Schulbücher sind zugleich auch immer Spiegel des Zeitgeistes ihrer Epoche. In ihnen kommt sowohl das Weltbild als auch das Selbstverständnis einer Nation zum Ausdruck. Somit ist ein Geschichtsbuch immer ein Zeugnis des Geschichtsverständnisses seiner Zeit.
Damit lassen sich Schulbücher hervorragend als Quellen für genau diese Fragestellungen verwenden. Gerade im Fall der Rezeptionsgeschichte stellt ein Schulbuch eine gute Quelle dar, da es einerseits – zwar nicht historisch genau – den Forschungsstand zu einem bestimmten Thema in einer gewissen Zeit widerspiegelt, zugleich aber auch die öffentliche Meinung und Rezeption dokumentiert. Die folgende Hausarbeit versucht, die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus anhand von Schulbüchern zu erforschen.
Die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstands beschreibt einen langen, zum Teil mühsamen Weg. Es hat lange gedauert, bis allen Widerständlern das ihnen zustehende Maß an Achtung und Ehre in Deutschland entgegenbracht wurde. Ich werde untersuchen, ob sich dieser Weg in Öffentlichkeit und Wissenschaft auch in den Schulbüchern widerspiegelt. Dazu werde ich insgesamt zehn Schulbücher aus verschiedenen Jahrzehnten heranziehen, von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart. Ich beziehe mich dabei nur auf die Rezeption in der Bundesrepublik Deutschland, die in der ehemaligen DDR wird ausgeklammert.
Ich werde die Darstellung des Widerstands in den Schulbüchern sowohl quantitativ als auch qualitativ untersuchen. Der didaktische Aspekt wird in dieser Arbeit außen vorgelassen. Es geht nicht um die Frage, ob der Stoff didaktisch und methodisch gut aufgearbeitet wird. Vielmehr geht es darum zu fragen, welche Gruppen des Widerstands dargestellt werden, und vor allen Dingen wie.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I. DIE ANALYSE DER SCHULBÜCHER
1. DIE QUALITATIVEN ANALYSEN
a. Die fünfziger Jahre
b. Die sechziger Jahre
c. Die siebziger Jahre
d. Die achtziger Jahre
e. Aktuelle Schulbücher
2. DIE QUANTITATIVE ANALYSE
a. Anteil des Widerstands insgesamt
b. Anteile der einzelnen Gruppen
3. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSWERTUNG
a. Auswertung der Tabellen
b. Auswertung der Qualitativen Analysen
II. VERGLEICH DER ERGEBNISSE MIT DER REZEPTION IN ÖFFENTLICHKEIT UND FORSCHUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, indem sie die Darstellung dieses Themas in zehn ausgewählten Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland von 1950 bis zum Jahr 2000 analysiert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich das Bild des Widerstands im Laufe der Jahrzehnte in Bezug auf Gewichtung, beteiligte Gruppen und gesellschaftliche Einordnung gewandelt hat und inwieweit diese Entwicklungen mit der allgemeinen Forschungs- und Rezeptionsgeschichte korrespondieren.
- Quantitative und qualitative Analyse der Widerstandsdarstellung in Schulbüchern.
- Wandel des Widerstandsbegriffs über fünf Jahrzehnte.
- Vergleich der Schulbuchdarstellung mit gesellschaftlicher Rezeption und Forschung.
- Erfassung der Berücksichtigung unterschiedlicher Widerstandsgruppen (z.B. Militär, Arbeiterbewegung, Kirchen).
- Einfluss politischer Rahmenbedingungen auf die historische Darstellung.
Auszug aus dem Buch
Die fünfziger Jahre
Für die beiden Bücher aus den 50er Jahren lässt sich ein durchschnittlicher Anteil des Widerstandes am Kapitel über Nationalsozialismus von 3,05 % ausrechnen. In den fünfziger Jahren ist dem Widerstand also vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden, er spielt in den Schulbüchern eine sehr untergeordnete Rolle. Auch die Einreihung in das jeweilige Kapitel über die Niederlage macht deutlich, dass dieses Thema für nicht so erwähnenswert gehalten wird, um ihm zum Beispiel ein eigenes Kapitel zu widmen.
Die beiden Bücher sind sich in vielen Punkten sehr ähnlich. Beide konzentrieren sich fast ausschließlich auf das Attentat vom 20. Juli 44. Auch wenn im „Grundriss der Geschichte“ viele andere Gruppen erwähnt werden, so werden diese doch alle zusammengefasst als die Verschwörer des 20. Juli. Hier kommt ein recht undifferenzierter Umgang mit dem Widerstand zum Ausdruck. Dass sich die Widerständler aller Volksgruppen in einer breiten Widerstandsbewegung zusammengefunden hätten, entspricht nach heutiger Forschung absolut nicht den Tatsachen. In beiden Büchern finden sich lediglich drei namentliche Erwähnungen, nämlich Beck, Goerdeler und Stauffenberg. Dadurch zeigt sich eine starke Fixierung auf den militärischen (Beck und Stauffenberg) und bürgerlich-konservativen (Goerdeler) Widerstand.
In beiden Werken erscheint der Widerstand als ein sehr problematisches Thema. Dieser Eindruck wird durch die Vermeidung des Begriffs verschärft (2). Es wird bewusst gemacht, dass das Problem des Widerstands darin bestand, dass sich die Attentäter gegen ihr eigenes Vaterland richteten und damit der Gefahr ausgesetzt waren, als Verräter beurteilt zu werden. Deshalb werden hier sowohl den Motiven als auch der inneren Gewissensituation der Verschwörer große Teile der Kapitel gewidmet, wie die Analyse bereits gezeigt hat.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert die Funktion von Schulbüchern als Spiegel des Zeitgeistes und definiert das Vorhaben, die Rezeptionsgeschichte des deutschen Widerstands in zehn Schulbüchern der Bundesrepublik zwischen 1950 und 2000 zu untersuchen.
I. DIE ANALYSE DER SCHULBÜCHER: Dieser Hauptteil gliedert sich in qualitative Analysen, eine quantitative Untersuchung sowie deren Zusammenfassung und Auswertung über verschiedene Jahrzehnte hinweg.
II. VERGLEICH DER ERGEBNISSE MIT DER REZEPTION IN ÖFFENTLICHKEIT UND FORSCHUNG: In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Schulbuchanalyse mit der tatsächlichen Forschungsgeschichte sowie der gesellschaftlichen und politischen Rezeption des Widerstandes in der Bundesrepublik in Bezug gesetzt.
Schlüsselwörter
Widerstand, Nationalsozialismus, Schulbuchanalyse, Rezeptionsgeschichte, 20. Juli 1944, Bundesrepublik Deutschland, Geschichtsverständnis, Widerstandsbegriff, militärischer Widerstand, Arbeiterwiderstand, Resistenz, politisches Bewusstsein, Zeitgeist, historische Darstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung der Darstellung des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland von 1950 bis heute.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die quantitative Gewichtung des Widerstands, die Auswahl der dargestellten Widerstandsgruppen sowie der Wandel der historischen Interpretation über verschiedene Jahrzehnte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Wandel der Widerstandsrezeption in Schulbüchern abzubilden und zu prüfen, ob dieser mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen in der BRD korrespondiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Kombination aus qualitativer Inhaltsanalyse (Textanalyse der Darstellung) und quantitativer Analyse (Prozentanteil des Widerstands an den Kapiteln über den Nationalsozialismus).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schulbücher chronologisch nach Jahrzehnten (fünfziger bis aktuelle Jahre) und vergleicht anschließend die Ergebnisse mit der übergeordneten Forschungs- und Rezeptionsgeschichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Widerstand, Rezeptionsgeschichte, Schulbuchanalyse, 20. Juli 1944 und der Wandel des Widerstandsbegriffs.
Warum konzentrierten sich die Schulbücher der fünfziger Jahre fast nur auf den 20. Juli?
Dies war Ausdruck einer Zeit, in der der Widerstand in der breiten Öffentlichkeit oft noch als Verrat wahrgenommen wurde und die Schulbuchautoren die Attentäter aktiv gegen dieses negative Image zu verteidigen suchten.
Welche Rolle spielte der Begriff der "Resistenz" ab den achtziger Jahren?
Der Begriff erweiterte das Bild des Widerstands erheblich, da nun auch Alltagsformen wie Verweigerung oder Hilfe für Verfolgte als Widerstandshandlungen anerkannt und in den Schulbüchern thematisiert wurden.
- Quote paper
- Inga Hüttemann (Author), 2005, Die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen die NS-Diktatur in den Schulbüchern der BRD von 1950 bis heute, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55449