Patienten mit einer Binge Eating Disorder (BED) empfinden vor Beginn eines Essanfalls einen unwiderstehlichen Drang zu essen, welcher den nachfolgenden Essanfall mit hoher Wahrscheinlichkeit auslöst. Dieser Drang wird auch ‚Food craving’ genannt. Das ‚Food craving’ und die Essanfälle werden aus lerntheoretischer Sicht durch konditionierte Stimuli, die den Essanfällen vorangehen, kontrolliert und ausgelöst. Der Geruch und der Anblick begehrter Nahrung sind zwei wichtige Vertreter möglicher konditionierter Stimuli. Das ‚Food craving’ bezieht sich meistens auf Nahrungsmittel mit hohem Fett- und Zuckergehalt. In dieser Studie wird der Einfluss visueller und olfaktorischer Nahrungsmittelstimuli verschiedenen Fettgehalts (niedrig-hoch) und verschiedener Geschmacksrichtung (salzig-süss) auf die subjektive Bewertung des ‚Food craving’, der Valenz und des Arousals (körperliche Aktivierung) sowie auf psychophysiologische Masse, die Aussagen über die physiologische Komponente des ‚Food craving’ zulassen (EDA, EMG und Herzrate), untersucht. Die Resultate zeigen, dass Stimuli süsser Nahrungsmittel stärkeres subjektives ‚Food craving’ bewirken als Stimuli salziger Nahrungsmittel. Entgegen bisheriger Befunde werden Stimuli fettreicher Nahrungsmittel negativer empfunden (subjektiv wie auch psychophysiologisch) und lösen stärkeres subjektiv empfundenes Arousal aus als Stimuli fettarmer Nahrungsmittel. Dies wird dahingehend interpretiert, dass sich BED-Patientinnen begehrte fettreiche Nahrungsmittel aus Angst vor Gewichtszunahme verbieten, was wiederum einen Frustrationszustand auslöst, der sich in negativer Valenz und hohem Arousal bezüglich fettreicher Nahrung äussert. Weiter fanden sich höhere subjektive Bewertungen bezüglich des ‚Food craving’ bei visuellen im Vergleich zu olfaktorischen Stimuli. Dies lässt sich möglicherweise auf Unterschiede in der Assoziationsfähigkeit besagter Stimuli mit dem Geschmack eines Nahrungsmittels im orbitofrontalen Kortex zurückführen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Die Binge Eating Disorder (BED): Ein kurzer Überblick
2.2 ‚Food craving’: Die emotionale Reaktion auf konditionierte Stimuli
2.2.1 ‚Cue reactivity’-Messung: Die psychophysiologische Messung des ‚Craving’
2.2.2 Zucker und Fett: Der sichere Weg zum ‚Food craving’
2.2.3 Visuelle und olfaktorische Stimuli als Auslöser des ‚Craving’
2.3 BED und Übergewicht
2.4 Valenz und Arousal: Die grundlegenden Dimensionen der Emotionen
3 FRAGESTELLUNGEN UND HYPOTHESEN
4 METHODE
4.1 Stichprobe
4.2 Untersuchungsdesign
4.2.1 Duftprofil
4.2.2 Bilderprofil
4.2.3 Die Faktoren Geschmacksrichtung und Fettgehalt
4.3 Gemessene Variablen
4.3.1 Psychophysiologische Variablen
4.3.2 Subjektive Ratingvariablen
4.4 Materialien
4.5 Ablauf der Untersuchung
4.6 Datenreduktion
4.7 Statistische Analyse
5 ERGEBNISSE
6 DISKUSSION
6.1 Zucker und Fett und deren Einfluss auf das ‚Food craving’
6.2 Der Zusammenhang zwischen ‚Food craving’ und Übergewicht
6.3 Visuelle versus olfaktorische Nahrungsmittelstimuli
6.4 Grenzen der Studie und Zukunftsperspektiven
7 LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht bei übergewichtigen Patientinnen mit der Diagnose Binge Eating Disorder (BED), wie visuelle und olfaktorische Nahrungsmittelstimuli (differenziert nach Fettgehalt und Geschmacksrichtung) das sogenannte ‚Food craving‘, die Valenz und die körperliche Aktivierung (Arousal) beeinflussen.
- Einfluss von Stimulus-Modalitäten (visuell vs. olfaktorisch) auf das ‚Food craving‘.
- Untersuchung der Bedeutung von Geschmacksrichtung (süss/salzig) und Fettgehalt für das emotionale Erleben.
- Analyse des Zusammenhanges zwischen dem Body Mass Index (BMI) und der emotionalen Reaktion auf Nahrungsmittelstimuli.
- Erfassung psychophysiologischer Reaktionen (EMG, EDA, Herzrate) zur objektiven Messung der körperlichen Komponente des ‚Food craving‘.
- Ableitung von Erkenntnissen für die Verbesserung konfrontativer Behandlungselemente in der Therapie der Binge Eating Disorder.
Auszug aus dem Buch
2.2 ‚Food craving’: Die emotionale Reaktion auf konditionierte Stimuli
Wie bereits erwähnt, essen Patienten mit einer BED während eines Essanfalls wesentlich schneller und bis zu einem unangenehmen Völlegefühl (APA, 1994). Man könnte daher vermuten, dass die Betroffenen vor Essensbeginn einen grossen Hunger empfinden, dessen Ausmass im Überessen endet. Dies ist jedoch nicht so. Die Betroffenen essen diese grossen Mengen, obwohl sie meistens gar keinen Hunger empfinden (APA, 1994). Doch was verleitet die Betroffenen dann dazu, ohne Hungergefühl soviel zu essen?
Es gibt Hinweise darauf, dass konditionierte Stimuli zur Auslösung von Essanfällen führen (Jansen, 1998; Wardle, 1990). Das lerntheoretische Modell des ‚Binge Eating’ besagt, dass durch einen Konditionierungsprozess Stimuli, die dem Essanfall regelmässig vorangehen, wie beispielsweise der Anblick, der Geruch oder der Geschmack der während des Essanfalls gegessenen Nahrungsmittel, systematisch mit dem aktuellen Essanfall gekoppelt werden. Die so entstandene Assoziation zwischen vorangehenden Stimuli und der ‚Binge’-Nahrung führt dazu, dass diese konditionierten Stimuli zu Vorboten der Essanfälle werden und alleine durch ihre Anwesenheit Essanfälle auslösen können (siehe Abbildung 1). Während der Konfrontation mit den konditionierten Stimuli stellt sich der Körper der betroffenen Person auf einen Essanfall ein. Es werden physiologische Prozesse in Gang gesetzt, die den Körper auf die immense Nahrungsaufnahme vorbereiten sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Symptomatik der Binge Eating Disorder (BED) und die Rolle des ‚Food craving‘ als Auslöser für Essanfälle.
2 THEORETISCHER HINTERGRUND: Detaillierte Erläuterung des Forschungsstandes zu BED, Konditionierungsprozessen, dem Einfluss von Nährstoffen auf das Essverhalten sowie den physiologischen Grundlagen von Emotionen.
3 FRAGESTELLUNGEN UND HYPOTHESEN: Definition der zentralen Untersuchungsfragen bezüglich der Wirkung von Nahrungsmittelstimuli auf BED-Patientinnen unter Berücksichtigung von Modalität und Übergewicht.
4 METHODE: Beschreibung der untersuchten Stichprobe, des experimentellen Untersuchungsdesigns mit Duft- und Bilderprofil sowie der eingesetzten psychophysiologischen Messverfahren.
5 ERGEBNISSE: Darstellung der statistischen Auswertungen bezüglich der subjektiven Ratings und psychophysiologischen Reaktionen in Bezug auf die aufgestellten Hypothesen.
6 DISKUSSION: Interpretation der Studienergebnisse im Hinblick auf den Einfluss von Fett und Zucker auf das ‚Food craving‘, die Rolle des Übergewichts sowie die Vor- und Nachteile der verschiedenen Stimulus-Modalitäten.
7 LITERATURVERZEICHNIS: Auflistung der im Rahmen der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Binge Eating Disorder, BED, Food craving, Konditionierte Stimuli, Cue reactivity, Psychophysiologie, Valenz, Arousal, Ernährung, Fettgehalt, Geschmacksrichtung, Visuelle Stimuli, Olfaktorische Stimuli, Übergewicht, BMI
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Faktoren (wie Anblick oder Geruch von Nahrungsmitteln) das sogenannte ‚Food craving‘ bei Frauen mit einer Binge Eating Disorder auslösen und wie der Körper psychophysiologisch darauf reagiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Erforschung der emotionalen und körperlichen Reaktion auf Nahrungsmittelreize, dem Einfluss von Fettgehalt und Geschmacksrichtung sowie der Bedeutung der Stimulus-Modalität (Duft vs. Bild).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die auslösenden Faktoren von Essanfällen bei BED-Patientinnen besser zu verstehen, um dadurch konfrontative Therapieansätze effizienter gestalten zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Studie verwendet?
Es wird ein experimentelles Design angewendet, bei dem Probandinnen sowohl olfaktorische als auch visuelle Reize bewerten müssen, während gleichzeitig psychophysiologische Parameter wie Herzrate, EMG und elektrodermale Aktivität gemessen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Theorieübersicht, die detaillierte Methodenbeschreibung der Untersuchungsparadigmen, die statistische Auswertung der Ergebnisse und eine ausführliche Diskussion der Befunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Binge Eating Disorder, Food craving, Cue reactivity, Valenz, Arousal, psychophysiologische Messung und das Zusammenspiel von visuellen und olfaktorischen Stimuli.
Warum spielt das Übergewicht (BMI) in der Studie eine Rolle?
Die Autorin untersucht, ob ein höherer BMI mit einer veränderten affektiven Reaktion auf Nahrungsmittelstimuli einhergeht, um zu prüfen, ob das Ausmass des Übergewichts als Kovariable die emotionale Verarbeitung beeinflusst.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der olfaktorischen Reize?
Die Studie deutet darauf hin, dass olfaktorische Stimuli schlechter identifizierbar sind und im Vergleich zu visuellen Reizen eine andere emotionale Qualität aufweisen, was die klinische Arbeit mit Düften in der Therapie erschweren könnte.
- Citar trabajo
- Andrea Mühleisen (Autor), 2005, 'Food Craving' bei der Binge Eating Disorder: Subjektive und psychophysiologische Reaktionen auf olfaktorische und visuelle Nahrungsmittelstimuli, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55567