„Die Emanzipation des Tyrannen - dies und nichts anderes ist Machiavellis historische Leistung.“ Mit diesem Vorwurf beginnt Dolf Sternberger das Kapitel über Niccolo Machiavelli in seinem Buch „Drei Wurzeln der Politik“, in dem er sich mit der grundlegenden Untersuchung des Politikbegriffs beschäftigt. Eben jenes Kapitel trägt die Überschrift „Dämonologik“ und geht - wie das Zitat bereits vermuten lässt - nicht gerade positiv mit Machiavellis politischer Theorie ins Gericht. Besonders Machiavellis Schrift über den Fürsten („Il principe“) ist es, an der Sternberger sich stört. Die Ratschläge, die Machiavelli darin einem zukünftigen Fürsten eines geeinten Italiens erteilt, bilden die Grundlage für Sternbergers Behauptung. Dieser sieht in Machiavellis Fürst nichts anderes als den Despoten, den Aristoteles in der „Politik“ in dem Kapitel über die Tyrannenherrschaft beschreibt. Sternberger stützt sich bei der Entwicklung seiner Dritten Wurzel der Politik unter anderem auch auf Reginald Pole, der Machiavellis Fürsten für mit dem Finger des Satans geschrieben hält.
Allerdings soll nicht die Untersuchung Sternbergers „Dämonologik“ Gegenstand dieser Arbeit sein, sondern die eingangs erwähnte These. Ist Machiavellis „principe nuovo“ wirklich nur der alte Tyrann bei Aristoteles? Hierzu sollen insbesondere die relevanten Stellen in Machiavellis „Il Principe“ mit denen von Aristoteles „Politik“ verglichen werden, aber auch andere Analysen der Tyrannis herangezogen werden. Dazu wird zunächst Sternbergers These erläutert. Danach die Tyrannis in allgemeiner und spezieller Hinsicht unter besonderer Berücksichtigung der entsprechenden Kapitel in Aristoteles „Politik“ dargestellt und schließlich mit Machiavellis „principe nuovo“ in Vergleich gesetzt. Abschließend soll Sternbergers These kurz bewertet werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Emanzipation des Tyrannen - Machiavellis einzige historische Leistung?
1. Dolf Sternberger – Dämonologik
2. Die Tyrannis
2.1. Allgemeiner Überblick
2.1. Xenophon
2.2. Leo Strauss
2.3. Manés Sperber
2.4. Aristoteles
3. Machiavellis „principe nuovo“
4. Noch einmal Dolf Sternberger
5. Bewertung
III. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These von Dolf Sternberger, wonach Machiavellis historische Leistung in der „Emanzipation des Tyrannen“ bestehe. Durch einen kritischen Vergleich zwischen den Tyrannenvorstellungen bei Aristoteles und Machiavellis „principe nuovo“ wird geprüft, ob Machiavelli den Tyrannen tatsächlich aus seinem traditionellen Kontext gelöst hat oder ob seine politische Theorie als Grundstein für das moderne, wertfreie politische Denken zu verstehen ist.
- Vergleich der Konzepte von Tyrannenherrschaft bei Aristoteles und Machiavelli
- Analyse der Thesen von Dolf Sternberger zur „Dämonologik“
- Interpretation von Xenophons „Hieron“ durch Leo Strauss
- Sozialpsychologische Perspektive der Tyrannis nach Manés Sperber
- Bedeutung von fortuna und virtu im politischen Denken Machiavellis
Auszug aus dem Buch
1. Dolf Sternberger - Dämonologik
Dolf Sternberger war ein deutscher Politikwissenschaftler und Journalist. Er gilt als einer der Begründer der deutschen Politikwissenschaft in der Nachkriegszeit. Sternberger studierte ab 1925 Theaterwissenschaften und Germanistik in Kiel und Frankfurt am Main. 1927 wechselte er nach Heidelberg. Seine Promotion absolvierte Sternberger 1932 in Frankfurt mit einer Arbeit über Martin Heideggers „Sein und Zeit“.
Sternberger unterstellt Machiavelli die Emanzipation des Tyrannen als seine einzig historische Leistung. Belege dafür findet er indem er die Erörterung von Aristoteles über die verschiedenen Verfassungstypen in der „Politik“, insbesondere der Tyrannenherrschaft mit dem in Machiavellis „Der Fürst“ beschriebenen Herrscher miteinander in Beziehung setzt. Aristoteles geht in seinen Erörterungen dichotom vor und unterscheidet drei Typen der Verfassung (Monarchie, Aristokratie, Politie) und deren jeweiliges schlechtes Gegenstück (Tyrannis, Oligarchie, Demokratie). Eine Vorgehensweise, die auch Machiavelli bevorzugt. Dieser beginnt die Unterscheidung in seinen Ausführungen zunächst mit ererbten und neuen Fürstenherrschaften. Sternberger sieht nun in dem Fürsten der neu erworbenen Herrschaft („principe nuovo“) den alten Tyrannen bei Aristoteles, dem Gegenbild zu dem guten König. Er wirft Machiavelli vor, den Tyrannen von seinem Gegenstück befreit zu haben, ihn zu „isolieren“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Vorstellung der Thesen von Dolf Sternberger und Definition der Forschungsfrage hinsichtlich der Identität von Machiavellis „principe nuovo“ und dem antiken Tyrannen.
II. Die Emanzipation des Tyrannen - Machiavellis einzige historische Leistung?: Hauptteil der Arbeit, der durch verschiedene theoretische Abhandlungen (Sternberger, Xenophon, Strauss, Sperber, Aristoteles) den Tyrannenbegriff und dessen Anwendung bei Machiavelli analysiert.
1. Dolf Sternberger – Dämonologik: Biografische Einordnung von Sternberger und Darstellung seiner Kritik an Machiavellis Schrift „Il principe“.
2. Die Tyrannis: Umfassende Untersuchung der Tyrannis durch verschiedene Denker, um ein breites Verständnis der Herrschaftsform zu generieren.
2.1. Allgemeiner Überblick: Darstellung des historischen Kontextes und der Entstehung der Tyrannis als illegale Alleinherrschaft.
2.1. Xenophon: Analyse der Tyrannenherrschaft anhand des Dialogs zwischen Simonides und Hieron.
2.2. Leo Strauss: Interpretation der Tyrannis unter Einbezug von Strauss' Sicht auf Machiavellis Beitrag zur modernen Politikwissenschaft.
2.3. Manés Sperber: Untersuchung der Tyrannis aus einer sozialpsychologischen und totalitarismuskritischen Perspektive.
2.4. Aristoteles: Erörterung der aristotelischen Definition der Tyrannis als schlechtestes Gegenbild der Verfassung.
3. Machiavellis „principe nuovo“: Untersuchung der Konzepte von fortuna und virtu in Machiavellis politischer Theorie.
4. Noch einmal Dolf Sternberger: Kritische Überprüfung der von Sternberger angeführten Vergleichsstellen zwischen Aristoteles und Machiavelli.
5. Bewertung: Synthese der Analyseergebnisse und Zurückweisung der These, dass Machiavelli den Tyrannen emanzipiert habe.
III. Schlussbemerkungen: Zusammenfassendes Fazit über die Polarisierung durch Machiavellis Werke und das Plädoyer für einen kritischen Diskurs statt Dämonisierung.
Schlüsselwörter
Machiavelli, Tyrannis, Politische Theorie, Dolf Sternberger, Aristoteles, Il principe, Herrschaft, Emanzipation, Politische Philosophie, Virtu, Fortuna, Totalitarismus, Macht, Leo Strauss, Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung von Dolf Sternberger mit der politischen Theorie Niccolò Machiavellis, insbesondere den Vorwurf, Machiavelli habe den Tyrannen emanzipiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die antike Tyrannentheorie (Aristoteles, Xenophon), die Interpretation durch moderne Denker (Strauss, Sperber) und das Machiavellische Herrschaftsverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Machiavellis „principe nuovo“ lediglich eine Neuauflage des antiken Tyrannen ist oder ob er einen neuen, wertfreien Ansatz im politischen Denken darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, in der verschiedene philosophische Texte gegenübergestellt und auf ihre inhaltliche Konsistenz geprüft werden.
Was wird im Hauptteil ausführlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Tyrannendefinitionen bei Aristoteles, Xenophon, Strauss und Sperber sowie den anschließenden Vergleich mit den Kernaussagen aus Machiavellis „Il principe“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Tyrannis sind die Konzepte von „virtu“ (Tüchtigkeit) und „fortuna“ (Schicksal) entscheidend für das Verständnis der Argumentation.
Warum bezieht sich der Autor so stark auf Cesare Borgia?
Cesare Borgia dient als historisches Fallbeispiel, das sowohl von Zeitgenossen als auch von Machiavelli selbst als Prototyp eines Fürsten betrachtet wurde, der sowohl List als auch Gewalt einsetzt.
Wie bewertet der Autor Sternbergers These am Ende?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Sternbergers These nicht haltbar ist, da Machiavelli den Tyrannen nicht isoliert hat, sondern den Grundstein für eine moderne, trans-moralische Analyse politischer Macht legte.
- Citation du texte
- M.A. Sebastian Schäffer (Auteur), 2006, Die Emanzipation des Tyrannen - Machiavelli's einzig historische Leistung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55572