zusammenfassung und Auswertung
a. Auswertung der Tabellen
b. Auswertung der Qualitativen Analysen

II. Vergleich der Ergebnisse mit der Rezeption in Öffentlichkeit und Forschung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schulbücher sind zugleich auch immer Spiegel des Zeitgeistes ihrer Epoche. In ihnen kommt sowohl das Weltbild als auch das Selbstverständnis einer Nation zum Ausdruck. Somit ist ein Geschichtsbuch immer ein Zeugnis des Geschichtsverständnisses seiner Zeit.

Damit lassen sich Schulbücher hervorragend als Quellen für genau diese Fragestellungen verwenden. Gerade im Fall der Rezeptionsgeschichte stellt ein Schulbuch eine gute Quelle dar, da es einerseits – zwar nicht historisch genau – den Forschungsstand zu einem bestimmten Thema in einer gewissen Zeit widerspiegelt, zugleich aber auch die öffentliche Meinung und Rezeption dokumentiert. Die folgende Hausarbeit versucht, die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus anhand von Schulbüchern zu erforschen.

Die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstands beschreibt einen langen, zum Teil mühsamen Weg. Es hat lange gedauert, bis allen Widerständlern das ihnen zustehende Maß an Achtung und Ehre in Deutschland entgegenbracht wurde. Ich werde untersuchen, ob sich dieser Weg in Öffentlichkeit und Wissenschaft auch in den Schulbüchern widerspiegelt. Dazu werde ich insgesamt zehn Schulbücher aus verschiedenen Jahrzehnten heranziehen, von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart. Ich beziehe mich dabei nur auf die Rezeption in der Bundesrepublik Deutschland, die in der ehemaligen DDR wird ausgeklammert.

Natürlich sind zehn Schulbücher eine zu kleine Anzahl, um aus ihrer Untersuchung allgemeingültige Ergebnisse abzuleiten. Dennoch lassen sich auch daran schon gewisse Tendenzen erkennen. Diese erlauben dann, Thesen für eine mögliche, größer angelegte Untersuchung des Themas zu formulieren.

Ich werde die Darstellung des Widerstands in den Schulbüchern sowohl quantitativ als auch qualitativ untersuchen. Der didaktische Aspekt wird in dieser Arbeit außen vorgelassen. Es geht nicht um die Frage, ob der Stoff didaktisch und methodisch gut aufgearbeitet wird. Vielmehr geht es darum zu fragen, welche Gruppen des Widerstands dargestellt werden, und vor allen Dingen wie.

Nach meiner Recherche gibt es zu dieser konkreten Fragestellung keine Forschungsliteratur. Ich habe zwei Werke eingesehen, die meiner Fragestellung nahe kommen: Ernst Uhe untersucht in seiner Dissertation[1] die Darstellung des Nationalsozialismus in den Schulbüchern der BRD und der DDR. Er bezieht sich aber auf den gesamten Nationalsozialismus, so dass der Widerstand nur einen Teil seiner Untersuchung ausmacht. Außerdem ist sein Werk bereits aus dem Jahr 1975, so dass es zu aktuelleren Entwicklungen nichts beitragen kann. Ebenfalls aus den Siebzigern ist die Untersuchung von Otto Ernst Schüddekopf[2], der den Widerstand in den Schulbüchern untersucht. Allerdings ist seine Analyse didaktischer Art und fragt nicht nach der Rezeptionsgeschichte. Ihm geht es um eine Darstellung des Ist-Zustandes in den Siebzigern Jahren, weshalb er auch nur Bücher aus dieser Zeit heranzieht. Diese Untersuchung ist aufgrund ihrer Fragestellung und ihrer zeitlichen Eingrenzung für meine Untersuchung nicht sehr hilfreich und wird deshalb auch nicht heran gezogen.

Somit musste ich bezüglich der Schulbuchanalyse selbständig arbeiten. In Bezug auf die Rezeptionsgeschichte des Widerstandes in der BRD hingegen gibt es ein breites Angebot an Forschungsliteratur. Den weitaus größten Anteil an diesem Angebot machen die Beiträge von Peter Steinbach aus, dem Leiter der ständigen Ausstellung zum deutschen Widerstand im Bendlerblock in Berlin. Bei der Auswahl der Schulbücher habe ich versucht, jene auszuwählen, die bekannt und verbreitet waren bzw. sind. Dabei habe ich mich auf die Hinweise eines Dozenten aus dem Institut für Didaktik der Geschichte (Universität Münster) verlassen.

In einem ersten Schritt der Arbeit werde ich die Beiträge zum Widerstand in den einzelnen Schulbüchern analysieren. Die quantitativen Ergebnisse werden anschließend ich einer Tabelle noch mal zusammengefasst. Nach einer zusammenfassenden Auswertung der Einzelanalysen werde ich diese in einem zweiten Hauptteil mit der allgemeinen Rezeptions- und Forschungsgeschichte vergleichen um zu überprüfen, ob die Entwicklungen parallel verkaufen ist. Die Schulbücher sind im Literaturverzeichnis bibliographiert.. Die Seitenzahlen in den Analysen beziehen auf das jeweilige Werk in der am Ende aufgeführten Ausgabe.

I) Die Analyse der Schulbücher

1. Die Qualitative Analyse

a) Schulbücher der fünfziger Jahre

(1) Grundriss der Geschichte 1956

Die eineinviertel Seiten zum Widerstand (3,6 Prozent) sind Teil des Unterkapitels „Die Krise der Heimat und der 20. Juli 1944“ (D.II.4.) Der erste Teil davon widmet sich der „Krise der Heimat“, der zweite der „Widerstandsbewegung“ allgemein und der dritte dem „Offizierskorps und dem 20. Juli 1944“. Das gesamte Unterkapitel ist eingebettet in das Oberkapitel „Der Niedergang und Zusammenbruch der deutschen Kriegsführung; 1941 – 1945“. Die Einordnung in dieses Kapitel ist chronologisch angelegt und gerechtfertigt. Dennoch erweckt die Anordnung den Anschein eines kausalen Zusammenhangs, vor allem durch die Verbindung in der Überschrift: „Die Krise der Heimat und der 20. Juli 1944“ und die Zusammenfassung der beiden Themen.

Auch hier stehen die Attentäter des 20. Juli eindeutig im Vordergrund. Zwar ist im ersten Teil auch von Widerständlern aus anderen Schichten und Gruppen die Rede. Der Text nennt nicht nur die Militärs, sondern auch „Katholiken, Protestanten und Freidenker, Offiziere, Angehörige des alten Adels, Minister, Diplomaten und hohe Verwaltungsbeamte, Politiker, Gewerkschaftsführer, bürgerliche Universitätsjugend und Arbeiter“ (S.144). Der Text spricht allerdings von „einer Widerstandsbewegung“, in der sich alle oben genannten Gruppen und Personen zusammenfanden. Dies erweckt den Eindruck, als habe es eine breite, einvernehmliche Widerstandsbewegung im deutschen Volk gegeben, was nach heutigem Forschungsstand aber ganz anders gesehen wird. Außerdem wird impliziert, alle Widerständler, die es gegeben hat, seien am 20. Juli beteiligt gewesen.

Die Motivation und die Gewissenssituation der Widerstandskämpfer sind auch hier von enormer Wichtigkeit. Das Schulbuch schildert geradezu dramatisch den Gewissenszwiespalt der Widerständler. Dessen häufige Wiederholung ist ebenso auffällig wie die sehr dramatische Wortwahl der Autoren: Die Attentäter seien in einer „unsagbar tragischen Lage“ (S.144) gewesen. Dennoch seien sie bereit gewesen, „schweren Herzens und unter furchtbaren Gewissensqualen das Äußerste ... zu wagen“ (S.144). Zu ihrer Tat hätte die Männer, die „allgemeine Not des deutschen Volkes“ (S.144) gezwungen und zwar „nach jahrelangem inneren Ringen“. Es wird erklärt, dass diese tragische Lage aus der politisch-militärischen Tradition der Deutschen entstanden ist. Dabei wird deutlich gemacht, dass die Attentäter nicht gegen das deutsche Volk vorgehen wollten

Im zweiten Teil gehen die Autoren näher auf das Attentat ein. Nicht nur einzelne Militärs, sondern recht viele Generäle und Oberste seien gegen die militärischen Pläne Hitlers gewesen und hätten mit der „Widerstandsbewegung“ sympathisiert. Im Mittelpunkt stehen aber eindeutig Beck und Goerdeler. Namentlich erwähnt wird noch Stauffenberg, aber ihm wird keine führende, sondern nur die ausführende Rolle zugeschrieben. Es wird betont, dass sie versucht haben, auf anderem Wege eine Lösung zu finden. Dass Ihnen nur der Ausweg des Attentats blieb, schreibt der Autor mitunter der fehlenden Kooperationsbereitschaft der Westmächte zu.

Verlauf, Scheitern und Folgen des Attentats werden kurz geschildert, mit der Schlussfolgerung, dass danach „jede Möglichkeit eines Widerstandes... ausgelöscht“ (S.145) war.

(2) Geschichtliches Unterrichtswerk 1957

Dieses Geschichtsbuch widmet dem Widerstand eins der insgesamt 46 Unterkapitel über den Nationalsozialismus. Auffällig ist, dass das Wort „Widerstand“ gar nicht verwendet wird. Das Kapitel trägt die Überschrift „Das Attentat vom 20. Juli 1944“. Es steht in dem Oberkapitel „Der Niedergang der Achsenmächte“ und wird eingereiht in die Unterkapitel: „Der Vormarsch der Westmächte“ (III.5), „Die Landung in der Normandie“ (III.7) und „Das Ende des Reiches und der Zusammenbruch Japans“ (III.9). Durch diese Einbettung wird hier ein chronologischer Zusammenhang dargestellt. Darüber hinaus wird so aber auch ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Attentat und der Niederlage impliziert.

Das Kapitel widmet sich ausschließlich den Attentätern vom 20. Juli 1944. Namentlich erwähnt werden Generaloberst Beck, Oberbürgermeister Goerdeler und Oberst Graf von Stauffenberg. Sie werden als die Führer beschrieben, unter denen sich „eine Reihe leitender Männer der Wehrmacht, der Diplomatie und der Verwaltung“ (S.167) zusammenfanden.

Planung und Tatverlauf des Attentats werden in wenigen Sätzen dargestellt, ebenso die Folgen, „die furchtbare Rache“ der Gestapo. Mehr Aufmerksamkeit hingegen widmen Autoren den Motiven der Attentäter. Zu Beginn wird deutlich gemacht, dass eine Niederlage Deutschlands unabwendbar war. Dies sei allen Oberbefehlshabern klar gewesen. Die Attentäter werden als „militärisch und politisch klarblickende“ (S.166) Männer dargestellt, denen die Sinnlosigkeit einer Fortführung dieses Krieges bewusst war. Dem gegenüber gestellt wird Hitler als „Fanatiker und Nichtfachmann“, „der in unbelehrbarer Starrheit an der Möglichkeit eines deutschen Endsieges... festhielt“ S.167).

Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem „Gewissenskonflikt“ der Attentäter, der darin bestand, dass „eine Beseitigung der verhassten Regierung nur erkauft werden konnte durch die Niederlage des eigenen Vaterlandes...“ (S.168). Es wird betont, dass es sich um „aufrechte deutsche Männer“ handelte. Die Vaterlandsliebe der Attentäter und die Aussichtslosigkeit ihrer Lage stehen in der Darstellung im Vordergrund.

b) Die Schulbücher der sechziger Jahre

(3) Reise in die Vergangenheit 1964

In diesem Werk wird nicht vom Widerstand im allgemeinen gesprochen, sondern nur von dem Attentat des 20. Juli. Andere Gruppen werden außen vor gelassen. Dem Attentat wird eines von 22 Unterkapiteln gewidmet. Mit 3,5 Seiten macht das einen Anteil von 6 Prozent am Kapitel über den Nationalsozialismus aus.

Das Attentat wird sehr ausführlich dargestellt, gegliedert in drei Abschnitte: Verschwörung, Attentat und Staatsstreich. Als führende Köpfe werden Stauffenberg und Beck namentlich erwähnt, Goerdeler (mit falschem Vornamen!) als designierter Führer der neuen Regierung. Auf die Beteiligung vieler anderer wird vor allem anhand der Hinrichtungen geschlossen, allerdings wird hier nicht von gesellschaftlichen oder politischen Gruppen, sondern von Berufsgruppen gesprochen: „Pfarrer, Landwirte, Fabrikanten, Professoren,... Kaufleute, Mechaniker,... Schriftsteller, ehemalige Gewerkschaftsführer,...usw. – auch Frauen“ (S.244) seien irgendwie beteiligt gewesen.

Es wird beschrieben, welche Aufgaben die Verschwörer zu bewältigen hatten und mit welch „unsäglicher Gefahr“ (S.244) diese verknüpft waren. Die Vorgänge während und nach dem Attentat am Tatort und in Berlin werden detailgetreu geschildert, dabei wird eine sehr sachliche Darstellungsweise beibehalten. Allein der letzte Satz macht eine Parteinahme zugunsten der Attentäter deutlich.

Der Darstellung folgen vier Arbeitsvorschläge an die Schüler. In diesen wird die neutrale Darstellung des Textes nicht weitergeführt. Die Attentäter werden als „Helden“ bezeichnet und der 20. Juli als „wichtiges, ehrenvolles Datum“ (S.247). Auch werden die problematische Situation und die Gewissenprobleme der Verschwörer angesprochen und ihre Bezeichnung als Verräter wird zur Debatte gestellt. Es wird deutlich, dass ein erfolgreicher Ausgang des Attentats durchaus wünschenswert gewesen wäre.

(4) Zeiten und Menschen 1966 (Geschichtliches Unterrichtswerk )

Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des „Geschichtlichen Unterrichtswerkes“. Der quantitative Anteil des Widerstandes ist um 1,3 auf 3,8 Prozent gestiegen. Auch hier wird dem Widerstand ein eigenes Unterkapitel gewidmet, aber im Gegensatz zum Vorgänger wird jetzt auch der Ausdruck Widerstand als Überschrift verwendet.

Der Blick wird etwas geweitet und es wird deutlich, dass es verschiedene Widerstandsbestrebungen im deutschen Volk gab. Erwähnt werden: „Sozialisten, Gewerkschaftler, Christen beider Konfessionen und Konservative“ (S. 181).

Ein Teil des Kapitels beschäftigt sich mit der Weißen Rose (13,1 Prozent). Auch der Kreisauer Kreis als eigenständige Widerstandsgruppe und als ihr Kopf Helmut James Graf von Moltke werden kurz erwähnt (2,3 Prozent). Der Schwerpunkt liegt aber wieder auf den Attentätern des 20. Juli. Allerdings wird der Blick für weitere Beteiligte geöffnet: So werden neben den Hauptakteuren Beck, Goerdeler und Stauffenberg auch die Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein genannt. Dem Attentat wird ein Großteil des Kapitels gewidmet, insgesamt ca. 47 Prozent. Dabei werden der Verlauf und das Scheitern des Attentats geschildert, ebenso die Folgen und auch die Bedeutung für die Nachkriegszeit.

Der Rest des Kapitels behandelt allgemeine Informationen zum Widerstand. Dabei liegt der Tenor auf den Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen die Widerständler zu kämpfen hatten. Es wird betont, wie mutig die Attentäter ihr Leben für ihre Ideale aufs Spiel gesetzt haben.

Am Ende des Kapitels wird letzteres noch mal aufgegriffen und die grausamen Hinrichtungen und Verurteilungen werden erwähnt.

Insgesamt wird die Darstellung von fünf Photografien begleitet. Sie zeigen jeweils: die Geschwister Scholl (S. 181), Beck, Stauffenberg, Leber und Goerdeler (S. 183). Dadurch wird der Widerstand an diesen Personen festgemacht. Dass vier der fünf Photos die Attentäter des 20. Juli zeigen, unterstreicht die Konzentration auf diese Widerstandsgruppe. Im Vergleich mit seinem Vorgänger aus den 50ern Jahren zeigt dieses Buch eine deutliche Weiterentwicklung, sowohl was die Berücksichtigung einzelner Gruppen, als auch die Art der Darstellung angeht.

c) Die Schulbücher der siebziger Jahre

(5) Geschichtliche Weltkunde 1976

Eines der 12 Unterkapitel zum Nationalsozialismus widmet das Buch „Völkermord und Widerstand“. Damit hat der Widerstand hier kein eigenes Kapitel. Das Thema wird auf etwas mehr als drei Seiten dargestellt, was einen Anteil von 5,1 Prozent entspricht. Die erste viertel Seite ist dem Widerstand in den besetzten Gebieten gewidmet, die restlichen gut drei Seiten dem deutschen Widerstand.

Das Spektrum ist relativ breit gefächert. Dabei werden die einzelnen Gruppen als eigenständige kleine Organisationen dargestellt. Chronologisch geordnet werden folgende fünf Gruppen des Widerstandes beschrieben: Die kommunistische Widerstandsbewegung (7,9 Prozent), die Kirchen (4,4 Prozent), der konservative und militärische Widerstand, der Kreisauer Kreis (7 Prozent), die Weiße Rose (20,3 Prozent) und noch mal der militärisch-konservative Widerstand (insgesamt 50,4 Prozent). Letzteren wird also der weitaus größte Teil gewidmet, gefolgt von der Weißen Rose, die anderen drei Gruppen teilen sich weniger als 20 Prozent. Damit liegt der Schwerpunkt immer noch eindeutig auf dem militärischen Widerstand.

Den Kommunisten wird zugestanden, sich als erste zum Widerstand erhoben zu haben, aber es werden auch ihre begrenzten Wirkungsmöglichkeiten beschrieben. Namentlich erwähnt werden Franz Jacob, Anton Saefkow und Theodor Neubauer, sowie die „Rote Kapelle“ um Harnack und Schulze-Boysen. Es wird aber auch betont, dass alle kommunistischen Gruppen auch zur Zusammenarbeit mit dem „militärischen Gegner“ (S.162) Moskau bereit gewesen seien. Waren.

Den Kirchen hingegen wird ein eher zögerlicher Widerstand zugesprochen, der nicht besonders wirkungsvoll war. Erwähnt werden Bonhoeffer und die Barmer Theologische Erklärung auf der einen und die päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“ auf der anderen Seite.

Der Weißen Rose wird eine rein moralisch und ethisch motivierte Opposition zugesprochen, die aber kaum Erfolgsaussichten gehabt habe. Ein größerer Ausschnitt aus ihrem sechsten Flugblatt wird zitiert.

Der konservative und militärische Widerstand wird zweimal aufgegriffen, einmal zur Zeit 1938/39 und dann noch mal im Zusammenhang mit dem Attentat des 20. Juli. Der Wehrmacht als Waffenträger wird die „zentrale Bedeutung“ (S.162) für den Widerstand zugesprochen. Gemeinsam mit dem konservativen Kreis hätten sie „in der Tradition des Bismarck-Reiches“ gestanden und „wollten die deutsche Großmachtstellung in Übereinstimmung mit den Westnächten erhalten“ (S.162). Zur Zeit von Hitlers Erfolgen hätte Ihnen aber jede Grundlage für Widerstand gefehlt, deshalb hätten sie erst „mit den deutschen Niederlagen aktiv werden“ (S.162) können. Im Mittelpunkt stehen erst Beck und Goerdeler. Im zweiten Teil wird Stauffenberg als der Planer und Ausführende des Attentats in den Mittelpunkt gerückt. Er habe Kontakt zur „politischen Linken“ aufgenommen und er stehe im außen- und innenpolitischen Gegensatz zu Goerdeler. Interessant ist hier der Verweis auf die Rezeption in der DDR, die Stauffenberg akzeptiert habe, Goerdeler hingegen nicht. Namentlich erwähnt werden noch Julius Leber als Vertreter der Linken und Henning von Tresckow. Letzterer wird zitiert, mit seiner Aussage, dass es nicht auf den „praktischen Zweck“ (S.164) sondern auf die Wirkung nach außen ankomme.

Ein großer Abschnitt wird der Tat selber, ihrem Scheitern und den anschließenden Verfolgungen gewidmet. Der Tod der Attentäter und Verschwörer wird als „schwerer Verlust für die deutsche Nachkriegsdemokratie“ (S.164) bezeichnet.

(6) Fragen an die Geschichte 1978

Dieses Buch widmet dem Widerstand zwei Seiten, was einen Anteil von 5,7 Prozent am gesamten Nationalsozialismus ausmacht. Da es sich bei diesem Geschichtsbuch hauptsächlich um eine Quellensammlung handelt, lassen sich nur wenig Aussagen
über die Art der Darstellung treffen, wesentlich ist hier die Auswahl der Quellen.

Es gibt zwei Darstellungstexte. Der eine ist dem Widerstand der SPD und KPD gewidmet. Der andere behandelt die Attentatsversuche, insbesondere den 20. Juli, und die Verurteilungen des Volksgerichtshofes unter Freisler. Beide Text sind wertneutral und weisen keine Besonderheiten auf.

Es handelt sich um Quellen verschiedenster Art, die sich aber jeweils einer bestimmten Widerstandsgruppe zuordnen lassen

Es liegt nahe, den bürgerlich-konservativen Widerstand (7,1 Prozent), vertreten durch Goerdeler, und den militärischen Widerstand (15,3 Prozent) zusammenzuzählen. Damit machen die beiden Gruppen mit 22,4 Prozent den größten Anteil aus. Der militärische Widerstand wird nicht direkt thematisiert, sondern der Text widmet sich den Attentaten, die im Laufe der Zeit auf Hitler verübt wurden. Abgesehen von Elser handelt es sich bei den Attentäter ausschließlich um Militärs, die auch am 20. Juli beteiligt waren (von Tresckow, von Gersdorff, Stauffenberg). Im Zuge des 20. Juli wird auch Beck erwähnt. Zusätzlich wird hier die Eidesformel der Soldaten abgedruckt. Dadurch wird auf den Gewissenskonflikt der Militärs aufmerksam gemacht. Ein ähnliches Problem wird in der Quelle von Goerdeler thematisiert, wenn es heißt, „...sie können einen Sieg nicht wünschen, noch weniger eine schwere Niederlage...“(S.182).

Ein großer Teil der Darstellung wird den beiden Kirchen gewidmet (16,9 Prozent), wobei sich Evangelische (8,7) und Katholische Kirche (8,2) die Waage halten. Abgedruckt sind Auszüge aus dem Brief des evangelischen Bischofs Wurm und aus einer Predigt von Galen. Gemeinsames Thema ist der Protest gegen die Euthanasie.

Den Verfassungsentwürfen des Kreisauer Kreises werden mit einer Quelle 15,9 Prozent zugestanden. Auffällig ist, dass ausgerechnet dem Arbeiterwiderstand (KPD und SPD) nicht nur eine Quelle, sondern auch ein Darstellungstext gewidmet ist (insgesamt 14,8 Prozent). Eine Quelle zitiert das sechste Flugblatt der Weißen Rose (4,1 Prozent). Von den übrigen Teilen sind 2,0 Prozent Georg Elser und 6,6 Prozent der Verfolgung und den Verurteilungen des Volksgerichtshofes gewidmet.

Als erstes Buch beschäftigt sich dieses auch mit der Frage der Definition von Widerstand. Dieser werden insgesamt 11,2 Prozent gewidmet.

d) Die Achtziger Jahre

(7) Geschichtsbuch 1988

Auch dieses Geschichtsbuch arbeitet hauptsächlich mit Quellen. Insgesamt widmet es dem Widerstand 9,3 Prozent des Kapitels über den Nationalsozialismus.

Der größte Teil beschäftigt sich mit dem Widerstand aus Reihen der KPD (37,5 Prozent). Dieser ist hier anhand einer einzelnen Person dargestellt, dem KPD-Angehörigen Jacob Zorn. Anhand seiner Berichte wird der Weg des kommunistischen Widerstands von 1933 bis 1944 dargestellt. Im Anschluss daran ist ein illegaler Flugzettel der KPD abgedruckt, auf dem die Beschränkung der Grundrechte kritisiert wird. In den anschließenden Arbeitsaufgaben werden die Erwartungen und Ziele des KPD-Widerstands thematisiert.

Der Widerstand aus dem Militär wird ebenfalls behandelt, allerdings wird ihm weitaus weniger Platz eingeräumt als der KPD (18,8 Prozent). Auffällig ist, dass es nicht um das Attentat am 20. Juli geht, sondern um die Proteste Ludwig Becks gegen den geplanten Schlag gegen die Tschecheslowakei im Jahre 1938 und seinen anschließenden Rücktritt. Das Attentat 1944 wird in diesem Schulbuch überhaupt nicht erwähnt, Stauffenberg und Goerdeler werden z.B. gar nicht erwähnt, was sehr erstaunlich ist.

Als Beispiel für den kirchlichen Widerstand (18,7 Prozent) sind Auszüge aus zwei Predigten des Bischofs von Galen abgedruckt, in denen er sich gegen die Euthanasie wendet.

Als letzte Gruppe wird hier die Weiße Rose aufgegriffen (25 Prozent) und ihr sechstes Flugblatt ist vollständig abgedruckt.

Abschließend stehen vier zusammenfassende Arbeitsaufgaben. Hier soll noch mal verdeutlicht werden, wie vielfältig der Widerstand im deutschen Volk war und dass es sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Gruppen des Widerstands gab.

(8) Geschichte – Politik und Gesellschaft 1988

Das Schulbuch widmet dem Widerstand fast fünf Seiten, also einen Anteil von 6,4 Prozent. Den gut 2,5 Seiten Darstellungstext folgen zwei Seiten mit Quellen.

In einer Einleitung wird allgemeines zum Widerstand erklärt. Gleich zu Beginn wird deutlich gemacht, dass es „keinen einheitlichen, breiten... Widerstand“(S.363) gegeben habe, als Gründe werden zum einen der Verfolgungsapparat der Gestapo und die Beliebtheit Hitlers im Volk genannt.

Es wird eine Unterscheidung zwischen „politischem Widerstand“ und „gesellschaftlicher Verweigerung“ (S.364) und nonkonformistischen Verhalten getroffen. Damit wird hier ein sehr weit gefasster Widerstandsbegriff verwendet. Nicht nur die aktiven oder politischen Gruppen werden erwähnt, sondern auch die Verweigerung und Resistenz einzelner und von Gruppen. Hierfür werden diverse Beispiele genannt, wie zum Beispiel die „Verweigerung des Hitler-Grußes“, die „Aufrechterhaltung des Kontakts mit Juden“ oder die „Hilfe für Verfolgte“ (S.365). Unter gesellschaftlicher Verweigerung verstehen die Autoren, dass „einzelne Menschen oder Gruppen versuchten, das Eindringen von Nationalsozialisten in ihre beruflichen Bereiche ... zu verhindern“(S.363) . Zu diesem Bereich des Widerstands sind auch zwei Quellen abgedruckt, ein Bericht der Gestapo und Zeitungsartikel von 1983, in dem es um „Formen des Widerstandes“ geht. Insgesamt nimmt der „passive Widerstand“ in diesem Kapitel einen Anteil von 21,3 Prozent ein.

Zum „aktiven, politischen Widerstand“ werden verschiedene Gruppen genannt und kurz beschrieben.

Als erste Gruppe werden die Sozialdemokraten und Kommunisten genannt, denen gut 4,5 Prozent gewidmet sind. Ihre Flugblatt-Aktionen werden kurz geschildert.

Unter dem bürgerlichen Widerstand werden hier zwei Kreise zusammengefasst: Zum einen der Kreis um Goerdeler und Beck, in dessen Zusammenhang auch von Hassel genannt wird, zum anderen der Kreisauer Kreis, als dessen Kopf Moltke genannt wird. Gemeinsam hätten sich diese Kreise um einen zukünftigen Verfassungsentwurf bemüht. Deshalb ist es auch schwierig hier einzelne prozentuale Anteile auszurechnen. Zu diesen beiden Gruppen ist auch jeweils eine Quelle abgedruckt: eine Denkschrift Goerdelers von 1943 und Auszüge aus dem Verfassungsentwurf des Kreisauer Kreises. Für den Kreis von Goerdeler lässt sich somit ein ungefährer Anteil von 13 Prozent ausrechnen, dem Kreisauer Kreis sind gut 24 Prozent des Kapitels gewidmet.

Goerdelers und Becks Teilnahme am Attentat 1944 hingegen wird überhaupt nicht erwähnt, was recht merkwürdig erscheint. Als Hauptperson des militärischen Widerstands wird Stauffenberg bezeichnet. In diesem Zusammenhang erwähnt werden noch von Tresckow und Graf von der Schulenburg. Planung und Verlauf des Attentats werden kurz beschrieben, insgesamt wird dem Militär 14,5 Prozent gewidmet.

Als Beispiel für Jugendwiderstand wird hier zum einen die Weiße Rose genannt (2,9 Prozent). Als ihre Köpfe werden die Geschwister Scholl und Huber namentlich genannt. Zweites Beispiel sind die Edelweiß-Piraten, deren Widerstand gegen die HJ beschrieben wird (3,7 Prozent). Als letzte Gruppe der Widerständler werden die „politischen Emigranten“ genannt (4,1 Prozent), deren Aktivitäten hauptsächlich publizistisch waren.

Abschließend wird betont, dass der Widerstand nicht erfolgreich, aber „eine wichtige moralische und politische Grundlage für den Neuanfang“ (S. 368) der BRD war.

Auffällig an diesem Buch ist noch, dass die Kirchen in dem Kapitel über Widerstand gar nicht behandelt werden, sondern ein eigenes Kapitel ausmachen, in dem sowohl die Gegner als Befürworter des Regimes behandelt werden.

[...]


[1] Uhe, Ernst: Der Nationalsozialismus in den deutschen Schulbüchern. Eine vergleichende Inhaltsanalyse von Schulgeschichtsbüchern aus der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Bern (2)1975.

[2] Schüddekopf, Otto-Ernst: Der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Seine Darstellung in Lehrplänen und Schulbüchern der Fächer Geschichte und Politik in der BRD. Im Auftrag der Forschungsgemeinschaft 20. Juli e.V., Frankfurt am Main 1979.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen die NS-Diktatur in den Schulbüchern der BRD von 1950 bis heute
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
38
Katalognummer
V55449
ISBN (eBook)
9783638503945
ISBN (Buch)
9783638663922
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Widerstandes, NS-Diktatur, Schulbüchern
Arbeit zitieren
Inga Hüttemann (Autor), 2005, Die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen die NS-Diktatur in den Schulbüchern der BRD von 1950 bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55449

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